Ausgabe 
23.8.1911
 
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HMe 1807 nach Sem Siege über Welchen Md' RüUand Ws Sm meiftett polnischen Provinzm Preußens das Großherzogtum War- schW geschaffen uitb mit Sachsen in Personalunion verbunden, Km W ihm stets gegen die Ostmächte einen sicheren Bundesgenossen g: besitzen. Nach deut Kriege gegen Oesterreich im Jahre 1809, deni die Polen tapfer unter der französischen Fahne gefochten h'atten, vergrößerte er Warschau durch ein Stück des österreichischen Galizien und erregte damit großen Anstoß beim Zaren, der darin den Vorboten einer .Wiederaufrichtung Polens erblickte. Aller- djngs suchte Napoleon Alexanders Verdacht zu beschwören, da­durch, daß er feierlich jede solche Absicht verleugnete und dem Zaren selbst ein Stück von dem eroberten Galizien überwies. Aber alles war vergebliche der Zar blieb bei seiner Meinung Und argwöhnte weiter, Napoleon plane mit Hilfe des neuen Polen die Niederwerfung Rußlands, um keinen selbständigen Willen Neben dem feinigen in Europa zu dulden. Seitdem bereitete er Baus einen Krieg mit Frankreich vor, ja, er trug sich mit

l Gedanken, den Krieg durch einen Einfall in Polen zu er­öffnen, die Wiederherstellung Polens in Personalunion mit Ruß­land zu proklamieren, die Polen hierdurch für sich zu gewinnen Und so eine treffliche Basis zum Kriege gen Westen zu erlangen. Sogleich suchte er Fühlung mit einflußreichen Polen zu gewinnen, UNd es gelang ihm, diese Umtriebe zunächst vor Napoleon zu verbergen. Die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Mächten trübten sich daher äußerlich nicht; Napoleon zog sogar beträchtliche Teile seiner in Deutschland stehenden Armee nach Frankreich zurück (Frühjahr 1810), dachte also trotz jener Aus- rinandersetzüngen über Polen gewiß nicht an einen Krieg gegen Rußland, während der Zar einen Uebcrfall plante. Eine neue Und in die Augen fallende Störung erfuhr das Verhältnis dann durch ein anderes Moment, durch die Handelspolitik. Diese Differenz war eine Folge der vorigen und berührte die Grundlage des Bündnisses.

Rußland und Frankreich hatten sich ja in Tilsit zu ihrem Bündnis zusammengefunden in der gemeinsamen Feindschaft gegen England, den einzigen noch unbezwungenen Widersacher Napoleons, Und da sie Sem Jnselreiche nicht direkt an den Seift konnten, hatten sie den Kampf auf das wirtschaftliche Gebiet verlegt. Durch die sog. Kontinentalsperre, durch den Ausschluß aller englischen Warm Vom Festlande, suchten sie England wirtschaftlich zu ruinieren und politisch mürbe zu machen. Die englischen Händler suchten diesen Schlag U. a. dadurch zu parieren, daß sie ihren Waren falsche Ursprungszeugnisse beilegten, sie z. B. als amerikanische bezeich- inetm und sie unter neutraler Flagge nach dem Festlande brachten. Im französischen Machtbereiche wurden deshalb nicht nur die englischen, sondern auch die angeblich neutralen Waren verfolgt, Uber in Rußland wär die Praxis tveit laxer. Denn der Handels­krieg brachte den Russen empfindliche Verluste. Das Korn und Holz der russischen Landwirtschaft war bisher zum größten Teile Nach England ausgeführt worden, England hätte dagegen die meisten und billigsten Industrie- Und Kolonialwaren geliefert'./ Jetzt hielt der Handelskrieg den besten Käufer und billigsten Lieferanten fern; von allen Seiten kamen Klagen an Alexander, daß diese selbstmörderische Handelspolitik geändert werden möge. So länge Alexander Vertrauen in Napoleons Buudestreue setzte, wies er solche Wünsche ab; er meinte, eine Reihe von Jahren könne Rußland diese Schwierigkeiten tvohl überstehen, und er erwartete für das Ausharren beim französischen Bündnis durch territoriale Erwerbungen am Balkan, die er mit Napoleons Hilfe zu machen hoffte, reichlich entschädigt zu werden. Aber als Alexander begann, mißtrauisch in Napoleons Absichten zu tverdeu, schwand auch die Neigung, den verlustreichen Handelskrieg fortzusetzen; England war ja, Ivie er meinte, sein künftiger Bundesgenosse gegen Frank­reich, wie hätte er es da zu Grunde richten sollen. Allerdings ging er nicht so tveit, den Kampf gegen die englischen Waren sofort ein» zustellen; er mußte besorgen, daß Napoleon das mit sofortiger Kriegserklärung beantwortet haben würde, und dazu, war er nicht vorbereitet. Daher ließ er zivar englische Schiffe und Warm, sotveit sie in russische Häfen kamen, tvegnehmen, aber neutrales Gut ließ er zu, ohne peinlich zu untersuchen, ob es nicht in/Wahr­heit aus England stamme. Auf die Dauer blieb Napoleon weder diese Handhabung der Handessperre noch die Agitation in Polen Unbekannt. Ende 1810 war er über beides hinreichend orientiert. Wie es seine Art war, zog er sogleich aus der Haltung des Partners seine Koilseguenzen: Da Alexander durch seine Handhabung der Handelspolitik das Tilsiter Bündnis zu umgehen anfing, so hielt sich auch Napoleon nicht urehr an den Buchstaben der Abmachungen gebunden. Um den Schmuggel mit englischen Waren in Deutsch­land besser bekämpfen zu können, vereinigte er am 13. Dezember 1810 die deutsche Nordseeküste bis über die Elbe hin mit Frank­reich. Hierdurch verletzte Napoleon das Abkommen mit Rußland, fcenn er beraubte den Großherzog von Oldenburg feines Landes, dem ilrt Frieden zu Tilsit seine Unabhängigkeit garantiert wordeit war. Obgleich der Zar stets lebhaftes Interesse an dem Schicksal seines Oldenburger Vetters genommen hatte, scheute Napoleon, diese Rechtsverletzung nicht; er legte ihr feine große Bedeutung bei Und' meinte, der Zar werde ihre Notwendigkeit einsehen tiud sich mit einer Entschädigung des Oldenburgers in Deutschland zu­frieden geben. Man sieht jedenfalls nicht, daß er von der Be- ranbüng des Oldenburgers eine entscheidende Wendung in Peters- hurg befürchtet habe, er hielt vielmehr immer noch die Hoffnung

fest, irotz iener Anzeichen eines russischm Gesinnungswechsels daI Ttlstier Bündnis behaupten M könnm.

Mer diese Hoffnung wär eitel; selbst bei der peinlichsten Bundestreue Napoleons wär die Allianz nicht mehr zu halten, denn der Zar löste sie auf, noch ehe er etwas vvn der Oldenburger! Angelegenheit vernommen hatte. Er schlug eine neue Handels/- Politik ein (Ende Dezember), deren Kern wär, daß die Einfuhr der über den Wasserweg kommenden neutralen, also faktisch meist englischen Waren begünstigt, die der über den Landweg kommend dm, meist französischen, Waren erschwert werden sollte. Der Landweg, hieß es in dem Ukas, bringe tiortoiegenb Luxuswaren, für die Rußland bei der augenblicklichen toirtschaftlichen Not sein Geld nicht opfern dürfe. Mochte die Neuerung durch die wirt­schaftlichen Verhältnisse Rußlands gerechtfertigt sein oder nicht: es wär eine große Unfreundlichkeit gegen Frankreich' und eine tat­sächliche Durchbrechung der Handelssperre und damit des Tilsiter Bündnisses. Beide Teile Verletzten also ungefähr gleichzeitig ihre Verpflichtungen, und ohne Zweifel tvar die Verfehlung Alexanders! weit schwerwiegender als die Napoleons. Denn die Entthronung der oldenburgischen Dynastie ließ sich durch Entschädigung mildern und sollte das gemeinsame Streben, den Kampf gegen England, fördern, der neue russische Tarif schloß dagegen eine erfolgreiche Bekämpfung Englands überhaupt aus. Alexander ist also weit aggressiver, wie das ja seiner ganzen Politik in dieser Zeit ent­spricht.

Der Zar hegte keinen Zweifel, daß sein Ukas einen Bundes­bruch bedeute. Da kam ihm nun die Annexion Oldenburgs trefflich zu statten: er beschwerte sich öffentlich über das feinem Ver­wandten widerfahrene Unrecht und konnte so französische Vorivürfe mit Gegenklagen beantworten. Ebenso durchschaute Napoleon so­gleich die Tragweite der russischen Neuerung; er erkannte, daß er entweder auf den Handelskrieg und damit auf die UeberwindUNg Englands verzichten oder Alexander durch Güte oder Gewalt zur Zurücknahme seines Tarifes bewegen müsse. Er hat sich daher seit dem Beginn des Jahres 1811 auf dm schlimmsten Fall Vorbereitet, Rekruten ausgehoben, die Truppen in Warschau und Deutschland vermehrt, für Proviant und Fuhrwesen gesorgt Und bergt. Aber die Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Zwistes gab er trotzdem noch nicht auf; Verhandlungen zwischen Paris! und Petersburg gingen hin und her, aber bald zeigte sich, daß Alexander jeder ernsthaften Erörterung bet wichtigsten beiden Streitfragen, der polnischen und kommerziellen, ausweichen wollte., Geflissentlich schob er stets die Oldenburger Frage in den Vorder­grund, weil er hier einen Grund zur Beschwerde hatte. Napoleon wüßte wohl, daß das nur ein Vorwand fei; in der Ansprache an Kurakin gab er es deutlich zu verstehen und beschwerte sich zu­gleich über Alexanders polnische Absichten:Ich bin nicht dumm genug, nm zu glauben, daß Ihr Euch um Oldenburg kümmert; ich sehe klar, daß es sich um Polen handelt." . . .Ihr werdet cs nicht haben und wenn Ihr auf dem Montmartre oder in der Nähe lagertet." . . .Ich werde Euch fein Dorf, feine Mühle dieses' Landes geben." Aber deshalb, wiederholte er immer wieder, sei der Krieg nicht unvermeidlich, denn er sei bereit, eine reichliche Entschädigung für Oldenburg zu geben, wenn man nur offen und ehrlich mit ihm verhandle. i

Alle diese Mahnungen und Erbietungen waren, in den Wind gefbrodjen. Denn über die Handelsfrage gab es feine Ver­ständigung. Alexander kannte hier trotz seines offenbaren Un­rechts fein Nachgeben, da er eben England nicht mehr nieder­zwingen wollte, und dieser Punkt ist daher in den Verhandlungen kaum noch berührt worden. .Wenige Monate nach seinem Geburts­tag zweifelte Napoleon nicht mehr an der Unvermeidlichkeit des Krieges, und die Unterhandlung hatte seitdem nur noch dm Zweck, den Kriegsausbruch zu verschieben, bis die militärischen Vor­bereitungen beendet ivaren. Für Rußland und Frankreich gab! es bei der damaligen Lage kein einfaches Nebeneinander; sie mußten Bundesgenossen ober Feinde fein. Alexander feit der Vergrößerung Warschaus nicht mehr Bundesgenosse fein wollte, wurde diese Gebnrtstagsrede der Schwanengesang des Tilsiter Bündnisses, G. Roloff. ,

ßrankreichsschwarze Truppen".

Welche Hoffnungen die Franzosen auf ihre schwarze Armee sehen, läßt ein Bries erkennen, den der Korrespondent des Matrn, Hubert-Jacques, aus Tanger an sein Blatt richtet. Er hat die beiden senegalesischen Tirailleurbataillone, die seit 3 Jahren in Marokko sind, bei dem Marsch der Brigade Moinier auf Fez beobachtet und glaubt der Truppe ein glänzendes Zeugnis ausstellen zu können.Jnnnerdar marschieren sie mit ihren nackten Beinen und den Khakihosen, die kaum bis zum Knie reichen, unermüdlich durch den tiefen Sand oder die zähen Sümpfe, in denen sie bis zum Gürtel einsinken; an den Flanken der Hauptkolonne verteilt machen sie den Marsch zweimal im Auf und Ab von Berg und Tal und kommen beim Biwak mit demselben glücklichen Lächeln, bem gleichen leichten und elastischen Schritt an, die ihrer Rasse eigen sind. Ja, es sind bewunderungswürdige Soldaten, widerstandsfähig, keine Gefahr fürchtend, gut diszipliniert. In der Garnison, in Casablanca sowohl wie in Oran, lebt der Senegalese in Familie mit Weck und Kindern. Nichts Malerischeres als diese kräftigen Negerinnen nut lehr beftimmtem Auftreten und entschiedener Gebärde, die zugleich als Gefährtinnen, Wirtschafterinnen und Ordonnanzen ihren Lian-