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immer wieder die Frau in Weiß! Es mußte ein Verhängnis darin sein.
Und sein Name? sagte ich jo ruhig Md gleichgültig^ wie es mir möglich war.
Sir Percival Glyde.
Sir — Sir Percival Glyde! Anna Cathericks Frage über Leute im Rang von Baronets schoß mir plötzlich — ich weiß nicht warum — durch den Kopf. Ich stand stille und sah sie au.
Sir Percival Glyde, wiederholte sie, in der Vermutung, daß ich sie nicht verstanden.
Ritter oder Baronet? fragte ich mit einer Aufregung, die ich nicht länger bemeistern konnte.
Sie schwieg einen Augenblick und entgegnete dann ziemlich kalt:
Baronet natürlich.
IX.
Es wurde kein Wort weiter zwischen uns gesprochen, während wir nach dem Hause zurückgingen. Miß Halcombe eilte sofort auf ihrer Schwester Zimmer; und ich ging auf mein Atelier, nm diejenigen von Mr. Fairlies Zeichnungen, welche ich noch nicht aufgeklebt hatte, zu ordnen, ehe sie andern Händen übergeben würden.
Meine Gedanken brauche ich hier nicht niederzuschreiben. Ich war immer noch wie betäubt, als Miß Halcombe mich eine Stunde später aufsuchte.
Sie war aufgebracht uud erregt uud setzte sich auf einen Stuhl, ehe ich Zeit hatte, ihr einen anzubieten.
Mr. Hartright, sagte sie, ich hatte gehofft, daß für heute wenigstens alle unangenehmen Unterhaltungsgegenstände abgemacht seien. Aber es sollte nicht so sein. Es rst irgend eine verstellbare Büberei im Werke, um meine Schwester über ihre herannahende Heirat zu ängstigen. Sie sahen mich den Gärtnerburschen mit einein Briefe, der in unbekannter Handschrift an Miß Fairlie adressiert war, ins Haus schicken?
Gewiß.
Jener Brief ist ein anonymer Brief — ein abscheulicher Versuch, Sir Percival Glyde in der Achtung meiner Schwester herabzusetzen. Derselbe hat sie so ergriffen und beunruhigt, daß es mir nur mit größter Mühe gelungen ist, sie hinlänglich zu besänftigen, daß ich ihr Zimmer verlassen und hierher kommen konnte. Ich weiß, daß dies eine Familienangelegenheit ist, über die ich Sie nicht zurate ziehen sollte, und für die Sie weder Teilnahme, noch Interesse fühlen können —
Ich bitte um Entschuldigung, Miß Halcombe. Ich fühle die allergrößte Teilnahme und das tiefste Interesse für alles, was Miß Fairlies Glück oder Ihr eigenes betrifft.
Es freut mich, Sie das sagen zu hören. Sie sind die einzige Person im Hause — und außerhalb, die mir raten kann. An Mr. Fairlie ist bei seinem Gesundheitszustände und seinem Abscheu gegen jede Art von Schwierigkeit oder Geheimnis unnötig zu denken. Und sonst wüßte ich überhaupt nieniaud außer Ihnen. Was ich zu wissen wünsche, ist dies: soll ich sogleich die Schritte, die mir zu Gebote stehen, tun, um den Schreiber des Briefes zu entdecken? oder soll ich wärteu und mich morgen an Mr. Fairlies Rechtsanwalt wenden? Es handelt sich um den Gewinn oder Verlust eines Tages, was vielleicht von großer Wichtigkeit ist. Sagen Sie mir, wie Sie darüber denken, Mr. Hartright.
Sie reichte mir den Brief. Derselbe begann ohne alle Einleitung oder Anrede, wie folgt:
„Glauben Sie an Träume? Ich hoffe es, um Ihrer selbst willen. Sehen Sie nach, was die Heilige Schrift über Träume und deren Erfüllungen sagt; (Erstes Buch Moses XL, V. 8; XLI, W. 25; Daniel IV, B. 18 bis 25) Und hören Sie die Warnung, die ich Ihnen sende, ehe es zu spät ist.
In letzter Nacht träumte mir von Ihnen, Miß Fairlie. Mir träumte, ich stünde innerhalb des Altargitters einer Mrche: ich auf der einen Seite des Altars und der Geistliche in seinem Priestergewande und mit dem Gebetbuche in der Hand auf der andern.
. Nach einer Weile kamen durch das Schiff der Kirche ern Mann und ein Weib auf uns zu, um getraut zu werden! Sr e waren das Weib. Sie sahen in Ihrem weißseidenen Neide und Ihrem langen Spitzenschleier so schön und un
schuldig aus, daß mein Herz für Sie fühlte, und mir Dräne« tn dre Augen kamen.
Es waren Tränen des Mitleids) junge Dame, welch« der Himmel segnet; und anstatt wie die alltäglichen Tränen- die wir alle vergießen, aus meinen Augen zu fallen, wurden sie zu zwei Lichtstrahlen, die sich nach! dem Manne hinzogen, der an Ihrer Seite am Mare stand- bis sie seine Brust berührten. Die beiden Strahlen standeu in Bogen, wie zwei Regenbogen zwischen mir und ihm. Ich schaute an ihnen hin und blickte tief in sein innerstes Herz hinab.
o Das Aeußere des Mannes, den Sie heirateten, wär schön genug anzusehen. Ein gewandter, rüstiger, munterer Mann — dem Ansehen nach ungefähr fünfundvierzig! Jahre alt. Er hatte ein bleiches Gesicht, wär etwas kahl über der Stirn, und den übrigen Teil seines Kopfes bedeckte dunkles Haar. , Sein Kinn wär ohne Bart, doch wuchs derselbe auf seinen Wangen und über seiner Oberlippe in einem schönen reichen Braun. Seine Augen waren ebenfalls braun und sehr lebhaft. Seine Nase gerade und schön und zart genug für ein Weib. Seine Hände ebenso. Von Zeit zu Zeit wurde er von einem trockenen Husten gequält, und wenn er seine weiße rechte Hand zu seinen Lippen erhob, zeigte er auf der Rückseite derselben die rote Narbe einer alten Wunde. Hat mir von bem rechten Manne geträumt? Sie wissen es am besten, Miß Fairlie. Lesen Sie jetzt, was ich unter der Außenseite sah — ich flehe Sie an, lesen Sie es und ziehen Sie Vorteil daraus!
Ich sah in sein innerstes Herz hinab. Und siehe! es war schwarz wie die Nacht; und drin stand geschrieben mit beit roten, flammenben Buchstaben, welche da sind die Handschrift des gefallenen Engels: „Ohne Mitleid und ohne Reue. Er hat die Pfade anderer mit Jammer und Elend bestreut, und er wird den Pfad des Weibes an seiner Seite mit Jammer und Elend bestreuen." Das las ich; und dann bewegten sich die Lichtstrahlen von da fort und deuteten Über seine Schulten, hin; und da, hinter Ihnen stand ein Engel, der weinte. Und die Lichtstrahlen veränderten zum dritten Male ihr Ziel und deuteten gerade zwischen Sie und jenen Mann. Sie dehnten sich auseinander, immer mehr auseinander und drängten euch Beide voneinander. Und der Geistliche suchte vergebens nach dem Heiratsamte: es wär aus seinem Buche verschwunden, und er schloß es und legte es in Verzweiflung von sich. Und ich erwachte mit tränenvollen! Augen und klopfendem Herzen —, denn i ch glaube an Träume.
Glauben auch Sie, Miß Fairlie, — ich! bitte Sie um Ihrer selbst willen, glauben Sie, wie ich glaube! Stellen Sie Erkundigungen über die Vergangenheit des Mannes mit der roten Narbe auf der Hand, ehe Sie das Wort sprechen, das Sie zu seinem elenden Weibe macht. Ich gebe Ihnen diese Warnung nicht um meinet-, sondern um Ihretwillen. Ich fühle ein Interesse für Ihre Wohlfahrt, welches leben wird, so lange ich atme. Die Tochter Ihrer Mutter hat einen weichen Platz in meinem Herzen, —i denn Ihre Mutter tour meine erste, meine beste, meine einzige Freundin."
Hier endete dieser seltsame Brief ohne irgend eine Unterschrift.
Die Handschrift bot keine Aussicht auf einen Schlüssel. Sie war in unsicheren, steifen Schönschreibebuchstaben aus blauen Linie geschrieben.
(Fortsetzung folgt.)
3m Möwenuest.
Eine Strandgeschichte von Anny Wothe.
(Nachdruck verboten.)
Klagend stieg eine weiße Möwe in die blaue Luft. Mit u>ei6* ausgebreiteten Flügeln, zart, wie lichtgrauer Sammet, zog sie Uber das Meer, in welches soeben die Sonne sank, dann wiegte sie sich einen Augenblick schaukelnd auf den schäumigen Wellen, als wollte sie die lockigen Häupter der Meereskinder küssen, imt gleich darauf wieder hoch empor zu fliegen, weit fort in den Rosen- schimmer des sinkenden Tages hinein.
Im „Möwennest" am Strande standen ein Mann und eine Frau und verfolgten den schimmernden Flug des weißen Vogels.-
Das Möwennest war eine Burg. Kinderhände hatten sie aus dem feinen weißen Mnensande gefügt. ®aS Möwennnest war wie eme starke kleine Festung. Ringsherum hohe Maudrn, gegen welch« zur Flutzelt die MeereSivogen brandeten. Auf bbtt Söller dM


