Ausgabe 
23.2.1911
 
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Donnerstag den 23. Februar

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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau. (Sorifeijintg.) (Nachdruck verboten.!

Fünfzehntes Kapitel.

Das war das Merkwürdige im Witwenhaus, daß jeder seiner Insassen gezwungen war, die Geschichte seiner Mit­bewohner mitzuerleben, ja, sie zu seiner eigenen zu machen. Das wurde einfach von ihm vorausgesetzt, wurde verlangt, Und daß die Kosh dem Doktor erst klar machen mußte, daß er an der Beerdigung der armen Fran Lengerich teilzu- uehmen hätte, das nahm sie ihm eigentlich ein wenig übel.

Sie äußerte sich auch bei Fran von Hilbach, die bleich Und mild auf denr Sofa lag, recht mißbilligend darüber Und fand es auch nicht schön von ihm, daß er gerade heute «uf die Rudelsburg und zum Himmelreich gegangen war, wo doch das ganze Haus noch in so tiefer Trauer lebte.

Je gebildeter aber so ein Mensch ist," meinte sieum so weniger kann man ihn begreifen. Ich glaube, bei solchen Leuten, die so viel studiert haben wie unser Doktor, da geht das Herz ganz in den Verstand über, denn, wenn der auch nur ein bißchen Herz hätte, brächte er das llicht fertig, gerade heute feinem Vergnügen nachzulaufen, wo wir alle Kränze winden und wo die Dame, bei der er wohnt, so krank ist. Ich hält es schön gesunden, wenn er heut bei Ihnen sitzen geblieben wär und Ihnen was erzählt und Sie eilt bißchen aufgerichtet hätte. Gestern abend, wie er so Ihre Hände hielt, Fran von Hilbach, da wurde mir ganz warm ums Herz, da dacht ich:Nu muß er sich doch endlich erklären!" Aber nein, der tut noch lange nicht, was andere Leute wollen, und dabei lesen wir ihm doch jeden Wunsch von den Augen ab!"

Seien Sie doch still, Kosh!" sagte Frau von Hilbach gequält und wandte ihr Gesicht der Wand zu.

Weibelchen," hatte er zu ihr gesagt,armes, kleines Weibelchen," und über die Stirn hatte er ihr gestrichen und ihre Hände fest, fest in den seinen gehalten: das vi­brierte noch in ihr, sie war noch nicht wieder auf der Erde, schwebte noch hoch, hoch über allen anderen, irgendwo im blauen Aether, und sie wollte weiter schweben, wollte sich so leicht, so körperlos fühlen, daß die Lust sie tragen konnte, daß sie nur noch dies Licht, dies überirdisch Hella Licht um sich sah.

Die Tränen strömten ihr aus' den Augen, aber das waren Tränen, die nur ein Lanz Glücklicher, nur ein ganz Weltentrückter weinen kann, Tränen einer namenlosen, einer unbeschreiblichen Seligkeit.

Geh, Liebling- laß mich!" wahrte sie den kleinen der zu ihr aufs Sofa nettem wollte, ab, und die Kosh zog rhn zu sich und flüsterte ihm ins Ohr:

Laß Mama mal in Frieden, die denkt sich was Schönes!"

Was machst du denn da?" yragte Erwin unv sah erstaunt auf die Kosh, die aus Seidenpapier runde Blätt­chen schnitt und kleine Schälchen mit gelbem und rosa Wachs über eine Kerze hielt, bis es zerfloß.

Wirst du gleich sehen, mein Sohn!" sagte sie, icfp.utt sich Draht zurecht und machte etwas, worüber Erwrn Mund und Augen aufriß.

Mutter," schrie er,Rosen, richtige Rosen in acht die Kosh, kuck doch, Mutter, gerade, wie in unserm Garten!"

Fran von Hilbach wandte sich langsam nm und sah träumerisch zur Kosy hinüber.

Die hielt ihr eine gelbe Rose entgegen:

Schön, was? Das ist Kunst, Frau von Hilbach, das wär auch was für Sie! Wie mein zweiter Mann tn Berlin sieben Jahre gelähmt im Sessel gelegen hat, da hab ich oas gelernt; für eine Fabrik hab ich sie gemacht, lau ter Kirchhofsrosen, pro Stück einen Pfennig für die Arbeit. Was meinen Sie, was man da fertig bringt, sechzig bis siebzig Stück an einem Nachmittag, immer eine schöner wie die andere. Und das ist auch eine Beschäftigung, bet der man schöne Gedailken bekommt. Ich habe immer einen herrlichen Friedhof vor mir gesehen, wenn ich die Rosen machte, und hab an die Toten gedacht, und manchmal wurde mir so feierlich dabei zumut, daß ich irgend ein geistliches Lied singen mußte. Mein Mann mochte das so gern, wenn ich zum Beispiel fang:Jesn geh voran, aus der Lebensbahn". Das kennen Sie doch auch, Frau von Hilbach? So was ist Balsam für einen Menschen, der einen Kummer hat. Sie sollten überhaupt mal öfters in die Kirche gehen. So schön wie unser Pastor redet, so schön hat in ganz Berlin keiner geredet. Ich bin mal neugierig, was er an der Lengerichen ihrem Grab sagen wird I"

Sie hielt eine Rose an den dunkelgrünen Kranz, den sie soeben gewunden, und freute sich, daß sie sich so wir­kungsvoll abhob.

Haben Sie mir denn auch ein bißchen Grün mit* gebracht?" fragte die Pastorin, die am Fenster saß, weinerlich.

Gehen Sie mal in die Küche, Fran Pastern, da liegt ein ganzer Berg! Die Specht windet auch schon und der Frau Ratusius ihre Mutter hat ihren Kranz schon fertigt Ob wir für den Doktor auch einen winden, Fran von Hilbach, was meinen ©ie?"

Frau von Hilbach gab keine Antwort, sie sah zu« Decke empor, und daß sie irgendwo anders mit ihren Ge­danken war als hier im Zimmer, das hatte die Kosh gleich heraus und schüttelte den Kopf.

Sie sprach nun mit der Pastorin noch einmal, wohl zum zehnten Mal die Ereignisse des gestrigen Tages durchs beschrieb ihre Gefühle, und.immer wieder fand sie neu« Einzelheiten, die der Erörterung wert waren.

Unser Doktor hat ja nichts davon gesagt," meinte sie,ich weiß auch nicht, ob er was gemerkt hat, ab«i