Ausgabe 
25.1.1911
 
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Müssen, um durchzukommeu? Meine arme Tochter kann doch auch nicht mehr tun als airbeiten, und glauben tote, Frau von Hilbach, die hat sich das ftüher auch nicht träumen lassen, daß sie ihre Tage so. an der Strrckmaschrne htn- bringen müßte!"

Und wenn man so bedenkt," führ Frau Natusius fort, -wie auch darin sich alles zum Schlechten geändert hat! Wie ich vor zehn Jahren mit der Strickmaschine angefangen hab, da konnte man bei Fleiß und Ausdauer seine zwanzig Mark pro Woche verdienen und kriegte die Sendung frachtfrei ins Haus. Heute hab ich im günstigsten Fall acht bis zehn Mark die Woche, muß das Porto selber tragen und be­komme abgezogen, was nicht fehlerfrei ist, und noch zwei Jahre weiter, dann wird es vielleicht noch schlimmer sein, Und dann ist man zu alt, um etwas Neues zu lernen."

Nu, nu," sagte die alte Frau,man muß nicht immer an das Schlimmste denken. Ich sag immer zu meiner Tochter: Es gibt einen Gott, der weiß ganz genau, wieviel er einem Menschen aufbürden darf, und wenn er uns jetzt so schwer heimsucht, daun hat er seinen Grund dazu, und wir müssen es ruhig hinnehmen. Sie sind ja auch nicht auf Rosen gebettet, Frau von Hilbach, und sind noch viel zu jung für so ein stilles, zurückgezogenes Leben. Neulich, wie Sie int Schlitten davonfuhren, hab ich zu meiner Tochter gesagt:Nun hat sie wohl einen Bräutigam und der Junge kriegt einen Vater," aber Spechts Minna sagt, das sei alles der Häuflein wegen gewesen, und nun wird er die wohl heiraten. Was doch ein bißchen Geld nicht tut!"

Frau von Hilbach," sagte die Natusius jetzt ernst,ich habe Ihnen all dies vertrant, weil ich es für meine Pflicht hielt, denn Sie sind Hausbesitzerin; wenn nun die Leute anfangen zu reden und wenn das Kind vielleicht doch ein­mal ins Haus muß, dann könnte es Ihnen leid werden, daß -Sie solche Mieter im Haus haben, und darum will ich's freiftelfßit"

Aber ich bitte Sie, Frau Natusius," fiel Frau von Hilbach ein; uird die alte Mutter meinte:

Ich wußte es ja, ich habe es gleich gesagt, die Frau Von Hilbach steht Uns bei!"

Mütterchen, du sollst einmal schnell herüberkommen.; die Frau Pastor hat einen Brief gekriegt!" rief der kleine Erwin, der ins Zimmer kam und mit beiden Häitdchen die Mutter der Tür zu zerrte.

Ich komme schon!" sagte Frau von Hilbach, drückte Frau Natusius noch einmal die Hand und versicherte warm: Wenn ich Ihnen beistehen kamt, so tue ich es von Herzet: gern, und denken Sie nie, daß ich mich gegen Sie beein­flussen lasse."

Die beiden Frauen dankten ihr, Und sie ging hinaus Und sand die Pastorin in höchster, freudigster Erregung aus dem Hausflur stehen.

Von meinem Rechtsanwalt in Naumburg ein Brief, Frau von Hilbach! So ein rätselhafter Brief! Ich soll schnell zu einer Besprechung kommen. Lesen Sie doch! Klingt das nicht, als sei alles gewoniten? "

Frau von Hilbach las den Bries.

Ich weiß nicht recht," meinte sie etwas Unsicher nach Beendigung der Lektüre.Man kann aus dem Schreiben gar nichts Bestimmtes eittnehmen."

Alber die Pastorin ließ sich ihre Zuversicht nicht rauben.

Ach, liebe Fran von hilbach, ich habe meinen Hundert­markschein noch nicht wiedergefunden. Bitte, helfen Sie mir mit zwei Mark aus, oder wenigstens eine Mark und fünfzig Pfennige, damit ich nach Naumburg komme. In fcitter Woche spätestens haben Sie alles zurück, auch das, was Sie mir neulich borgten!"

Frau von Hilbach zog ihr Portemonnaie aus der Tasche und seufzte leise. Sie konnte das Geld schlecht ent­behren, und es war das dritte Mal, daß die Pastorin sie Nm kleine Summen bat, die sie nie wieder erhielt.

Aber bitte, verraten Sie es der Kosczhsköwsky nicht!" bat die Melzing,die Person ist seit einiger Zeit wieder so unglaublich arrogant."

Nein, nein, es bleibt unter uns!" versprach Fran von Hilbach, und die Pastorin flog die Treppe hinaus.

Die Person ist seit einiger Zeit wieder so unglaublich arrogant!" hatte die Pastorin von der Kosy gesagt, Und das war eigentlich recht undankbar von ihr, denn wenn die Kosh matzchmal auch ein bißchen rauh und familiär tat, so hatte doch gerät)e die Pastorin allen Grund, ihr dankbar zu feinz denn was ans ihrer heillosen Wirtschaft

da oben geworden wäre, wenn die gutmütige Gemüsefrau nicht manchmal eingegriffen hätte, das ahnte sie selber nicht. Und doppelt anerkennenswert war der Kosy Hand­lungsweise, da die Pastorin ihr ihre gräfliche Abstammung und den gesellschaftlichen Unterschied, der zwischen ihnm beiden bestand, fast täglich vorhielt.

(Fortsetzung folgt.)

Aus den Mauern und dem Vurgfrieden VMugens vor 300 Jahren.

(Vortrag, gehalten am 11. Januar 1911 im Ortsgewerbeverein von Christian Müller, fürstlichem Kammerdirektor. Nachdruck ist nicht gestattet.)

(Fortsetzung.)

Dicht bei. Kenn nicht innerhalb dieser Rodung, lag die heutige herrschaftliche Mühle, die in einer Urkunde von 1399 bezeichnet wird alsdie Mühle tzu Webis by Büdingen dem Schloß gw legen". Nach ihr heißt die benachbarte Gewanndie Melbachs wie der heutige Mühlgraben jedenfalls früher geheißen hat. Dieie Mühle ging mit den zugehörigen Güterstücken zu Ende des! 14. Jahrhunderts aus Trimbergschem Besitz wahrscheinlich gletch- zeitig mit einem Teil des Gerichtes Gedern durch Verpfändung auf die Herren von Lißberg über, deren Name sich in der Gewann die Lißberger Aecker" erhalten hat. Die Herren von Lißberg hatten die Mühle zu einem pfälzischen Lehen gemacht. Dieses Lehen kam 1399 an die Herren von Menburg, die es sich, soweit mir bekannt geworden ist, als pfälzisches Lehen letztmals 172Q bestätigen ließen. Die Webismühle, die demnach schon über 500 Jahre Usenburgisch ist, hatte in der alten Grafschaft ein toetbi gehendes Mühlen-Äannrecht und war eine ergiebige Einnahme-^ quelle, die lange Zeit mehr einbrachte, als 4 bis 5 der heutigen! größeren fürstlichen Hofgüter zusammen vor 300 und mehr Jahren ertrugen. Von ihr hat auch das Mehltor seinen Namen erhalten. In einem Verzeichnis der Häuser und Hausbesitzer in der Stadt Büdingen von 1630 >(1631) heißt es unter der Ueberschrift:Die Mühle hinder der Burgk, die Webis-Mühle genant": nachdem die eigentliche Mühle beschrieben worden ist<

1. Das Molterhaus bei der Mehlpforten, darinnen ein eisern Balkenwagen mit darzngehörigcn Steinen.

2. In denl Kämmerchen (darin) ein unterschiedener Molt er-, kästen zu Korn und Waitzen.

3. Obig der Mehlpforten ein Gang, da inan vom Schloßt dämm hinübergehet in den Turm, darinnen etliche FruchtbödeN/ ferner

4. ein Haus beim Lohest eg, darinnen der Sehegräber jetzo wohnet und hiebevor eilte Mühlen gewesen, darinne ein Stübchen und ein Kammer.

5. Des Scharfrichters Haus hinter der Burgk.

6. Ein Turm uffm Schloßdamm, der Pulver turnt genannt darinnett man auch Obst schütten kann.

Aus 13 ersehen wir, daß oberhalb der Mehlpforte ein! Molterhaus mit einer Mehlwage stand und einem Kämmerchen mit dem Molterkasten. Dieses Haus war mit dem heutigen; Meliorschen Turm, in dem Fruchtböden waren, durch einen, wie ich annehme, überdeckten Wehrgang verbunden. Damit stimmt; auch die Darstellung der Mehlpforte auf dem Merianschen Kupfer­stich überein, während der Turm selbst, ganz falsch viereckig mit einem vierseitigen Spitzdach dargestellt ist. Dieser Tage hat mir Herr Bürgermeister Fendt mitgeteilt, daß sein Vater diesen über­bauten Wehrgang noch gesehen habe. Meine Vermutung und! das Meriansche Bild werden hierdurch bestätigt. Das Molter- Haus selbst war direkt zugänglich vom Schloßdamnt aus. Ob wir in dem kleinen turmartigen Gebäude, in den: bis zur Erbauung des jetzigen Schlachthauses längere Zeit geschlachtet wurde unoi jetzt das Eichamt untergebracht ist, das Molterhaus wiedererkenuenl dürfen, wage ich nicht zu behaupten, vermute es aber. Vielleicht stand es auch näher bei der Mehlpsorte, oder da, wo jetzt dich! hei der Eiche sich der Hofmeistersche Stall und Schuppen befindet. Jedenfalls wissen wir hierdurch ziemlich genau, wie es vor 300 Jahren dort ausgesehen hat und weiter, daß des Scharfrichters Haus hinter der Burgk, das jedenfalls zusammensällt mit der späteren Meisterei, die uns als Gewannname ebenfalls überliefert ist, hinter der Mühle auf der linken Seite des Mühlgrabens stand. Ein Kellergewölbe ist dort noch heute sichtbar. Das Haus hat noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, gestanden. Die kleine Mühle am Lohsteg, die als solche urkintdlich noch 1539 er­wähnt wird, lag vermutlich an der Stelle der heute Schwarz- Lenhardschen Anwesen. Sie hatte außer dem Mahlwerk nur eine Stube und ein Kämmerchen und war zuletzt, wenn iiidjt überhaupt nur, eine Lohmühle. Unweit davon war ein Weiher.- 1510 wirdein Weihergarten" genannt, 1533 aber der Weiher­garten bei der HerrgottÄirche und 1539der halbe Weiher hinter der Mühle vor Büdingen". Mit diesem Nachweis entfällt die mir von verschiedenen Seiten mündlich gemachte Mitteilung, nach der das heutige Spengler Scheidsche Eckhaus aus dem Marktplatz und Damm früher eine Mühle gewesen sein soll. Das wate nur so denkbar, daß dort vor Erbauung der Neustadt eine Wühle gw