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Schwäche gegen das Ich. Er spielt sich selbst Komödie vor. Auch sein Kampf gegen die verwitterte Moral in unsere« tugendhaften Stadt nichts als ein fröhlicher Spektakel, sich selbst wieder einmal in Szene zu setzen! In. diesem guten Jungen steckt Ungeheuer viel Eitelkeit und gerade einem Menschen von so starker subjektiver Wertschätzung' gegenüber braucht man nicht vorsichtig zu sein. Nur ehrlich. Man muß ihm die Wahrheit sagen. Und wenn die Wahr­heit nicht mehr wirkt, muß Uran ihr: auslache,r. . . Pronta, Signorina? Dann 'wollen wir wieder an die Arbeit gehen."

Man kehrte in das Atelier zurück. Und auf dem Wege dorthin fing Traute nochmals von Everstedt an. Das Urteil Kruses interessierte sie lebhaft.

Herr Professor, Sie meinten vorhin, Everstedt sei ein Stiminnngsmensch. Ich "hätte ihn eigentlich für berechnend gehalten wenigstens dann, wenn es sich um die Er­reichung irgendeines egoistischen Zieles handelt."

Kruse nickte"Das eine schließt das andere nicht aus. Stimmung ist Selbstgenuß. Und allem Selbstischen liegt mehr oder weniger Berechnung zugrunde. Was ja auch gar nichts schadet. Oder aber: es schadet nur, wenn andere darunter leiden. Wenn die .egoistischen Ziele' rücksichtslos erreicht werden sollen. So ein rücksichtsloser Egoist war auch Everstedt einmal. Aber ich glaube, er ist zahmer ge­worden. Er sträubt sich noch immer gegen Satzung und Bindung und baut seinem Ich einen Altars aber es ist schon viel Pose dabei."

Nun war man wieder im Atelier. Kruse half Traute aus der Pelzjacke.

Sie nehmen Interesse an Everstedt?" fragte er an­scheinend harmlos.

Nein gar keins," entgegnete sie rasch. Sie setzte sich und fügte lächelnd hinzu:Wird .jetzt eine Warnung kommen?"

Gott bewahre. Höchstens ein guter Rat. Patrizische Junker vom Schlage meines Freundes Paul vergessen sich zuweilen in ihrem sinnlichen Wohlsein. Sollte er Ihnen gegenüber einmal den Respekt außer Augen lassen, so zürnen Sie ihm nicht, aber antworten Sie ihm mit blutigem Hohn. Das ist wirksamer. Den Kops höher, wenn ich bitten darf."

Traute reckte sich. Der gute Rat war doch eine War­nung. Die Männer warnten gegenseitig voreinander.

*

Eine UeberraschUng erwartete Traute daheim: Ever­stedt hatte Besuch gemacht. Wahrhaftig, so war es! Die Mütter zeigte ihr seine Visitenkarte. Die neueste Mode: sehr groß irrt Format, der Name auf gelblichem Karton: lithographiert. Aber nur der Name, ohne Adresse. Das war ganz sein. Der Name genügte.

Die Mutter hatte ihn natürlich nicht angenommen. Das war Unmöglich gewesen. Sie hatte gerade in der Küche zu tun gehabt; die Emma konnte keinen Aal töten und graulte sich vor seinen Sprüngen; da mußte sie immer dabei sein. Aber auch beim Türöffnen hatte die Emma e dumm benommen. Zunächst tvar sie ohne Schürze ausgcgangen, und dann hatte oie Gans vor dem fremden jungen Herrn einen kleinen Schreck bekommen, und schließ­lich hatte sie nicht gleich gesagt, die Herrschaften wären glicht zu Hause, sondern war erst mit der Karte in die Küche gelaufen und hierauf wieder zurück mit ihrer Be­stellung: die Herrschaften wären ausgegangen. Einen noblen Eindruck würde Paul Everstedt also nicht empfangen haben.

Ich kann nichts dafür, Traute," sagte die Mütter. Wenn es sich tun einen Aal handelt, ist die Emina wie verrückt. Ich denke, Herr Everstedt wird es nicht übel nehmen, daß er so wenig formell abgefertigt worden ist. Lieber Gott, daß wir nicht Diener und Zofen im Hause haben, wird er sich wohl denken können!"

Und wenn er es sich n ich t denkt, ist's auch schnuppe," erwiderte Traute kühl.

Die Antwort ärgerte Frau Auguste nun wieder. Sie verstand es nicht, daß Traute sich diesem Mann gegenüber so abweisend verhielt. Es gab auch noch weitere Kämpfe um ihn. Es wurde erwogen, ob! der Vater nicht den .Besuch erwidern müsse. Aber der Gedanke erschreckte Köhler geradezu. Er wehrte sich gewaltig dagegen. Es stellte sich herans, daß er gar keine Visitenkarten mehr besaß. Seine ersten inii) letzten Visiten hatte er nach der LpMe.it genracht. Von pa ab. führte er mir noch Ge­

schäftskarten :Franz A. Köhler, i. F. Otto A. Köhler. Felle Und Häute." Und so eine konnte man nicht bei Herrn Everstedt abgeben.

Friedrichs der in das Vertrauen gezogen wurde, hielt den Gegenbesuch auch nicht für nötig, Nicht einmal eine Einladung. Derartige Respektsbesuche junger Herren er­ledigten sich von selbst. Das sei so" gang Und gäbe.

Traute war mit dem Endbeschruß sehr einverstanden. Die Idee, Everstedt einmal einzuladen, war ihr von vorn­herein gräßlich, gewesen. Das hätte noch gefehlt, dem hochmütigen Menschen Einblick in die kargen Verhältnisse des Elternhauses zu gewähren Und seinen Spott zu ent­fesseln!

Aber es blieb nicht bei dem Besuche Eberstedts allein. Am Sonntag mittag gaben Fred D-ewa und Wilm' Noel- dechen ihre Karten bei Köhlers ab; am nächsten "Dienstag" erschienen Friederici und Mursinna, den Tag darauf die Brüder Eggenolph. Es machte den Eindruck, als habe Everstedt den Bann gebrochen'und jetzt erst die Gesellschasts- fähigkeit Trautes ermöglicht.

(Fortsetzung folgt.)

Charlotte v. Ualb als Schriftstellerin.

(Zu Wem' 150. Geburtstage, 25. Juli.)

Charlotte v. Kalb-, die Freundin unserer klassischen Dichter, die von Schiller geliebt, von Ivan Paul angebetet, von Her-dew Wieland, Hölderlin und Fichte und vor allem von Goethe hoch" geschätzt und verehrt wurde, ist bedeutend wegen dieser ihrer un­gewöhnlichen und vielfältigen Beziehungen zu den Größen unserer Literatur, deren Zeugnisse uns in ihren Briefen und denen der Dichter und Schriftsteller überliefert sind. Weniger bekannt, aber gewiß wertvoll genug, daß anläßlich ihres 150. Geburtstages! daran erinnert werde, ist ihre eigene Schriftstellerei.

Diese hätte sich freilich vielleicht zu allgemeinerer Bedeutung, als ihr schließlich gelungen ist, entwickelt, falls die leidenschaftliche Frau nicht durch ihre Liebe zu Friedrich Schiller, der das Schicksal,- das Glück der Erwiderung versagte, und zugleich durch widrige persönliche Schicksale: den schließlichen völligen Verlust ihres Vermögens und ihre von früh aus zu erwartende und endlich cin- getreteue Erblindung aus der Bahn einer ruhigen Entwicklung herausgerissen worden wäre. Schon früh war die dichterische Veranlagung des phantasievollen Mädchens zu Tage getreten. Als die Pflegemutter der früh Verwaisten gestorben war, da klagte sie ihr still in schönen, an Hölty, den Modedichter der Zeit, erinnernden Versen nach:

Und so lang ich hier im Tale walle. Sei Dein Leben Lehr' und Beispiel mir! Dank und Tränen dir für alle Deine Lieb' und- Güte hier!"

Tie einzigen Verse, die wir sonst noch von ihrer Hand be­sitzen, stehen ein seltsames Spiel des Zufalls-~nt dem Stammbuch Charlottens v. Lengefeld, der späterin Gattin Schillers. Schon in den frühen Mannheimer Tagen der jungen Freundschaft mit Schiller wrihte sic ihn in ihre Pläne, einen Roman zu schreiben, ein, dieser gedieh aber Wohl dantals kaum weit, und auch in den folgenden Jahrzehnten scheint Charlotte nur wenig daran gearbeitet zu haben. Aber in einem Brief aus dem Jahre 1818 hören wir endlich, daß eine große Episode aus demRoman" fertig sei:

Darin habe ich ein Wesen geschildert," schreibt die Ver­fasserin,welches, ohne in ein Kloster zu gehen, nicht ohne Schwäch in der Gesellschaft hätte bleiben können . . ." Abed erst ein Jahr vor ihrem' Tode, ant 7. Mai 1842, erklärte die nun längst erblindete Frau, die feit mehr als 20 Jahren dank der Güte der preußischen Prinzessin Marianne, eine kleine Wohnung im Berliner Königlichen Schlosse bewohnte, die Erzählung für vollendet: der Oeffentl.ichkeit übergeben wurde das Werk aber erst aus ihrem Nachlaß, acht Jahre nach ihrem Tode, im Jahre 1851. Tas Ganze, an dem die Verfasserin so beinahe tiO Jahre lang geschrieben hat, ist nicht nach einem' einheitlichen Plano gearbeitet, und doch spricht der hohe Sinn Charlottens, die nicht ohne Grund in ihren Weimarer Jahren die einzige Frau gewesen lvfar, der Goethe in gewissen Zeiten seiner strengsten Abge­schlossenheit den schriftlichen und mündlichen Verkehr mit ihm gestattet hatte, auch aus dieser oft unklaren lind zerfliehendcini Darstellung der tragischen Schicksale und schmerzlichen Leiden jener edlen Frauen und Männer, die sie zu den Helden Wes' Buches gemacht hat. Das weitaus wertvollste und interessanteste Werk Charlottens aber sind- ihre Memoiren. DieseLebeus"- beichle", zu deren Niederschrift sie stark durch GoethesDichtung Und Wahrheit" angeregt worden zu sein scheint, enthüllt deut Blick, der sich müht, durch die wallenden Nebel, die in der eigen­tümlich andeutenden, infolgedessen ost ins llnanschaulich-Abstrakte fallenden, dann wieder übermäßig bilderreichen, bald gehobeneu- seierlichen oder dialogisch-dramatischen, bald einfach berichtenden Darstellung die Gestalten und Ereignisse geheimnisvoll umschwe­ben, hindurchzudringen, die tiefsten Wurzeln und das. besondere WeM der JnWKmlMt dieser, hervp.rraLcpMen FrM WL dAk