Ausgabe 
25.2.1911
 
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messen, der vielleicht 'gerade, während' er so sprach, an sich selbst verzweifelte, der sich Mut einreden wollte. Wenn er doch offen zu ihr wäre! Wenn er ihr doch erzählen wollte, wie es um ihn stand! Was ihu so aus den ge­wohnten Bahnen herausgeschleudert hatte, daß er Wochen-, monatelang im stillen, einsamen Witwenhaus saß und in der Nacht ruhelos int Zimmer hin und her lief!

Ach, sie wußte ja vieles, es war ja so leicht, sich da eine Lösung zu erfinden, aber sie wollte aus seinem Munde hören, was ihm geschehen Ivar, was man ihm angetan. Er aber schwieg.

Die Kosy brachte jetzt jeden Abeird ein Körbchen mit Nüssen ins Wohnzimmerchen itud legte Aepfel in die Röhre. Bratäpfel und Nüsse, die gehörten nun einnral zu einer rechten Weihuachtsstimmung, die machten die Unterhaltung traulicher, und es war auch schön, loenit so ein lieblicher Duft von Bratäpfeln das Zimmer durchzog.

Sie legte dem Doktor das Naumburger Kreisblatt neben seinem Teller, st« stellte ihm kleine Leckerbissen auf den Tisch, hatte ihm Runr zum Tee besorgt, tat alles, was ihm das Leben behaglich und angenehm machen konnte, ihn in eine mitteilsame Stimmung zu bringen vermochte, aber er schwieg, und die Augett ihrer Frau wurden von Tag zu Tag banger und trauriger.

Zwei Tage vor Weihnachten hatte er geholfen, ein Bäumchen für den kleinen Erwin zu schmücken. Das war nett gewesen, gerade, als seien sie schon verheiratet.

Die Kosy und Frau boit Hilbach hatten Nüsse ver­goldet und Ketten ttnd Netze aus silbernem und goldenent Papier geschnitten. Der Doktor hatte Zuckerzeug aus Naum- burg mitgebracht, und für den kleinen Erwin kam aus dem Spielbazar in Naumburg eine große Festung, die er sich so sehnlich gewünscht hatte.

Es wäre so ein wunderschöner Weihnachtsabend ge­worden, toeitn die zwei sich gerade unter dem Weihuachts- baum in die Arme gefallen wären und wenn Erwin seinen neuen Papa vom Christkind bekommen hätte.

Die Kosy hatte ein paar Abende vor dein Einschlafen inbrünsttg gebetet, daß Gott es so fügen möge, aber es war anders geworden, gar keine Stimmung war dagewefen, nur Erwin hatte sich gefreut.

Frau von Hilbach war traurig geblieben und hatte .ich gesttäubt, eine goldene Brosche, die der Doktor von einer Mutter bewahrt hatte, anzunehmen. Wenn er hr nun beim Ueberreichen der Brosche das gesagt hätte, was er auf dem Herzen trug, wäre das nicht die beste Gelegenheit gewesen, Verlobung zu feiern?

Ihr hatte der Doktor zwanzig Mark in die Hand ge­drückt, und sie war ganz starr darüber, denn wo er ihr doch jede Woche zwei Mark Trinkgeld außer dem Bedie­nungsgeld, das sie auf die Rechnung setzte, schenkte, konnte sie doch so was nicht verlangen.

Ja, ein nobler, guter Herr war der Doktor schon, aber was nützte das all? Nach Neujahr reiste er ab, und es wäre gewissenlos gewesen, ihn länger halten zu wollen. Aber reden mußte er vorher, er mu ß t e, dazu war er verpflichtet nach seiner Aussprache mit der Kosy.

Am dritten Weihnachtstag endlich hatte er dem Weibel­chen gesagt, daß er gehen würde, gehen müsse, so am Neu­jahrstag oder einen Tag später. Aber er hatte nur vom Gehen gesprochen, nicht vom Wiederkommen, und Frau von Hilbach hatte ihn angehört und hatte nichts gesagt, nur den Kopf sinken lassen, so wie einer, der eine Schuld begangen hat und sein Urteil fällen hört.

Die Kosy hielt es von nun an für besser, sich am Abend von den beiden zurückzuziehen, sie schützte ihren Rheumatismus vor. und tat so, als müsse sie von neun Uhr ab in den Federn liegen, sonst käme sie gar nicht hoch ant Morgen.

Das sah Frau von Hilbach ein, und sie war auch nicht unangenehm überrascht über den Zufall, der es wollte, daß sie allein waren.

So todesbang-, so entsetzlich beklommen war ihr zu­mut, und sie fühlte, daß auch des Doktors Stimmung ähn­lich war wie die ihre. Sie weinte in der Nacht und wußte, daß er in seiner Wanderung inne hielt und auf ihr Weinen lauschte; das tat wohl und weh zugleich.

Zwei Abende vor seiner Abreise wurde er mitteil­samer; ganz unvermittelt fing er an, von seiner Mutier LU reden, von seinen Studienjahren und wie ihm das Leben sv dahingegangen sei, er wisse selbst nicht wie, immer ein

Jahr nach dem andern, und jedes Jahr wußte man mehr, war tiefer und klüger geworden, und---

Da schwieg der Doktor, aber Frau von Hilbach drängtet Und daun? Und dann?"

Es wurde ihm zuerst schwer, davon zu reden, aber sie bat so dringlich:Erzählen Sie, bitte, bitte, erzählen Sie das, gerade das, warum Sie hierherkomen. Ich hab! es mir so sehr gewünscht! "

Er erzählte ihr, erst langsam, dann immer beredter, und ihre Augen hingen an ihm, und wie er ihr sagte, daß er sich hier in ihrem Haus, in diesem alten grauen Wit­wenhaus, die Kraft zum Neubegimien geholt habe, da leuch­tete ein großes Glück aus ihrem Gesicht, ein Glück und! ein banges Warten.

Neu aufbauen wollte er!

Wozu wollte er neu aufbauen? Da er ihr so vieles gesagt, warum sagte er nicht auch das??

Der Doktor hätte es dem wartenden Weibelchen gern gesagt, aber er sand die Worte nicht. Beim Erzählen der jüngstvergangenen Ereignisse war es wieder wie Bitter­keit über ihn gekommen, und wenn er ihr das sagt«, woraus sie wartete, dann durfte er nicht bitter sein.

Sie war dann schweigend aufgestanden, hatte di« Aepfel aus der Röhre genommen und ihm einen auf seinen Teller geschoben. Er auch, gedankenlos und blieb schweigsam.

Um zehn Uhr stand er erschrocken aus seiner Ofen­ecke auf und reichte ihr die Hand.Gute Rächt !" sagte er, und ihre Hand lag hilfloser wie sonst in der seinen, und um ihren Mund zuckle es. Ihre Stirn war so nahe an seinem Gesicht, daß er sie fast berührte.

Gute Nacht!" wünschte er noch einmal, und ehe er wußte, was er tat, hatten seine Lippen ihre Stirn ge- stteift, und er war aus dem Zimmer gestürmt wie ein Junge, der «ine Dummheit begangen hat und sich vor Strafe fürchtet. i ' I. irUJl

Frau von Hilbach kniete vor dem Stuhl, au; d.m er gesessen, und sie wußte nicht, sollte sie weinen por übergroßem Schmerz oder vor Seligkeit.

Und dann der letzte Abend! Es war schon spät, aber sie wollten das neue Jahr abwarten. Der kleine Erwin war aufgewacht, da hatte ihn seine Mutter aus dem Bett- chen genommen, und er schlief nun auf ihrem Schoß weiter. Stumm saß der Doktor in seiner Ofenecke und starrte in die verglimmende Äsche. Dem Weibelchen, lag ihr Herz schwer wie ein Stein in der Brust.Morgen, morgen," dachte sie unablässig, und dann schrak sie auf.

Es war etwas Heißes auf ihre Hände gefallen, sie weinte, alle Kraft war von ihr gewichen, die Tränen wein­ten sich von selbst, sie wußte nichts davon.

Der in der Ofenecke ließ den Kopf auch! immer tiefer sinken, ein paarmal räusperte er sich, als wolle er zu sprechen begiuneu, aber er schwieg.

Draußen fiel dichter Schnee, es war, als sänke ein weißer Schleier vom Himmel zur Erde, nicht bis zum! Gärtchen hinüber konnte man sehen.

Der Junge stöhnte leise km Schlaf und wollte sich umdrehen. Wie er merkte, daß er nicht in seinem Bettchen lag, schlug er eine Sekunde lang die Allgen auf, lächelte und schlief weiter.

Legen Sie das Kind doch ins Bett!" sagte der Doktor, und sein Ton klang rauh, fast befehlend.

Frau von Hilbach nahm das Kind aus dem Tuch, in das sie es gehüllt hatte und ttug es ins Nebeuzimnier; dann trat sie leise wieder ein.

Wollen Sie Tee?" fragte sie den Doktor.

Nein!" sagte er kurz, und weil er so unfreundlich war, glaubte sie, er sei ihrer überdrüssig für diesen Abend, wolle allein sein mit seinen Gedanken und Erinnerungen. Sie begann die Tassen zusammeiizuräumen und schüttete Nußschalen und Papierstücke ins Feuer. Im Nu brannte es hoch auf, und das Holz knatterte hell und lustig,

Setzen Sie sich doch!" sagte der Doktor, und Frau von Hilbach gehorchte.

Morgen," dachte sie wieder,morgen 'sitzt er nicht mehr in der Ecke!"

Sie wollte das Kind a,n ihre Brust drücken und fühlte^ daß ihre Arme leer waren. Da mußte sie schluchzen, ganz laut und willenlos. ,

(Fortsetzung folgt.)