Samstag den 23. September
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er sagt, daß ihre sorgfältige ^Erziehung in der Schule gerade jetzt von großer Wichtigkeit sei, da ihre ungewöhnlich langsame Auffassung andeutet, daß sie alle Eindrücke, die sie jetzt in sich aufnimmt, mit ungewöhnlicher Treue festhalten wird. Du mußt nun nicht gleich denken,, lieber Philipp, daß ich eine Vorliebe für eine Blödsinnige gefaßt habe. Diese arme kleine Anna Catherick ist ein liebes, zärtliches, dankbares kleines Mädchen und sagt die drolligsten, niedlichsten Sachen (wie Du sogleich nach einem Beispiele selbst urteilen sollst) auf eine höchst eigentümliche, plötzliche und halb erstaunte, halb^ erschrockene Art. Obgleich sie höchst sauber gekleidet ist, so zeigen doch ihre Kleider in Farbe und Muster einen betrübenden Mangel an Geschmack. Demzufolge ließ ich gestern einige von unserer lieben Laura Kleidchen und weißen Hütchen für Anna Catherick ändern und erklärte ihr, daß kleine Mädchen von ihrer Haut- und Haarfarbe sauberer und besserer in Weiß aussehen, -als in .sonst einer Farbe. Sie stockte und sah einen Augenblick verwirrt av3>; dann errötete sie plötzlich und schien mich zu verstehen. Ihre kleine Hand erfaßte plötzlich die meine. Sie küßte sie und sagte: „Ich will immer Weiß tragen, so lange ich lebe. Es wird mir helfen, mich an Sie Lu erinnern, Madame, und zu glauben, daß ich Ihnen noch gefalle, wenn ich schon fort sein und Sie nicht mehr sehen werde."
Miß Halcombe hielt inne, und blickte zu mir herüber.
Schien die verlassene Frau, der Sie auf Der Landstraße begegneten, jung zu sein? fragte sie. Nicht älter als.zwei- bis dreiundzwcnlzrg Jahre?
Ja, Miß Halcombe, gerade in diesen Jahren.
Und sie war seltsamerweise von Kops bis zu Füße» in Weiß gekleidet?
Vom Kopf bis zu den Füßen in Weiß.
Als diese Antwort über meine Lippen ging, schwebte Miß Fairlie zum dritten Male auf der Terrasse an uns vorüber. Meine Augen hefteten sich einen Augenblick auf den weißen Schimmer ihres Kleides und Kopftuches tnti Mondlichte, und es beschlich mich ein Gefühl, für das ich keinen Ausdruck habe — ein Gefühl, das meine Pulse fliegen und mein Herz zittern machte.
Ganz in Weiß! wiederholte Miß Halcombe. Der wichtigste Teil des Briefes, Mr. Hartright, ist der Schluß, den ich Ihnen sogleich vorlesen tvill. Aber ist diese Vorliebe für weiße Kleider nicht merkwürdig?
Ich sagte ein paar Worte der Erwiderung. Merns ganze Aufmerksamkeit war ausschließlich auf den weißen Schimmer von Miß Fairlies Musselinkleide gerichtet.
Hören Sie jetzt die letzten paar Sätze des Brrefes« sagte Miß Halcombe; ich glaube, sie werden Sie in Erstaunen setzen. c , ,,
Als sie den Brief zum Lichte erhob, wandte Miß Fcnrlw sich von dem Geländer, blickte unentschlossen die Terasse auf und ab, tat einen Schritt nach der Glastüre zu und stand dann Ms gegenüber Wl,
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Miß Halcombe wartete, bis sie ihrem Gesichtskreise entschwunden war, und fuhr dann mit dem Lesen ihres Briefes fort:
„Mrs. Chaterick ist eine anständige, wohlgesittete, respektable Frau; sie steht in mittleren Jahren und zeigt Spuren früherer Schönheit. Doch ist etwas in ihren Manieren und ihrer Erscheinung, das ich nicht verstehen kann. In bezug auf sich selbst ist sie zurückhaltend bis zur Heimlichtuerei, und in ihrem Gesichte hat sie einen Ausdruck — ich kann ihn nicht beschreiben —, aber er verursacht mir ein Gefühl, als ob sie etwas auf deut Gewissen habe. Sie ist überhaupt, was man ein lebendiges Geheimnis nennen möchte. Was sie übrigens nach Limmeridge House führte, war einfach genug. Als sie Hampshire verließ, um die Pflege ihrer Schwester, Mrs. Kempe, in deren letzter Krankheit zu übernehmen, war sie genötigt gewesen, ihre Tochter mitzunehmen, da sie zu Hause niemanden hatte, dem sie die Sorge für das kleine Mädchen hätte anvertrauen können. Mrs. Kempe kann schon in einer Woche sterben oder auch noch monatelang daliegen, Mrs. Chaterick kam daher, um mich zu bitten, ob nicht ihre kleine Tochter Anna an dem Unterrichte in meiner Schule teilnehmen dürfe, unter der Bedingung, daß sie nach Mrs. Kempes Tode dieselbe wieder verlassen und mit ihrer Mutter heimkehren dürfe. Ich willigte augenblicklich ein, und als Laura und ich unfern Spaziergang machten, brachten wir das kleine Mädchen (das eben elf Jahre alt ist) schon an.demselben Tage nach der Schule."
Miß Fairlies Gestalt, so hell und weich in ihrem schneeigen Musselinkleide — ihr Gesicht von den weißen Falten des Taschentuches eingerahmt — ging noch einmal im Mondlichte an uns vorbei. Miß Halcombe hielt abermals inne, um sie vorüber zu lassen, und fuhr dann fort:
„Ich habe eine große Zuneigung für meine neue Schülerin gefaßt, lieber Philipp, und zwar aus einem Grunde, den ich, um Dich zu überraschen, bis zuletzt aufbewahren will. Da ihre Mutter mir ebenso wenig über ihr Kind wie über sich selbst mitgeteilt hatte, war es mir überlassen, zu entdecken, daß des armen kleinen Mädchens Verstand nicht ganz so entwickelt ist, wie er es in ihrem Alter sein sollte. Da ich dies gewahr wurde (was schon am ersten Tage der Fall war), ließ ich sie am folgenden Tage zu mir kommen und kam mit dem Arzte überein, daß er sie beobachten, befragen und mir Hann sagen solle, was er von ihr denke. Er ist der An- sicht^ daß es. sich -im Lauf der Zeit ändern wird, Aber
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