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^Mrtederici hat die Wette gewännen. Er keuchte zwar, voer er bezwang sich. Wir haben im Hotel Rose ein Diner bestellt, gnädiges Fräulein: so gut es um diese Zeit in ssonderkroog zu ermöglichen ist. Dürsim wir Sie unter» tänigst bitten, unser Gast zu sein? Wir wissen wohl, daß dazu eigentlich auch noch eine Dame d’honneur nötig ist. Aber wir haben keine."
Traute verneigte sich. „Ich danke Ihnen. Es wäre schmählich, wenn ein Mitglied der Goldenen Horde sich -Unter den Seinen nicht am sichersten suhlte."
.Wieder antwortete ihr ein Hurra. Dann ging es in rasender Fahrt nach Sonderkroog zurück. Die Herren freu» ten sich über die Ausgelassenheit Trautes. Aber sie war launisch. Plötzlich verstummte sie. Sic lachte nicht mehr, sie sprach kaum noch. Und dicht vor dem Dorfe erklärte sie, daß §ine rasende Migräne sie gepackt habe. Dagegen helfe nur Bettruhe.
So setzte man sie denn bei Frau Möchtet ab. Die vier Herren sprangen vom Wagen und begleiteten sie bis zur Tür, und hier wollte Wilm Noeldechen nochmals ein Hoch aus sie ausbringeu. Aber sie winkte abwehrend mit der Hand.
Und die Herren erschraken fast, denn nun sahen sie erst, wie weiß das Gesicht Trautes war.
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, Zwei Tage später erhielt Traute eilt liebenswürdiges Briefchen der Gräfin Hönigswald: für den Abend hätten sich ein paar Gäste nngcsagt — ob Fräulein Köhler ihr nicht auch die Freude ihres Erscheinens machen wolle. Ganz kleiner Kreis; bitte einfachste Toilette; sieben Uhr.
Traute nahm an. Am Tage vorher hatte ihre Mutter mit Helene sie besucht und ihr neue Wäsche und für alle Fälle auch das Libertykleid mitgebracht, das aufgearbeitet worden war. Darüber freute sich Traute sehr; nun konnte sie sich doch in einem anständigen Kostüm in der Villa Hönigswald zeigen. Die Mutter war übrigens jämmerlicher Laune gewesen. Der Vater klage ihr über die schlechte Geschäftslage die Ohren voll; er habe seinen ganzen Kredit erschöpft, um sich über Wasser zu halten, aber die Verhältnisse spitzten sich immer bedrohlicher zu. Sein drittes Wort sei „sparen"; du lieber Gott, sic spare sowieso schon an allen Ecken und Enden, aber leben müsse man doch . . Es war die Litanei, die Traute seit langem kannte. —
In der Villa Hönigswald war die erste Etage erleuchtet. Als Traute in den Salon trat, fuhr ihr der kleine dicke Graf mit seinen halb tänzelnden, halb gleitenden Bewegungen sofort entgegen, führte sie zunächst zu seiner Fran, die ihr mit ihrem freundlichen Ballerinenlächeln die Hand reichte, und stellte sie dann vor. ß'mmer mit derselben Handbewegung und fast denselben Worten: „Fräulein Trante Köhler — unser erster Saisongast — unser erstes Sommervögelchen . . ." und zwinkerte mit seinen kleinen vergnügten Augen und neigte die Glatze, über der ein Rest blond- grancr Haarsträhne gescheitelt und kunstgerecht verteilt war.
Fremd waren Traute nur ein Waldenburger Dragoner- major mit seiner Gattin, ein alter Regimentsfreund des Kurdirektors, und ein holländisches Ehepaar, das mit der Gräfin verwandt war. Die übrigen kannte sie: den ersten Bürgermeister mit seiner Frau und Fräulein Henny, den Tiermaler Hans Eggers, Fräulein von Simkowitz und den Polizeihauptmann von Löneysen, der in Zivil erschienen war.
Henny nahm sie sofort in Beschlag und ging wispernd mit ihr in eine Ecke; sie hatte bereits von Noeldechen gehört, daß Traute das Märchenfest im Juli mitmachen wollte, und war ganz selig darüber.
Traute war ein wenig benommen zumute: sie wußte nicht recht weshalb. Das Herz war ihr schwer; sie fühlte es wie eine Last in der Brust. Irgend etwas bedrückte sie; ein dumpfes Ahnen, über das ihr die Eindrücke der Umgebung forthelfen sollten. Sie ließ den Blick rastlos durch den kleinen Salon, schweifen, der mit seinen lackierten Möbeln und der flüchtigen Tapezierkunst etwas sommermäßig Improvisiertes an sich hätte. Sie betrachtete ein Bild an der Wand: weidende Schafe von Hans Eggers, lauschte wieder dem lachenden Geflüster Hennys und versenkte sich dann in die Physiognomie des alten holländischen Herrn, dessen weißumbnschtes rosiges Gesicht von matt- violetten Falten durchfurcht war.
Zwei Diener reichten Tee und Gebäck. Die kleine Gesellschaft hatte fich bereits in Gruppen geteilt, und die
Unterhaltung schwirrte lebhaft durcheinander. Der Major von Zehren war erst vor vier Wochen nach Waldenbürg verseht worden und konnte sich noch gar nicht in die neuen Verhältnisse finden. Dazwischen wurde der gefällige Diplomatenbariton des ersten Bürgermeisters hörbar und das rauhe Organ des Polizeihauptmanns; Fräulein von Simkowitz sprach in zartem Diskant, ohne daß sich dabei in ihrem emaillierten Gesicht ein Zug veränderte; der alte Holländer, ein Jonkheer van Beek, in weichem Baß mit sonorer Betonung der Vokale; seine sicher fünfundzwanzig Jahre jüngere, etwas kokette Gattin kicherte gern in den gurrenden Lauten einer verliebten Turteltaube. Von einer Gruppe zur anderen glitt und tänzelte Graf Hönigswald mit gesträubtem weißen Schnurrbart und "einem humoristischen Faltennetz um die zufammengekniffenen Aengelchen.
Nun aber wandte er sich der Eingangstür zu. „Meine verehrte Exzellenz," rief er und nahm die Hände aus den Taschen seines Smoking. -Meine gnädigste Komteß. . ."
Ein langer dürrer Herr mit schütterem, spärlichem Haar auf einem interessanten Birnenkopf war eingetreten. Ein großes schönes Mädchen folgte ihm; sie lächelte konventionell, während die Flügel der gerade geschnittenen Nase leicht zitterten, als störe sie ein unangenehmes Parfüm. Hönigswald sauste umher. „Exzellenz Graf Liebenau — Komteß Tochter," sagte er mit rundender Handbeweguitg. Die aus der Freistadt kannten den Gesandten längst; auch der Major frischte sofort eine geineinsame Erinnerung auf. Die Holländer wurden besonders vorgestellt, und dabei erfuhr mau, daß der Jonkheer van Beek Kabinettschef der Königin war und Frau van Beek eine direkte Kusine der Gräfin Hönigswald: „Auch eine geborene Gräfin Lennep — tote ich, liebe Exzellenz," sagte die Hönigstoald, „ober von dem Wijkschen Zweige . . ."
(Fortsetzung folgt.)
Geschichte des Postwesens im Grostherzogtum Hessen.
Von M. Koehler und R. Gold m a n n.
VI. U ebergang der Verwaltung von Taxis ans Preußen.
Unter dem Einflüsse der allgemeinen Entwicklung in d'ett vierziger und fünfziger Jahren hatten sich in den meisten Staaten die Posten, die bisher kleinlich auf Erzielung einer tunlichst hohen Rente eingerichtet waren, schnell zu billigen, der Allgemeinheit dienenden Berkehrseinrichtungen, zu Staatsverkehrsanstalten, entwickelt. Nur die Thurn und Taxissche Verwaltung behielt im allgemeinen den Charakter eines mittelalterlichen Regals und Privatmonopols. In Hessen traten die Mißstände der Taxisschen Verwaltung dank der kraftvollen Haltung der Ober-Postinspektion nicht in dem Umfange zutage wie in den anderen Ländern des Taxisschen Postgebiets. -Jedoch fehlte es auch hier nicht an begründeten Klagen, hie jnamentlich 1864 in der hessischen Ständekammer laut wurden und schon damals zu einer Beseitigung bet Taxisschen Post drängten. Mer erst die politischen Ereignisse des Jahres 1866 brachten die Auflösung der Taxisschen Verwaltung, dnrch Vertrag vvm 28. Januar 1867 ging das gesamte Thurn und Taxissche Postwesen mit Wirkung tont 1. Juli 1867 ab auf den preußischen Staat über.
Gemäß Artikel 1 Punkt 7 dieses Vertrags, Artikel 10 des am 3. September 1866 in Berlin zwischen Hessen tmd Preußen- abgeschlossenen Friebensvertrags und den Bestimmungen des Vertrags vvm 19. Juli 1867 kamen auch die hessischen Posten vom 1, Juli 1867 ab unter preußische Verwaltung.
An die Stelle des Großh. Ober-Postamts, das bereitsj feit dem Amtsantritte des Ober-Postmeisters Psaltz (1863) *) und bet gleichzeitig erfolgten Umwandlung der bisherigen Ober-Postamts- expedition in Darmstadt in ein selbständiges Postamt unter Leitung des Postrats Müller als Verwaltungsbehörde vvm Betriebsdienste getrennt worden war, , trat eine Kgl. Preußische Ober-Postdirektion. Dieser wurde die gesamte Verwaltung des Postwesens in Hessen, das int Frieden vom 3. September 1866 die heutigen Grenzen erhalten hatte, unterstellt. Die Leitung der Ober-Postdirektion übernahm der Ober-Postdirektor von Vahl**)< Psaltz erhielt am 1. Juli 1867 die Vorsteherstelle beim Postamt 1 in Darmstadt u. wurde am 1. März 1868 zum Postdirektor ernannt. Tie Tienstgeschäfte der seit 1807 bestehenden Großh. Ober-Post- inspektion übernahm eine Großh. Kommission für Postangelegenheiten, die bis 1875 bestand. Ebenso wie die Ober-Postinfpektiont
*’> Die Vorgänger pes Psaltz waren die Ober-Postmeister Nebel 1803 bis 1842 und Reuning 1842 bis 1862.
. **) Die Nachfolger des Wahl waren die Ober-Postdirektorenr Deininger 1872 bis 1880, Hagemann 1880 bis 1888, Geheime Ober-Postrat Clavel 1888 bis 1897, Maier 1897 bis 1900, Holfeld 1900 bis 1902 und Geheime Ober-Postrat Kobelt seit 190T


