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Offenbarung zu erfassen, die sich mir auftat, als der Name Anna Cathericks von ihren Lippen fiel.
Ich habe Anna Catherick gesehen! Ich habe mit Anna Catherick gesprochen! wiederholte sie, als ob ich sie nicht gehört habe. O Marianne ich habe dir so viele Dinge zu erzählen! Komm mit — wir könnten hier gestört werden — komm gleich auf mein Ziinmer!
Mit diesen eifrigen Worten ergriff sie meine Hand und führte mich durch die Bibliothek in das Eckzimmer im Erdgeschoß, das zu ihrem besonderen Gebrauch hergerichtet worden. Keine dritte Person außer ihrer Kammerjungfer hatte einen Vorwand finden können, um uus hier zu überraschen. Sie schob niich vor sich hinein, verschloß die Tür und zog die Glanzkattunvorhänge, die auf der Innenseite derselben hingen, darüber hin. Dann zog sie mich zu dem nächsten Sitze, einem viereckigen Sofa mitten in der Stube, hin. Sieh! sagte sie; sieh her! und deutete auf ihre Brust.
Ich sah jetzt erst, daß. die Brosche wieder an ihrer Stelle stak. In dem Anblicke lag etwas Wirkliches und im Berühren der Brosche etwas Faßliches, das dem Strudel meiner Gedanken Einhalt zu tun schien und mir half, mich zu sammeln.
Wo fandest du deine Brosche? —
Sie sand sie, Marianne!
Wo?
Am Boden im Boothause. O, wie soll ich anfangen, wie soll ich dir alles erzählen! Sie sprach so seltsam zn mir, sah so entsetzlich leidend aus, verließ mich so plötzlich — —
Ihre Stimme wurde lauter, als der Aufruhr ihrer Erinnerungen ihre Gedanken drängte. Der eingewurzelte Argwohn, der in diesem Hause Nacht und Tag meinen Geist bedrückt, erhob sich schnell in mir, um sie zu warnen — gerade wie der Anblick der Brosche einen Augenblick vorher mich so schnell veranlaßt hätte, sie zu befragen.
Sprich leise, sagte ich. Das Fenster ist offen, und es zieht sich ein Gartensteig darunter hin. Fange von vorn an, Laura. Sage mir Wort für Wort, was sich zwischen dir und jener Frau zugetragen hat.
Soll ich zuvor das Fenster schließen?
Nein; nur sprich leise: bedenke, daß Anna Catherick unter dem Dache deines Mannes ein gefährliches Thema bildet.
Laura erzählte mir mut, daß Anna Catherick eine entsetzliche Angst vor einer dritten Person habe, die uni ein Geheimnis wisse, das ihr ihre Mutter anvertraut habe. Sie habe sich aber trotz alles Drängens nicht überreden lassen, Laura dieses Geheimnis mitzuteilen. Morgen wolle sie mir aber um dieselbe Stunde sagen, was sie davon wisse, da ihr Haß gegen Sir Percival noch größer sei als ihre Angst vor Spähern. —
Sage mir, Marianne, schloß Laura, was ich tun soll?
Dies, mein Herz, erwiderte ich entschlossen. Du mußt morgen auf jeden Fall nach dem Boothause gehen. Es ist unmöglich, zu wissen, was alles davon abhängt, daß du die Arme wiedersiehst. Doch sollst du nicht zunt zweiten Male dir selbst überlassen bleiben. Ich will innerhalb Hörweite von dir bleiben. Anna Catherick ist Walter Hartright entschlüpft und dir. Was aber auch danach kommen möge, mir soll sie nicht entgehen. —
Lauras Augen lasen aufmerksam in den meinigen, während ich sprach. —
Du glaubst also an das Geheimnis, vor dem mein Mann sich fürchtet? fragte sie.
Ja, ich glaube daran.
Anna Cathericks Wesen war wild, und ihre Augen blickten unstet und geistesabwesend, als sie jene Worte sagte, Marianne. Würdest du ihr in andern Dingen trauen?
Ich vertraue auf nichts, als auf meine eignen Beobachtungen über deines Mannes Benehmen, Laura. Ich beurteile Anna Cathericks Worte nach seinen Handlungen und glaube daher, daß er allerdings ein Geheimnis hat.
Ich sagte weiter nichts und stand auf, um das Zimmer zu verlassen. Mich beunruhigten Gedanken, die ich ihr vielleicht mitgeteilt hätte, wären wir noch länger zu- sammengeblieben, und die zu wissen gefährlich für sie hätte sein können. Ich fühlte die drohende Zukunft herannahen, mich mit einem unaussprechlichen Entsetzen erfüllen^ und mir die Ueberzeugung von einem unbekannten Ziele in den langen Reihen von Verwickelungen aufdrängen, die sich allmählich um uus zogen.
Indem ich Laura allein die Treppe hinaufsteigen Ite$,: ging ich hinaus, mit mich in den Steigen unmittelbar am Hause umzuschauen. Die Umstände, unter welchen Anna Catherick von ihr geschieden war, hatten in mir den heimlichen Wunsch, zu erfahren, wo und wie der Graf den Nachmittag zugebracht habe, und zugleich einen heimlichen Argwohn erregt in Bezug auf die Erfolge jener einsamen Reise, von der Sir Percival vor wenigen Stunden heimgekehrt war.
Nachdem ich mich nach allen Richtungen hin nach ihnen umgeschaut hatte, ohne etwas von ihnen zu sehen, kehrte ich ins Haus zurück und ging durch alte Stuben im Erdgeschoß. Sie waren alle leer. Ich kam wieder in den Flur hinaus, um hinaufzugehen, und zu Laura zürückzü- kehren. Die Gräfiu öffnete die Dur, als ich an ihrer Stube vorbeikam, und ich stand still, um sie zu fragen, ob sie wisse, wo ihr Gemahl und Sir Percival seien. Ja, sie hatte sie beide vor mehr als einer Stunde vom Fenster aus gesehen. Der Graf habe ihr mit seiner gegen sie selbst in Kleinigkeiten gezeigten Aufmerksamkeit gesagt, daß er und sein Freund im Begriffe seien, einen langen Spaziergang zu machen.
Einen langen Spaziergang! Sie waren, so lange ich sie kannte, noch nie zu dem Zwecke zusammen gewesen. Sir Percival liebte keine andere Bewegung als die des Reitens, und der Graf (ausgenommen wenn er die Höflichkeit hatte, sich mir zur Begleitung anzutragen) war gar kein Freund von Bewegung
Als ich zu Laura kam. fand ich, daß sie sich während meiner Abwesenheit der schwebenden Frage in Bezug auf die Unterschrift erinnert hatte, welche wir in dem Interesse, mit dem wir ihre Unterredung mit Anna Catherick besprochen, ganz vergessen hatten. Ihre ersten Worte, als ich in ihr Zimmer trat, drückten ihr Erstaunen darüber aus, daß die gedachte Ladung, in der Bibliothek vor Sir Percival zu erscheinen, auf sich warten ließe.
Ueber diesen Punkt darfst du dich beruhigen, sagte ich, fürs erste wenigstens wird weder deine, noch meine Entschlossenheit auf die Probe gestellt werden. Sir Percival hat seinen Plan verändert, und die Unterschriftsangelegenheit ist verschoben.
Verschoben? wiederholte Laura, über die Maßen erstaunt. Wer sagt das?
Ich weiß es durch den Grafen Fosco. Ich glaube, wir haben es seiner Vermittelung zu danken, daß dein Mann so plötzlich anderen Sinnes geworden ist.
Es scheint unmöglich, Marianne. Falls der Zweck meiner Unterschrift, wie wir vermuteten, der war, Sir Percival Geld zu verschaffen, das er notwendig brauchte, wie kann sie da verschoben werden?
Ich glaube, Laura, daß wir imstande sein werden, diesen Zweifel zu beseitigen. Hast du die Unterhaltung vergessen, die ich zwischen Sir Percival und seinem Geschäftsmann anhörte, als sie zusammen über den Flur gingen?
Nein, aber ich entsinne mich nicht —
Aber ich. Der Advokat schlug zwei Alternativen vor. Die eine war die, deine Unterschrift zu dem Dokumente zu erlangen, die andere, Zeit zu gewinnen, indem man Wechsel auf drei Monate ausstellte. Dieses letztere Hilfsmittel ist offenbar das, nach dem Sir Percival jetzt gegriffen hat, und wir haben somit Hoffnung, auf einige Zeit wenigstens mit seinen Geldverlegenheiten verschont zu bleiben.
O, Marianne, das klingt zu angenehm, um wahr zu sein! . Das erste Läuten zum Diner trennte uns. Als es eben ausgehört hatte, kehrten Sir Percival und der. Graf von ihrem Spaziergange zurück. Wir hörten den Herrn des Hauses gegen den Diener lostoben, weil man das Diner um fünf Minuten verspätet hatte, und' der Freund des Herrn legte sich, wie gewöhnlich, zu Gunsten der Schicklichkeit, der Geduld und des Friedens ins Mittel.
Weiter hat sich heute abend nichts Besonderes zugetragen. Wer ich habe gewisse Eigentümlichkeiten in Sir Percivals Benehmen währgenommen, die mich mit Besorgnis um Anna Catherick und die Erfolge erfüllen, welche der kommende Tag uns bringen mag.
(Fortsetzung folgt.)


