Das Witwenhaus.
Rvman von Helene von Mühlau.
Korlsetzung.) (Nachdruck verbotitt.t
„Ich kann mir ja denken, was Sie vorhaben, Herr Doktor," fuhr Vie Kosh fort. „Sie wollen sich sicher ein,e schöne Praxis gründen, und weil die Frau doch kein Geld hat, müssen Sie wohl noch eine Zeitlang sparen, das seh ich ja alles ein. Aber man kann auch mit wenig Auskommen, die Hauptsache ist, daß zwei sich gut find und sich lieb haben, nu, und ivas meine Frau betrifft, die denkt ja schon seit Wochen nichts anderes mehr als an unseren Herrn Doktor. .
„Wollen Sie nun endlich eiir bißchen Ihren Mund halten?" fragte!der Doktor ttnb versuchte ärgerlich zu sein.
Die Kosh hantierte ein Weilchen am Waschtisch, schluckte noch ein paar Mal, ging in die Küche, und wie sie mit dem gefüllten Wasserkrug zurückkam, nahm sie sich noch einmal ein Herz.
„Ich will ja »weiter nichts sagen, Herr Doktor, aber tvenn Sie meiner Fran nur ein bißchen gut sind, dann bleiben Sie noch eine Woche, ja? Bor Neujahr können Sie ja doch nicht viel anfangen, und wenn Sie bedenken, wie meiner Frau das Herz weh tun wird. . ."
„Nun halten Sie aber wirklich den Mund!" polterte der Doktor los, und die Kosh ließ vor Schreck fast den Krug fallen.
„So ein Grobian!" brummte sie, wie sie draußen war, aber dann lachte sie. „Also wiederkommen tut er! Und was der sagt, das hält er, Darauf nehm ich Gift!"
— Der Doktor war nun doch geblieben, nicht des Zuredens der Alten wegen, er blieb, weil das Haus ihn nicht losließ. Jeden Tag, luemt er von seinem Morgensvazier- gang nach Hause kam, schien es ihm unglaublich, haß er bald nicht mehr die braune Tür aufklinken und den eisernen Abtreter mit dem Fuß beiseite schieben sollte, daß der rote Giftmohn von der Decke ihm nicht inehr die Stirn berühren und der flehte Erwin ihm nicht mehr entgegenspringen sollte.
Sein trautes, heimliches Stübchett mit den knarvenden Dielen und dem stillen Alkoven sollte er aufgeben, sollte die Alte nicht mehr schwatzen hören, nicht mehr diesen lieben, alten Moderduft, der die köstliche Luft, die von außen ins Saalehaus drang, durchschwängerte, einatm eit, sollte nicht mehr das Wehr rauschen hören, den Fluß, Berge und Burgen und den dunklen Wald nicht mehr täglich sehen, und. . . Ach, was galt ihm das Haus, das Ktnd, die Stube, die geschwätzige Alte und der schöne Blick- Das alles war gut und lieb und traut, doch es hätte ihn nicht eilten Tag länger halten können, wenn sein Wille zum Geben einmal da war.
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Samstag den 25. Februar fix
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Aber die daneben mit den traurigen Augen und der großen Sehnsucht, mit dem namenlosen Wunsch nach Hingabe, die hielt ihn, die machte ihm das Gehen so schwer, so unmöglich! —
„Komisch," .dachte die Kosh oft, ,*,er muß ihr doch noch immer nichts Bestimmtes gesagt haben, sonst wäre sie nicht so, tote sie ist. Wenn eine Frau erst weiß, daß ein Mann wiederkommt, wenn sie erst irgend eine Gewißheit hat, dann ist sie anders wie meine Frau. Gestern, wo sie allein im Wald waren, hätte er doch die beste Gelegenheit gehabt, sich auszusprechen! Aber so kommt er mir nicht aus dem Haus!" dachte sie weiter uttd sah mißtrauisch zunt Doktor hin. Gerade unter den Vornehmen sollte es ja die Gewissenlosesten geben, aber nein, nein, nein. Der Doktor war reell, so einer wie der log nicht.
Jeden, jeden Wend wollte der Doktor dem armen, sehnsuchtsvollen Weibchen sagen, daß er ginge, und daß er wicderkäme, und jeden Abend kamen nette, bange Zweifel über ihn.
Wenn es ihm nun nicht gelang! Weitn er sich im praktischen Leben nicht zurechtsand, wenn das Weibelchen vergebens auf ihn warten mußte, vergebens die große Sehnsucht in sich nährte!
Ach, er wußte, wenn er es ihr versprach und hielt nicht Wort, dann müßte das Weibelchen an seiner großen Sehnsucht sterben, oder, was schlimmer war, sie mußte an ihr verderben. —
Und doch, und doch, etwas mußte geschehen! Jeder Tag, den er jetzt länger im Saalehaus wohnte, war ein verlorener, und er hatte nichts zu verlieren. Er war lange genug bergab gegangen, war durch Niederungen gewandert. Nun hatte er frische Kräfte, nun mußte er in die Höhe gehen. —
Einmal hatte er mit dem Weibelchen über herabge- fommene, mutlose Menschen gesprochen, und da hatte er ihr großmächtige Reden gehalten, daß es nur am Willen des Menschen liege, ob er ganz heruntersinke oder wieder hochkommen könne.
„Einer, der stupid, niedrig und stumpf sei und herunterfalte, der bliebe natürlich unten," hatte er gesagt. „Ist aber einer sonst kein übler Kerl und nur durch Leichtsinn oder Unglück oder allzu große Unternehmungslust in das schwarze Loch gefallen, das Armut heißt, dann kommt's nur darauf an, daß er sich schnell besinnt. Wenn er sich beide Arme freihält und sich immer wieder sagt: ich will, ich will, und schwimmt einfach weiter und denkt an kein Müdewerden, an kein Aufhalten, dann kommt er auch wieder heraus, und in den meisten Fällen begnügt er sich dann nicht mit dem einfachen Herauskommen. So tief wie er gefallen war, so hoch will er nun steigen, und das tut er auch, wenn er nur will. — Es kommt ja alles im Leben auf den Willen an." ,
Frau von Hilbach hatte groß und traurig zu ihm aufgesehen. So sprach nur einer, der selbst Tiefen durch-


