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Nroßem Jubel empfangen. Dann hieß es: „Fran Bürgermeisterin, Noch ein paar Rätsel! sie sind so unterhaltsam wie die Lieder." „Gewiß sind sie es," antwortete Frau Wallbott. „Unser Pfarrer Eckhardt erklärte mir: Schon vor Jahrtausenden gaben sich die Könige und Helden Rätsel auf. Simson den Philistern, die Königin von Saba dem König Salomo, das wißt ihr aus der Biblischen Geschichte. Aber auch andere Völker gaben Rätsel auf, besonders unsere Vorfahren, vor tausend und zweitausend Jahren. Gerade bei uns im Vogelsberg finden sich viele Rätsel, Lieder, Märchen und Sagen, weil sich keine fremden Eroberer herein-- wagten und unsere Eigenart verdarben. So lehrte mich unser lieber, alter Pfarrer. Er wünscht: ihr sollt sammeln, hört ihr! And er will alles aufschreiben."
„Wir wollen es tun, aber noch ein paar Rätsel!" baten die Mädchen.
Frau Wallbott fragte: „Hat keine von euch etwas?"
1. „Was hat vier Ohren, aber keine Beine?" gab Thomas Wallbott auf. (Der Backtrog.)
2. „Wer hat das größte Schnupftuch?" fragte ein Mädchen. (Der Hahn, er putzt seine Nase auf dem Erdball ab.)
3. „Wer geht auf dem Kopf die Treppe hinauf?" (Der Schuhnagel.)
4. „Welches sind die gcschmiegelsten Burschen in Rothenbühl?" (Die Haushähne, sie tragen ihre Kämme stets bei sich.)
5. Was ist für ein Unterschied zwischen dem Rainröder Kirchturm und einer Rothenbühlcr Pelzkappe?" (Ein sehr großer.)
6. „Was hat eine Mühle mit einer Braut gemeinschaftlich?" (Es fehlt immer etwas bei jeder.)
7. „Wer geht unaufhörlich fort und kommt doch nicht vvm Fleck?" gab Frau Wallbott auf. (Me Wanduhr.)
Alle Rätsel, die nicht sogleich geraten wurden, sollten in nächster Woche noch einmal vorgebracht werden. Beim Hin- und Herreden brach dem Bärbelchcn Richm der Faden, der in die Spule schlüpfte.
Schwabb! nahm Fritz Henkel den Rocken weg.
Bärbelchen mußte ihn durch einen Kuß lösen: es wehrt«! sich anfangs.,
„Füge dich Bärbelchcn," sprach Frau Wallbott, „einen Kuß in Ehren, soll niemand wehren und hier gilt Spinnerrecht."
Der Kuß wurde gegeben.
Dieser Ausspruch und der Kuß ermutigten Karl Schneider, mit dem Beinamen „der Ticke". Er ruckte nahe an Lieschen Hörth heran und fragte: „Darf ich dir die Ahnen*) schütteln?"
Lieschen antwortete:
Geh mir weg du grober Kittel, Du sollst mir nit die Ahnen schütteln.. Meine Ahnen hangen fest, Und warten noch auf andre Gäst.
Schneiders Karl zog vergrämt ab; er drückte sich in die äußerste Ecke der Stube und schlief nach einiger Zeit ein. Er hätte Lieschen einen Kuß geben dürfen, wenn die das Ahncnschütteln erlaubt hätte.
Beim Abschieünehmen versprachen Mädchen und Burschen, sie wollten sich bemühen, nicht bloß Lieder, sondern auch Rätsel, Sagen und Märchen zu sammeln, ivcU sie ebenso unterhaltsam wie die Lieder seien.
Aus Samstag wird nicht gesponnen, also findet auch keine Spinnstube statt. Vor Sonnenuntergang werden Räder und Haspel in die Oberstube oder auf den Speicher gebracht, wo die Gerätschaften bis zum Montag verbleiben. Ganz besonders wird darauf gesehen, daß Rad, Haspel, Spule, Flachs oder Wolle aus den Wohn- und Schlafräumen entfernt werden. Leicht Kumte Frau Holle in diese Sachen fahren; sie würde eine solche Wirrnis' anrichten, daß die Spinnerinnen eine Woche brauchten, um alles wieder in Ordnung zu bringen.
An anderen Orten heißt es: Wenn mit den Spinngeräten und -Stoffen nicht richtig aufgeräumt wird, macht der Teufel sein Spiel: er dreht einen Strick aus den Fäden, der die Familie ins Unglück reißt. Bor Fastnacht muß der Rocken unter allen Umständen vollständig abgesponnen werden.
Der Samstag wird noch dadurch ausgezeichnet, daß die Straßen gekehrt und die Wochenarbeiten schon am Nachmittag unterbrochen werden. Dafür fängt man die Wochenarbeiten aber auch schon am Spätnachmittag des Sonntags an, um für den Montag gerüstet zu sein.
„Heute ist dein Namenstag, Thöms, und morgen ist Scheidabend. Wir wollen ihn doch halten, wie es Brauch und Sitte ist, obgleich kein Gesind bei uns abwandert," sprach Frau Regine bei der Morgensuppe.
„Recht, Frau, alte Sitten und Gewohnheiten muß man Hoch- Halten: tue was dir gefüllt, du hast das Kommando im Hause," erwiderte Wallbott.
„Tie Namenstage sind bei uns Nebensache," sagte Thomas; „wo mögen die Gebräuche beim Scheidabend Herkommen? Ihr wißt es gewiß, oder könnt es leicht beim Pfarrer erfragen."
„Pfarrer Eckhardt behauptet: diese Gebräuche seien uralt, sie kämen schon zu Christe Zeiten bei Heidttischen Völkern und bei unseren deutschen Urvätern vor. Die fremden Eroberer haben
*) Ahnen sind kleine Teilchen Ripschen, am Flachs, die beim Spinnen auf die Schürze der Spinnerin fallen.
stch me in unseren Vogelsberg gewagt, darum haben sich Märchen, Sagen, Sitten und Gebräuche gut bei uns erhalten. Um den
Dezember schcrden sich Licht und Finsternis, tiefer kann di« wonne nicht hrnabgehen; sie steigt nach zwölf Nächten wieder empor. Dre Zeit vom 24. Dezember bis zum 6. Januar war owohl den alten Deutschen, als auch vielen heidnischen Völkern 24. Dezember ist Christus, das geistige Licht der Welt, erschienen," erklärte Frau Wallbott.
„Regine, du bist ein kleiner Professor, du liest mehr Bücher als mancher Lehrer, du hast einen behaltsamen Kopf. Aber warum dass m den zwölf Nächten nicht gesponnen werden? warum müssen die Räder weg? Warum werden Bretzeln, Puppen und Tiergestalten gebacken?" fragte der Bürgermeister. „Dein Vater, der alte Revierförster Brühl, war auch ein Spintisierer, du hast es von ihm geerbt."
.. '<®*e Spinnräder müssen in den 12 dunklen Nächten aus den nämlichen Gründen fort, aus denen sie über Sonntag beiseite müssen: Damit der Teufel kein Unheil anrichten könne. Alles was rund ist, wird über Seite getan. Das Backwerk soll an die heidnischen Opfergaben erinnern. Die Bretzeln sind zwei an- nnander gereihte Ringe, die an den Jahresring erinnern. Als Christus geboren wurde, soll ein Stern erschienen sein, der alle anderen Sterne überstrahlte. Biele Völker feiern di« dunkle Zeit und das Wiedererwachen des Lichts, das ist ein Freudenfest, es wird bei uns durch den Lichterbanm noch besonders hervorgehoben."
„Aber der Scheidabend und die umgekehrte Weise zivischen Dienstleuten uird Herrschaft, Mutter? Wie ist es zu erklären?"
„Das Gesinde sitzt am Tisch, läßt sich Essen und Trinken gut schmecken und wird von der Herrschaft bedient. Tas ist doch ein Freudenfest für das Gesinde!"
„Es macht mir wirklich auch Vergnügen, die Leute zu bedienen, Mutter!"
„Mir auch!" fielen beide Eltern ein.
„Seht ihr! Auf diese Weise wird der Scheid abend nicht zuiN Leid abend. Das Gesinde: Knecht und Magd, darf alles, was es an diesem Tage und durch die ganze Nacht bis zum anderen Morgen spinnt, für sich behalten. Dieser uralte, schöne Gebrauch findet sich fast nur noch bei uns. Daß der Tag auch ein lustiger Tag sein soll, wird dadurch bewiesen, daß sich die jungen Burschen als Schimmelreiter, als Bären und andere Tiergestalten verkleiden, sich die Gesichter schwärzen, große Flachsbärte anlegen und sonstige Späße machen," fügte Frau Wallbott hinzu.
„Ein sck)öner Brauch bei uns ist noch der, daß der Hem! dem scheidenden Knecht einen Laib Brot und eine Wurst mitgibt. Die Kameraden oder Kamerädinnen der Abwandernden nehmen die Kiste oder das Bündel des Scheidenden und singen, wenn es ein Knecht ist:
Nun adjees, ihr lieben Brüder,
Will denn keiner mitmarschieren. Ich muß reisen meine Straßen, Miß mein Schatz ei’m anderen lassen. Das macht mir das Herz so schwer. Glaub', ich seh dich nimmermehr.
Die Kamerädinnen der Mägde singen:
„Wenn nun ein' als Magd muß bienen,-
Die muß haben viel Geduld:
Sie darf sich zu nichts erkühnen. Sie muß haü'n an allem schn.d. Ob sie gleich tut was sie kann Ihr Herr ist stets ein strenger Mann." „Wir wollen an diesen Gebräuchen nichts ändern," sprach der Bürgermeister. —
Das Gesinde aß früher und lvohl auch jetzt noch mit dev Dienstherrschaft an dem nämlichen Tische: es. wurde als Familienmitglied angesehen.
(Fortsetzung folgt.)
Iunggesellensteuern.
Die Tatsache, daß der Landtag des Fürstentums Renß soeben einen Antrag angenommen hat, wonach steuerpflichtige Personen beider Geschlechter, die das dreißigste Lebensjabr überschritten hoben und ledig gebtieben sind, eine I Nicht luierheblicbeu Steuerzuschlag zu zahlen haben, beweist, daß die Idee der Jungge efieufteuer nicht mehr mir ein drohendes Gespenst ist, sondern lebendige Gestalt zu geivinnen beginnt. Bon der Gedankenwlge ausgehend, daß der Ehelose lein Einkommen allein für sich verbrauchen kann und nicht gehalten ist, es zum Unterhalt einer Familie zu verwenden, im Taseinskampse also günstiger gesteckt ist und eine höhere Pesteuerung leicht ertragen kann, bereitet auch Oldenburg einen Gesetzentwurf vor, ivonach unverheiratete Personen im Alter von mehr als 30 und weniger als 50 Jahren, falls sie ein Einkommen von mehr als 4200 Mark besitzen, zu den Gemeindeabgaben mit einem Zuschlag von 10 Prozent herangezogen werden sollen. Dieser bis jetzt allerdings noch nicht zur Tat gewordene Fiskalismus steht jedoch in der Gegenwart keineswegs vereinzelt da. In Großbritannien besteuerte man in der Regierungszeit König Wilhelms III. (16<9 bis 1702) uno der Königin Anna (1702—1< 14) jeden ledigen Ma in im Herzogsrang, sobald er das Aller von 25 Jahren uber'chntien mit 12 Sovereigns (240 Mark) und alle ai,deren Junggesellen mit


