so wie eine Mutter sorgt. Die wusch ihn, zog ihn UN Und gab ihm zu essen, aber das genügte dann nicht mehr.
Sie dachte uno dachte, und plötzlich wurde sie froh. Die Frau Bauunternehmer von oben war eine gute, liebe Frau und lieble den kleinen Erwin, nicht so, wie man ein hübsches, zutunliches Kind haben muß, nein, sie liebte ihn mit der Liebe, die eine echte Frau, wenn sie selbst nicht Mutter ist, einem fremden Kind geben kann und geben muß. Sie war ja auch reich, und wenn sie erst ganz, allein in der Welt stand, war sie vielleicht froh, ein Kino ans Herz drücken zu Wunen.
Auch dieser Brief an die Frau Bauunternehmer schrieb sich wieder von selbst und wurde viel, viel länger, als Frau von Hilbach es sich gedacht hatte.
}Jhr ganzes Leben, all ihre Sorgen schilderte sie ihr, prach von der Qual dieser letzten Wochen, von den ent- etzlichen, schlaflosen Nächten, von der Todesangst vor dem Augenblick, da das Witwenhaus ihr genommen würde, und von der Gewißheit, die sie in sich fühlte, daß, ihr armer 'Kopf all dem nicht standhalten konnte. Sie legte ihr das Kindchen ans Herz, sie schenkte es ihr, weil sie wußte, wie sehr die Frau Bauunternehmer sich, immer ein Kind gewünscht hatte, und sie bat sie auch, den Brief an Doktor Bergholz abzugeben, wenn er eines Tages nach, ihr fragen würde.
„So!" sagte sie froh, als sie die beiden Kuverts ver- iiegelt hatte, „nun will ich noch verbrennen, was andere nicht esen sollen!" Sie durchsuchte die Schubladen ihres kleinen .Schreibtischs, und als erstes hielt sie den Brief des Herrn Schmitz in Händen. Sie las ihn noch einmal, stützte den Kopf in die Hand und träumte vor sich hin.
„Die Liebe kommt von selbst in der Ehe, wenn alles andere stimmt!" Das hatte sie nun von so viel Seiten gehört, und sie wußte: viel tausend Frauen gehen solche Ehen ein und gebieten ihrem Herzen Schweigen, immer wieder Schweigen, so lange, bis es ganz stumpf ist und von selbst nichts mehr sagt, und dann sagen die anderen: „Die Liebe kommt von selbst!"
Frau von Hilbach ließ durch ihren gequälten Kopf noch einmal die Gedanken gehen, die sie so oft gedacht. Konnte sie ? Würde das eine Rettung sein?
Aber ihr Kopf sagte „nein", und sie glaubte ihm. Sie war anders als die Frauen, die so etwas über sich ver- inögen. Eine Rettung War das nicht; in dem Augenblick, ha dieser Mann sie sein Eigen nennen würde, wäre dieselbe Dunkelheit über sie gekommen, wie wenn man ihr das Witwenhaus nahm. Sie zerriß den Brief, ordnete, Hand zusammen und zerriß und war so versunken, daß sie gar nicht hörte, daß die kleine Liese sie rief, weil Herrschaften da waren, die eine Wohnung mieten wollten.
„Schnell, schnell, gnädige Frau!" drängte Liese, und wie sie in letzter Zeit immer gehorchen mußte, wenn ein anderer ihr etwas sagte, ging sie mit dem Mädchen und sprach mit fremden Leuten und war dabei so ini Traum, daß sie immer wieder an ihre Stirn greifen mußte.
Die Herrschaften entschlossen sich für den Flügel der Häuflein, der am ersten Juli frei wurde; sie fanden kein Ende mit Fragen, toollten den Garten sehen, hielten sich auch da wieder auf und bemerkten nicht, daß die arm® Frau, die ihnen ihre Zimmer vermietete, in zitternder Unruhe bei ihnen, stand. Ms sie endlich gegangen, kam Erwin mit einem blutenden Händchen und' weinte und wollte getröstet sein, und Frau von Hilbach mußte mit ihrem Kind weinen. Es war ihr plötzlich wieder so unerträglich, wenn sie dachte, daß es morgen vielleicht nach seiner Mutter rief und sie nicht fand; sie setzte sich auf die Bank unter der Linde, hielt ihren Jungen auf dem Arm und schluchzte.
Es wgr wieder so ein »wundervoller Sommerabend; ein ganz, ganz leiser Wind rauschte durch die Blätter der Linde — der Himmel spiegelte sich so blau in der Saale Und die Fahne von der Wilhelmsburg flatterte leise, so, als wollte sie das Witwenhaus grüßen, und was Frau von Hilbach lange, lange nicht gehört, das hörte sie jetzt wieder: den brausenden, mächtigen Choral „Ein feste Burg ist unser Gott!" dazwischen „ich komme wieder, Weibelchen! Versprich mir, daß du tapfer sein willst!"
n. Erwin!" schluchzte sie auf und wußte im selben
Augenblick nicht, wie ihr geschah. Als ob sie eine Gefangene fei, fo hatte man sie rechts und links an der Hand gepackt, uuo die Kosh auf der einen, die Frau Bauunternehmer
auf der andern Seite führten sie aus dem Gärtchen inI Haus und die Treppe hinauf. Ms sie oben in der Frau! Bauunternehmer Wohnzimmer standen, drehte die Kosy zweimal den Schlüssel im Schloß um, nahm ihr das Kind ab! und weinte laut; auf dem Tisch sah Frau von Hilbach den Brief liegen, den sie vor ein paar Stunden an dis Frau Bauunternehmer geschrieben hatte, aber sie war zu müd und trostlos, um zu begreifen.
Auch die Frau Bauunternehmer weinte und strich über Frau von Hilbachs Kopf, und Frau von Hilbach begriff allmählich, daß sie bei guten Menschen war und daß ein Wunder kommen würde, dmß sie nicht zu sterben brauchte^
„Bleiben Sie bei ihr!" sagte die Frau Bauunternehmer zur Kosy, und die nickte stumm und stellte sich mit dem Kind an der Hand vor Frau von Hilbachs Sessels als sei sie berufen, einen schweren Verbrecher an der Flucht zu verhindern.
Der kranke Mann im Nebenzimmer sprach mit seiner Frau, und nach einer Weile kam die Frau Bauunternehmer^ nahm Frau von Hilbach an der Hand, zog sie ins Nebenzimmer und weinte immer noch.
„Daß Sie so wenig Vertrauen zu mir hätten!" sagt« sie vorwurfsvoll und doch mütterlich. „Immer mußten Sie meine Klagen anhören, und ich Egoistin merkte nicht, daß Sie sich mit so verzweifelten Gedanken trugen!"
Der Bauunternehmer ließ sich die Sache mit den dreitausend Mark ausführlich erzählen. Frau von Hilbachs Mund sprach wieder ohne ihren Willen, sprach, was er wollte; der Bauunternehmer hörte zu, und ein paar Mal flog es wie ein ganz kleines Lächeln über sein bleiches Gesicht.
„Das ist echte Frauenzimmerwirtschaft! Erst bis zum letzten Augenblick warten und dann wegen dreitausend Mark sterben wollen!"
Seine Frau schob ihm die Kissen in die Höhe und richtete ihn auf, damit er besser sprechen konnte. Sie riefen auch die Kosy herbei, die noch einmal berichten mußte; die erzählte alles, was sich in letzter Zeit begeben, wie die Specht, die hier in denselben Zimmern gewohnt hatte, so. niederträchtig an .Frau von Hilbach gehandelt, die Baui-- polizei aus sie gehetzt habe, wie dann der Herr Schmitz aus Leipzig sich benommen habe, und daß Frau von Hib> buch doch nicht einfach um dreitausend Mark einen fremden Menschen heiraten könne, wenn sie ihren Doktor liebt« und---"
„Genug!" Der Bauunternehmer unterbrach sie, weil die Alte nun anfing, lauter unwesentliche Dinge zu erzählen; er ließ sich Feder und Papier reichen und gab Frau von Hilbach den Brief.
„So, junge Frau, und wenn Sie mal wieder eine Hypothek gekündigt bekommen, dann verlieren Sie nicht den Kopf! Schicken Sie das nüch Naumburg. Wenn Sie ruhig geworden sind, in ein paar Tagen, dann reden wir über das andere!"
Er war erschöpft und wartete auf keine Antwort; er sah, daß die Frau neben seinem Bett mit einer Ohnmacht kämpfte; daher sagte er leise: „Bringt sie doch zu Bett!"- Und so, wie sie heraufgekommen, wurde Frau von Hilbach unter doppelseitiger Führung in ihr Mkovenzimmer gebracht« lag ein paar Minuten später im Bett und fühlte, daß die aufgescheuchten Vögel in ihrem Kops flügellahm wurden und sich still niederduckten. Irgend ein guter Mensch hielt ihre Hand, sagte ihr liebe Worte, sie wurde stiller uno stiller, so still, daß sie gar nichts mehr dachte und fühlte und hörte, nicht einmal mehr, daß die Kosy freudig zur Frau Bauunternehmer sagte: „Ich glaube, jetzt schläft fiel"
Ja, sie schlief, sie schlief eine ganze Nacht, bis in den hellen Morgen hinein; sie sah in die Sonne, die in ihren Alkoven flutete, als die Kosy die Vorhänge auseinandev- zog. Sie atmete die köstliche Luft, die durch die geöffneten Fenster in ihr Zimmer strömte, und sie fragte nicht erschrocken: „Wie seid ihr denn ohne mich fertig geworden? Mein Haus ist doch voll von fremden Menschen, für dhs ich sorgen muß." Sie sagte und fragte gar nichts, sis lächelte und war voll Glück und Licht und Sonne. (Sie wußte ja, daß gute Menschen für sie sorgten, daß sie nicht sterben mußte, daß sie ruhen und schlafen durfte und daß man sich freute, wenn sie froh war.
Gortsetzung folgt.)


