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__ Tie vorderen Wagen durchfahren d-ie ganze Stadt, um Über Mbshausen die Straße rechts der Lahn zu gewinnen, während wir diwch tne Neustadt abbiegen, um die Landstraße früher zu erreichen, und damit gleichzeitig einen bedeutenden Vorsprung ein- zuholen. Trüben auf der anderen Seite der Lahn sausten die übrigen Wagen und wir freuten uns schon des Vorsprungs, als sich uns plötzlich ein Hindernis in den Weg stellte. Zwei Mhe, die ledenfalls keine Freunde von Europens übertünchter Höflich-
.swaren, bleiben trotz aller Signale und trotz der Peitsche ge- machlich inmitten der schmalen Straße stehen, und starren mit weit offenen Augen den rasch herannahenden Wagen an. Plötzlich werfen sie die Köpfe empor —• der Bauer reißt verzweifelt an den hänpfenen Zügeln, aber die Tiere sind stärker und blindlings rennen sie ein Paar Schritte auf Uns zu. Ein harter, knirschender Ruck.,, .wir stehen... dicht an dem Straßengraben, und die un- zwilisierten Kühe bäumen sich erschreckt zurück und geben nun, wo es zu spät ist, den Weg frei. Unser Motor aber rührt sich nicht mehr; er hat bei dem plötzlichen Ruck den Atem verloren.. Wir bemühen uns um das schreckhafte Herz des Automobils, und währenddessen macht sich der Fuhrmann mit seinen unhöflichen Kühen rasch aus dem Staube. Wir aber sitzen eine zeitlang in dem Kieshaufen, der an der Straße liegt. Alle Wiederbelebungsversuche scheinen an dem wie in Totenstarre liegenden Motor zu scheitern, und die übrigen Automobile holen nun den Vorsprung rasch wieder auf Und leisten dem erkrankten Kollegen, der sich allmählich wieder erholt, werktägigen Beistand. Endlich ist die Panne behoben und nun gehts mit ungeminderter Kraft aufs neue wie im Fluge dahin, der Lahn entlang. Vor uns liegt das Flußtal in köstlicher Frische. In gedrungener Kraft ruhen die grünen Berge Hoch darüber, die Lahn fließt still und ruhig, und die Wellen zunkeln in der Sonne wie Millionen Edelsteine, die eine seine Hand zu glänzendem Geschmeide gefügt hat. Hier und da liegt ein Kahn am Ufer im Schilf und die Wellen streicheln seinen alten, vernarbten Leib mit linden Fingern.
Unaufhörlich singt der Motor sein Lied, das Lied von der neuen Zeit, der die Lahn bis heute noch wenig zu danken hat. Sie träumt noch von den Tagen, da ein anderer Ton auf ihrer Uferstraße klang, wenn in lauen Nächten der Postillion seines fernen Liebs gedachte und das Horn zarte Liebesseufzer zu schmetternden, wehmütigen Liedlein formte, die selbst das Herz der seelenlosen Nixlein zu Tränen rührte.
TaS neue Lied rührt kein Herz mehr, es ist wie ein dröhnender Siegessang auf den Menschengeist, der heute in Minuten erreicht, was bei den Vätern noch Stunden dauerte. Und schon ziehen anr Himniel stählerne Vögel, die der unermüdliche Geist des Menschen beschwingt hat, und in hundert Jahren — wenn Gott will und der König von Preußen — dann fährt vielleicht sogar noch auf der alten Lahn einmal ein Dampfboot von Oberlahnstein nach Gießen. Aber das gehört vorläufig noch in das Reich der Fabel, wie einst die feurigen Wagen.
Inzwischen waren wir schon ein gutes Stück weiter gekommen, Und bald taucht das liebliche Weilburg vor uns auf, wo wir die erste kurze Rast machen, um uns nach den Biwaks unserer Truppen zu erkundigen. Aber man weiß hier wenig von der Kriegslage, noch weniger von den Biwaksplätzen; dafür ist aber der Zwetschenkuchen vorzüglich.
Auf der alten, prächtigen Landstraße nach Limburg erklimmen unsere Wagen langsam die Höhe, und wir können in Muße die prächtige Aussicht auf das tief im Tale, wie auf einer Halbinsel, liegende Weilburg mit seinem altertümlichen Schloßt genießen. Schon im Beginn des 10. Jahrhunderts stand hier eine Feste der fränkischen Konradincr, die im Laufe der Zeiten unendliche Mühsalen zu erdulden hatte. Sie und die Stadt, sind der Schauplatz zweier Novellen des bekannten Kulturhistorikers W. H. Riehl, der sein nassauisches Heimatland in mancher lesenswerten Geschichte gelehrt und doch nicht ganz ohne Gemüt und Poesie verherrlicht hat.
In häufigen Biegungen schiebt sich die Straße in den Wald ein und Rettert langsam die Höhen zum Westerwald! hinauf, dessen Laubdach noch in frischer Schönheit prangt und uns mit linder Mhle umschmeichelt. Nach einer Weile bleiben die Wälder hinter uns, und vor uns liegt in flutendem Licht die weite A l l e n d ö r f e r Heide, auf der es blüht und grünt in üppiger Pracht. In der Ferne, fast wie ein Schattenriß, erheben sich die Türme der Burg Merenberg, die während des dreißigjährigen Krieges zerstört..wurdd. Nun senkt sich die Straße über den Kamm der Borberge des Westerwaldes nach Limburg hinab, und auf der vorzüglich gehaltenen Chaussee geht es in geschwinder Fahrt nach der altertümlichen Bischofstadt hinab. Flüchtig grüßen wir die weit ins Land schauende Wallfahrtskirche von Dietkirchen und dann rasseln !vir über big von 118erit besetzte Brücke nach Limburg h.if-ein, wo sich auf einer steilen Kuppe über der Lahn der schöne Dom erhebt.
In der Stadt selbst ist schon richtiges Manöverleben; Kavallerie- und Jnfanteriepatrouilleu durchstreifen die Straßen, aber selbst die hier einquartierten! Offiziere wissen nichts genaues über den Standort des 116. Regiments. Also weiter nach Diez. Und richtig, hier treffen wir eilten Zug unseres Regiments, nach der Kriegslage ist es eilt Bataillon, das hier dem bösen Feind entgegentreten soll. Aber das hat noch Zeit, denn der Krieg beginnt erst um 6 Uhr und die Leute können noch in aller Ruhe
die von Uns mitgebrachten Liebesgaben verstauen, ehe sie ihre schmunzelnden Gesichter in drohende Falten legen und den männer- mordenden Kampf beginnen, der durch Platzpatronen und Hurra! wirkungsvoll, wenn auch nicht wirksam, angedeutet wird. Der zum Bataillonskommandeur auf Zeit ernannte Leutnant weist uns mm den Weg nach dem Biwak und weiter gehts auf einem schwierigen gebauten Weg nach Mensfelden, wo die Schlachteu- bummler Wirtshaus um Wirtshaus gestürmt haben und siegesstolz den Wirten ihre durstigen Befehle diktieren. Eine Anzahl hessischer Dragoner vom Leibregiment sind eben dabei, sich einzuquartieren und ein^großer Bagagewagen wird gerade entladen. Müde, verstaubte, Soldatengesichter schauen lachend aus den kleinen Häusern. Wir biegen auf die große Straße ein, die von Limburg quer! über den Taunus nach Wiesbaden zieht und treffen nach ein paar Kilometern an einer Straßenkreuzung eine Feldwache des Kaiser-Wilhelm-Regin-ents, die gerade mit Abkochen fertig ist und hungrig die reizlose Brühe hinunterlöffelt. Wir teilen aus. Jeder erhält ein Frankfurter Würstchen, einen Wasserweck und ein paar Zigarren, die jubelnd ausgenommen werden, und dann fahren wir weiter bis zu der nächsten Straßengabelung, wo das 2. Bataillon seine Biwaks bezogen hat. Auch hier werden unsere Gaben freudig ausgenommen, um so freudiger, als die Bagage noch nicht angekommen ist, und die Offiziere seit dem frühen Morgen keine Lebensmittel bekommen konnten. Die Mannschaften hatten wenigstens ihre eiserne Portion bei sich und brauchten daher keinen Hunger zu leiden. Da auch die Kantine noch nicht angekommen war, setzten sich zwei Autos wieder in Bewegung und fuhren in der Richtung auf Langen- schwalbach, woher die Bagage zu kommen hatte, und unserem Wagen gelang es denn auch nach kurzer Zeit die vielgesuchte Nährmutter zu finden und ein Faß Bier zu übernehmen. Ein kurzer Abstecher führte über gefahrvolle Wege nach Kaltenholzhausen, wo der Sohn eines der Mitfahrer lag, aber wir kamen leider so gut wie vergebens. Tie Quartiergeber vom vorhergehenden Tag hatten durch ihre Töchter, ein paar liebe Mädels, so gut vorgesorgt, daß unsere rohen Würstchen ziemlich überflüssig waren, und ein Mann der Wache war gar so gut gefüttert, daß er auf dem Bauche liegend, trotz all unserer Lockungen, ruhig weiterschlief und sich nicht im geringsten stören ließ. Im Biwak schlugen wir dann das Fäßchen an, sotten den Rest unserer Würstchen ab und genossen mit ein paar Offizieren unter einem dichtbehangeuen Apfelbaum unser bescheidenes Mahl, das der Hunger zu einem wahren Schmaus erhob.
Tie Wachtfeuer schwelten, die Soldaten lungerten müde um die knisternden Scheite, ein paar sangen, andere schliefen . . . hier Und da sprach einer im Traum, Männer, Weiber, Kinder aus den Ortschaften spazierten dazwischen, und wir saßen mitten darin, genossen die Poesie des Abends und unsere Würstchen und waren froh, daß wir die Beschwerden des Lagerlebens nicht zu erdulden brauchten, llns band kein Befehl an die kühle Scholle, die den anderen als Nachtlager diente, und als die Feuer sanken und allmählich Ruhe im Lager eintrat, machten wir uns auf den Weg, der in ungewisser Finsternis vor uns lag.
Tie Nacht war stockdunkel, aber die Straßen waren noch dicht belebt von neugierigen Menschen, die nun müde heimwärts zogen, und auch wir strebten mit ratternden Rädern der Heimat zu. Aber wir kamen vorerst nicht weit. Wir waren kaum 5 Kilometer gefahren, als der zweite Wagen plötzlich scharf bremste und hielt. Dunkle Gestalten sprangen heraus und eilten ins Feld, und als wir ebenfalls anhielten, stand ein Junge weinend im Kreise unserer scheltenden Freunde. Noch ehe wir nach dem Grunde fragen konnten, tönte eine scharfe Stimme durch die Nacht und wir vernahmen die bedeutungsschweren Worte: Was geht hier vor. I ch b i n d e r L a n d r a t. Wir alle erschauerten in tiesster Ehrfurcht; ein Landrat, ein preußischer Landrat stand unter uns. Da trat eine feierliche Stille ein. Die Natur hielt ihren Atem an. — Der Sachverhalt war rasch erklärt: em paar Buben hatten auf das zweite Auto Sand geworfen .und der Chauffeur, dem die Körner ins Auge geflogen waren, hatte nur dadurch ein schweres Unglück, das mehrere Menschenleben hätte kosten können, zu vermeiden gewußt, daß er Mort mit aller Kraft die Bremse trat. Glücklicherweise war die Geschwindigkeit des Wagens nur mäßig gewesen, so daß er sich nicht überschlug. Leider war nur ein Junge erwischt worden und der leugnete jede Beteiligung an dem leichtsinnigen Streich. Da legte sich ihm eine Hand auf die schmale Schulter und im tiefsten Brustton der ehrlichsten Ueberzeugung hörten wir bte erhabenen Worte: Junge, du wirst doch d einen Laud- rat nicht helügen! Wir alle knickten zusammen unter dem Gewicht dieser Worte — wir verspürten etnen Hauch der Allmacht — nur der Junge blieb gelassen und leugnete weiter. Tie heilige Macht hatte keinen Einfluß auf den verstockten Böse
Ter Landrat bat uns nun, durch den Bürgermeister tnt nächsten Ort den Sachverhalt feststellen zu lassen, damit die Sünder ihrer gerechten Strafe überliefert würden, und wir begaben uns beim auch mit dem Jungen im Wagen zur Bürgermeisterei in Linier. ..... ... . . .
Ter Bürgermeister beteuerte uns, daß m |emcr Gemeinde bett Automobilen noch nie Schwierigkeiten erwachsen wären und daß


