Ausgabe 
24.4.1911
 
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Wir einen gefälligen Vevattdabau mit farbigen Gläsern, den Restant rant du Parc. Ihm steht entgegen ein altägyptischer Bau, der Pavillon der Schokoladenfabrik Tälmone. Dahinter wuchtet ein viereckiger Riesenkasten, der Palast der Elektrizität. An ihn schließt ich westlich ein Kolonnadenrund, strahlend weiß, das als Fang- arme für den modernen Quadratbau der Automobilschau dient. Weiter flußaufivärts ragt wuchtend ein Kuppelbau mit vier Kreuz­armen, die auf den ersten Blick Bahnhofshallen gleichen. Der noch sehr unfertige, gewaltige lichte Bau, der später stehen bleiben! oll, ist für Presse, Buchdruck und Kunst bestimmt. Mit ihm kon­trastiert durch kleinere Verhältnisse, der zierliche Kuppelbau in Rokoko des Ministeriums der Finanzen und der Staatsmonopole! ür Tabak, Salz und .Chinin. Dessen Nachbar ist der im naj- tionalen Stil gehaltene türkische Pavillon. Jetzt aber wenden wir den Blick aufwärts zu einer Hauptsehenswürdigkeit. England hat durch Gröste wirken, zugleich aber kokett-graziös kommen wollen. Seine Villenanlage ist halb Vignola, halb heiteres Ber- äilles, aber alles in riesigen Verhältnissen. Im Tal sehen wir einen Teich mit Steingruppen ä la Bernini geziert, hinter ihm! zieht sich eine Rampe, die zum Teil an Vignolas Schloß Caprarola, zum Teil an Villa Lante in Bagnaia bei Viterbo erinnert; auf der Hochebene prunkt dann das Säulenhallenhalbrund, dessen Enden von offenen TempelcheN, die aufsitzen, gebildet sind.

An vielen privaten Kiosken vorüber kommen tmr im Halb­kreis der schattigen Allee an den Po. Welch herrlicher Anblick! Das ist Pracht und geschmackvolle Pracht, was das andere Ufer bietet. Im Westen beginnt die Flucht der Prunkpaläste auf Säulen steht ihr Dach der rumänische. Seme Rundbogen- fenster sind schlank und dünn, wie nach einer Entfettungskur, seine Dachzierden gleichen Eierbechern mit grünm Eiern, und doch wirkt das Ganze erfreulich. Neben ihm flußabwärts folgt der färb en schöne siamesische Palast mit den zierlichen, an der Spitze mit Hahnensporen gezierten gelbblauen Doppeldachern nna der schönen Terrasse und dem spitzen Dachturm im Mittelpunkt!.. An ihn stößt eine langgereckte Vornehmheit, der weiß funkelnd« Palast der Vereinigten Staaten. Er stellt eine Kette von Säulen- ässaden dar, die in der Mitte einen großen Barockdreieckgiebel und rechts und links zwei kleinere zeigt.

Die schlängelnde Allee zieht uns letzt landeinwärts zum. rus­sischen Palast, einem flachgebogenen Hufeisen, dessen beide Fuß« dorische Tempel scheinen, freilich mit Riesensäulen, wie sie dl« Jsaakkathedrale in Petersburg zeigt, nur daß sie weiß, diese aber braun sind. Das rotbraune mittelalterliche Schloß des alten Parks unterbricht das Kaleidoskop der Zementbauten der Ausstellung mit seiner altersgeheiligten, rotbraunen Ziegelsoliditat, zwingt uns aber auch zu einem Umwege, der zu der neuen Pobrucke hinaufführt. Auf ihr rufen wir mit Augustus , Plaudite amici! Blicken wir nach Norden, so sehen wir links den im Versailler Stil gehaltenen würdigen Bau der Stadt von Paris Ul ge- dämpftem Braun, dann in der Achse der Brücke den phantastych- reichen Palast für die Schauspiele, ganz spielerisches Barock-Zucker- werk Dann bestaunen wir die breite Brücke )eI6|t mit ihrem Seitenschmuck, der Mlee von Vikorien tragenden hohen Säulen und geradeaus nach Süden staunen wir über eine stolze Treppen- und Fassadenanlage, die an die spanische Treppe tn Rom mit dem Kloster Trinita di Monte ähnelt. Diese Anlage ist das archi­tektonische Milieu für die Riesenkaskade der fontarne lummeuse.

Schauen wir flußaufwärts auf den Platz zwischen der Biwke und idem Palast der Vereinigten Staaten, so werden wir D e u t s ch e mit patriotischem Stolz erfüllt. Dieser Prunkbau kann ficfc Wert lassen, obgleich sein rechter Flügel länger ist als der sinke. Dies­mal haben wir England geschlagen. Dies erscheint mit seiner Barockvilla als slirt-nation, wir als die vornehme Arlstokratlit aus besserer Famflie. Die Mitte des weißen Baues der glücklich Palladios Säulenfassade mit dem Barock verbindet ist ein großer Kuppelhallenbau, zwei fleinere Kuppen folgen rechts und links. Schön sind die Antiken. Nie hat mir die Kaiserkrone besser ge­fallen, als wie sie auf der Hauptkuppel aufsitzt.

Weiter flußabwärts links von der Brücke stolziert sehr mieten flnle Frankreich mit einem an guadratischen Vorsprüngen reichen Rokokopalast. Ihm schließt sich der spanische und argentinische Palast an, bent an Flusseswand die fkuteieii Nationen. mit ihren Pavillons folgen. Wir wenden uns landeinwärts. Hinter dem phantastischen Palazzo degli Spettaeoli folgt rechts die an- mtitiae Dorfanlaae des Touring-Klub und links der schone Bau der Post und Telegraphie. Daran stößt der Sitz des Ausstellnugs« komitees, das den leichten Gartenhäusern gleicht, wie sie die Zopfzeit in ihren Orangerien lBersPiel: Straßburg und Mmena) zu errichten pflete. Dann ist unsere Wanderung zu Ende. Nach­dem wir so die schöne Ausstellung in ihrer Außenseite ihrer gleißenden Schale kennen gelernt haben, sind wir auf ihren Kern gespannt. 101

Aus den Programmen der vornehmen Uonzertgeber

des UonZertjahres 1909A0.

(Eins statistische Aufstellung von ErnstCyallier fest., Gießen.) Der alljährlich von der Firma Breitkopf U. Härtel heraM- geg ebene Opernstatistik möchte ich heute eine solche für die Konzerte

Turin und seine Ausstellung.

f^1 Professor C. A. Borges« klagt in seinem BucheDeutschland Pott heute" darüber, daß die Deutschen nie nach Turin gingen, weil Goethe dieses nie besucht hätte, und so kämen sie um die Gelegenheit, sich davvns zu .«erzeugen, daß Italien auch eine reinliche und elegante.Stadt besitze. Es ist wahr, Turm wird von den Deut schm schmählich vernachlässigt. Freilich, wer nur flüchtig es sieht, ist mit seinem Urteil schnell fertig :Eme langweilige Stadt mit quadratischen Blocken a la Mannheim, eine Stadt, die mehr französisch als italienisch ist. Wahr ists, die Stadt sieht auf den ersten Blick französisch aus, die Einwohner sprechen auch einen Dialekt, der französisch klingt, die Frauen haben nichts von italienischem Typ' ^n fte sind hochgewachsen und rotwangig, die Männer sind preußisch steif und nmchen einen verzweifelt nordisch soliden Eindruck, auch sind me Laben elegant, wie bei uns. Wer, wenn man herumschlendert, ent­deckt man so viele interessante Ziegelbau-Barockpalaste, wie das Hospital, und vor allem den Palazzo Carignano, den Meister Juvara schuf, und in dem Paolina Bonaparte hauste und Cavour vor dem Parlamente die Einheit Italiens proklamierte. Ferner sieht man das alte Kastell, an dessen grauen Mauern setzt Mandel­bäume rotleuchtend blühen, und das stattliche Königsschloß, uM von den reichen Museen zu schweigen. DaNn kommen die vielen Denkmäler, die uns von den Savoyen, diesen italienischen Hohen- zollern, erzählen und von den Einheitsaposteln, wie den Philosoph Gioberti. Sehenswürdigkeiten sind auch die alten Cafss vor allem das CafS S. Carlo, politischen Angedenkens, das an Vene­digs Cafe Florian erinnert. Schließlich sind auch die alten büirgerliichen Hotels nicht zu verachten, wo die Zimmer alle auf durchlaufende Balkons int Hofe hinaus gehen, von denen man sie auch betritt. Welche Küche bieten sie! Feinschmecker subisieren! Dabei haben sie auch Weine, die nicht zu verachten futo; denn Asti liegt nur eine Stunde Bahnfahrt von Turin. Notabene dasselbe Asti, das den spumante erzeugt, hat auch eme große deutsche Brauerei, die ganz Pirmont mit gutem Bier versorgt.

Wem das alles nicht genügt, der lasse sich in eme ein­heimische Familie einführen, und er wird sehen, was Gastlich­keit heißt. Schwärmt er aber für Landschaftspracht, so steige er auf den minaretähnlichen, eisernen Turm der Mole Antoniella, oder auf die Kapuzinerkirche jenseits des Po, oder fahre hinauf Mr Grabkirche der Savoyer, die Superga; das Alpenpanorama mit dem hermelinmantelgeschmückten Monte Rosa, das er von da erblickt, wird ihn in hellstes Entzücken versetzen. Jetzt zur Osterzeit gibt es indes noch anderes zu schauen. Die Vorstädte halten Feste ab, die an unsere Kirchweihen erinnern. Da sprießen Juxplätze aus dem Boden und Tanzplatzbühnen im Freiem auf denen ein Brio herrscht, wie in Paris am Bastillenfest. Nichts merkt man da von piemontesischer Steifheit. Von piemontestscher Steifheit zeugen auch die Unterhaltungen nicht, die man letzt führt. Im Gegenteil man ist sehr lebhaft und neidisch auf Rom. Turin als erste Hauptstadt Italiens hat bekanntlich Rom, der jetzigen Hauptstadt Italiens, die Ehre nicht gegönnt, das nationale Jubelfest der Nation allein zu feiern, und sicherte sich so die Internationale Industrieausstellung. Rom hat inbeffen ein wärmeres Klima und konnte schneller bauen, ist also fertig geworden. Turin aber, dessen Ausstellung Ende April feierlich eingeweiht wird, dürfte vor Eiide Mai nicht fertig fein. Das hindert nicht, daß schon jetzt die Ausstellung einen imponierenben Charakter hat. Sie wird sich sicher sehen lassen können und die Simploiiausstellung von Mailand im Jahre 1906 gewaltig übertreffen. Ihre durchgehende Note ist Barock, Barock des Juvara durch alle Nüancen hinüber zum ftanzöfischen Rococo.

Der Haupteingang stellt einen Rococoportikus dar, der viele Blumengewinde zeigt und Wlerrippen trägt. Rechts vom Ein­gang prunkt der Palazzo des Kunstgewerbes. Eine große weiße Halbrotunde mit hoher grauer Spitzkuppel, auf der eine goldene Viktoria steht. Am westlichen Ende schließt sie mit einer anderen Kuppelfasfade. Weiter links fällt ein Bau auf, der aus dem programmatischen Stil herausfällt. Es ist der ungarische Palast, ein gelbes Stilgemisch, das vom Aegyptisch-Babylomschen tnS Byzantinische spielt. Den Eingang bildet eine Halbkuppel aus imitiertem Serpentin; rechts und links vom Portal halten riesige grüne Steinstatuen Wacht, die alte slawisMhumische. Krieger dar- steflen. Die ganze Fassade schmücken imitierte Fresken, die bald ägyptisch, bald etruskisch anmuten, wie man sie in den Gräbern von Corneto Tarquini sieht; daneben kommen gemalte nackte Gruppen, die so stilisiert sind, daß die starken schwarzen Linien auf dem weißen Fleische oft taschenartige Gebilde vortäuschen. Jetzt folgt das wuchtige Schloß Valentino aus der Zeit der niedergehenden Renaissanee, das dem Park, in dem die Ausstellung steht, den Namen gab. Rechts von ihm rauscht ein schöner Wasserfall, Ihm gegenüber kommen der Pavillon von Algier, der einem Schsveizerhaus ähnelnde Sitz des Comits franyais, rechts das von dem Klub Alpiuo gebaute Alpcudorf mit den Haustypen aus derns Aostatal unb dem an die Walliser Sauten erinnernden ^Ypen des Formazzatals. Gegenüber grüßt ein weißer Terrassenbau der Republique Franoaise, ihm gegenüber der rote Bau un Stil der Champagne, der Pavfllon des Schaumweinhauses Moet et Chandon. Hinter ihm auf der baumbestandenen Anhöhe erblicken