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ein Kind:
— Lieber Maria!
Mott, ich bitte dich, lasse mir meine (Fortsetzung folgt).
sein, daß man mir nichts anmerke. Dann ging ich in iW Zimmer. Sie war nicht da. Maria lag draußen tiitf des Veranda. Vorsichtig trat ich naher. Auf den Zehen schlich ich hinaus, falls sie schliefe, sie nicht zu wecken. Da erhob sich die Schwester, die neben der Schlummernden saß, und machte mir ein Zeichen. Ich blieb stehen. Stumm.sah ich Maria an.
Ich betrachtete sie mit ängstlichem Blick. Mir war es> als müßte ich etwas Besonderes an ihr bemerken, nun, da ich vom Arzt die Gewißheit hatte. Aber ich gewahrte nichts. Nur hatte sich-mein Auge jetzt vielleicht geschärft, und ich sah, wie mager der schlanke Hals war, wie dünn und zart die Arme, die Gelenke, die Hände, die Finger. Ich sah, daß die Wangen nicht mehr rund und voll waren tote einst und die geschlossenen Äugen tief in dem Gesicht eingesunken lagen. Aber es waren doch meiner Maria Augen und Wangen.
Die Schwester war zartfühlend beiseite getreten, und ich konnte mich meinen Gedanken überlassen, ohne haß mich ein fremder Blick störte. Lange blieb ich stehen. Maria sah so friedlich aus, so sauft. Ihr schwarzes Haar hoch aus der Stirne gekämmt, hing in Wellen über das weiße Kopfkissen. Die Brust hob und senkte sich ruhiger, leichter als sonst in diesen letzten Tagen, und Wie ich dieses Bild meines Weibes auf dem Lager gewahrte, unlgeben vou Grün, umstrahlt von der helleu Soune, im Duft der Glyzinien, die lila in blendender Farbenpracht, in gewaltigen Dolden die ganze Veranda umrankten, d!a war es mir in dieser feierlichen Stille so bang ums Herz, daß ich mich fortschlich, hinüber in mein Zimmer. Dort riegelte ich hinter mir zu, dann nahm ich mein Taschentuch, setzte mich aus Fenster und Wollte meine Tränen heimlich ersticken, daß niemand von meinem Schmerze -etwas ahne. Aber meine Augen blieben trocken. Ich konnte nicht weinen. Ich war starr, wie leb-! los, vernichtet. Ich faßte mein Schicksal nicht.
Langsam sank ich vom Stuhl herab auf die Kniee. Jch saltete die Hände und sprach mit schlichten Worten wie
AlaWche deutsche Garten.
Bon Dr. Paul Lauda n.
Fair das sichere Einverständnis beglückter Liebe wählt unsere mittelhochdeutsche Dichtung den bildlichen Ausdruck: „Sich ein Gürtlein gezäunt haben." Nirgends sonst schien dem Germanen! das Bild holden FriÄxns, trauter Zurückgezogenheit und lieblicher Stille so rein ausgedrückt als im wonniglich umhegten Lust- gefild der Rosen und Veilchen, der Bänme und Pflanzen aller Art. Dieser intime, ohne einheitliche Wirkung geschaffene Garten des Mittelalters, „dnrchgrüNet hier und da, geschachzabelt und geviert, mit Kraut und Würzen wohl geziert", wie es im Liederbuch der Clara Haetzlerin heißt, war den Deutschen so. ans Herz gewachsen, daß sie ihm auch im Zeitalter der Renaissance Iren blieben, als sich der bei aller Freiheit der Gestaltung int Einzelnen doch streng architektonische, majestätisch stolze italienische Garten die damalige Kultnrwelt eroberte. Von solchen schachbrettartig Bunten, gar regelmäßig aufgeteilten nnd lustig ausgeschmückten Anlagen hat sich Ivohl kaum etwas erhalten; nur ans alten Bildern duftet uns noch der Rosenhag entgegen, dessen blühender Rahmen Madonna milt dem Kindlein und die zierlichen Fräulein einet „heiligen Gesellschaft" umschließt, blickt uns die Geisblattlanbe an, in der Jünglein nnd Mägdlein sich ihre Liebe gestehen. Im Anfang des 17. Jahrhunderts dringt dann allmählich die italienisch^ Gartennwde auch zu uns: sie herrscht in dem bedeutendsten! Renaissancegarten Deutschlands, dem Heidelberger Schloßgarten, von dein aber nur noch die Terrassen die ursprüngliche Fornr erraten lassen. Heute stehen prächtige moderne Anlagen! auf diesem wundervollen Fleck Erde rings um das verwitterte Gemäuer des Ottoheinrichs-Baues, doch der int Kupferstich erhaltene Plan des Salomon de Cans gibt deutlich zu crkennen,- daß auch innerhalb des italienischen Rahmens noch das kleinliche schnörkelhafte Element des Mittelalters herrschte. Erst unter französischem- Einfluß am Ende des 17. und int 18. Jahrhundert sind in Deutschland großartige klassische Gartenanlagen entstanden,! von denen bedeutende Beispiele noch heute, besonders in Aid- deunschland, nur wenig verändert erhalten sind und auch in diesem! Frühling die verklungene, in den letzten Jahren wieder so hem ersehnte Schönheit der klassischen Gartenkultur in uiwergleichuchM Pracht entfalten. Dürfen doch diese alten Schöpfungen unsercp Zeit, die sich von der Herrschaft des englischen und romanttsaM .Landschaftsgarteus wieder klareren unt> streng gegliederten Form es
tzber wich', als wären' mir die Beine gelähmt. Es überlief Mich kalt, ich fühlte meine Schläfe eisig werden, langsam glitt es durch mein Haar, daß es sich aufzurichten schien. Ein seltsames Gefühl empfand ich, als wäre ich kleiner geworden, als säße mir die Haut, verschrumpelt plötzlich, Kn weit um den Leib. Ich sagte fest:
— Also, Herr Doktor, ?ch erwarte die Nachricht.
Er begann:
— Ich habe die gnädige Fran heute nochmals genau untersucht und, was ich längst befürchtete, bestätigt ge- gmden.'....... Nur durste ich doch eben nichts mit
estimmtheit sagen, ehe es nicht so weit war. Bereiten Sie sich darauf vor. Der Augenblick ist gekommen. Ich — ich kann Ihrer lieben Fran nicht mehr helfen, und — ich meine, kein Arzt der Welt. Unsere Weisheit ist aw Ende.
Was ich getan habe, antwortete, fragte — ich habe die Erinnerung daran nicht mehr behalten. Ich w!eiß nur, daß ich eines Nachdenkens mich nicht fähig fühlte. Ich hatte nur ein Bedürfnis: fort, hinaus in die freie Luft. Mir war es, als könnte ich int Zimmer nicht atmen, als müßte die Decke auf mich niederfallen, als wankten die Manern. Ich wußte: in diesem Augenblick konnte ich Maria nicht gegenübertreten. Und ich stürzte davon. Ich sah nicht. Hörte nicht. Ich rannte hinaus auf die Straße, fort gns den Gassen. In die Weingärten ging ich, wo mich Mn Auge erblickte, wo ich feilte Seele sah. Dort setzte ich mich an eine Maner, daran der Wein wuchs. Unter mir zogen sich die -Lauben hin in ihrem ersten kleinen Blatterschmuck, denn die Rebe treibt spät. Den Rücken durch die lose geschichteten Steine gedeckt, blieb ich hocken und starrte hinunter aus das grünende, flimmernde Etschland mit seinen Tausenden vou blühenden Obstbäumen, die wie weiße Tupfen über den Anger verstreut lagen oder in ganzen Ketten sich streckten. Ich blickte auf beit blauen Wasserstreifen, der alle die Fruchtbarkeit Und Frühlings- Pracht durchzog, die Etsch. Ich sah auf die lange, in bläulichem Dunst schwimmende Kette der Berge, auf das burgen- gekrönte Mittelgebirge, den 6lauen, dunkeln Südlandshimmel. Ich, ließ mich bescheinen von dieser glühenden, lebenspendenden Sonne, ich hörte den jubelnden Schrei der Vögel, die zu fingen schienen: der Lenz hebt an!
Und ich begriff mich nicht, nicht die Natur. Begriff nicht, daß ich weiter leben konnte mit dieser Todesbotschaft int Herzen. Verstand nicht, wie es grünen und blühen konnte, wachsen, gedeihen, lebendig werden, und die, die ich liebte, war zum Tode verdammt. Ich konnte Gottes Ratschluß und Weisheit nicht fassen, der dieses einzig gute, liebe, schöne Wesen nur die wenigen Fahre behalten wollte auf seiner weiten Erde. Ich brütete, ich starrte vor mich hin, ich zersann mir das Hirn und konnte doch keinen Gedanken fassen. Endlich stand ich auf und blickte mich um. Mir war es, als dürfe die Sonne nicht weiter scheinen. Ich blickte empor: sie sollte zittern, erblassen, verlöschen — sie strahlte weiter am wolkenlosen Himmel, ruhig, milde, warm. a
Nichts rührte, nichts veränderte sich in der schölten Natur, als ginge mein Leid die Welt nichts an. Ich war förmlich erstaunt darüber. Ich setzte mich abermals. Ich war gefaßter. Ich überlegte meine Pflicht: nichts durfte ich die Kranke merken lassen. Ich mußte alle Kräfte zusammennehmen, um mein Wissen nicht zu verraten. Die letzten--- — ja wie lange gehört sie mir noch? Jahre
i— nein, Monate? Wochen nur? Sage? Was hatte der Arzt gemeint? Vom Zeitpunkt hatte er nicht gesprochen.
Da kam die Hoffnung wieder ganz leise über mich. Vielleicht dauerte es noch, und ich durste sie noch lange, lange besitzen. Vielleicht — mein Herz begann zu schlagen h— vielleicht irrte sich der Arzt. Einen Augenblick durchsi Kitterte mich Seligkeit. Ja, er irrte sich — bestimmt, er irrte sich, mußte sich irren!
Nun sprang ich auf. Ich sah nach der Uhr und erschrak. Lange, unendlich lange hatte ich hier gesessen. Maria würde mich vermißt haben und hatte ganz gewiß nach mir gefragt. Ich eilte nach Haus. Die rasche Bewegung vertrieb Träumen und Kopfhängen. Ich sagte mir: Du darfst es ihr nicht zeigen. Nichts, nichts soll sie ahnen. Du mußt vor ihr stehen, als würde sie gesund. Und als ich die Billa liegen sgh und' langsam schritt, war ich ganz gefaßt. Jin Flur — ich war leise eingetreten — ließ ich das elektrische Licht aus ! bucht en und besah mich im Spiegels als Wolke ich gewiß


