Ausgabe 
23.11.1911
 
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Ausgenommen die Nachricht seines Todes', sagte sie, falbem sie sich Wieder setzte, während ein höhnisches Lächeln um ihre grausamen Lippen zuckte, und das heimliche Licht des Hasses tief in ihren bösen Augen lauerte.

IX.

Ich verließ das Haus, indem ich fühlte, daß Mrs. Catherick mir wider Willen einen Schritt weiter geholfen. Ehe ich noch an die Ecke des Platzes kam, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine sich hinter mir schließende Tür erweckt. Ich blickte zurück und sah auf der Türschwelle des Hauses, das Mrs. Cathericks Wohnung gerade gegenüber stand, einen kleinen Wann in schwarzer Kleidung stehen. Er ging schnellen Schrittes der Ecke zu, an der ich stille stand. Ich erkannte ihn als den Advokatenschreiber, der mir nach Blackwater Park vorausgereist war.

Ich wartete, wo ich stand, um zu sehen, ob er diesmal mit mir anfangen werde. Zu meinem Erstaunen ging er K vorbei, ohne ein Wort zu sagen, ja ohne mir selbst esicht zu sehen.

Der Zug war im Begriffe abzufahren, und zwei oder drei Passagiere, welche spät iamen, drängten sich um die kleine Oeffnung, durch welche die Billette aus gegeben wur­den. Ich trat zu ihnen heran und hörte den kleinen Advo­katenschreiber ganz deutlich ein Billett nach der Station Blackwater fordern. Ich ging nicht eher fort, als bis ich mich überzeugt hatte, daß er wirklich mit dem Zuge ab­gefahren fei. Ohne Zweifel hatte er sich auf Sir Percivals Befehl dicht bei Mrs. Cathericks Wohnung eingemietet.

Der Abend brach herein, als ich die Station verließ. Es war wenig Hoffnung vorhanden, daß meine Nach­forschungen nach Dunkelwerden in einer mir fremden Gegend von Nutzen gewesen wären. Demzufolge begab ich mich nach dem nächsten Gasthofe und bestellte mein Mittagsmahl und mein Zimmer. Darauf schrieb ich an Marianne, um ihr zu sagen, daß ich wohl und in Sicher­heit sei und Aussichten auf Erfolg habe. Ich hatte sie beim Wschiede gebeten, ihren ersten Bries (welchen ich am nächsten Morgen erwartete) nachWelmingham postlagernd" zu adressieren, und ersuchte sie jetzt, es mit dem nächsten ebenso zu machen. Ich konnte mir, falls ich zufälliger­weise zur Zeit der Ankunft der Post abwesend sein sollte, leicht den Brief durch den Postmeister nachschicken lassen.

Ehe ich mich zur Ruhe begab, hatte ich meine merk­würdige Unterredung mit Mrs. Catherick von Anfang bis zu Ende aufmerksam durchdacht und mir mit Muße die Schlüsse vergegenwärtigt, die ich vorhin nur in Eile hatte ziehen können.

Als Mrs. Clements mir zum ersten Male die Sakristei der Kirche als den Ort nannte, welchen Sir Percival sich zu seinen heimlichen Zusammenkünften mit der Frau des Küsters gewählt, war es mir bereits aufgesatlen, welch ein sonderbarer und unbegreiflicher Ort eine Sakristei zu diesem Zwecke sei. Durch diesen Eindruck getrieben und durch nichts anderes hatte ich derSakristei der Kirche" aufs Geradewohl hin vor Mrs. Catherick Erwähnung getan; es war dies einer der unbedeutenderen Punkte der Ge­schichte, welche mir während des Sprechens einfielen. Ich war darauf vorbereitet, daß sie mir zornig oder verwirrt antworten werde; aber der entsetzensvolle Schrecken, welcher sie erfaßte, als ich die Worte aussprach, überraschte mich im höchsten Grade. Ich hatte Sir Percivals Geheimnis längst mit der Verheimlichung eines ernsten Verbrechens in Verbindung gebracht, um welches Mrs. Catherick wußte aber ich war in meinen Vermutungen nicht weiter gegangen. Des Weibes Paroxismus von Schreck aber brachte dies Verbrechen jetzt entweder direkt oder in­direkt mit der Sakristei in Verbindung und überzeugte mich, daß sie nicht allein Zeuge, sondern sogar ohne allen Zweifel eine Mitschuldige gewesen war.

Welcher Art war das Verbrechen gewesen? Es mußte sicher eine verächtliche Seite sowohl als eine gefährliche haben, -sonst hätte Mrs. Catherick meine Worte in bezug auf Sir Percivals Rang und Macht nicht mit so auf­fallender Verachtung wiederholt. Es war also ein ver­ächtliches sowohl als ein gefährliches Verbrechen, und sie hatte teil daran genommen, und es hatte mit der Sakristei der Kirche zu tun.

Der nächste Punkt, den ich zu überlegen hatte, führte mich noch einen Sck)ritt weiter.

Mrs. Cathericks unverhohlene Verachtung für Sir Per-

cival erstreckte sich offenbar auch auf seine Mutter. Dafür schienen mir nur zwei Erklärungen möglich. Entweder war seine Mutter von niederer Herkunft, oder ihr Rus war nicht rein gewesen, und Sir Percival und Mrs. Ea- therick teilten das Geheimnis hierüber. Ich tonnte mir darüber nur Auskunft verschaffen, indem ich im Kirchen­buche ihr Heiratszeugnis aufsuchte und mich so über ihren Mädchennamen und ihre Verwandtschaft unterrichtete, als Einleitung zu ferneren Nachfragen.

Dagegen, falls der zweite angenommene Fall der wahre gewesen, welcher Art war da der Flecken auf ihrem Rufe? Indem ich mich an das erinnerte, was Marianne mir über Sir Percivals Vater und Mutter und über deren unge­sellige, verdächtig abgeschlossene Lebensweise erzählt hatte, frag ich mich jetzt, ob es nicht möglich sei, daß seine-Mutter am Ende gar nicht verheiratet gewesen. Hier wieder konnte das Kirchenbuch durch ein geschriebenes Zertifikat der Heirat mir wenigstens beweisen, daß dieser Verdacht ein unbe­gründeter war. Wo aber dieses §lirchenbuch finden? Bei diesem Punkte nahm ich die Schlüsse wieder auf, zu denen ich bereits vorher gekommen, und derselbe Gedanlengang, welcher die Lokalität des verborgenen Verbrechens ent­deckt hatte, brachte jetzt das Kirchenbuch in die Sakristei der Kirche zu Altw-elmingham.

Dies waren die Erfolge meiner Unterredung mit Mrs. Catherick und die verschiedenen Betrachtungen, die alle gerade an einem Punkte zusammenlaufeiid mir mein für den nächsten Tag zu beobachtendes Verfahren vorzeichneten.

Der Morgen war trübe und wolkig, doch ohne Regen. Ich ließ meine Reisetasche im Gasthofe zurück, und nach­dem ich mich nach dem Wege erkundigt, ging ich zu Fuße nach der Kirche zu Altw-elmingham. Es war dies ein Spaziergang von etwas mehr als zwei Meilen auf fort­während allmählich bergan gehendem Boden.

Auf dem höchsten Punkte stand die Kirche ein alt"s verwittertes Gebäude mit schwerfälligen Formen und inem großen viereckigen Turme. Die Sacristci au oer tzint.r- seite war aus der Kirche heransgebaut und schien dasselbe Alter zu haben. Rund um die Kirche her sah mau die Ueberbleibsel des Dorfes, in dem, wie Mrs. Clements mir erzählt, ihr Mann früher gewohnt und das die bedeutend­sten Einwohner längst verlassen halten, um nach der neuen Stadt zu ziehen.

Als ich mich von der Hinterseite der Kirche abwaudte und au einigen der abgerissenen Häuschen vorbmging, um mir jemanden zu suchen, der mir sagen könnte, wo ia) den Küster finden würde, erblickte ich zwei Männer, welche hinter einer Mauer herumkamen und mir nachging n. Der größere von ihnen ein stämmiger, muskulöser Mensch in der Kleidung eines Wildwärters war mir fremd. Der andere aber war einer von den beiden Man­nern, die mir an dem Tage, wo ich Mr. Kyrles Bureau verließ, gefolgt waren. Ich hatte ihn mir damals be­sonders gemerkt und war deshalb jetzt über seine Identität vollkommen sicher.

Weder er noch sein Begleiter versuchten, mit mir zu sprechen, und beide hielten sich in achtungsvoller Ent- fernurig; doch war der Zweck ihrer Aiiwesenhcit in der Nähe der Kirche klar in die Augen fallend.

Ich ging weiter, von der Kirche fort, bis ich bei einem der bewohnten Häuser anlangte, an das sich ein Stückchen Kücherigarten schloß, in welchem ein Mann bei der Arbeit war. Er gab mir den Weg nach der Küsterwohnung an, die ich ganz allein am äußersten Ende des verlassenen Dorfes fand. Der Küster war ein alter geschwätziger Wann, der mich in die Sakristei führte. Dort entnahm er aus meinen Wunsch einem alten baufälligen Schrank das Kirchen­buch, das bis zum Jahre 1804 reichte.

Wird das als ein hinreichend sicherer Platz für das Kirchenbuch angesehen? frag ich. Mich dünkt, ein Buch von solcher Wichtigkeit sollte doch durch ein besseres Schloß und in einer eisernen Kiste verwahrt werden l

(Fortsetzung folgt.)

Thomas Wallbotts Familienleben, vrantsahrt und Hochzeit.

Bon Gg. Schäfer.

(Fortsetzung aus Nr. 182.)

Als das Flcischmännchen mit seinem Weibchen und Len an­sehnlichen Gaben in die Spinnstube zurückkamen, wurden sie mit