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alle sagen, doch, sie sei keines natürlichen Todes gestorben, aber Doktor Wortmann von drüben, der den Totenschein ausgestellt hat, hat geschrieben, am Herzkrampf wäre sie gestorben. Ich kann aber nicht recht daran glauben!"
Die Pastorin entsetzte sich von neuem bei dem Gedanken, daß jemand, der mit ihr aus einem Flur wohnte, selbst .Hand an sich gelegt hätte, und sie weinte und jammerte wieder, bis die Kosh aufstaud, zioanztg Baldriantropfen auf ein Stück Zucker träufelte und cs ihr in den Mund schob.
„Nun wollen wir aber wirklich nicht mehr davon reden!" beschloß sie mitleidig, hielt ihre Rosen an den Kranz, band sie mit Draht fest, freute sich, daß sie so wunderschön abstachen, sagte zweimal: „Was wohl die Lengerichen dazu sagen würde!" und dann sprachen sie wieder von gestern und schauderten zusammen bei dem Gedanken, daß die arme Frau Lengerich so ganz allein gestorben war und jedenfalls vom Sessel heruntergefallen Ivar und Nicht wieder auf konnte.
Die Specht kam mit einem großen, runden Kranz, an den sie Papierrosen befestigt hatte, ins Zimmer. Auch sie hatte rotgeweinte Augen und sah neidisch aus die schönen Wachsrosen, die der Kosh Kranz zierten.
„Js ja ganz nett!" meinte die Kosy etwas herablassend und hielt den Kranz der Specht ans Fenster. „Nu sollten Sie sich aber auch dranhalten, Frau Pastorin, sonst müssen Sie morgen mit leeren Händen gehen. Ich kann Ihnen nicht viel helfen, ich hab noch alle Hände voll zu tun. Ich muß noch für den Doktor einen winden und für unfern Erwin einen kleinen, und dann muß ich mir heut abend von meinem schwarzen Kleid noch die blaue Seide abtrennen und auch bie roten Sammetblumen von meinem Hut. Um elfe wird ja schon beerdigt!"
Die Pastorin nickte, aber sie blieb sitzen.
Am nächsten Morgen um elf zogen sämtliche Bewohnerinnen des Witwenhauses den Bergabhang hinauf, am Gradierwerk vorüber nach dem Friedhof zu. Sie waren alle schwarz gekleidet, trugen große, grüne Kränze mit bunten Rosen in der Hand und machten tiefernste Gesichter. Die Specht hielt die Pastorin am Arm, der kleine Erwin trippelte zwischen seiner Mutter und der Kosy, und Frau Natusius folgte mit ihrer alten Mutter, aber der Doktor iäm nicht mit, der war nach Pforta zu, seinem Vergnügen nach, und diese Herzlosigkeit verzieh ihm die Kosy nicht.
„Wo er doch jetzt so lang bei uns wohnt," sagte sie zu Frau von Hilbach, als sie im Vorraume der Kapelle auf einer Bank saßen, „und wo er ihr doch die erste Hilfe nach ihrem Tod erwiesen hat! Als ob er ein Wildfremder wär, tut er jetzt, und dabei sitzt er Abend für Abend in unferm Wohnzimmer. Aber so sind die Männer. Wo sie was Gutes haben können, da greifen sie mit beiden Händen zu, kommt aber was, was ihnen nicht paßt, dann nehmen sie Reißaus. Pst, jetzt komnlt der Pastor!"
Sie zerflossen alle in Tränen, wie sie am offenen Grabe standen.
„Selig sind die Einfältigen, beim ihrer ist das Him- melreich!" predigte der Pastor, und er sprach so wunderschön über die Nichtigkeit unseres irdischen Daseins, über Die verschiedenen Arten der Prüfungen, die der liebe Gott seinen Menschenkindern schickt, daß diese Frau ein so ganz besonders schweres Schicksal gehabt und es mit Heldenmut getragen habe, und wie er schließlich erwähnte, daß alle Mitbewohnerinnen ihres Hauses geprüfte Frauen seien, die ohne männliche Stütze den harten Lebensweg zu gehen hätten, da entstand ein herzzerreißendes Schluchzen unter all den Witwen. Die Pastorin mußte sich an die Kosy anlehnen, und der kleine Erwin weinte laut. Nur Frau von Hilbach stand etwas abseits an einen Baum gelehnt, und ihr Gesicht war bleich und traurig, aber weinen konnte sie nicht.
Sie warfen jeder eine Handvoll Erde auf der Frau Lengerich Sarg, gaben dem Pastor die Hand und schickten sich zum Heimweg an.
Solange sie noch auf dem Friedhof waren, sprachen sie nicht, weil fie noch ergriffen waren, ixnm aber ließ die Kosy ihre Empörung über die Hanflein aus, die nach Naumburg gefahren war nnd nicht zur Beerdigung zurückkam, und die Specht stinrmte ihr bei, nnd auch die Natusius und die Pastorin waren empört, und dann "fanden sie es such komisch, daß die Berta, die ihr die Aufwartung gemacht und io manches Geschenk von ihr erhalten hatte, nicht
am Grab gewesen war und daß die Frau von dem Mann, der den Sarg geliefert hatte, ein grünes Kleid getragen hatte mit rotem Samt verziert.
„Das müßte sie doch wissen, daß sich das nicht schickt!" schimpfte die Kosy, und dann seufzte sie und sagte: „Wenn nur mal erst alles geregelt wäre, daß wir die Wohnung leer bekommen! So lang noch all die Sachen von einem Gestorbenen im Hause stehen, so lang kann man nicht recht sioh werden, uttb man möchte doch wieder ansatmenl"
Am Psörtchen reichten sie sich alle die Hände und gingen jeder in seine Wohnung, aber sie gingen auf Zehenspitzen. Das Witwenhaus hatte noch sein ernstes Gesicht, und der Atem des Todes wehte noch durch alle Räume.
„Ne, Herr Doktor, das dürfen Sie uns nicht antun, jetzt nicht, wo meine Frau noch so angegriffen ist, das' dürfen Sie uns wirklich nicht antun!" sagte die Kosy mit vor Erregung zitternder Stimme und sah noch ganz fassungslos zu dem Doktor auf, der schweigend an> Schreibtisch stand und in irgend einem Buch blätterte.
Hatte sie ihn denn überhaupt richtig verstanden? Gehen wollte er, wollte abreisen, morgen oder übermorgen, so einfach abreisen, wie das gewöhnliche Badegäste im Sommer taten, die Koffer packen, einen Gepäckträger bestellen und „adieu auf Nimmerwiedersehen!"
Die Tränen stiegen ihr von der Brust empor, sie mußte ihre Schürze nehmen und die Augen trocknen.
„Ne, Herr Doktor, nnd wenn Sie nur so viel Herz hätten, dann brächten Sie das nicht über sich. Wie soll das denn meine Fran ertragen, wo die doch so schon so elend aussieht und den ganzen Tag in die Luft sieht und nachdenkt. Sie können ja gut und gern ein paar Wochen umsonst bei uns leben, Herr Doktor, interessiert sind wir nicht! Wenn Sie uns die baren Auslagen für Frühstück und Abendbrot ersetzen wollen, das müssen wir Ihnen überlassen, das können Sie ganz nach Belieben einrichten, für die Wohnung wollen wir nichts. Damit ist Frau von Hilbach auch einverstanden, das weiß ich genau, denn Geld spielt für die überhaupt keine Rolle----"
„Schwatzen Sie keinen Unsinn," unterbrach sic her Doktor ärgerlich und machte eine ungeduldige Bewegung, aber die Kosy ließ nicht ab.
„Und wenn es für eine Woche wär, Herr Doktor, nur daß Sie meine Frau langsam darauf vorbereiten. So kurzerhand weg, das erträgt die nicht, das sag ich Ihnen, und wenn dann was passiert, wie eben bei der Frau Lengerich, dann müßten Sie sich doch ewig Vorwürfe machen, Herr Doktor ----"
Sie sah ihn flehend an, und um des Doktors Lippen flog es wie ein kleines Lächeln.
„Ich komme ja wieder!" Kaum aber hatte er das gesagt, war es, als ob er über die eigenen Worte erschrecke.
Der Kosy Gesicht verklärte sich, groß sah sie zu dem Doktor auf.
So lagen die Sachen, so —! Also doch! Ein großes! Verständnis ging in ihr auf. Er kam also wieder!
Die Tränen liefen ihr jetzt aus den Augen.
„Haben Sie das meiner Frau schon gesagt?" fragte sie, und ehe der Doktor sie abwehren konnte, hatte sie feine Hand ergriffen und küßte sie und schluchzte.
„Eine bessere Frau könnten Sie ja auch nicht kriegen, Herr Doktor! Ich meine so, was den Charakter anbetrifft. Im Haus könnt sie ja manchmal tüchtiger und resolute« sein, aber wenn sie erst dem Herrn Doktor seine Frau ist, dann hat sie das ja nicht nötig, dafür ist dann ja dis Kosy da. Und unser Erwin ist doch ein lieber, reizender Kerl, nicht wahr? Ach, Herr Doktor, wenn Sie nur recht bald wiederkämen!" —
Dem Doktor wurde beklommen zumut; das hatte er nicht gewollt, aber ausreden mochte er der .Alten ihre. Hoffnungen nicht. Er sah still vor sich hin.
(Fortsetzung folgt)
Sein Ideal.
Von Max Karl Böttcher -Chemnitz, (Schluß.)
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Es war Sitte ittt Hotel, daß Punkt zwölf Uhr gespeist Wurde,: — An der langen, schneeweiß gedeckten Tafel saß nur ein einziger Gast, ein steinalt-er Herr, der sich Fritz Schmieder als Oberförster hu D. .Graichen vorstellte.


