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Nach der Terrasse von Monte Carlo zurück, nach d'er Bank, auf der wir gesessen — zu Herzeloide. O, ich wußte genau, was das bedeutete: es war nichts anderes und nicht mehr als die Aussprache, die mir so lange gefehlt hatte. Wenn ich irgend einen Bekannten aus Berlin wiedergetroffen hätte, es würde das Gleiche gewesen sein. Wer ich fühlte mich an diesem Abend zum ersten Male in meinem 'Hotel tödlich einsam.
Mein Freund, der Kellner, spürte etwas davon. Er war eine brave Seele und begann sich sofort Mühe zu geben, mich aufzuheitern, indem er mir beim Diner alle Neuig-- keiten des Tages erzählte: Exzellenz Braumüller aus Dresden hätte diese Woche eine Hotelrechnung von über ein- tausendzweihuikdert Francs gehabt; Misses Cooper aus St. Louis wäre heute nach dem Dejeuner am Strand spazieren gehend ins Meer gefallen und nur mit Mühe aus dem Wasser geholt worden. Sie hätte sich aber auch schon um acht Uhr eine Flasche Madeira aufs Zimmer kommen lassen. Ein Onkel des Esquire Robinson aus Leeds sei eingetrofsen, um, wie man annehmen könnte, den jungen Mann vor weiteren Spielverlusten zu bewahren und nach England zurückzuholen oder doch wenigstens zu beaufsichtigen. Die Fürsorge des Onkels hätte aber damit begonnen, daß beide Herren, nachdem sie ein und eine halbe Stunde im Park auf einer Bank gesessen, schließlich doch mit dem Zuge sechs Uhr fünfzehn Minuten nach Monte Carlo gefahren wären.
Als ich Signor Quarti nicht bei seiner Familie sah Sterte mir mein Leipziger zu, auch er hätte sich Onkel Neffe angeschlossen, nachdem er seinen Eltern gesagt, er hätte solche Kopfschmerzen, daß er lieber gleich zu Bett ginge.
Das heiterte meine Laune auf, und ich gewann wieder Spaß, an her menschlichen Komödie zu empfinden, die sich hier im Speisesaal täglich vor meinen Augen abfpielte. Als nun gar noch ganz unerwartet zwischen den Sternkreuz- damen und den drei westfälischen Schwestern eine Annäherung sich vollzog, indem die Gräfin Chadenski sich von dem ältesten Fräulein von Roking den Almanach der fürstlichen Häuser ausborgte, den jene aus irgend einem Grunde mit zu Disch gebracht, da ward mir ganz gemütlich zu Sinn.
, Es war köstlich, zu beobachten, wie die Damen aus Münster, Graz und Magenfurt sich in Gotha zusammenfanden, und wie zuerst die Gräfin, dann die Baronin Köfler von Simmbach sich an den Tisch der Roten Erde setzten, Zigaretten anboten — die übrigens dankend abgelehnt wurden — und schließlich eine innige Gemeinschaft bildeten, indem sie die Köpfe zusammensteckten und immerfort zu Madame Chappuis hinüberblickten. Diese hatte abermals eine neue Toilette an. Weiß der liebe Himmel, wo jbie alle herkamen. Geld genug mochte sie jedenfalls gekostet haben. Vielleicht war der Herr Gemahl deshalb heute auch so besonders in sein Schicksal ergeben als echter Franzmann neben der Dame seines Hauses das fünfte Rad am Wagen zu sein.
All diese kleinen Erlebnisse von Menschen unter Menschen heiterten mich auf. Als ich mich auf mein Zimmer zurückzog, pfiff ich mir eins, ordnete im Gefühl größten Wohlbehagens meine Habseligkeiten, die Schreibmappe, die Federn, eine Keine Vase, in der ich meist ein paar Blumen, diesmal einen Veilchenstrauß, den ich in Pernese gekauft, stehen hatte. Das habe ich auf Reisen immer getan, diese kleinen Gegenstände machen ein Dutzendzimmer persönlich und gemütlich. Dann folgte ich meiner üblen Gewohnheit und legte mich mit einer Zigarre zu Bett.
Ich ließ meine Gedanken wandern. Ich dachte an diese Begegnung nach so vielen Jahren mit Herzeloide. Ich empfand etwas wie Neid, das IGefühl: sie ist im Hafen und du irrst noch herum, denn nichts anderes ist meine Existenz. Da überkam mich wieder dieses fürchterliche quälende Bewußtsein der Einsamkeit, das in den letzten Jahren fortwährend steigend meine Seele bedrängt hatte. Ich war j.n meinem Zimmer, in meinem Leben allein, uird ich würde wohl allein bleiben auf immer und ewig. Und wie ich daran dachte, packte mich ein Grauen und dann, nachdem ich es kaum abgeschüttelt, eine unsägliche Unruhe, daß ich aus dem Bett sprang und hin und her lief.
So konnte ich nicht schlafen, das wußte ich. Ich setzte mrch also m erneu Stuhl und begann zu lesen. Irgend ein Buch, das ich gerade da hatte. Ich glaube, es war ein fvanzösischer Siomatt, den ich aus dem Bahnhof gekauft.
Aber meine seltsame Stimmung war nicht zu bannen. Ich warf den Band fort, kleidete mich an, mit dem' Gedanken, hinunterzugehen, um eine Stunde am Meer auf und ab zu laufen.
Aber mir kam der sehr vernünftige und nüchterne Gedanke, erst einmal hinauszublicken, welches Wetter es sei. Und vorsorglich, ehe ich den weißen Fensterladen öffnete, drehte ich erst das elektrische Licht aus. Ich war zweifelhaft, wie es draußen ausschauen könnte. Es ging mir, wie wenn man in der Nacht in einem Hotel angekommeu ist, die Gegend nie zuvor gesehen und, bei der Nachtfahrt, halb verschlafen, sich nicht Rechenschaft gegeben hat, welches Wetter es war, und nun beim Erwachen im halbdunklen Zimmer mißmutig sich die Augen reibt. Man bildet sich fest ein: „Natürlich Regen!"
Dann schlägt man die Läden zurück und hellster, zitternder Sonnenschein trifft das Auge, der Himmel ist blau, die Vögel singen in den Büschen dem neuen Tage entgegen. Alles Frieden, Luft, Luft, Licht!
Erwartungsvoll öffnete ich das Fenster und stieße die Läden ein wenig zurück. Hurra, ich erblickte die Sterne. Nur matt zwar, denn als ich nun ganz ins Freie schaute, sah ich eine Mondenlandschaft vor mir, wie ich meinte, sie während der ganzen Zeit hier am Meer noch nicht erblickt zu haben. Und ich war von dem Bilde, das sich meinen erstaunten Augen bot, so ergriffen, daß es langer Zeit bedurfte, ehe ich mir einen Stuhl ans Fenster rückte, darauf knieend, die Arme auf das Fensterbrett gestützt, hinausschaute, diese stille Abendpracht mir tief in die Seele zu saugen.
Vor mir lag es wie dunkelflüssiges Blei: das Meer. Es war, als bildeten sich dickere Schichten darauf, die über die schon -erstarrte Fläche, nun selbst fest werdend, hinwegj- liefen. Die Ränder erkannte ich jetzt als Wellen. Vorn, nahe, gerade unter mir, lebte die Flut, schwankte, spielte, spiegelte, blitzte und perlte in tausend geschliffenen Facetten wie ein Brillant ani anderen auf langen Nadeln an zitternden Spiralen in einem schwarzen Haar.
Drüben schnitt das Kap, an dessen Spitze ich so viÄ Stunden verträumt hatte, das Bild mit seiner dunklen Masse ab. Die einzelne Zypresse sah ich starr und steif gegen das glitzernde Meer. Und bei langem Hinstarren war es mir, als neige sie sich rechts und links, ganz langsam in immer gleicher Bewegung: die Täuschung durch den blitzenden, zitternden Hintergrund des Wasserspiegels.
Der Park, der Garten zeichnete sich ab im milchig fahlen Licht des Mondes, den ich nicht sah, der wie eine seltsame unsichtbare nächtliche Sonne von hinten das Bild beleuchtete, daß die Bäume lange, hohe spitze Schatten warfen und es unter und hinter den Büschen dunkelte in kur-geballten Schattenkugeln.
Gleich weißen Strichen, weißer noch als das weiß« Mondenlicht, leuchtete der Küstensaum. Waren es die Kiesel, waren es die Schaumspitzen der Brandungsstreifen?
Da rührte sich ein Luftzug in der unbewegten Luft, kein Wind, nur ein sanftes, süßes Wehen, -in Blasen wie wenn ein Mensch hastig an uns t)orii6ercjeij. uno mau die Bewegung spürt, indem uns ein Hauch, ein Duft trifft von ihm. Ein Hauch, ein Duft wehte herauf. Der Duft der! jungen Frühlingsblumen drüben -auf den Beeten, die in glühendem Farbenslor standen.
Dieses sanfte Wehen, das yrir die Gerüche all der duftigen, zarten Blumengebilde zusührte, die rings gierig die Sonne erwarteten, um immer neue und neue Blüten zu erschließen, dieser kosende Hauch der Natur traf mich, daß es in meinem Herzen erwachte wie ein neuer sLenz der Jugend. Ein seltsam banges, seliges Gefühl nahm mich gefangen. Ein Erhabensein, ein Erdeneutrücktwerdeit, das zurückkehrende Bewußtsein, daß uns Menschen allen noch eine Hoffnung bleibt. Das Bewußtsein, daß keiner von uns wirKich allein ist auf dieser Erde, solange noch di« Erinnerung uns unterhalten kann. Sie umgaukelte mich mit den Gedanken an längst entschwundene Zeit der Begeisterung, da ich die Natur um mich genoß wie ein junges freies wildes Tier, das ungebunden umherschweift, das di« Luft atmet mit vollen gesunden Lungen, ein Jüngling, der das Licht der Sonne auf sich strahlen läßt und spricht: „Es ist eine Lust zu leben."
(Fortsetzung folgt.)


