Ausgabe 
25.3.1911
 
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vor vierzig Jahren.

Don Pfarrer Werner in Nidda.

13. Friede und Heimkehr der Truppen'.

Endlich nach den letzten schweren Kämpfen an der Lisaine Frieden. Ich habe kürzlich einen Teilnehmer an jenen Kämpfen jm kalten Winter gesprochen und ihn gefragt: >Mie konntet ihr esl nur in den drei furchtbar kalten Tagen Und Nächten ohne Feuer, ohne ausreichende Lebensmittel anshalten?" Er antwortete:Im Frieden hätten wir so was schwerlich ausgehalten dort aber hat uns der Gedanke aufrecht erhalten: Wir müssen au sh alt en, der Feind darf nicht herein; es gilt unset« Ehre; der Gei st hat über den Körper gesieg t." Nun, sie haben die Ehre gerettet und den wortbrüchigen Bourbaki über die Schweizergrenze gedrängt. Als General von Manteuffel kam, da war es aus mit ihm. A m 10. M a i wurde endgültig der Friede zu Frankfurt geschlossen. Daß gerade Frankfurt dazu ausersehen war, dem Frieden des großen Krieges den Namen zu geben, war wieder ein feiner Zug Bismarcks. Dort hatte man so lange auf verkehrten Wegen das deutsche Reich zu erreichen gesucht dort sollte es jetzt sein Siegel empfangen; auch war es zugleich ein Balsam aus die Wunde von 1866, wo es aufhörte, freie Reichsstadt zu sein. Im Juni sand das Friedens- sest statt. Wie Fürsten und Völker sich vor dem Höchsten bittend gebeugt, als es hinausging zum Kampf, so beugten }ie sich jetzt dankend vor ihm. Wohl nie ist das:Nun »anket alle Gott" so von Herzen gekommen wie damals.

Jetzt rüstete sich ein Teil der Truppen zur Heimkehr; denn bis die Entschädigung von 5 Milliarden bezahlt war blieb Feindesland besetzt, und mit jeder Abzahlung rückte ein Teil der Truppen ab. Nun hatten die Franzosen Muße, das Exerzieren unserer Soldaten im Frieden zu sehen, und sie machten fleißig Gebrauch davon.

Der Rückmarsch brachte uns in Birkenfeld wieder viel .Einquartierung; den Haupttrupp bildeten die Sachsen unter Prinz Georg. Nun aber spielte die Militärmusik, und mancher Tanz wurde arrangiert, Feste gefeiert, deklamiert Und gesungen. Auch die 21. Division kehrte heim. Ich hatte einen freiwilligen Feldprediger Namens Sander aus dem Hannöverischen im Quartier, der manche Episode aus dem Krieg erzählte. Er war bet der 22. Division gewesen Und wurde jetzt, weil nicht eigentlich angestellt, in die Heimat entlassen. Die 22. Division ist die, welche die Aufgabe hatte, den Rücken der Belagerungsarmee von Paris zu decken. Das konnte sie nur durch stete Parforce-Märsche. Natürlich waren die Kleidungsstücke, besonders das Fußzeug der Leute ganz abgerissen. Als sie einst, erzählte mir der Feldprediger, vor dem kommandierenden General defilierten, sprach dieser:Ihr habt eure Schuldigkeit getan; daß ihr sie getan habt, das dank euch der Teufel, das war eure verfluchte Schuldigkeit. Aber, d a ß i h r m i t d e n: F u ß - zeug dies alles gemacht habt, davor nehme ich meinen Helm ab." Dabei liefen ihm die hellen Tränen aus den Augen.

Den traurigsten Heimweg hatten die Fuhrleute, welche beim Einmarsch in Frankreich hatten mitgehen müssen, oder welche später Lebensmittel nachgefahren hatten. Diese Leute hatten selten ordentliche Quartiere bekommen und mußten meist im Stalle schlafen. Dadurch hatten sie mit der Zeit eine Einquartierung auf Kopf und Haut bekommen, die nicht jedermanns Liebhaberei ist höchstens der Zigeuner. Als nun diese Leute beim Heimmarsch einquartiert werden sollten, wollte sie niemand nehmen. Ein Bürger sagte: Gebt mir lieber 10 Soldaten als 1 Fuhrmann." Es war schrecklich für diese Leute, die ihr redlich Teil Strapazen Mitgetragen hatten, wenn sie auch dafür manche herrenlose Franzosengäule mit nach Hause brachten.

14. Nachlese. Ernstes und Heiteres.

Als die Franzosen in Saarbrücken einrückten, wurde viel getadelt über die Barbarei, daß sie den Bahnhof in St. Johann, gegenüber Saarbrücken, beschossen. Es war das meiner Meinung Nach eben la guerre, comme ä la guerre. Sie taten es, weil sie wohl dachten, es steckten Feinde darin. Auch über ihr Benehmen in Saarbrücken wurde geklagt, aber bei Licht besehen, waren eben die Leute nur so etwas nicht gewöhnt. Es lvar ähnlich, wie in Gießen sich 1866 alles entsetzte, als die Preußen den Telegraph in Beschlag Nahmen. Zur Zeit der alten Reichsarmee zu Friedrichs II.

Zeiten kam ja auch ein Reichssoldat gelaufen Und meldet« seinem Leutnant:Die Preußen schießen wahrhaftig mit Kugeln."

Manches haben sich jedoch die Franzosen erlaubt, was zivilisierte Menschen nicht tun sollten. Ein Beispiel hier­von. Ein junger Mann aus Idar, meiner späteren Pfarrei (3 Stunden von Birkenfeld), der als Einjähriger bei den 30ern gedient hatte und nun in Paris als Vertreter seines Vaters (eines Achatfabrikanten) weilte, Namens Caesar, kehrte sofort nach der Kriegserklärung nach Deutschland zurück und stellte sich, ohne erst nach seiner Heimatstadt zu gehen, in Saarbrücken. Man teilte ihn alsbald den 40ern zu. Im Gefecht von Saarbrücken wurde er am Bein ver­wundet und konnte nicht weiter. Er rief seinen Kameraden zu, sie sollten ihn mitnehmen, allein die Franzosen kamen mit Uebermacht und er mußte zurückbleiben. Von deut Tag an blieb er verschwunden; sie erhielten dann die Nach­richt, er sei gefallen. Als die Armee vor Metz stand, machten sich seine Angehörigen auf und reisten nach Saarbrücken. Dort gingen sie ins Ehrental, wo die gefallenen Krieger; begraben lagen und forschten bei dem Totengräber, ob er nicht einen Soldaten mit feiner Kleidung und (eibenen Strümpfen begraben habe. Gewiß, sagt der, ich habe wegen der Seltenheit einen Strumpf auf das Kreuz ge­hängt in der Erwartung, daß nach dem Gefallenen gesucht werde. Er habe weder Uhr noch Geld bei sich gehabt und der Schädel sei ihm eingeschlagen gewesen. Sie öffnen das Grab und finden ihren Sohn; an Kleidung und Wäsche erkennen sie ihn zweifellos. Die Franzosen! hatten ihn offenbar beraubt und dann tot geschlagen. Er wurde nach Idar gebracht und mit anderen, die im dortigen Lazarett gestorben waren, begraben. Am 2. Pfingsttag 1872 habe ich in Gemeinschaft mit meinem Kollegen Schmidt das Denkmal ein geweiht.

Und nun etwas Heiteres. Da die Nahebahn nur eingleisig war, so war der Verkehr sehr behindert; große Züge konnten oft an kleinen Stationen nächt an­einander vorüber. Darum ging auch der Transport von Lebensrnitteln oft sehr langsam. Ein Hauptnahrungsmittel war der Speck. Mehr als handhohen Speck sah ich unser« Ostpreußen verzehren wie das beste Ruinpfteak. Hatte da einmal ein Waggon Speck etwas lang auf Bahnhof Birken­feld gestanden und fing bei der Sommerhitze an zu riechen. Ein Birkenfelder Seifensieder, der für solche Gerüche emp­fänglich war, schnuppert um den Waggon herum und fragt, ob man den doch zur Nahrung untauglichen Speck nicht kaufen könne. Es hieß warum nicht, er solle nur für bar Geld sorgen. Er eilt heim und kommt anderen Tages mit seinem Geld wieder da ist der Wagen aber weitergegangen. Er, nicht faul, fährt nach und findet einige Stationen weiter den Waggon. Der war leer, den Speck hatte man, weil zu Übel riechend, in einen Graben abgeladen. Er erhandelt um ein Geringes den Speck, schafft ihn heim und fängt an, ihn zu rasieren. Da zeigte es sich, daß allerdings et» Teil ungenießbar ist, ein anderer Teil aber ist, nachdem er rasiert ist, blütenlveiß. Den guten verkauft er, aus dem schlechten siedet er Seife kurz, er schlägt soviel heraus, daß er sein Häuschen neu Herstellen kamt, und wer an ihm vorbei ging, dachte daran, daß man auch aus Speck Häuser bauen kann.

Abessinische Wunderlichkeiten.

Man braucht nur die führenden italienischen Zeitungen wie etwaTribuna" oder(Sortiere della fern" zu verfolgen, um recht deutlich zu erkennen, daß das Verhältnis Italiens zu Abessinien nach wie vor das der Katze zum allzu heißen Br« ist. In Den italienischen Blättern findet sich mehr Material über Abessinien als in der Presse des ganzen übrigen Europa. So hat denn auch ein Vortrag, ben der Messinjenreisendc Annaratone, einet der besten Kenner des Landes, aus Einladung der römischen geographischen Gesellschaft im berühmten Collegio Romano ge­halten hat, besonderes Interesse erregt. Annaratone, der neun Jahre in Abessinien gelebt hat, gab nicht nur neue Charakteristiken der derzeitigen politischen Situation des Landes und seiner Macht­haber, vor allem des Kaisers Menelik selbst, des löjäljrtgen Thron- solgers Lig Et)assu und des Ras Micael, sondern auch interessante Einblicke in das Kulturleben des merkwürdigen Kapertet chs.

Tic abessinische Kirche, die bekanntlich das jakobittschc Chnsten- tum zur Grundlage hat, unterscheidet sich, was ihre äußere Form- ihre Verwaltung betrifft, von der großen römischen vor al lern dadurch, daß sie nicht ein, sondern zwei Häupter an der spitze hat. Ties sind die beiden Abuna oder Papas, bereit einen, Matheos, zurzeit in Addis Abeba residiert, ivährend der andere/