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ten, und sie hatte nur noch
■S« zehn Tagen ist alles
ft du Ruhet
Die Krau im Leben des Verbrechers.
Van Strafanftaltsfekretär von Baehr.
(Nachdruck verboten.)
Wie überall int Leben hat die altbekannte Frage: „Chercheß la femme" auch bei Kriminalfällen hervorragende Berechtigung Die Sittlichkeitsdelikte sind zum weitaus größten Teil solche, diS von Männern gegen Frauen verübt werdetr. Mord, Mordversuchs Totschlag und ähnliche Verbrechen sind in recht vielen Fällen! allein Folgen eines ungesetzlichen, zmn mindesten unmoralischen! Verhältnisses zu der Ehefrau eines Dritten gewesen. Bei anderen! Gelegenheiten wiederum, sofern es sich um eine Verbindung des Mordes usw. mit der Straftat des Raubes handelt, bei diesem! DeM M Kwer bei der Mehrzahl der Körperverletzungen »n8
6er blickte stumm und' mit starren Augen von seiner Mutter zNr weinenden Kosh und wieder zu seiner Mutter.
Die Küsterin spielte oben auf threm Harmonium und sang dazu: „Den lieben langen Tag, hab ich nur Schmerz und Plag und darf am Abend doch nicht weinen."
Es fielen brennende Tränen auf den Stiesel, an dem Frau von Hilbach bürstete und den sie nickt blank bekam; sie ließ die Hand mit der Bürste sinken und schluchzte auf: „Ick kann nicht mehr, Kosh, ich wollte, ich läge mit dem Kino unter der Erde!"
— Die Kosy setzte das Kind auf den Boden, steckte den gesunden Arm in den Stiefel und stemmte ihn auf den Tisch.
„Die Zähne aufeinander! Durch! Frau von Hilbach, es haben andere Frauen wie Sie niedrige Arbeit tun müssen, das schändet nickt. Flott! Immer fest aufdrücken! Sehen Sie, so wird'sck" und Frau von Hilbach bürstete, aber die Tränen strömten aus ihren Augen, nicht weil sie so hart arbeiten mußte, sondern darum, weil sie nicht wußte, warum sie es tat, weil es doch keinen Zweck hatte, denn in zehn Tagen---
„Ach, Kosy, Kosh!" Sie sagte nichts von den dreitausend Mark, aber die Kosy verstand sie.
„Mehr wie seine Pflicht tun, kann kein Mensch, Frau von Hilbach, und wenn man sieht, daß man gegen sein Schicksal nicht ankann, dann muß man abwarten was kommt und muß stillhalten; wie der Soldat in der Schlacht, der weiß auch nicht, ob er in der nächsten Minute noch lebt, und darf doch nicht mit der Wimper zucken!"
„Aber wenn sie es uns nehmen, Kosy, wenn sie uns auf die Straße setzen- wenn alle Leute es erfahren, Kosy, Kosy!"
„Haben Sie denn gar keinen Göttesglanben mehr, Frau von Hilbach? Hat der uns nicht immer noch geholfen, wenn wir dachten, es ging nicht mehr? — So, der wär blank, geben Sie einen andern, nein, der ist zu naß, den setzen Sie einen Augenblick auf die Grude, so, nur fest aufdrücken! Ich kann noch nicht dran glauben, Frau von Hil- Bad), daß Gott das geschehen läßt! Weinen Sie nicht so, das macht Kopfschmerzen. Heut mittag hab ick am Brunnen einen Vers gelesen. Weil ich nicht stricken kann und doch was tun muß, hab ich ein Buch aus Ihrem Schrank genommen, von Wolfgang von Goethe, das fängt an: „Wer nie sein Brot mit Tranen aß!" Da hab ich an Sie gedacht, das vergilt Ihnen Gott noch einmal alles. Pst, unser Jungchen schläft!"
Der Kleine hatte sein Köpfchen auf die Tischplatte sinken lassen und schlief fest auf dem Mühl.
Durch die Küche zog ein brenzliger, qualmender Geruch, und die Kosy schrie cntf: „Allmächtiger Gott!" und hielt einen Stiesel in der Hand, von dem die verbrannte Sohle herabhing.
„Das ist der aus der einen Vorderstube parterre, dem die gehören und der hat nur ein Paar! Allmächtiger Gott, du suchst uns schwer heim!"
Frau von Hilbach war bleich geworden, sie griff an ihre Stirn und wußte plötzlich ganz genau: „Kommt nun noch ein Unglück, und sei es ein ganz winzig kleines, dann ist deine Kraft gebrochen, dann kannst du nicht mehr!"
Die Kosy riß ein Fenster auf, weil die Luft in der Küche Mm Ersticken war, und die Frau Bauunternehmer klopfte an die Tür. Sie weinte heftig und hat Frau von Hilbach, mit ihr heraufzukommen-, und die Kosy mußte über die Brücke zum Arzt laufen.
„In zehn Minuten bin ich oben!" versprach Frau von Hilbach, ohne recht nachzudenken. Sie tat alles mechanisch, wie eine Maschine arbeitete sie. Dem Kind zog sie die Schuhe aus und legte es in den Kleidern auf sein Bett, stellte die geputzten Stiefel vor die verschiedenen Türen und ging dann an das Krankenbett des stöhnenden Mannes, der nach Atem rang und dessen Tage gezählt waren.
Sie konnte ja nicht helfen, sie konnte nur trösten, und sie strich der weinenden Frau, die den Kopf auf ihre Schulter !gelehnt hatte, übers Haar, und mit zuckenden Lippen tröstete ie eine, die sich längst mit dem Schicksal, das sie erwartete, ausgesöhnt hatte, der es nur vor dem Augenblick der Entscheidung graute.
Sie wunderte sich, daß sie Trostworte fand. Heute, da Iie sich zerschlagener, elender und verzweifelter fühlte als s zuvor, und während sie der fassungslosen Frau zuredete, gh sie den verbrannten Stiefel vor sich und. di« starren
brennen, und als hier oben der Kummer gefüllt war, ging Frau von Hilbach in ihre Küche, und die Kosy sagte auf der knarrenden Treppe beim Heruntergehenr
„Es gibt doch noch einen Gott, Frau von HMaM Beim Schuster Kronert war noch Licht, er kommt morgen! vor sechs Uhr mit einer Auswahl Stiefel, und wenn toi« unserm Fremden die Sache gut plausibel machen, kann eri sich höchstens freuen, daß er kostenlos neue Stiefel kriegt» und dann hat Gott mir noch einen Einfall geschickt, den will ich Ihnen mitteilen, wenn Me die Kleider abgebürstet haben und im Bett liegen/"
Todmüde lag die arme Frau von Hilbach eine Munds nach Mitternacht in ihrem Bett im Alkoven, und die Kosyi saß neben ihr und räusperte sich und schlug ihr vor, mit all ihrem Schmuck und ihrem Silberzeug nach Halle zu! fahren und in einen Juwelierladen, den sie kannte, alles zu verkaufen, oder doch so viel davon, daß sie dreitausend Mark in der Hand hatte.
„Nu?" fragte sie ungeduldig, als Frau von Hilbach nicht gleich antwortete!
„Ja, ich will gehen, Kosy!" sagte die schon halb imj Schlaf, und sie kehrte sich Mr Wand, und die Augen! fielen ihr zu wie einem Kind, das sich plötzlich gegen! den Schlaf nicht mehr wehren katm.
Die Kosy kramte nun noch lange mit ihrem lahmen! Arm in dem Mlber, das Frau von Hilbach aus dem! Schiffbruch ihrer Ehe und aus dem Nachlaß ihrer Eltern! gerettet hatte, herum, und weil die Frau doch nicht alles schleppen konnte, packte sie von jedem Dutzend ein Stück! ein, und die goldene Brosche putzte sie mit ihrer Schürze blank, rieb auch die Ringe mit einem kleinen Leder und seufzte.
„So ein armes Geschöpf! Vom Letzten muß sie sichs trennen!" Aber sie lachte auch, weil Gott ihr den klugertz Einfall geschickt hatte.
Am nächsten Tag zur Mittagszeit brachte sie ihrs Frau zur Bahn, und als sie dann am Brunnen saß imy in den leuchtenden Sommertag sah, war ihr, als fei mutz alles Leid überwunden.
Gegen Wend packte sie die Ungeduld, und es siel ihch schwer, ihre Dienststunden abzusitzen; sie wußte auch nicht» ob Frau von Hilbach um sieben Uhr oder erst später kanh aber es schien ihr wahrscheinlicher, daß sie bis spät Wj tun hatte.
Dennoch warf sie, nachdem die Brunnenstundeu endlich vorüber, einen flüchtigen Blick in die Alkovenmittel- stube, und es war ihr, als könne sie ihren Augen nicht! trauen. Da faß Frau von Hilbach am Fenster und hatte! den Kopf in die Hand gestützt und sah ins Leere und toar! so abwesend, daß sie die Kosy, die ins Zimmer gekommen war, gar nicht bemerkte.
„Um alles in der Welt, Frau von Hilbach!" redete sig sie an, „Me sind schon zurück und mit so einem Gesicht!"
Um Frau von Hilbachs Mund Mckte es; sie selbst war ja schon drüber hinweg, nun kam das Schlimmste» der Kosy Verzweiflung, und davor fürchtete sie sich.
„Fünfhundert Mark für den ganzen Kram I" sagte sie hart und sah von der Kosy fort; als die laut astsfl schluchzte, biß sie sich aus die Lippen, daß kleine Blutstropfen daraus hervordrangen. y
^Fortsetzung folgt.)
Augen ihres Kindes Und die dreitausend Mark, die wie effl Schwarm Mücken vor ihr schwirrten, und sie hatte nur noch das dumpfe, schwere Gesuh" zu Ende, in zehn Tagen yast
Die Ko'sch brachte den Arzt, und der machte das' verlöschende Lebenslichtchen des armen Kranken noch einmal!


