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Unterdessen las Miß Halcombe mir die letzten Sätze Bor, deren sie erwähnt hatte:
„Und jetzt, lieber Philipp, da ich ans Ende meines Papiers gelanget bin, zu der wirklichen Ursache, der erstaunlichen Ursache meiner großen Liebe zu dieser kleinen Anna Catherick. Mein lieber Philipp, obgleich nicht halb so hübsch, ist sie dennoch infolge eines jener sonderbaren Spiele des Zufalls mit Aehnlichkeiten wie man sie zuweilen sieht, in Haar, Hautfarbe, Farbe der Augen und Gesichtsform das leibhafte Ebenbild....."
Ich sprang von meinem Sessel in die Höhe, ehe Miß Halcombe noch die nächsten Worte aussprechen konnte. Dasselbe Gefühl, welches mir die Berührung der Hand auf der einsamen Landstraße verursacht hatte, durchschauerte mich wieder.
Da stand Miß Fairlie, eine einsame Gestalt im Mondlichte, in ihrer Haltung pnd der ihres Kopfes, in ihren Hautfarbe und ihrer Gesichtsform, in jener Entfernung und unter jenen Verhältnissen das jebeudige Ebenbild der — Frau in Weiß. Der Zweifel, der mich stundenlang gequält hatte, wurde in einem Augenblicke zur Gewißheit. Das Etwas, was mir gefehlt hatte, war — mein eigenes Erkennen der ominösen Aehnlichkeit zwischen der aus der Irrenanstalt Entflohenen und der Erbin von Liinmeridge House!
Sie sehen es! sagte Miß Halcombe. Sie ließ den Brief fallen, und ihre Äugen blitzten, als sie den meinigen begegneten. Sie seihen es jetzt, wie meine Mutter es vor elf Jahren sah !
Ich sehe es —, und es betrübt mich mehr, als ich sagen kann. Jene hilflose, freundlose, verlassens Frau auch nur durch eine zufällige Aehnlichkeit mit Miß Fairlie in Verbindung zu bringen, sieht aus, als ob man einen Schatten auf die Zukunft eines so strahlenden Wesens, wie das, welches vor uns steht, werfen wollte. Lassen Sie mich so schnell wie möglich den Eindruck los werden. Rusen Sie Mist Fairlie fort aus dem entsetzlichen Mondlicht — bitte, rufen Sie sie herein!
Mr. Hartright, Sie setzen mich in Erstaunen. Was die Frauen auch immer fern mögen, die Männer, dachte ich, seien im neunzehnten Jahrhundert über den Aberglauben erhaben.
Bitte, rufen Sie sie herein!-
Stille! stille! sie kommt schon von selbst, entgegnete Miß Halcombe. Sagen Sie nichts in ihrer Gegenwart. Lassen Sie die Entdeckung dieser Aehnlichkeit ein Geheimnis zwischen Ihnen und mir bleiben. Komm herein, Laura, komm herein und erwecke Mrs. Beseh mit Klavierspiel. Mr. Hartright bittet noch um etwas Musik, und zwar diesmal von der leichtesten und lebhaftesten Art!
VIII.
Die Tage vergingen und die Wochen. Weiteres über Anna Catherick, die mit der Dame in Weiß ein und dieselbe Person sein sollte, erfuhren wir nicht. Aber ich hatte auch gar kein Interesse mehr dafür. Denn, um es kurz zu sagen: in mein Herz war, wie ich es schon im ersten Augenblick dunkel gefühlt, die Liebe eingezogen, und diese Leidenschaft war um so trostloser für mich, als ich sie geheim zu halten suchte.
Wir waren eines Abends n>ie gewöhnlich auseinandergegangen. Es war meinen Lippen weder an jenem Abende noch je zuvor ein Wort entfallen, das mich hätte verraten und sie erschrecken können. Als wir aber am folgenden Morgen einander begegneten, war eine Veränderung über sie gekommen — eine Veränderung, die mir alles sagte, Der Augenblick, wo sie mein Geheimnis entdeckte, war, wie ich fest überzeugt bin, derselbe, in welchem sie ihr eignes entdeckte, und zwar als sie in dem kurzen Zeiträume einer einzigen Nacht sich gegen mich veränderte. Ihre Natur, zu aufrichtig, um andere zu betrügen, war zu edel, um sich selbst zu täuschen. Als der Zweifel, den ich in den Schlaf gelullt hatte, sich mit seiner schweren Last auf ihr Herz legte, bekannten die offenen Züge Miß Fairlies alles und sagten in der ihnen eignen einfachen Sprache: es betrübt mich um feinet- und um meinetwillen. Es war eine Kälte in ihrer Hand, eine unnatürliche Ruhe in ihren Zügen, und in allen ihren Bewegungen der stumme Ausdruck von Angst und Selbstvorwurf. . Aber dies waren nicht die Gefühle, deren Spur ich bei ihr und bei mir wahrgenommen, nacht die, welche totr, ohne sie zu bekennen, in Gemeinschaft empfanden. In der Veränderung ihres Wesens lagen ge
wisse Elemente, welche uns ganz heimlich noch! immer zueinander hinzogen, und wieder andere, die uns ebenso heimlich voneinander zu entfernen begannen.
In meinem Zweifel und meiner Unruhe, in meinem! unklaren Verdacht, daß man mir etwas verberge, das ich ohne Hilfe durch eigene Anstrengung entdecken sollte, suchte ich in Miß Halcombes -Blicken und Verhalten Aufklärung.
Und es währte nicht lange, 'bis ich erfuhr, woran ich war.
Es war an einem Donnerstage in der Woche zu Ende des dritten Monats meines Aufenthaltes' in Limmeridge House.
Als ich am Morgen zur gewöhnlichen Stunde ins Früh^- stückszimmer trat, war Miß Halcombe zum ersten Male, seit ich sie kannte, nicht an ihrem Platze am Tische.
Miß ^Fairlie war draußen aus, dem Rasenplatze. Sie grüßte mich, kam aber nicht herein. Weder ihre Lippen, noch die meinigen hatten ein einziges Wort stallen lassen, das uns hätte verlegen machen können, und doch Heft- uns ein unausgesprochenes Gefühl der Verlegenheit gegen» 'fettig die Gelegenheit vermeiden, miteinander allein zu sein. Sie wartete auf dem Rasenplatze und ich in der Frühstücksstube, bis Mrs. Beseh und Miß Halcombe eintraten.
Nach wenigen Minuten kam Miß Halcombe herein. Sie sah nachdenklich aus und machte zerstreute Entschuldp gungen, daß sie so spät komme.
Ich wurde durch eine Beratung über häusliche Angelegenheiten, wegen welcher Mr. Fairlie mich zu stprekhen wünschte, aufgehalten, sagte sie.
Miß Fairlie kam aus dem Garten herein, und wir Boten einander den üblichen Morgengruß. Ihre Hand lag kälter denn je in der meinigen. Sie sah mich nicht an und war sehr bleich. Sogar Mrs. Beseh bemerkte dies, als sie einen Augenblick später ins Zimmer trat.
Es wird wohl vom veränderten Winde kommen, sagte die alte Dame. 'Der Winter naht — ach ja, mein liebes Kind, bald wird er da sein!
In ihrem Herzen und dem meinigen war er schon eingekehrt.
Unser Frühmahl ।— das sonst so voll fröhlicher Pläne für den Tag gewesen — ward kurz Und still beendet. Miß Fairlie schien das Drückende der laugen Pausen in der Unterhaltung zu fühlen und sah, bittend ihre Schwester an, daß sie dieselben füllen möge. Endlich, nachdem sie ein- oder zweimal auf höchst uncharakteristische Weise au- gesetzt und wieder aufgehört .hatte, begann Miß Halcombe:
Ich habe deinen' Onkel '.heute morgen gesehen, sagte sie. Er tft der Ansicht, daß die dunkelblaue Stube hergerichtet werden soll; nud er bestätigt, was ich dir sagte. Montag ist der Tag — nicht Dienstag.
Während Miß Halcombe diese Worte sprach, blickte Miß Fairlie auf den Tisch herab. Ihre Finger bewegten sich zitternd unter den Krumen, die sie auf das Tischtuch gestreut hatte. Die Blässe ihrer Wangen zog sich bis in ihre Lippen hinein, und die Lippen selbst bebten sichtlich. Ich war nicht der einzige, der dies bemerkte. Miß Halcombe sah es ebenfalls und ging uns sofort mit dem Beispiele des Aufstehens voran.
(Fortsetzung folgt.)
Eine Manöversahrt der Gießener Motorklubs.
Ein goldflirrender Spätsommertag.
Rasselnd und zitternd harren die Automobile des Gießener Motorklubs der Abfahrt in das Manöverfeld, und nachdem die Liebesgaben in den einzelnen Wagen verstaut siird, setzt sich der bunte Zug langsam in Bewegung.
Arif der freien Landstraße wird eine höhere Geschwindigkeit eingeschaltet, und nun geht es wie im Fluge durch das weite herbstliche Land, das sich in mildem Schimmer fernhin ausdehnt. Die Sonne leuchtet sprühend durch die Staubwolken der vorderen Wagen, spielt auf. den blanken Metallteilen unseres Automobils in wunderlichen Lichtern, rmd der Widerschein der bunten Karosserien fliegt leuchtend neben uns auf den Feldern her. In frischer Fahrt geht es über Garbenheim, das berühmte Wahlheim von Goethes Werther, nach dem alten, lustigen Städtchen an der Lahn, wo ehemals das Reichskammergericht voller Liebe die geheiligten; Zöpfe frisierte und inventarisierte, und wo heute noch alles von dem alten Geiste und Goethes Ruhm zu zehren scheint. Wie ein fremder Eindringling rattert der Kraftwagen durch das Idyll der großväterischen Straßen, und die alten schönen Bauten sehen mit Muzenden Fensteraugen verwundert auf die bunten „Schreckest dec Straße", die knatternd vorubereilen.


