Ausgabe 
25.3.1911
 
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I

Das Witwenhaus.

Numan von Helene von Mühlau. ßSortfe^ung.) (Nachdruck verboten.)

Siebentes Kapitel.

Sie gingen sich von jetzt ab aus dem Wege, sie sahen sich an, wie z-wei, die eine Schlacht verloren hatten und die sich nicht mehr in die Augen zu sehen wagten.

Die Kosh las nicht mehr, wenn sie am Brunnen sah Und keine Fremden zu bedienen hatte. Unter der Schürze hielt sie ihre Hände gefaltet und betete, betete so inbrünstig und leidenschaftlich, wie nur ein Mensch in höchster Gefahr beten kann. Sie setzte dem lieben Herrgott das Messer auf die Brust und schrie ihn an:

Wenn du das geschehen läßt, wenn du zugrbst, daß sie ihr das Haus nehmen, daß sie mit ihrem Kind nackt und bloß auf der Straße steht, dann glaub ich nicht mehr an dich, dann lach ich unfern Puster aus, wenn er sagt, du seist ein gütiger Gott, dann---" .

Ach, sie erschrak oft vor sich selbst, daß sie ut solcher Sprache zum lieben Gott sprach, und fing an. ihn kindlich und demütig zu bitten, und wenn ein Fremder kam und ein Glas Brunnen wollte, dann mußte sie sich Gewalt an tun, um bei der Sache zu sein und ein kleines Schwätz­chen übers Wetter oder andere Dinge mit ihm zu halten.

In Frau von Hilbach war es still geworden; die Kraft tu weiteren Kämpfen war gebrochen. Au dem Morgen, an dem sie einen Brief in der Hand hielt, in dem der Hypothekenbesitzer die Bitte ausfprach, die dreitau;eud Mark schon drei Tage vor dem ersten Juli an rhn zu senden, batte sie einen Entschluß gefaßt, und dieser Entschluß gab ihr Ruhe. , .. .. . ,,

Eine der beiden geistreichen Damen, ine )te int An­fang für bildungsfähig gehalten, hatte sich einmal iiber den Selbstmord geäußert, und von allem, was Frau von Hilbach von diesen Damen gehört, schien ihr diese Aeuße- rung die richtigste. , ,

Es sei lächerlich, hatte sie gesagt, den Selbstmord als ein Verbrechen anzusehen; ein jeder Mensch müsse freie Verfügung über Tod und Leben haben, und wenn ein Mensch die feste Ueberzeuguna habe, daß sein Weiterleben zwecklos geworden, daß er sich selbst und seiner Umgebung zur Last werde, wenn er fortlebte, dann sei es nicht nur sein Recht, sondern seine Pflicht, ein Ende zu machen.

Wie das damals in der Laube so kühl und ruhig aus­gesprochen wurde, war es wie ein Stich durch Frau von Hilbachs Herz gegangen, sie erinnerte sich dessen genau. Nun aber empfand sie etwas wie Dankbarkeit gegen die beiden Damen.

Für sie war jetzt die Zeit gefotnnten, in der es dem Menschen zur Pflicht wird, sich vom Leben zu befreien. Ganz langsam, aber doch auch ganz ruhig und sicher war

diese Ueberzeugung in ihr wach und von Stunde zu stunde stärker geworden. _ .

Das arme Kind !" hatte sie ein paar Mal gejammert, wenn sie nachts vor seinem Bettchen kniete und daran dachte, daß es nun unter fremden Menschen groß werden mußte, daß niemand ein herzliches, gutes Wort für es haben sollte, daß vielleicht einmal ein harter, verbissene« Mensch aus ihm werden würde, wie so viele es wurden,, die eine freudlose Kindheit hinter sich hatten.

Sie war ja nicht feig, sie würde durch die dunkelstq Nacht für ihr Kind gegangen sein, wenn sie gekonnt hätte! aber--

Sie mußte immer wieder an ihren Kopf greifen. Jetzt gehorchte er ihr noch, heute und morgen und vielleicht ein paar Tage länger noch, aber dann, wenn das Ent­setzliche kam, wenn sie ans dem alten Haus herausmußte, wenn man um sie kicherte und lachte und mit Fingern auf sie deutete, dann würde er seine eigenen Wege gegen, dann würde in ihrem armen Gehirn etwas zerreißen oder zerspringen, es würde dunkel werden, für immer dunkel, und das war viel tausendmal schlimmer für das arme Kind, wenn es eine Mutter hatte, die lebte und doch tot war, viel schlimmer Ivar das, als wenn» es an ihrem Grab stehen und sie beweinen konnte.

Sie fürchtete sich nicht, sie hatte alles still und ruhig überlegt. Nach Mitternacht, wenn alles im Hause schlief, dann wollte sie die kleine Treppe, die von ihrem Gärtchen in die Saale führte, hinabsteigen. Vor wenigen Wochen erst hatte ein paar Meter weiter oben ein junges Mädchen auf die Weise den Tod gefunden.

In ihrem Bett mochte sie nicht sterben, das arme Kind sollte sich nicht entsetzen, wenn es aufwachte, und dann __; o, das war töricht, aber das alte Witwenhaus! sollte zusehen, wie sie in den Tod ging. Es sollte^ erschau- bern, sollte stöhnen, denn es hatte doch eine Seele, eA wußte doch, was es ihr angetan.

Ja, sie war ganz, ganz ruhig, ganz ohne Bitterkeit, wie eine, die nach einem gesegneten Leben einem stillen, jchmmizlchen^Tod ^cg^rsuht.^ahegestanden, sie

war so versöhnlich gestimmt. Kein kleines, häßliches Ge­fühl trübte ihre Erinnerungen. Nur eines schnterzte sie: es war der Gedanke, daß vielleicht in sechs Monaten, wenn dieses schwere Jahr zu Ende ging, einer sem Veriprecqen einlöste, sie bolen wollte und nicht fand. An ihn mußte! sie schreiben,'ihm schuldete sie eine Erklärung, und wie sie einmal ins Schreiben kam, flog ihr die Feder von selbst über die Seiten, und sie war erstaunt, daß sie ihm so viel, so ganz unbegreiflich viel zu sagen hatte.

Dann dachte sie darüber nach, wem sie wohl für die erste Zeit ihr Kind anvertrauen könnte. ,

Die Kosy, die verlor den Kopf, und die war ja auch nicht dazu geeignet, für den kleinen Jungen zu sorgen.