Ausgabe 
24.4.1911
 
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iherseloide.

Slot»cur von Georg Freiherrn von Ompted'G (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

'Ich betrachtete stumm Herzeloide, die mit wahrer Be­geisterung gesprochen hatte. -Sie schien ganz aufzugehen im ihrem Muiterberuf, sie, die doch eigentlich noch so jugend­lich aussah, die etwas ganz Mädchenhaftes hatte. Ich- glaube, yiemano würde sie für eine Frau gehalten haben. Wie ich dieses selbstvergessene Wesen so besah, kam ein« Rührung über mich im Gedanken daran, daß es Menschen gab, die nicht dem «igelten Glücke nachjagten, sondern sich für an­dere opferten.

-Ich mochte gelächelt haben, denn Herzeloide fuhr eifrig fort:

Es klingt wohl anmaßend, was ich da sagte, ich dächte, ich wäre ihnen eine Mutter geworden; aber mein Mott, Sie wissen, ich meine -es nicht so. Ich will damit nur Lagen, ich gebe mir alle Mühe, sie zu erziehen, ihnen die Mutter zu ersetzen. Ale Mühe! Und kann man denn mehr? Ich weiß, was ich an meiner Mütter gehabt habe. Ich stehe heute ganz allein auf der Welt. Ich will ihnen dies traurige Schicksal ersparen. Ich- muß den beiden Mäd­chen Kater und Mutter ersetzen, ihnen das Elternhaus geben und das ist uin so schwerer, als wir aus Rat des Arztes noch ein oder zwei Jahre d-en Winter im Süden zubringen sollen. Die ältere, Marie, ist ein wenig schwächlich. Mcht krank, nein, nur zart. Und ihr Kater ist an einer Lungen­entzündung gestorben! Da soll man Vorbeugen, sagt der Arzt. Eine Gefahr ist nicht, doch da die Mädchen sehr wohl­habend' sind, rann man es schon tun. Ich habe -die Er­zieherin und noch eine Lehrerin mit in Mentone. Ja, ja, wir sind eine große Familie! .

Herzeloide lächelte. Ich lachte. Sie ntckte und tief: Jawohl: Mama, Fräulein, Mademoiselle, Agath-e, Helene nun ist das nicht eine ganze Karawane?

Wer ist denn Mama? Sie sind dochKusine"?

Mama? Das bin ich. Die Mädchen nennen mich Mama. Ach Gott, ich bin ja auch schon so alt!

In diesem Augenblick kam die Erzieherin mit den beiden Kindern" Herzeloidens vorüber. Sie lächelten ein wenig Verlegen, indem ihre Blicke mich streiften; aber als sie aus ihrerMama" ruhten, lag solche Liebe, solches Vertrauen in ihnen, daß ich unwillkürlich ausrief:

Die haben Sie gern!

Ihre Augen strahlten:

Ich muß es wenigstens glauben! Nein, ich weiß es'. Uüd es tut wohl, wenn man das weiß und sonst allein steht in der Welt!

-Es war etwas seltsam Trauriges in dem Ton gewesen- mit dem sie sprach. Mich berührte es. wie Las. Erklingen

einer verwandten Saite. Dies eine Wort schien all die Empfindungen der Einsamkeit, die mich so oft quälten, angerührt zu haben. Ich fühlte die trostlose Berlassenhech meines eigenen Daseins. Ich dachte nicht an die oft lustigen Stunden im Kameradenkreise, ich empfand nur jene Mo­mente, wo ich von bett Glücklichen, die Frau und Kind besaßen, fordgeschlichen war in meine öde Wohnung. Und ich sagte vor mich hin:

Auch ich stehe ganz allein!

Dann schwiegen wir beide. Ab und zu kamen -Spazier­gänger vorüber, hier und da flog ein Wort von ihnen zu uns in den verschiedensten Sprachen. Ein. gleichgültiges Wort, wie man denn Bestes und- Tiefstes sich wohl nicht mitteilte auf der Terrasse des Spielpalastes von Monte Carlo. Aber mir schien das alles so konventionell, so fern, so fremd, so kalt, daß meine Stimmung der seelischen litt- behaglichkeit nur noch wuchs. Ich ärgerte mich fast über dieses Wiedersehen mit Herzeloide. Drüben in meinem kleinen Hotel, in meiner gänzlichen Einsamkeit, hatte ich mich so wohl gefühlt unter den Menschen, die ich tonnte und die mich nicht kannten. Hier aber, wo ich zum ersten Mal eine Seele traf, der ich- verbunden gewesen, fand ich mich fremder denn drüben unter den Fremden.

Ich war allein, sie hatte die Mädchen, ihre ganze große Familie, wie sie es genannt. Sie war ja der beidenMama . Aber was ging sie mich an? Was hatte sie mit mir zu tun? Eine Bitterkeit stieg in mir auf, wie ich sie manchmal als Knabe empfunden, wenn ein Spielkamerad einen Dritten mir vorzog.

Und ich erhob mich plötzlich.

Herzeloide blickte mich erstaunt an. Sie schien fragen zu wollen:Was habe ich denn getan?" Aber ich sagte nur, ich müsse fort, sonst erwische ich nicht mehr den Zua Sie machte keinen Versuch- mich zu halten. Ich sagte nicht einmal den beiden kleinen Mädchen Lebewohl, die ich tn der Ferne mit der Erzieherin stehen und auf das Meer hinausblicken sah. Ich ging wie ein dummes, schinollendes Kind voir dannen, innen im Herzen das bittere Gefühl: sie hat ja ihre Lieben, ihre Familie und ich stehe allein- ganz allein auf dieser Erde.

Ich wandte mich nicht um. Ich- sah' nicht ihr Gesicht. Lachte sie mich aus? Blickte sie mir nach? Hatte sie nm, eilt wenig Mitgefühl? Verstand sie meine Seele? h, Herzeloide?

Aber schon in der Eisenbahn kam die Reue. Ja, ich schämte mich eigentlich meines Benehmens. Es war doch wie ein törichter Knabe gehandelt! Und als ich wieder tn Pernese ankam, war ich fest entschlossen, am nächsten Morgen nach Mentone zu fahren und mich bei Herzeloide zu ent» schuldigem besah die Blumen, starrt« auf

die leise anlaufenden Wo-gen, die sich am Strande kräuselten; ich war zerstreut. Weine Gedanken irrten unwilMrM