Ausgabe 
23.8.1911
 
Einzelbild herunterladen

Das nette Mädel.

Roman von Fsdor von ZobelttA (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Trante fand sie reizend. Nun wurde sie bestürmt, srch genau dasselbe machen zu lassen. Traute erklärte, sie hätte kein Geld. Da sagte Ellen, sie hätten ebensowenig, aber die Hübner, die Schneiderin, pumpe. Und Eva ries, man würde bei der Hübner einfach ein Kostüm für die Traute bestellen; sie hätte ja ihr Maß. Denn es sei ab­gemacht: die Fünfeinigkeit der Goldenen Horde wolle den ganzen Sommer hindurch absolut gleich gekleidet sein, um so auch nach außenhin zu demonstrieren, "daß man nicht von einander lasse und daß der berühmten Gemeinschaft noch immer die alte Lebenskraft innewohne.

Und nun ging es los: DieSchandtaten" wurden er­örtert, die von der Horde neuerdings geplant wurden; vor allem das Sommerfest des VereinsCaritas". Und wäh­rend die Stimmen sich wieder überstrudelten, fuhr Eva plötzlich in ihre Tasche und holte eine Photographie hervor Und rief jubelnd:

Aber das Allerneueste, Trautchen:das Allerneueste weißt du noch nicht! Guck her wer ist das?"

Das ist die Bertucci," sagte Traute und nahm das Mild, als Page oder als Boccaccio oder als was weiß ich."

Na, und der Männerkopf hinter ihr?"

Nun erst schaute Traute ausmerksamer auf die Photo­graphie. Die Bertucci stand in einem koketten Trikotkostüm vor einem Vorhang, und durch den Vorhang lugte ein lachendes Männergesicht.

Traute gab das Bild ruhig zurück.Everstedt," sagte sie.Wer hätte sich sonst auch den Scherz erlaubt!"

Das Vierblatt fand die Geschichte köstlich. Der Photo­graph hatte das Bild in seinem Schaufenster auf der Ver­längerten Promenade offen ausgestellt es hatte wieder einen Riesenskandal gegeben. Die ganze Stadt sprach davon.

Traute schlug einen Spaziergang vor: man brate ja in der Sonne.

Ich finde die Sache geschmacklos," erftärte sie, sich den Sand vom Kleide stäubend.Man prahlt nicht mit seinen Liebschaften."

Es ist ja bloß, um die Puritaner zu ärgern," sagte Henny.

Es ist grenzenlos dumm. Merkt ihr denn nicht, daß Everstedt nur von sich reden machen will?"

Die vier Mädchen schrieen eine Verteidigung Ever- stedts in die Luft. Sie sangen ihm mit vollen Lungen ein Loblied. Sie schnabberten wieder durcheinander. Jede von ihnen hatte etwas besonders Schönes über Everstedt zu vermelden. Lili erinnerte daran, daß er im letzten Winter ein auf der Eisbahn eingebrochenes .Schulmädchen gerettet

Und sich dabei eine Lungenentzündung zugezogen hatte. Eva erzählte, wie rührend er zu seinem Niggerboy gewesen sei, als der Junge sich beim Sprung mit dem Floridor das Schlüsselbein gebrochen hätte.Zwei Nächte hat er an seinem Bette gewacht," rief sie,und dann hat er ihm Geschichten von Kipling vorgelesen!"Und wißt ihr noch," sagte Ellen Meier,wie er den langen Laban des Generalkonsuls Schneider beinah einmal verhauen hätte, weil er sich eine unverschämte Bemerkung über Suse Appel­mann erlaubt hatte?"Und wie anständig hat er sich benommen," fügte Fräulein Henny hinzu,als der Neu­burger nach Australien verduftete. Da hat er drei Wechsel von ihm bezahlt, obwohl seine Unterschrift gefälscht war. Bloß der armen Frau wegen. Das weiß alle Welt."

Traute stand in der Mitte der vier.Ich könnte euch auch anderes von ihm erzählen," sagte sie,aber wozu? Was geht mich Herr Everstedt an!"

Das wiederholte sie sich noch öfters an diesem Tage, auch als die Freundinnen fort waren. Was geht er mich noch an? fragte sie sich immer wieder.

Ihr war so, als hätte sie ihn schon beinahe vergessen. Und nun waren die vier gekommen und hatten in ihre Seele hineingeschrieen, und da hatte das Bild der Erinne­rung wieder festere Züge gewonnen, und das Herzweh das war zurückgekehrt.

Sie grollte sich selber; sie schalt sich kindisch. Und um mit allen Gedanken an ihn zu brechen, hatte sie sich zu einem festen Entschlüsse durchgerungeu: sie wollte jeden Verkehr mit der Goldenen Horde aufgeben. Ihr Vater hatte schon recht: sie paßte da nicht hinein. Ihre Armut brachte sie in hundert Verlegenheiten; das Schicksal hatte ihr stillere Wege gewiesen. Diese stilleren Wege führten in eine graue Oede, das wußte sie wohl. Wer es war nicht zu ändern. Nicht jedem Menschen blühen im Leben die Rosen.

Nun wurde sie ganz melancholisch und zerfloß in weicher Sentimentalität. Sie wollte nichts mehr wissen von den Vergnügungen ihrer Freundinnen; sie wünschte auch diese Freundinnen zu verlieren. Sie wollte keine neuen Kostüme mehr und keine buntgesäumten kleinen Taschen­tücher und keine weißen Stiefelchen. Sie wollte sich von nun ab nur dunkel kleiden. Sie wollte sich auch ganz der Familie widmen: die Magd sein und das Aschenbrödel und das emsige Haustiercheu. Am liebsten wäre sie Nonne geworden.

In dieses sentimentale Spiel mit dem eigenen Leid aber kam jedesmal eine Stockung, wenn ihr der letzte Brief des Herrn Jonathan W. Brigham einfiel. Sie nahm ihn wiederholt vor und las ihn immer von neuem. Sie kannte ihn nun fast auswendig, versuchte auch, sich in ihrer Phantasie und mit Hilfe der Silhouette ein BW des Herrn Brigham zu malen und versank dann in Ueberlegung. War es nicht am besten, sie nahm diesen eifrigen Werber und zog mit ihm irr die neue Welt? Damit