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jgaV sie alles auf, was sie noch an die Vergangenheit fesselte; Ss Wan ein großer Abschnitt in ihrem Leben: sie konnte Siu neues Leben beginnen.
Und nun kamen die alten Träume wieder: Träume voller Farbenpracht — weite Plantagen, Bananenwälder, schlanke Palmen, Dattelbäume, Myrten und Lorbeer. Und Mitten drinnen ein Heer von schwarzen Arbeitern, und die schöne Herrin auf weißem Maultier, in wallendem Kleide aus Rohseide und natürlich einen mächtigen Panama auf dem Kopse, aber mit kirschroten Bändern und safrangelben Pompons. . . - Doch- keiner dieser Träume ging zu Ende. Immer zerriß ihn ein Stich im Herzen.
Dann dachte sie wieder au Everstedt. *
Eines Tages hielt ein wunderschönes Automobil vor dem Möchelschen Häuschen. Darin saßen Mnrsinna, Fride- rici, Nöldechen und Fritz Eggenolph, und jeder trug einen Blumenstrauß, in der Hand. Sie kamen, um sich nach Traute zu erkundigen und um sie zu bitten, bei dem großen Sont- merfest des Vereins „Caritas" die Rolle der Märchenfee zu übernehmen: dieselbe führende Rolle, die sie für das Unterbliebene Maisest zum Besten der Seemannsheime zu- tzesagt hatte. Es sei dies der ausdrückliche Wunsch von Eberstedt und Kruse.
Aber zum Entsetzen der Herren lehnte Trante rund- iveg ab.
Sie schützte allerlei vor: ihre noch immer schwankende Gesundheit und die Möglichkeit einer größeren Reise — zu einer Verwandten aut Rhein. Das Bedauern war groß-, aber mau gab noch nicht alle Hoffnung verloren. Die Gesundheit konnte sich bessern und die Reise nach dem Rhein verschoben werden. Man bat dringend, nicht mit einer definitiven Absage nach der Stadt zurückkehren zu brauchen. Es handle sich ja doch um etwas sehr Schönes und Edles: um die Begründung eines Hospizes an der See für unglückliche und verwahrloste Kinder unehelicher Geburt. Eberstedt sei ungemein eifrig hinterher, nm so eifriger, da er beim Senat keine Unterstützung gefunden habe. Auch Pastor Moebius werbe für die gute Sache; es habe sich bereits ein Komitee gebildet: ein Prinz, zwei Miuiftersgattinnen, vier Geheimräte, ein' paar berühmte Schriftsteller und mancherlei Größcir der Handelswelt seien dabei. Das Terrain an der See aber wolle Everstedt schenken.
Traute blieb unerbittlich. Die Herren mußten sich fügen.
Sie luden Trante zu einer Fahrt nach dem Leuchtturm ein, und das nahm sie au. Neber den harten Sand- des Strandes sauste das Automobil wie auf einer Chaussee dahin. Die See war glatt und bis in die Tiefen hinein vom Sonnenschein durchglüht. Eilt paar Fischerboote strichen über das Wasser; in der Ferite zeichnete der Rauch cines Dampsers eine schwarzgraue Linie in die Luft.
Die Herren sprachest während der Fahrt wie auf Verabredung kein Wort mehr von ihrer Bitte. Mer sie schwatzten sonst allerlei. Trante hörte nur mit halbem Ohre zu; ihr Interesse für das lustige Treiben der Horde hatte sich merklich abgekühlt. Ihr gegenüber saß Fritz Eggenolph. Der sprach am wenigsten, und wenn er sprach, wär es nicht nur Unfug und Flachheit. Das gefiel Traute. Die anberen sahen sie heute mit geschärfterem Auge an als sonst. Sie sand es widerlich, daß Friederiei mit beit weißen Haaren in seinem Schnurrbart unb ber großen Glatze sich noch immer auf den Jugendlichen cmsspielte. Sie lächelte über die modische Eleganz Wilm Noeldechens, seine bunt gemusterte Weste, das knappe kragenlose Jackett (die Krageit- losigkeit war seine neueste Erfindung) und über seinen goldenen Armreif, in den wunderliche Zeichen eingraviert waren. Sie sand auch keinen Gefchntack mehr an der mondänen Müdigkeit Mnrsinnas, der seine gewählten Aphoris- men in schleppendem Tone von sich gab, als falle ihm jedes Wort, schwer. Herrgott rief sie sich zu, was sind Lili und Erna und Henny und Ellen für törichte Kinder, wenn sie diese Männer für ihre Ideale halten! — Und unwillkürlich verglich sie die drei Herren mit Paul Everstedt. Der mochte ein brutaler Genußmensch sein, aber er war kein Narr . . .
Bei den Felsen von Tendlan stieg man aus. Aus dem pittoresken Wirrwarr der Steinmassen ragte der schlanke Schaft des Leuchtturmes in die Luft. Oben um- rreisten ihn Schwalben, tiefer unten umgellte ihn ein Schwarm von Möwen. Die Möwen ließen sich von der Brandung tragen und flogen mit dem zerpeitschten grünen
Schäum gegen die UmMauerUng des Turmes. Ihre Schreie tönten weithin.
Mnrsinna -hatte gegen Friederiei um drei Flaschen Ayäkai gewettet, daß er die Wendeltreppe des Leuchtturms nicht werde ersteigen können. Da spielte Friederiei wieder den JUgendfrischen und nahm oie Wette an, und Wilm N-oeldechen folgte ihnen als Unparteiischer.
Eggenolph und Trante blieben zurück. Sie kletterten zwischen den Felsen umher unb fanden auf einem aus-. gehöhlten Riesenstein -einen bequemen und trockenen Sitz.- Da ließen sie sich denn nebeneinander nieder Und die Beine herabhängen. • Der Gischt spritzte bis an ihre Sohlen und bis an -den Kleidsaum Trautes. Aber sie sand es doch herrlich auf diesem wassernmrcmschten Königsstnht, bei dem' Farbenspiel der Sonne int Smaragd der schäumenden Wogen und den wilden Luftschreien der Möwen.
„Fällen Sie nicht," sagte Eggenolph bei einer unwillkürlichen Bewegung seiner Nachbarin. „Wenn Sie in biß Tiefe gleiten, würden Sie nicht mehr zu retten sein."
„Würden Sie es versuchen?" fragte Traute.
„Selbstverständlich."
„Das ist gar nicht selbstverständlich. Vor der Gefahig des Todes macht auch die Ritterlichkeit hält."
,,-Jm Gegenteil: die Gefahr spornt sie an,"
Traute pfiff durch die Zähne.
„Denken Sie sich die drei oben int Leuchtturm vor die Wahl gestellt: Leben oder halbsicherer Tod, Glauben Sie, daß sie schwanken würden?"
„Das weiß ich nicht. Aber ich kenne andere, bei denen ein Schwanken unmöglich wäre."
„Everstedt zum Beispiel. Euer Held und Meister."
„Bei dem ganz gewiß. I ch dachte freilich! an Dewa." „Fredchen?!" rief Traute lachend. „Ei nein! Oder er würde vor dem Sprunge vorsichtshalber erst sein TestcE ment machen."
/,Jch gebe zu, er fordert zum Spötteln heraus. Er! ist eine Natur ohne Pathos, lyrisch, sehr weich und gern nachgebend. Aber es brauchen nicht alle Helden geharnischt! zu sein. Ich soll Ihnen übrigens einen Abschiedsgrutz von ihm bestellen."
(Fortsetzung folgt.)
Napoleons letzter Geburtstag in den Cuilerien
(15, August 1911.)
Vor hundert Jahren feierte Napoleon zum letzten Male seinen Geburtstag in voller Kaiserherrlichkeit in Paris. Kanonendonner! leitete das Fest ein, am Morgen gab es einen prmtkreichen Kirchi- gang des ganzen Hofes, darauf eine große Parade, unb am Mittag folgte großer Empfang der Prinzen, Minister, Gesandten Und zahlreicher distinguierter Persönlichkeiten des In- und Auslandes. Unter den Gratulanten befand sich in erster Reihe Fürst! Kurakin, der Botschafter des russischeit Bundesgenossen. Ihm wurde eilt nichts weniger als bundesfreundlicher Empfang zuteilt „Ich begreife Euer Verfahren nicht," herrschte ihn Napoleon an, „entweder habt Ihr Hintergedanken, ober Eure Regierung hat den Kopf verloren und macht es wie der Hase, der Blei in beit Kopf bekommen hat; er läuft ohne zu wissen, wo er sich stoßen wird." Daran reihten sich Vorwürse über die Hinterlist der russischen Politik, die unter der Maske der Bnudesfreundschaft zum' Kriege gegen Frankreich rüste, aber nie offen gesagt habe, welch« Beschwerden sie gegen Frankreich habe. „Warum den Kontinent! -alarmieren, warum nicht lieber mit mir unterhandeln?".....i
„Sprecht offen mit mir, wie ich es liebe und wie ich verfahre," Aber leider mache die Haltung Rußlands es dem Kaiser trog seiner Friedensliebe unmöglich, die Wolken zwischen den Bundesgenossen zu zerstreuen, er habe vielmehr ebenfalls rüsten uM die Kriegsgefahr vergrößern müssen.
In b® diplomatischen Welt erregte diese Koramierung des Botschafters natürlich große Aufmerksamkeit; manche Staatsmänner glaubten, Napoleon habe durch die leidenschaftlichen Vorwürfe den sofortigen Krieg vrov-ozieren wollen. Indessen daZ lag ihm fern, er war nicht daraus vorbereitet. Er wollte nur der russischeit Regierung den Ernst der Lage klar machen und! ihr zeigen, daß sie mit ihrer augenblicklichen Politik zum Kriege treibe, und daß er darauf gefaßt sei. „Ich habe keine Neigung/ Krieg int Norden zu führen; aber wenn diese Krisis bis zum! November nicht vorüber ist, hebe ich 120 000 Mann aus. Ich werde zwei, drei Jahre so sortfahren, und wenn ich sehe, daß dieses Shstein lästiger ist als der Krieg, werde ich ihn führen, Ihr werdet den ganzen Kontinent gegen Euch haben." Es war also ein Versuch zur Einschüchterung und eine Aufforderung zu- Verhandlungm, um einen letzten Versuch zur Ausgleichung der Differenzen zu machen. Dreierlei Gegensätze standen zwischen-- Rußland und Frankreich. Der erste betraf Polen. Napoleost


