Ausgabe 
25.1.1911
 
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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau.

lFvrtsesung.) (Nachdruck verboten.)

Setzen Sie sich, liebe Fran von Hilbach!" sagte Fran NätusiuS und schob ihrer Flurnachbarin einen Stuhl neben ihre Strickmaschine,und bitte, seien Sie nicht böse, daß ich Sie herüberrief. Ich darf aber keinen Augenblick ver­säumen. Uebermorgcn nniß die Kiste fort, mtb es fehlen noch zweieinhalb Trotzend Rücken zu den Leibchen."

Sie hatte rotgeschwvllenc Augen, und ihre alte Mutter, die am Ofen saß, weinte leise vor sich hin.

-Was ist denn, Frau Rechnungsrat?" fragte Frau von Hilbach erschrocken und teilnahmsvoll.Haben Sie eine schlechte Nachricht? Ist jemand von Ihren Kindern krank?"

Die Natusius schlug neue Maschen ans.Einen Augen­blick!" bat sie, schlang den Faden um die Stäbchen, zählte bis fünfundzwanzig, schob ben schweren Eisenkolben nach rechts und links, griff mit einem Häkchen in die losen, feinen Stahlnabeln und mit hartem, schnurrendem Geräusch warf sie den Eisenarm bin und her.

Krank, sagen Sic, Frau von Hilbach? Ach, wenn sie nur krank wäre, einmal abnehmen, bitte, einen Augen­blick, Frau von Hilbach, ich habe mich verzählt, so!"

Sie nahm ihr Taschentuch und fuhr sich über dre

Augen. , ,

Tot wär besser für sie!" rief die alte Frau aus der Ecke, und die Natusius iu einte laut.

Aber was ist denn um Gottes willen, Frau Natusius?

Ist etwas mit Frieda passiert?" . m , c

Da reichte ihr die Natusius zwei Briefe, und sie sagte mit erstickter Stimme: ,

Das hab ich nicht verdient. Fran von Hilbach. Mein Leben lang hab ich meine Pslicht getan und hab mich hochgehalten, und nun das!"

Die alte Mutter war aus ihrer Ecke gekommen und hatte die Arme um ihre schluchzende Tochter gelegt.

Es gibt noch einen Gottch sagte sie.Er wird wissen, warum er uns das schickt. Sei still, mein Kind."

Frau von Hilbach war beim Lesen der beiden Briefe rot und bleich geworden. Sie nahm die Hand der Frau Natusius und sagte mit Tränen in den Augen:Nein, das haben Sie nicht verdient, Frau Natusius das ist hart, sehr hart!"

Die Natusius weinte still vor sich hin.

Da hat man nun alles, alles an die Kinder ge­wandt, hat sich vom Morgen bis zum Abend abgearbeitet, immer in dem Gedanken:es kommt den Kindern zugut!" !und nun das!"

Sie begann ivieder die Nadeln in Bewegung zu setzen.

Eins, Zwei, drei, einmal abnehmen; eins, zwei, gb- nehmen, eins!"

Das arme Kind!" jammerte die alte Frau, aber Frau Natusius unterbrach sie heftig. _ , ,

Nein, das darfst du nicht, Mutter! In Schutz nehmen darfst du sie nicht! Fürs erste ist sie mein Kind nicht mehr. Alles hätte ich verziehen, aber daß sie schimpf Und Schande über die Familie bringt, daß man mit Fingern auf uns zeigt, das kann ich nicht verwinden."

Sie weinte, trocknete die Augen und strickte wieder.

Frau von Hilbach war erschüttert.

Aber was wollen Sie mit ihr machen? Sw muß doch nach Hause kommen!" ,

Hierher kommt sie mir n.icht, nein, nicht rns Haus. Geheim halten kann inan so was nicht, das weiß ich, aber ich kann sie nicht sehen. Wenn sie mir so gegenuberirrtt, ich weiß nicht, was geschähe! Eins, zwei, drei, einmal abnehmen," zählte sie wieder und beugte sich tiefer zu der Maschine hinab. . .

Sie war eine schmale Frau mit einem feinen, blassen Gesicht, von vielen, vielen Fältchen durchzogen.. Ihr Haav war blond, und um die Schläfen lag wie ein Schleier das erste Grau darüber. Sie trug dunkle, schmucklose Kleider mtb eine große Schürze aus schwarzem Wachstuch, denn die Maschine brauchte viel Oel, und die gelbliche Baumwolle flockte stark; man mußte alte, dunkle Kleider tragen, wenn man strickte.

Ich habe Ihre Frieda so aufrichtig lieb gehabt!" sagte Frau von Hilbach, die ganz fassungslos war,ich kann es noch garnicht glauben!"

Wenn man das hätte ahnen können, daß das Mäd­chen einem solche Schande bringt, man hätte sie doch nicht aus dein Haus gegeben, sie hätte in Naumburg die Schnei­derei erlernen können. Aber das war ja nicht gut genug für sie. Mutter, weißt du noch, was für Hoffnungen du immer auf Friedas Zukunft gestellt hast?"

Sie war ein schönes und auch ein gutes Mädchen!"- sagte die alte Frau.

Frau von Hilbach stimmte ihr bet:Ste war ein reizendes Mädchen, Frau Natusiusund Sie dürfen ste nicht verstoßen. Ich kann sie so gut verstehen. Ste hat sich einsam gefühlt unter den fremden Leuten, ste hat Sehnsucht gehabt, und wenn man so verlassen ist ttnd es kommt dann einer, der so gut und freundlich ist, dann ist man so

Sie schwieg plötzlich, denn Frau Natusius sah ste groß an. , ~ ,,

Verstehen," sagte sie endlich,ja, Frau von Hilbach, verstehen kann man so etwas wohl, aber die Schande bleibt doch, und wie so etwas beurteilt wird, besonders hier in so einem kleinen Ort, das wissen Sie doch, und die Zukunft hat sich das Mädchen für immer verscherzt!".

Und wo soll man mit dem armen, klemen Wurm hin, wenn er erst da ist?" jammerte die Großmutter,und wo soll man all das Geld.hernehmen, was dazu nötig t|t, wo wir doch so schon sparen und immer wieder sparen