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Die Schindeln nnd Steine flogen krachend zu Boden. Unten M die Thres das Fenster auf.
„Was treibst denn iatz wieder, dü B'suff?" erkundigte sie sich.
„'s Dach deck' i ab!" schrie der Wast wütend und warf 'einen Haufen Schindeln herunter.
Beinahe hätte eine Schindel die Thres getroffen, die sich SU weit aus dem Fenster hinausgebeugt hatte, um zu sehen, was es gäbe.
„Jessas! Maria!" schrie sie erschrocken und fuhr zurück. Weich daraus belferte sie erbost: „Gehst iatz aber oder nit!"
„I geah' nit aber! I will eint in mei' Haus! Verstanden!" brüllte der Wast und warf wütend einen großen Stein vom Dach.
Die Thres kam mit einer Laterne bei der Haustür heraus. »Jessas! Maria und Josef!" schrie sie entsetzt, als sie dm Kaufen Steine und Schindeln sah. „Bist Narrisch?!"
„Naa! I bin no nia a so g'scheut g'wesen!" schrie der Wast von oben und warf ein Bündel Scheiter herunter. Die Thres sprang schnell zur Seite.
„Du Tagdiab! Du Loder!" schimpfte nun die Thres. „Was moanst denn bu! Moanst, wir hab'n 's Geld g'stohlen! Wer soll denn dös alles wieder zahlen? Auf der Stell' geahst aber! oder i kimm di holen!"
„Kimm mi lei holen! Ast fliagst äa mit aber vom Dach!" drohte der Wast.
„An Rausch hast!" belferte sie unten.
„Iatz nimmer! Iatz bin i wieder bodennüachtern!" rief der Wast.
Klatsch! plumpste da ein großmächtiger Stein der Thres gerade vor die Füße. „Heilige Muatter Anna! Der is verrückt worden!" schrie die Thres entsetzt, „'s Delirium hast!" zeterte sie gegen den Wast hinauf.
„Naa! No nit!" kams von oben ganz gemütlich herunter.
Die Thres besann sich, daß man mit Derriieiten Leuten gut rtiben müsse, und veränderte ihre Tonart.
„Geah', kimm aber, Wast, du kannst ja bei der Haustür jeini!" redete sie ihm zu.
„I mag nit!"
>,Schau', tua nit a so arbeiten bei dier kalten Nacht!"
„Iatz is mir schon warm worden!"
„Sei nit a so dumm! A ordentlicher Mensch steigt ja Nit von obeit beim Haus eint!"
„I bin foti ordentlicher Mensch! Und i will grab’ tion oben eini! I mag nimmer bei der Haustür eini! Justament will i beim Dach eini!" brüllte der Wast und warf einen ganzen Regen kleiner Schindeln und Steine herunter.
„Jessas! Jessas! Er is vom Teufel b'sessen!" jammerte die Thres und flüchtete sich ins Haus zurück.
„Juchhui!" jodelte der Wast vom Dach herunter Und fuhr Unbeirrt in seinem Werk weiter.
Die Thres war in die Stub'n zu ebener Erd'n geeilt. Dort stieß sie ein Fenster auf, um angstvoll hinauszulauschen, was der Wast weiter treibe.
Ms sie ihn auf dem Dach droben jodeln hörte, schrak sie entsetzt zurück. Es war richtig. Entweder war der Wast verrückt oder besessen. Das Letztere schien schließlich der Thres das Wahrscheinlichere zu fein.
Vors Haus traute sie sich nicht mehr. «Sie ließ jedoch das Guckerl im Stubenfenster offen, damit sie wenigstens hören konnte, was der Wast mache. Dann zündete sie einen geweihten Wachsstock an, kniete sich vor einem alten Muttergottesbild in dev Stub'n nieder und fing in ihrer Höllenangst laut zu beten an.,
„O unsre liabe Frau!" jammerte die Thres.
„I werd' dir schon zoag'u, wer der Hearr im Haus is!" brüllte der Wast vom Dach herunter.
„Alle guet'n Geister loben Gott den Herrn! Von deU bösen Geistern erlöse uns!" flehte die Thres.
„'s Regiment führ' i! Verstanden!" rief der Wast am Dach droben.
„In allen Nöten und Anliegen. . jammerte die Thres.
„Und' wenn du di no amal z'mucksen traust . . ." der Wast- „In Bedrängnis und Verfolgung . . ." die Thres.
„Ast reiß' i's ganze Haus ein!" der Wast.
Mit aller Wucht fiel pon droben eine neue Last Schindel! Und Steine auf den Erdboden. Tie Thres fing nun vor lauter Verzweiflung die lauretanische Litanei zu beten an.
Je länger der Wast auf dem Dach droben handwerkte, desto Wehr freute ihn die ganze Geschichte. Ein ungeheurer Wage- Urnt war über ihn gekommen. Er fühlte sich auf einmal groß, mächtig und jung wie noch nie in seinem Leben, oder doch nur sehr selten. Jedenfalls hatte er dieses Gefühl nicht mehr gehabt, seitdem er unter der scharfen Zuchtrute seiner besseren! Ehehälfte seufzte.
Soviel, daß er den nötigen Schlupf gehabt hätte, um durch hie Lücke im Dach einzusteigen, hatte der Wast eigentlich schon abgedeckt. Aber er wollte jetzt gar nicht mehr nur gerade so durchschlupfen. Er wollte mit der denkbar größten Bequemlichkeit in fein Haus einsteigen. Darum wollte er weiter das Dach abdecken. Solang es ihn freute!
Bei der Arbeit war ihm sehr warm geworden. Mindestens so warm, als wenn er im Goasstall übernachtet hätte. .Dafür 'jnuf'te inzwischen der Thres unten kalt geworden fein; denn
sie schloß jammernd das Fenster. Schön behutsam' machte sie ^h^.Auckerl zu. Nicht mehr heftig wie früher, um den von allen höllischen Geistern besessenen Wast ja nicht unnötig zu reizen.
Eines bedauerte der Wast auf seinem Dach droben. Daß ihn letzt in dieser heldenhaften Sage der Nachtwächter, der Paulen Jörg und der Maurer Sepp nicht sahen!
Die würden Augen gemacht haben. Wer sie sollten es schon erfahren, wer Bei ihm der Herr;int Haus sei! Und dann sollten sie es noch ein einziges Mal probieren, ihm aufzuzwickeU. Der Wast spürte -eine solche Schneid in sich, daß er am liebsten! gleich mit der ganzen Welt angebandelt hätte.
Dabei deckte er fleißig weiter das Dach .ab, jodelte pnd sang dazu, was die Thres in der Stnb' drunten mit namenlosem! Entsetzen durch die geschlossenen Fenster hindurch hörte.
Endlich schien es dem Wast genug zu sein. Er hatte mindestens von der Hälfte des Daches die Schindeln, Bretter und Steine abgetragen und sich seines Erachtens nunmehr einen genügend bequemen und noblen Einstieg in sein Haus verschafft..
Durch den Dachboden stieg er in das erste Stockwerk nieder/ stolz wie ein Feldherr nach gewonnener Schlacht.
Der Wast ging in die Kammer und legte sich in aller Gemütsruhe schlafen. Bald schnarchte er nach der Anstrengung der! getanen Arbeit wie eine' Brettersäge.
Die Thres getraute sich aus der Stub'n nicht mehr heraus, sondern verbrachte dort die ganze Nacht. Als sie den Wast nicht mehr auf dem Dache rumoren hörte, löschte sie den Wachs- stock aus und hockte im Finstern.
Allmählich schlief sie auf der harten Stubenbank ein und erwachte erst wieder mit steifen Gliedern, als die fahle Morgendämmerung des Dezembertages zu den Fenstern hereinschien.
Die Thres schlich in die Küchel hinaus und begann Geschirr von gestern abend abzuspülen. Manchmal dachte sie doch wieder daran, dem Wast heute gehörig das Gesims herunter zu kehre::?2) Wenn sie sich aber wieder daran erinnerte, wie er völlig besessen da droben auf dem Dach gehaust hatte, wurde ihr ganz unheimlich zumute, und sie beschloß, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Mau konnte halt doch nicht wissen, was der Wast sonst noch alles anstellen würde. So ganz richtig konnte es bei ihm doch nicht mehr im -Oberstübel sein. Gerade weil er bisher so sehr unter der Knute gewesen war, erschien diese plötzlich« furchtbare Auflehnung der Tres um so ungeheuerlicher und unerklärlicher.
Der Wast ließ sich in der Frühe mit dem Aufstehen gehörig Zeit. Erst nach neun Uhr vormittags kam er einmal über die Stiege herunter gestolpert. Er stellte sich breitspurig in der Kucheltüiv auf und brüllte die Thres energisch an: „An frischen Kaffee will i iatz hab'n! Und dös glei'!"
Ein anderes Mal hätte ein solches Betragen für den Wast sicher zur Folge gehabt, -daß er irgendein Stück Geschirr an den Schädel bekommen hätte. Kaffee gab es außerdem nur an den Sonntagen. An den gewöhnlichen Werktagen mußte sich der Wast mit einer Brenusupp-'u begnügen. Sein Verlangen re-ar daher um so unerhörter.
Da die Thres nichts -erwiderte, sondern ganz still urrd fcafig* 20 21) blieb, wuchs dem Wast die Schneid' noch mehr.
„Und an Butter will i hab'n zum Kaffee!" schaffte er sich weiter an. „Und viel Rahm! Nit epper so a Absudg'schl-aderiZ! Verstanden! Und-obendrauf will i nachher no an Schnaps hab'n! Von dem Enzeler, den d' alleweil im Kasten eing'sperri hast! Und g'schwind will i alles hab'n und glei'! Schiaß' um22)! I hab' koa Zeit, lang 8'warten! Z'. Mittag brauchst nit für mi anzutragen! Da iß i beim Wirt! Und auf d' Nacht iß i aa beim Wirt! Verstanden! Und morgen bleib' i wieder beim Wirt! Und übermorgen aa! Verstanden! Und wenn's dir nit recht is, nachher trag’ i 's ganze Haus ab und bleib' ganz beim Wirt, unb du kannst nachher im Go-asstall wirtschaften! Verstanden!"
Zu so einer langen Rede war der Granaten Wast noch nie gekommen, seitdem er mit der Thres verheiratet war. Er berauschte sich ordentlich an seiner Schneid'. Dabei schielte er aber immer wieder heimlich nach der Thres, ob jetzt nicht doch am Ende das Kuchelgeschirr zu fliegen anfange.
Es geschah jedoch nichts. Die Thres vermied eS sogar,! den Wast mit ihren: unheimlichen „G'schan" zu fixieren, was entschieden noch zur Erhöhung seines Mutes beitrug. Er glaubte aber nun genug augefchafft und aufbegehrt zu haben. Außerdem fiel ihm nichts mehr ein, was er noch verlangen sollte.
Der Wast trottete daher in die Stub'n und wartete. Richttg brachte ihn: die Thres nach kurzer Zeit den verlangten Kaffes mit Rahm, den Butter und den Schnaps. Dann zog sie s:ch aus der Stub'n aber gleich wieder in die Küchel zurück.
Das war dem Wast unbedingt lieber, als wenn s:e :hm Gesellschaft geleistet hätte. Mlein schmeckte es ihm nun weit besser. Er hieb nach Kräften ein. Die Arbeit auf dem Dach hatte ihn: dazu den richtigen Appetit verschafft.
Nach den: Frühstück ging der ,Wast znm W:rt. Dort l:eß
Den Standpunkt klar zu machen.
20) eingeschüchtert.
21) schwacher Mguß
52) eile dich.


