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leise fragte:
Im einsamen Möwennest aber kniete ein verzweifeltes Weib und preßte ihr wiedergeschenktes Kind wild ans Herz und ihre Tränen flogen in Strömen auf die blonden Locken des Kleinen!, teil Blanaugen lachend zur Mutter emvvrschlug und „Kommt er nicht wieder, der Onkel Tim?"
E"w3S.Äe(fc vertraut, gläubigen kindlichen Nerz ms. Er Hat mich betrogen und meine Frauenehre niit - °hat mir alles Glück, alle Lebensfreude ge- ^vE"5?.^vd wenn ich heute von ihm gehe, so zahle ich ihm nur einen kleinen Teil von dem heim, was er mir getan, aber ich kann Upd darfnicht. Wer em Kind hat, der hat das Recht der freien Selbstbestimmung verwirkt Um den Buben da mutz ich bleiben um den Buben da muß ich fest sein, wenn auch tausendfach meine Seele nach Gluck schreit!"
. iMer M ist ja Selbstmord, Herma, Sie vernichten sich eines törichten Vorurteiles wegen."
„ ^-Nein, ich lebe für mein.Kind. Wie möchte ich vor seinem Unschuldsvoll fragenden, reinen Blicke die Augen zu Boden schlagen Mussen. Seinetwegen dulde ich, seinetwegen leide ich tausend Schmerzen, seinetwegen lache ich noch brechenden Herzens."
„Sie sind eine Heilige, eine Märtyrerin, oder Sie lieben mich Nicht.
„Ich bin nur eine Mutter, sonst nichts."
L sie sprachen wieder und wieder zusammen und leise, ganz Uiunerklich hatten alle Gespräche einen ganz kleinen Persönlichen Unterton.
Und eines Tages, als er sinnend Len Strand entlang wandelte, weit hinaus, wo es ganz einsam ist, da sah er eine große Schar Möwm eme Sandburg umkreisen. Auf dem Söller der Burg aber stand die schöne Frau. Ihr grüner Schleier flatterte int Wmde, mtt den blonden Locken um die Wette. Ihr zur Seite stand cm kleiner Bube, blondlockig wie sie, mit blitzenden Blau- augen und haschte nach den schimmernden Vögeln, dcneit die blonde Frait Futter in die schäumenden Meereswcllen streute.
Und sie lachten beide, Mutter und Kind. Und das Lachen, das süße, betörende Lachen, zog den fremden Mann ins Möwennest. Wie gut Uetz es sich da plaudern in der kleinen festgefügten Burg, wahrend das Kind spielte und die Möwen kreischten, wenn sie klagend über die stlbersternigen Wogen zogen, wie weiße Schneeflocken sich auf den schwarzen Wellen wiegten. O, du ewiges geheimnisvolles, immer wechselndes Meer. Was rauschen und sagen deine Wellen und Wogen?
Und nun heißt es Abschied nehmen vom Möwcnnest.
„Papa hat geschrieben, Onkel Tim," berichtete der kleine Fredy. „Morgen kommt er uns holen, die Mama und mich Das ist gut, nun wird doch die Mama nicht mehr so viel weinen, wie früher zu Haus, weil Papa immer nicht gut zu- ihr'war. Hier hat Mama nie geweint. Weißt du, Onkel Tim, öfter hat sie sogar gelacht und immer so wunderschön im Möwennest mit mir gespielt."
„Glaubst du, daß sie zu Hause auch wieder mit mir lacht, die Mama, Onkel Tim?"
Ein Schauer ging durch Tim Thimuisens Herz. Der große starke Mann bebte imi> sein dunkles Auge ruhte heiß fragend auf oem tief erblaßten Antlitz der jungen Frau, die ihrem Kinde erschreckt die Hand auf die Lippeu legte.
, „Quäle den Onkel nicht, Fredy," sagte sie tonlos, „geh und spiele, mnn Kind." ;
„Kommt der Onkel mit nach Hause?" fragte der Kleine hartnäckig. „Es ist so hübsch, wenn er bei uns ist. Er kann Mit mir spielen; Papa tut cs nie!"
Wieder das tödliche Erschrecken in dem Gesicht der jungen Frau, wieder die ängstliche Abwehr in den Augen.
Da konnte Tim Thimmsen nicht mehr sein Herz beherrschen. Er breitete tvortlos der blonden Frau die Arme entgegen.
. Das Kind spielte und plauderte mit den Wellen' und die Möwen tauchten tief in die violette Meeresflut, die farbenglühendh Bänder den Strand entlang säumte.
Nur ein schmaler Streifen des Sonnenlichts zog sich blutrot am grauen Wendhimmel dahin uitd warf leuchleirdc Rosen auf ine Flut.
Tim Thimmsen ließ die Arme sinken. In den klaren blauen Augen der Frau dort in dem weißen Gewände, die so hoch und stolz vor ihm stand, lag Willensstärke Abwehr.
Tims Mnkle Äugen zitterten im wahnsinnigen Schmerz. I War ne ihm wirklich verloren? Sie, die er liebte wie den I Traum der langst vergangenen Jugend', sie, eines anderen Weib? I
„Sie reisen morgen?" fragte er Eich tonlos. '
Sie nickte stumm.
„Und gibt es kein Wiedersehen, Herma, keins?"
„Keins!" gab sie fast hart zurück.
„Besinnen Sie sich, Herma," bat er leidenschaftlich. „Zerbrechen Sw nicht mit spielenden Händen ein Glück, das sich so groß, so übermächtig hier aufbaute. Sagt es Ihnen denn nicht | jajer Herzschlag, daß wir füreinander bestimmt sind; daß nur I Sm. Herz in dem Herzen dds. anderen leben kann? Wollen Sie i
Nein, er kam nicht wieder, nie mehr. Das Meer, das jetzt ganz schwarze Meer gab ihn nicht her.
Nur fern am Horizont, da zeichnete eine feine Silberlicht- spur den Weg, den „Onkel Tim" gegangen.
Eine dunkle Entschlossenheit blitzte da in dem verzweifelten Antlitz des jungen Weibes auf. Was sie dem Lebenden versagen mußte, dem Toten durfte sie gehören.
„Ich hasse die Mütter!" rang es sich von seinen heißen! Ltppcn, „die ihren Kindern opfern und den Mann ihrer Liebe darben lauen. Ich hätte nicht gedacht, daß Sie feige sind, Herma."
Ein einziger, qualvoller Blick aus den tiefblauen Augen traf ihn und machte ihn erschauern.
„Und nun wollen wir scheiden, lieber Freund," sagte sie leise, ihin beide Hände reichend, die er wortlos an seine zuckendeii Lippeil zog, „denken Sie freundlich und! gütig meiner und habe» Sie Tank für die lichtvollen Stunden, die Sie einer Unglücklichen o^sstct. Ost, wenn ich einsam daheimsitze, werde ich an das' „Mowennest', an das Meer mit feinem Leuchten und an Sie,' Tim, denken und ich werde sehr, sehr glücklich sein. Sehen Sie nur, jetzt ist auch der letzte rote Schein verblaßt und —"
Ein Schrei, gellend und angstvoll, unterbrach ihre Rede. Fredy, der kleine Fredy, war verschwunden. „Fredy!" schrie sie wie wahnsinnig auf. „Dort, dort!" rief Tim Thimmsen- auch schon den Rock von sich werfend. „Dort das rote Röckchen auf den Wellen."
„Retten Sic mein Kind, Tint!" rief die geängstigte Mutter', „und ich will Ihnen gehören mit Leib und Seele."
„Ich wag' den Kampf," rief er ihr schon aus dem Wellen-- gebraus entgegen, dann schwamm er mit ruhigen, sicheren Stößen der Stelle zu, wo Fredys blonde Locken noch einmal auf den weißen Schaumkronen wie Goldgespinst auftauchten.
Herma stand auf dem Söller der Sandburg. Die Wellen netzten schon ihre Füße. Nirgends ein Mensch, nirgends Hilfe, wenn cs Tim nicht gelang, das Kind zu retten. Sie wollte selbst hinein in die. Flut. Da kehrte Tim mit dem Kinde im Arm zurück. Im wilden Wellengebraus schwamm er, kräftig gegen die Wogen ankämpfeud, immer näher. Sie lies ihm jauchzens entgegen, in das schäumende Wasser hinein.
„Lebt er?" rief sie atemlos in das Wellengebraus.
„Ja, er lebt! aber ich, — nehmen Sie, — meine Kstäste —: Versagen!"
Sie ritz das ohnmächtige Kind in ihre Anne, dann schloß Tim kraftlos die Augen — eine große Welle führte ihn zurückweit in das Meer.
„Tim!" schrie sic auf.
„Herma, ich liebe dich!" klang es noch einmal matt herüber, dann schlugen die großen dunklen Wellen des weiten Meeres über Tim Thimmsen zusammen und trugen ihn weithin fort, in das Reich der Unendlichkeit.
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Nie hatte ihr Auge aufgeleuc^tet, nie ihv Mund, der Mund I anüattlin- r^eme wird Ihre Ketten lösen,
bie Stüvde nahte, die ihn zu g'jjS Un?di?Wögen nahin'en die Work« »w ÄiMV MS S5SPSÄE S M «*
Nest"? Suchte nicht fein Auge das Wehen eines lickta?ünen . nnh met« Kind sein," gelobte er feierlich,
Kchlciers, den sie gegen den Wind um die blonden Locken schlang I Herzen^rUhen " tl^en mtb rafien- Sie mir glücksfroh am
wenn er noch weit war vom Möwennest, sehr weit? I " Die blonde w, „xx™ x <• .c ~
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tm Hotel hatten sie sich gegenüber gesessen. Die I Wißen getreten' blonde hohe Frau mit den ernsten Augen und der leisen Leidens- --------
falte um den idjönen roten Mund.
„Wer den Kummer doch 'von diesen Lippen küssen könnte," dachte er gleich das erstemal.
..,,.Un& Ue sprachen zusammen, gleichgültige Dinge, ganz gleich- gultige. Und dabei klopfte doch beiden das Herz und ihre Augen sanken meinander.


