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Kreise der großen Dichter. Freilich auch dieses Werk ist nicht zu Ende gekomMeti, und vor allen Dingen ist das Kapitel, in dem sie ihre Beziehungen zu Jean Paul schildern und durch ihren! Briefwechsel mit dem Dichter des „Titan" belegen wollte, ungeschrieben geblieben. Doch einen inneren Abschluß hat das Werk erlangt: das tiefste Erlebnis ihres Lebens, ihre Liebe w Schiller hat die Verfasserin bis zu Ende geschildert, und mit einem machtvollen Eindruck von der menschlichen Größe Charlottens! scheiden wir von deut Buche, wenn wir auf der allerletzten Seite noch einmal die Gestalt des Wallensteindichters in der ganzen! Hoheit und Ruhe seiner überragenden Kraft haben erscheinen sehen.
Das Tagebuch -er kleinen Marie Baschkirzew.
M a r i a B a s ch k i r z e w, die Russin, die sich während ihres kurzen Lebens einen Ruf als bedeutende Malerin erwarb, hat erst Nach Wem Todd die Unsterblichkeit gefunden durch ihr Tage- huch, das mit einer unerhörten Feinheit der Beobachtung das Seelenbild einer frühreifen jungen DaMe des >,fin de siecle' enthüllte, das von psychologischen Kennern, von Nietzsche, Tarne, Bourget, Barres als ein einzigartiges Dokument weiblichen Bekenntnisdranges mit Bewunderung begrüßt wurde. Bon der Veröffentlichung dieses Tagebuches, das in einer ausgezeichneten deutschen Bearbeitung titelt Julia Virginia vorliegt, waren bisher die ersten Hefte ausgeschlossen worden, die in kindliche hastiger und ungleichmäßiger Handschrist die Aufzeichnungen des kleinen Mädchens feit seinem zwölften Jahre enthalten., Ju der ,Revue beginnt nun Re-noe d'UlMös damit, aus diesen frühesten Geständnissen des genialen Mädchens wichtige Abschnitte mitzuteilen, dre einen überraschenden Einblick in ihr kindliches, zwischen Naivität Und Frühreife schwankendes Fühlen gewähren.
Wie bei so Manchem anderen Tagebuchschretber tst auch bet der kleinen Martha der Drang, ihre Empfindungen niebeiW schreiben, durch eine große Liebe ausgelöst worden. Wte ein Vorklang ihrer späteren leidenschaftlichen Entzückungen, die sich nur in Gedanken berauschten und der Tat eine scharfe Selbstkritik entgegensetzten, klingt diese Kindheitsidylle, deren Held der Herzog von H. war, einer jener jungen Lebemänner, die mit der von Ort zu Ort reisenden russischen Arischkratenfamilie in Baden- Baden verkehrten. Sie hört, daß er ein Spieler ist, daß er in zweifelhafter Gesellschaft verkehrt und ausschweifend lebt. Aber das alles ist ihr gleichgültig, denn sie liebt ihn. Der Gedanke an Heiraten hat auch schon früher ihre Phantaste erfüllst „Wenn ich grob wäre," schreibt sie aus einer der ersten Seiten W Januar 1873, „und ich heirate B., was für ein Leben hatte ich dann! Ganz allein bleiben, d. H. von banalen Leuten umgeben/ die mir den Hof machen, und mich im Wirbel des Vergnügens fort- rejßen lassen. All das erträume ich, begehre ich. Aber mit einein Mann, den ich liebe und der mich liebt. Mein Gott! Was würde man sagen, daß die kleine Marie, ein Mädchen von kaum zwölf Fahren, so etwas denkt!" Aber sie wird B. niemals heiraten; sie ist fest entschlossen: „Ich will den Herzog von H.. Ich liebe nur ihn. Sein wüstes Leben kann ihm vergeben werden . . ^o) liebe ihn, und deshalb leide ich. . Nehmt mir dieses Leiden, und ich wäre tausendmal unglücklicher. Das Unglück ist mein Gluck. Ich lebe nur darin. Alle meine Gedanken, alles ist darin beschlossen. Der Herzog von H. ist mein alles. Ich liebe ihn so sehr! Das ist eine sehr altmodische Phrase, da man nicht mehr liebt Die Frauen lieben die Männer, weil sie Geld haben, und die Männer lieben die Frauen, wenn sie in Mode sind und sich nett benehmen." Das religiöse Gefühl, das in der kleinen Marie lebendig ist, verknüpft sich in einer Szene am Karfreitag mit dieser ihrer Liebe. In der Kirche sieht sie den Herzog in einer verklärten Gestalt. „Bei dieser Erscheinung ist mir em Gedanke gekommen. Es gab viele Blumen bei dem Grabe Christi, ^ch habe eine Marguerite genommen, diese Blume ist heilig, sie war in der Nähe unseres Heilandes. Sie wird mir sagen, teb meine Wünsche sich erfüllen. Mit Herzklopfen zerpflücke ich sie, m. weist 0 mein Gott! Dank dir, ich glaube an diese Voraus? setzung, sie ist heilig." Das Kind, das unter dieser Liebe leidet, wird von der Mutter nach Wien zur Ausstellung mitgenommen Und vergißt hier seine erste Liebe. Besonders entzückt ist sie von der russischen Abteilung, denn „Vaterland bleibt immer Vater- land; alles was russisch ist.in diesem Pavillon, ist schön. Auf den Verkaufsgegenständen waren russische Namen, ich hatte dre Augen voll Tränen." Aber die junge Russin findet ihr höchstes Entzücken in Paris. „Endlich! ich habe gesunden, was ich wünschte, ohne zu wissen, was," schreibt sie, als sie nach Paris kommt. „Leben ist Paris, Paris ist Leben! Ich quälte mich, weil ich nicht wußte, was ich wollte. Jetzt sehe ich vor mich Ich weiß, was ich will. Von Nizza nach Paris gehen. , Eine Wohnung hier haben. Durch den russischen Gesandten mich in die Gesellschaft einführen lassen. Das ist es, was ich will." Aber' sie muß wieder mit ihrer Familie nach Nizza; sie muß arbeitest Und lernt sleißig. Neue Sensationen peitschen ihr Gefühlsleben ans. Nach einem Wettrennen schreibt sie: „Ich bete an! Ich bete an — die Pferde. Sie sind mein Leben, meine Seele, mein Glück. Zufällig schlage ich mit meiner Reitpeitsche. Es ist dasselbe Pfeifen wie bei dem Rennen. Ich bin hochgesprungen. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin . Dann lernt sie schießen und findet ein neyeg MiMchezz Lariv, HM fie mit ihrer Wrjezt Figur,
Wen schmälen Händen eine solche Mordwaffe handhaben kann. Sie fühlt sich äls seltener, ungewöhnlicher Mensch, der sich verwandeln kann in viele Gestalten: „Beim Schießen bin ich Mann: im Wasser Fisch; auf dem 'Pferde Jockey; im Wagen junges Mädchen; in Gesellschaften große DaMe — beim Ball Tänzerin; iM Konzert Nachtigall Mit sehr tiefen Tönen und hohen wie eine Geige. Ich habe eine Maschine in der Brust, die in die Seele eindriugt und das Herz schlagen, läßt." Sie fühlt sich bereits! als Weib und empfindet jede Nichtachtung als eine ihr angetane Schmach; sie empört sich auch bereits gegen die Stellung, die die Frau in der Gesellschaft hat, will nicht nur als Spielzeug, als Unterhaltung behandelt werden. Schöne Kleidung ist ihr Entzücken. „Ich bete die Toilette an, weil sie mich reizend macht und dem Vergnügen gewährt, den ich liebe und mit dem ich glücklich ein werde. Die Toilette gibt also das Paradies auf Erden . . .
Ich bin ein seltenes Wesen. Ich bin vollkommen geschaffen, habe eine hübsche Figur, eine schöne Stimme, Geist; mit all dem werde -ich Frau werden. Glücklich der Mann, der mich haben wird! Der wird das irdische Paradies haben! Vorausgesetzt !)aß er mich zu würdigen versteht."
Phantastische Schwärmerei und Uebertreibungen wechseln ^so ab Mit klugen Beobachtungen und scharfer Selbstanalyse. So groß ist ihr Drang, sich über sich selbst klar zu werden, daß sie einen RvMan zu schreiben beginnt, und die Freuden des Schaffens zum erstenmal auskostet. >,Gott sei Dank, ich kann alles, was ich will!" So klingt triumphierend der Jubelruf der kleinen Marie Baschkirzew. _________
Napoleon und der Selbstmord.
Die Aeußerungen unseres Kaisers über den Selbstmord geben dem Napoleon-Historiker Henri W -e l s ch i n g e r Veranlassung zn einer Darstellung des Verhältnisses Napoleons I. zum Selbstmorde.
Als Napoleon noch erster Konsul war, beging ein Soldat! seiner Garde wegen unglücklicher Liebe Selbstmord, In einem Tagesbefehl hielt der Erste Konsul den Soldaten darauf vor, daß ebenso viel Mut dazu gehöre, die Leiden der Seele zn ertragen, wie gegenüber den Kugeln einer feindlichen Batterie Stand zu halten: „Sich widerstandslos dem Schmerz überlassen und sich gar töten, UM sich ihm zu entziehen, das heißt vom Schlachtfelde laufen, ehe die Entscheidung gefallen ist," Daß Napoleon freilich auch imstande war, den Selbstmord menschlich verständlich zu finden,- zeigt sein berühmtes Erfurter Gespräch mit Goethe, in dem er dem Dichter des „Werther" vorwarf, daß er {einen Helden nicht bloß um seiner unglücklichen Leidenschaft willen, sondern auch noch Unter dem Drucke gekränkten Ehrgeizes Selbstmord begehen lasse, 7,Damit haben Sie," fuhr er fort, „die Vorstellungen, die sich der Leser von der unermeßlichen Liebe Werthers zu Lotte macht, stark abgeschwächt." Was aber das Erstaunlichste ist, Napoleon hat jenem Tagesbefehl zum Trotz doch einmal selbst einen Selbstmordversuch gemacht. Das war in jenen Tagen nach dem Einzug der Verbündeten wrt 31. März 1814 in Paris, als diese erklärten, nicht mehr mit Napoleon Bonaparte unterhandeln zu wollen. In Fontainebleau erklärten ihm seine Generale, als er mein'te, Paris noch einmal den. Gegnern entreißen zu können, sie würden feinen Versuch Mehr machen, mit dem sie alles auss Spiel setzten; Paris dürfe nicht der Gefahr ausgesetzt werden, Moskaus Los zu teilen. Ihrem vereinten Drängen gegenüber entschloß sich Napoleon schließlich zur Abdankung, und zwar zur bediiigungs- Iiofeit. In einer letzten Unterredung mit Caulaincourt sprach der Kaiser, der sein gewaltiges Reich für die Insel Elba dahingegeben hatte, von feinem Leben, als wenn es schon zu Ende sei: „Auf dem- Schlachtfelde sterben," rief er, „das ist nichts l Aber im Elend und in solchen Händen.....!" Der Ekel und
Schrecken über die Ereignisse dieser Tage, der Abfall seiner besten Offiziere, die Feigheit des Senats, die perfide Untreue Tälley- rands, die Angst vor dem Verhalten der Bevölkerung untergruben schließlich die gewaltige Kraft und Ausdauer, die ihn inmitten schlimmster Katastrophen nicht verlassen hatten. Da griff er zu dem Gift, das ihm während des Winterfeldzuges von 1812 sein Arzt Wan bereitet hatte für den Fall, daß er den Kosaken in die Hände falle; er schüttete es in ein wenig Wasser und schluckte,«8 Hinunter, aber die Zeit hatte dem Gift alle Kraft geraubt, so bereitete es ihm nur schreckliche Krämpfe und Schmerzen, so.daß er seufzte I „Ach, wie schwer ist es, zu sterben!" Doch er blieb am Leben. Dieser Selbstmordversuch war aber nicht das endgültige Urteil Napoleons über das Recht, dem- eigenen Leben ein Ende zu machen. Im Fahre 1816 sagte er zu O Meara: „Der Selbstmord ist die Tat eines Spielers, der alles verloren hat, oder eines ruinierten Verschwenders. Ein Mann beweist mehr wahren Mut, inbeui er bie Leiben, die ihn treffen, ertragt, als inbent er das Leben wegwirft." Er bedauerte also tut Ex,l bte Schwäche, die er zwei Fahre vorher gezeigt hatte. Napoleon hat sich dann noch oft in gleichem Sinne über den Selbstmord geäußert; eines Tages erinnerte er sich des Selbstmordversuches Casars und sprach sich dazu folgendermaßen aus: „Staun man, darf man sich den Tod geben? Ja, sagt man, wenn inan vhuq Hoffnung ist. Aber wann, wie kann man auf diesem loechiel- viollen Welttheater ohne Hoffnung sein, wo der natürliche ober ber erzwungene Tod eines einzigen Menschen mit einem .Schläge den Zustand und das Antlitz aller Dinge verändert t


