Ausgabe 
25.1.1911
 
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oberen SteinkraNz eines Ziehbrunnens, der an dem vorhin ge­nannten Pfarrerweg an dem Friedrich Schouschen Hanse tag. Man nahm seither allgemein an, hier habe das Wingendorf ge­legen. Ich teilte bis setzt diese Ansicht. Nicht wert davon, da, wo der Fußweg nach dem Bachmichel abbiegt, wurde kürzlich (rufier dem eben genannten ein zweiter Ziehbrunnen ausgedeckt. Beide gehörten, wie ich jetzt nachweisen werde, tu das ®ro&enborf, das, wie gesagt, bis zur Kälberbach guig. Das unbedeutende Wingendorf lag vielmehr auf dem linken Seemenufer und erstreckte sich längs der Gewann dcö Klarengartens, etwa vom heutigen Ma i Hilden ho sch t al b iS' ä i im Salinenbof.. Seine Hauptstraize war fcer Steinweg. Eine Urkunde von lt)24 nennt eine Wiestzu Wingendorf auf der S a l z b a ch" und 152ti tJirb ein Bäum­tenam Schlag im Wingendorf beim ZiehbruMM namtt. Hier also am heutigen ,Schlagacker" haben wir dmi, schm. 1376 genannten Ziehbrunnen un Wingendorf zu suchen. Die Be- zeichniingenam Schlag" undauf der salzbach Leben ganz unzweideutig die Lage der Siedelung an., Als ach dem Grund­stück des städtischen Gaswerks die Flemmnigsche Feldziegelei un Zähre 1892 angelegt wurde, saiiden sich neben dem alten Mauer- werk eines Brennofens viele Tongefätze mittelalterlicher Her- kunst als deutliche Reste einer alten Töpferei., ^ch habe selbst noch einige Scherben gefunden. Oberhalb dieser ^.opferet aus dem Gebiet des heutigen Salinenhofs, nahe am Wecherweg, muß eine Mühle gestanden haben. Das Meßbuch von 1600 bis 1606 nennt wiederholtKappesländer" und andere Grundstücke am Mulenrain aus der Salzbach". Dieser Muhlenrain begrenzte rechtsseitig einen Mühlgraben, der etwa an der Brunnenstube für den Salinenhof aus dem Schafwecher abzweigte und In bete offenbar zugleich den Graben für die Abführung des Wildwassers aus den oberhalb gelegenen Teichen, Unterhalb der ^opferet, etwa too der Schlagacker anfängt, lag 1631 noch ein herrschaft­licher Schashof mit der Schäferwohnung. Das vorliegende ^eld hieß nach ihmdas Schafhofsfeld", woraus sich daS heutige Schafesfeld" umbildete. Im Jahre 1600 lagen dicht bet und nm den Schashof noch einige kleine Häuser und Anwesen, wie aus Streitigkeiten hervorgeht, die durch die Budinger Feld- geschworenen geschlichtet wurden. Ob die Gewann Klareilgarten, die ich urkundlich noch nicht gefunden habe, in irgend einer Be­ziehung zum Wingendorf stand, lveiß ich nicht. Auch den Namen der Gewann vermag ich bis jetzt noch nicht zu erklären., Wingendorf wohnte anfänglich wahrscheinlich auch der «chiuder; der iuic der Scharfrichter für unehrlich gegolten haben mag und b'ftßev nufjctljülb ber ©tnbt tvohnen niufjtc. Äer (yDtuciitnötnc Schelmskaute" hat uns den Ort für beit Schindanger und dte 1600 vorkommendeSchelmsgasse" den Wohnort des Schinders erhalten. Schelm bedeutete Schinder. Später wohnte der, Schinder ilnil Scharfrichterhaus hinter der Webismühle, wie wir vorhin gehört haben, inder Meisterei". 1630 existierte da» ^vmgen- dorf als besonderer Stadtteil nicht mehr. Ein Verzeichnis der Häuser und Hausbesitzer von 1630 und 1631 zählt aus: die Altstadt, die Neustadt, das Großendorf, die Hinterburg unb bie Schmitten und darin 78, 138, 57, 37 und 10, un ganzen o'_0 Häuser Davon standen 40 leer unb bei 54 werben meist Frauen und bei einigen Witwen als Besitzerimien genannt. Hieraus er­gibt sich für damals eine Einwohnerzahl von höchstens 13o0 bis 1400 Seelen. Der 30 jährige Krieg hatte sich, wie ivir sehen, nach 12 jähriger Dauer schon sehr bemerkbar gemacht,

(Fortsetzung folgt.)

Vor vierzig Zähren in St. Denis.

Der letzte verzweifelte Aiisfall der Armee von Paris hatte dm 19. Januar 1871 stattgefunden, rmd sich unter dem Schutze der schweren Geschütze des Mont-Balsrien gegen die Vorpostenstellung des 5. Armeekorps vom Park von St. Cloud bis Buzanval unb von hier über La Jonchsre bis zur Seine erstreckt. Trotz seiner heroischen Anstrengungen war ber Feinb zurückgeschlagen worden der eiserne Ring um Paris blieb fest geschlossen. Die un­vermeidliche Folge des mißglückten Ausfalls war die Kapitulation der ausgehungerten Hauptstadt. Am 23. Januar erschien Jules Favre in Versailles, um im Auftrage der bestehenden Regierung zu unterhandeln. Die Verhandlungen nahmen so schnellen Ver­lauf, daß bereits am 26. Januar, des Nachts um 12 Uhr, die Feindseligkeiten eingestellt werden konnten. Als plötzlich die Be­lagerungsbatterien ihr vernichtendes Feuer abbrachen und auch das feindliche Feuer schwieg, sandten unsere Vorposten ein donnerudeS Hurra zum sterueubesäteu Firmament empor. Am 28. Januar gelaugte ein 21 tägiger Waffenstillstand zum Abschluß, Seine Bedingungen lauteten: Sofortige Uebergabe sämtlicher Borts an die deutsche Armee, Desarmierung der Haupteuceiute, ntwafsuung der für kriegsgefangen erklärten Besatzung von Paris Und Zahlung einer städtischen Kriegs-Kontribution von 200 Mil­lionen Francs, wohingegen deutscherseits die Verpflichtung über­nommen wurde, bie Versorgung ber Hauptstadt mit Lebensmitteln zu gestatten, jeboch unter Aufrechterhaltung ber Blockade, ferner 12 000 Mann ber Pariser Armee zur Aufrechterhaltung der Ord- nung im Dienst zu belassen unb auf den Einmarsch in bie Haupt­stadt vorläufig zu verzichten.

Es wär um 29. Januar, als wir die Forts und St. Deins besetzten. Unsere schweren Geschütze hatten gewaltige Zerstörung ungerichtet. Die Forts wieder verteibigungsfähig zu machen/ bie Geschütze gegen Paris zu richten, bie tiefen Gruben in best Toren auszuftillen, bie Verhaue zu entfernen, bie hochragenden Barrikaden in den Hauptstraßen abzutragen und das aufgerissene Pflaster wiederherzustellen, kostete höllische Arbeit. Dazu noch Vorposteudienst gegen bie Enceinte hin. Wach- unb Patromllen- bienft in bet Stabt, Wache am Bahnhof, wo alsbald Tag für Tag kolossale Güterzüge mit Lebensrnitteln Für Paris anfuhren/ unb ungemein anftrengenber, aber sehr interessanter Dienst an an der von uns errichteten Barrikade auf ber Rue be Paris. Wie? auf allen Hauptstraßen strömte auch hier bie Menge von Paris unb vorn Laube her zusammen, um nach so langer Trennung den altgewohnten Verkehr wieber anzuknüpfen. Jedoch war zunr Passieren ein von ber Mairie ausgestellter Erlaubnisschern er- forberlich. Zur Kontrolle an ber Barrikabe waren vornehmlich! Einjährige komuiaudiert. Man sah nach, ob bie Personenzahl mit ber im Erlaubnisschein angegebenen stimmte unb ließ nach untergesetztem Visum bie Herrschaften passieren. Von morgens früh bis in den Abend zogen Männer unb Frauen aller ©taube, Stäbter unb Bauern, Arbeitsleute, schlichte Handwerker, Pfarre« in schwarzer Soutane, ehrsame Matronen mit Kindern, auffallend gekleidete Nhmphen der Pariser Lebewelt, würdige Graukopfe, elegante Dandys, Eauipagen, Landauer, Cabriolets, Karren nut Hausrat, Leiter-, Last- und Handwagen aus der Hauptstadt heraus eine endlose Schlange von toller Phantastik. Viele unter den Menschen sind froh, endlich der Not der Belagerung entrückt sein, bie Bauern finb begierig, ihr verlassenes Eigentum tu den umliegenben Dörfern wieberzuschen, unb bie Fmnenrs _ unq Pflastertreter brennen darauf, die verflixten Prussiens einmal auS nächster Nähe ;u beschauen. Aufregung, Sännen, Gestiku­lieren, Schreien, Schwatzen allenthalben von großer Bedruckung ist wenig zu merken: Sogar der Herr Sure lacht, denn ber Ern- jährige kontrolliert soeben beit ErlaubnisscheinMonsieur Soumet nebst Familie" unb konstatiert, baß bie zwanzig Personen, bie Monsieur als seine Urgroßeltern, Großeltern, Eltern unb Stuber vorstellt, so ziemlich gleichen Alter sind. Die ganze Gesellschaft ist über biese Entdeckung sehr heiter geworden, auch der Ernrahrtge erheitert sich und läßt den Witz gelten. Vergnügt schicken sich die Herrschaften zum Abzüge an, nicht ohne daß Monsieur den Versuch macht, dem Prussien etwas Silbernes in die Hand zu drücken, was dieser zu allgemeinem Staunen mit stolzer Gebärde znrückweist Storni wackelt eine altmodische Equipage heran. Auf dem Bock sitzt ein älterer Herr und eine anmutige junge Dame, drinnen! nier Damen, alle sehr elegant unb distinguiert. Der Erlaubnis­schein lautet auf einen Doktor nebst Gattin.Aber Monsieur, Sie rücken hoch zu sechs Personen heran?"Allerdings, ba drinnen sitzen meine Frau unb meine Tochter, gegenüber das Küchen- und das Hausmädchen unb hier neben mir unsere Köchin. Sie begreifen boch, baß wir bie Bebienung nicht zurücklassen! konnten!"Gewiß, Monsieur, ich begreife bas um so mehr, als Sie Ihre Dienerschaft mit bewundernswertem Geschmack ge­wählt haben!" Die reizende Pseudo-Köchin errötet und der Herr/ etwas erstaunt über das fließende Französisch des jungen Kriegs- mannes, kann sich nach dankendem Verneigen nicht der Worte ent­halten:Ach, diese Prussiens haben nicht nur unsere Stadt, wildern auch unsere Sprache erobert!" So spann sich der Auszug aus Paris Tag für Tag ab. Tausende verließen die Stadt. Als um Mitte Marz die Herrschaft der Komniune begann, nahm der Strom derartige Dimensionen an, daß die Seelenzahl in St. Denis von 22 000 auf mehr als 60 000 stieg, die Garnison Nicht mit» gezählt. Schon seit Monaten herrschten die schwarzen PockeN in der Stadt. Die Kommandantur sah sich daher aus hygienischen: unb militärischen Gründen veranlaßt, am 20. April bie Aus­weisung aller Fremben aiizuorbuen. Das interessante Leben an ber Barrikabe auf ber Rue be Paris erreichte hiermit sein Ende. Sechs Wochen später, am 1. Juni, verließen wir bie Stabt, und wenige Tage später kehrte die Garde nach der heiß ersehnten, Heimat zurück- ------------ ®*

Bilderrätsel.

Auflösung in nächster Nummer:

Auflösung des ArithinogriphZ in voriger Nummer: Schleie, Celle, Heine, luter, Iris, Tifcl), Vinte, Eine, Matter, Pirna, After, Racine, Trier, Iller, Ellipse; © d) l i 11 e n p a r 11 e.

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