192
VietroS, bei Adria seinen Sitz hat'. Pietros, ein vornehmer alter Herr von ägyptischem Gesichtsschnitt, hat auch kirchliche Gewalt über die Christen der benachbarten italienischen Kolonie Eritrea. Die beiden Abunas allein haben das Recht der Priesterweihe!. Um Priester zu -werden, ist weder langes Studium noch besonderer Geist nötig, es genügt vielmehr vollständig, daß der Adept die Psalmen zu lesen imstande ist und die Grundsragen der Religion beherrscht. Den Priestern stehen die Dcfterst zur Seite, die als eine Art Zwischenstand und Vermittlung zwischen dem Klerus und der Laienwelt aufzufassen sind. Sie erhalten kenterte! Weihen und ihre Beschäftigung besteht hauptsächlich im Mbschreiben von Gebetbüchern, im Anfertigen von Amuletten für Mensch und Tier und int Bewachen der Altäre. Ungeheuer im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Landes ist die Zahl der Mönche und Nonnen, einer Kaste, die allmählich sich zu einem politischen Machtfaktor entwickelt hat. Ihr Haupt, der sogenannte Eccighiö, ist Beichtvater des Königs und absoluter Herrscher über das ganze Mönchsvolk und damit über einen großen Teil des Bodens, denit den Mönchen gehören gewaltige Ländereien, Farmen und Faktoreien mit allen möglichen Gerechtsamen, von denen ein Teil politischer Art ist. Das Mönchstum in Abessinien ist jedenfalls kein schlechter Beruf, denn ganz nach Belieben kann der Neueintretende sich an irgend einem schönen Punkt in eine Grotte zurückziehen und die reichen Einkünfte und Renten mitgenießen, die ein dein Orden gehörendes Gut oder eine Faktorei abwirft- Ganz besonders große und teilweise seit Jahrhunderten festgelegte Renten haben die Kirchen selbst, die ununterbrochen besucht sind. Wie weit ihre Macht reicht, erhellt aus dem Umstand, daß sie unverletzbares Asyl für Verbrecher sind: wer sich an den Altar geflüchtet hat, wird von keiner Staatsgewalt erreicht. Annaratone hat selbst einmal mitangesehen, wie ein Verbrecher auf der Flucht vor einer Menge von Verfolgern die Umfassungsmauer einer Kirche erreichte, sich hinausschwatig und von der recht nieveren Mauer herab ganz gemächlich mit seinen Feinden verhandelte, die ihn nicht mehr fassen durften, weil die Stätte heilig war. Die abessinische Justiz weist überhaupt Wunderlichkeiten ältester und ileuester Herkunft auf. Hierzu gehört z. B. die telephonische Gerichtsverhandlung, die hauptsächlich zur Beguemlichkeit des Richters da zu sein scheint. Er sitzt bequem in seinem Richterstuhl und verhört telephonisch den Ankläger, den Angeklagten und die Zeugen, die sich irgendwo in der Provinz befinden; schließlich spricht er auch durch das Telegphon das Urteil. Dabei wird am eigentlichen Verhandlungsort genau so zere- rnionielt verfahren, als wenn der Richter wirklich in eigener Person dssäße; Kläger und Angeklagter müssen mit bloßem Rücken dastehen und die Schreiber verzeichnen ganz genau den Text der telephonischen Verhandlung. Dieser allzu inodernen Form der Justizpflege steht ein anderer Brauch entgegen, der aus den ältesten Zeiten stammt. Dies ist die sogenannte Liebasciü oder die Eruierung des Verbrechers aus übernatürlichem Weg. Ein medial veranlagter Knabe wird durch irgend einen Trank in eine Art Schlafzustand versetzt und in diesem' beauftragt, den Schuldigen herauszufinden. Von Zeugen, Wächtern und Polizisten begleitet, irrt er nun durch die Dörfer, Straßen und Häuser, um schließlich in „göttlicher Eingebung" irgend eine Person als den Verbrecher zu bezeichnen. Dies Gottesurteil gilt als absolut wahr und es bedarf keiner weiteren Uebersührung.
Noch ganz dem alten Orient, so wie wir ihn aus der Bibel kenncm, gehört die Welt ah, in der Die abessinische Frau sich bi? wegt. In bet Pflege ihrer Schönheit besteht die Hauptbeschäftigung der vornehmen Abessinierinnen; es ist ihr Ideal, einen möglich Hellen Teint zu haben, und um ihn zu gewinnen, bleiben sie Monate, ja sogar Jahre hindurch fast ununterbrochen in ihren Gemächern sitzen, wo die Strahlen der heißen afrikanischen Sonne durch dichte Teppiche abgehalten iverden. Der ausgesprochine Zweck der Heirat ist nicht, zwei Leute fürs Leben zu vereinen, sondern: Kinder zu erzeugen und die Macht und Größe der Familie zn stärken. Ras Sebhat, ein Mächtiger des Landes, hat vor einiger Zeit einem jungen Fürsten eine seiner Töchter zu geschickt mit den Worten: „Nimm sie und erprobe sie, und wenn Du von ihr'Kinder haben wirft, kannst du sie heiraten." R.
vermischte».
* WeiblicheStraßennamen! In der Nationalzeitung lesen wir folgende beherzigenswerte Ausführungen: Ob es in Deutschland eine Stadt gibt, die noch keine Straße mit einem weiblichen Namen aufweisen kann? In Berlin hat man längst eine Alexandrine»-, Charlotten-, Christinen-, Dorotheen-, Elisabeth-, Luisen-, Margareten-, Mariannen-, Marien-, Sophien- und eine Viktoria-Straße, auch einen Auguste-Viktoria- und einen Viktoria-Luisen-Platz. Leider sind diese Straßennamen weniger eme Verbeugung vor der schöneren Hälfte der Menschheit, als vor — dem monarchischen Prinzip! Berlins „weibliche" Straßen hatten nur Tauspattunen fürstlichen, ja königlichen Geblüts, und da bedeutet auch die Carmen-Silva-Straße keine Ausnahme, weiß doch reder Backfisch, datz sich hinter dem Pseudonym Carmen Silva die Kömgtn von Rnmänien versteckt. In anderen Stabten wird
es wohl nicht anders sein! Muß das so bleiben? Soll nur da? Königshaus seine weiblichen Angehörigen in Straßennamen verewigt sehen, oder wäre es Nicht endlich an der Zeit, auch ander« hervorragende Frauen gütigst zu berücksichtigen? Wer Die Berliner Straßenphilologie kennt, wird über so manches kaum feine Verwunderung unterdrücken können. Das rapide Anwachsen des Straßennetzes läßt die „gesuchtesten" Namen notwendig erscheinen- Da gibt es schon eine Soldiner, Choriner, Lübbener, Lindower, Gollnower, Malmöer, Romintener, Rhinaer, Wriezener, Werneuchener, Fehmarn und Eldenaer Straße — nächstens wird jede deutsche Stadt über 2000 Einwohnern einer Berliner Straß« den Namen gebeii! Man ehrt auch' Geheimräte, Terrainspekn- lanten und ausländische Gelehrte, indem man sie dem Berliner! Straßennamenverzeichnis einfügt. An die .Frau wird nur gedacht, wenn sie Prinzessin ist. Persönlichkeit — nicht Prinzessin, werde die Losung! Die Geschichte zeigt manche Frauengesdalt, die verdient hat, weiter im Volke zu leben. Da ist Anna Karsch zlu nennen, die erste in Berlin anerkannte Dichterin, Corona Schröter, die große Schauspielerin, deren Wiege in der Mark gestanden hat. Aus der deutschen Literaturgeschichte stellen sich die Luise Hensel, Henriette Herz, Bettina von Arnim, Charlotte von Lengefeld, Fanny Leward, Annette von Droste-Hülshof, Kät- cheil Schönkopf, Litt ©tfjänemann, Christiane Vulpius, Friederike Brion, Ottilie Wildermut und viele andere zur Verfügung. Die Frauen werden der Einfachheit megen selber dafür sein, daß man sie in den Straßen nicht immer mit beiden Namen nennt., Es tut dem hier ausgesprochenen Grundsatz gar keinen Abbruch- wenn nur der Familienname berücksichtigt wird, demnächst also eine Vulpius-, Karsch-, Lengefeld-, Schönemann- usw. Straße entstehen sollte. Einige Berliner Vororte sind da schon mit gutem Beispiel vorangegangen. Nur scheinen sie dem Grundsatz zu huldigen, mehr die Frau „mit den himmlichen Rosen" alA die mit ihren Ansprüchen auf kulturelle Gleichberechtigung zn ehren. Die meisten Quellenstudien hat man in den Wagnerschen! Tondramen gemacht, und sogar int nüchternen Lichtenberg gibt» deshalb eine Gisela-, Gudrun-, Irenen- und Krimhild-Straße, in Schöneberg eine Brunhild-, Hedwig- und Krimhild-Straße, in der Kolonie Grünewald eine Isolde-, Ortrud-, Senta-, Sieglinde-Straße. Großlichterfelde läßt so ziemlich allen weiblichen Vornamen ihr Recht zukommen. Die Frau als Persönlichkeit ist bisher nitfit geehrt worden. Wie wärs, wenn die zahlreichen Frauenvereine in dieser Frage bei den wohllöblichen Magistraten vorstellig würden und den Stadtvätern durch entsprechende Vorschläge das Suchen erleichterten?
Büchertisch.
;— Fort mit der Schundliteratur. Ein Mahnwort in einer bitterernsten Kulturfrage von Dr. Ernst Schultze. Eine kurze, packende, alles wesentliche über die Stfpmdliteratur und die besten Mittel zu ihrer Bekänipfnitg zusammenfassende Agitationsschrift ist aus der Feder des bekannten Vorkämpfers dieser Bewegung, Dr. Ernst Schultze, soeben in billigster Form im Verlage bet Bnchhatcdlung des Waisenhauses in Halle a. S. erschienen« Die kleine, mit Probeabbildungen aus der Schmrdliteratur versehene Schrift, die von dem. Verlag auf vortrefflichem Papier gedruckt ist, erschöpft sich nicht ctiua in Klagen über die Schäden« sondern legt auf die positiven Gegenmittel daS größte Gewicht«
rlömgspromenade.
Man dar? die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weiss miteinander verlnnde», daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld ans auf ein benachbartes übergeht.
kühn
die
chen
uns
schwellt
see
zu
schwa
es
oft
le
wiid
ge
sellt
in
weil
chmcrz
bei
gar
chen
doch
got
ihm
das
la
lieb
welk
les
ist
lich
ner
schö
Auflöiuitg in nächster Nummer:
Auflösung der Charade in voriger Nummert F e n e t w e h r.
Redaktion: $L Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UniversttatS-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gieße«»


