Ausgabe 
22.6.1911
 
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{je'rt Steven. Es wehrte sich, aber das hals nichts. Es ging iimner heftiger Vortvärts. ,. . ,,

Der Wal arbeitet draußen. Er ist stündig kurzatmig und Pustet klagend, daß es ivett über das Wasser tönt. Er erhebt sich höher als zuvor und rollt vornüber. r .

1 ' Der Schütze verfolgt oben vom Turin Nus Aufmerksam jebe seiner Bewegungen. Das Tier wendet ihnen den Rücken zu. Sein großer Körper schneidet sich bei jeder Vorwärtsbewegung wie eine breite, stumpfe Eiche hoch aus dem Meere heraus. Ganz deutlich zeigt es die fürchterliche Wunde in der Seite, aus der die Trosse herabhangt. Nicht das kleinste Stückchen ist von der Harpune zu sehen, sie ist vollständig im Körper des. TierM verborgen.

Vollkraft back!" fommänbiert der Schütze, als et gesehen hat, wie gut die Harpune sitzt. Die Maschine verdoppelt ihre Arbeit. Der Stempelschlag wird klar und scharf, er tönt wie schwerer, taktfester Hammerschlag von dort unten herauf.

Die Schraube fvirbelt mit verdoppelter Eile herum, versucht zähuelnirschend sich im Meere festzubeißen, sich herunterzuwirbeln. Das Boot setzt sich schwer in die See, der Steven hebt sich ein bißchen. Aber das nützt alles miteinander nichts. Der Koloß draußen setzt nur um so mehr Kraft ein, und seine Bewegungen Verstärken sich gleichmäßig und sicher.

Die Maschine arbeitet, pustet und stöhnt, die Schraube wirbelt hinter dem Schiffe in ohnmächtiger Raserei herum. Der Schisfs- körper knirscht und kracht, als sollte er in der Mitte auseinander- gerissen werden. Die Leine steht stramm gespannt über dem Vorderteil und schräg im Wasser hinab.

Das Wasser schäumt vor dem Bug und wirbelt an den Boots- Wänden entlang. Der Walfisch draußen ist offenbar im Begriff, zu Kräften zu kommen, er bläßt seltener als vorher und nicht Eo stöhnend. Die Atemsäulen sind nicht so blutig wie zuvor. Er uat seinen Gegner entdeckt und ist entschlossen, zu kämpfen. Er schießt nun vorwärts und hinterläßt ein breites Kielwasser, tot- gefärbt von dem Blut, das aus seiner Wunde strömt.

Er begreift nicht, daß jeder einzige Schlag seines SchwanzeZ verlorene Mühe ist. Er preßt sich so hoch wie möglich, spannt' die Muskeln seines Körpers und geht über das Wasser vorwärts', iblind und gewaltsam. Das Boot schleppt ihm mit guter Ge­schwindigkeit nach, während die Schraube im Wasser hernmmahlt wie ein wütender kleiner Köter, der über einen Bürgersteig hin- gezerrt wird. So verstreicht eine Stunde und noch eine Stunde,

Dies ist unbegreiflich und kolossal. Ja, es ist gar nicht zu verstehen, eine solche Riesenkraft in einem zN Tode verwundeten Tier.

Dies ist keiil Kampf, es ist Meuchelmord. Hätte das Tier draußen außer seiner Kraft ein bißchen Intelligenz, dann hätte es das Boot hier schon längst zu Splittern und Eisenspänen zer­drückt. Aber es rennt seine eigene Kraft nicht und weiß nicht, wie man kämpft, deshalb jagt es über das Meer vorwärts lvie ein scheuer Hirsch. Es steht einfach gar nicht in der Macht eines Menschen, sich die Kraftentfaltung vorzustellen, die dazu gehört, einen Dampfer von 20 Tonnen Gehalt, der in den eigenen Ein- 'gelveiden Anker geworfen hat, zlvci Stunden durch das Meer Vorwärts zu schleppen, mit einer Geschwindigkeit von mehreren Meilen in der Stunde, trotz einer Dampfmaschine, die ununter- hrochen mit zweihundert Pferdekräften zurückgeht, und trotz eines Blutverlustes von mehreren Tonnen.

Es ist die höchste Kraftentfaltung des Lebens, die gegen Mcnschenklugheit und Menschenschlauheit von Jahrtausenden kämpft. Es ist Fleisch Und Blut im Kampf gegen Stcchl,

lZlvei Stunden dauerte der Kampf, und so lange er währte, mochte niemand an Bord richtig den Mund austun. Ständig hämmern die Stempel, ständig mahlt die Schraube. Die Ofen- Wren werden auf- und zugeschlagen, Der Scheiterhaufen wird erneuert, die Kessel werden gefüllt. Doch tver erseht das Blut/ das da draußen aus der Wunde lief, wer ersetzt die zermarterten Nerven. Aber das Boot ist Stahl und nur Stahl. Es' hat weder Herz noch Nerven, es atmet Kohlen und hat kein Blut, es hat kein Gefühl, es fennt keine Müdigkeit, keine Angst, keinen Schmerz, keine Wut. Es mahlt nur mit der Schraube herum, mahlt und inählt. Es sitzt aufrecht in der See und mahlt, und es kann acht Tage lang so sitzen Und mahlen. Dieses kleine verdammte Slahlgeschöpf, das seine eiserne Klaue in das Tier draußen ge­schlagen hat, kann nicht aufgeben und kann nicht müde werden. Es uruß siegen in diesem Kampf, der kein Kampf ist,

lind der Sieg kommt, langsam und sicher. Der Wal arbeitet schwer und gewaltsam. Die Hälfte des großen Riesenkörpers wälzt sich über das Meer empor, jedesmal ivenn er anzieht und vorwärts geht. Ständig schäumt das Blut aus der fürchterlichen Wunde, welche die Harpune in die Seite des Tieres gerissen hat. Die enorme Arbeit und der Blutverlust ermüden es. Es taumelt orgußen, schwankt. Die Bewegungen werden langsamer, hören Uuf. Das Boot hält sich nun auf demselben Fleck. Das große Tier walzt sich hilflos in der Meeresfläche. Noch zieht es, aber in schwachen, kurzen, zwecklosen Stößen.

Der Stahl der Maschine schlägt scharf Und taktfest dort Unten,

'rt Und klangvoll wie zuvor. Es ist ein Stählherz, das leiden« fchaftslos und unbarmherzig schlägt.

Das Mahlen der Schraube tvird ruhig und sicher, man hört/ daß sie int Begriff ist, sich festzubeißen. Der Wal draußen stöhnt und pustet wie ein undichter Blasebalg. Jetzt schleudert er aus dein Blasloch nicht allein Luft empor, sondern die Körperwärme selbst, die er in feiner Not und seinem Elend von sich gibt. Er taumelt in der Oberfläche umher, wild und' eingeschüchtert, bald' nach rechts itnb bald nach links. Aber er komUtt nicht vorwärts,- er wirst sich fast aus dem Wasser heraus unb torkelt wie ein be­trunkener Mann. Das hilft alles miteinander nichts. Das Meer ist ihm verschlossen, wohin er sich auch wendet: das kleine Unbarmherzige Stahltier hat sich mit seiner wirbelnden Eisen- schraube im Meere festgebohrt, die Leine gibt nach, der Walfisch wälzt sich draußen, schwindelig vom, Blutverlust- zischend vor Atemnot, geguält von Schmerzen.

Das Boot hat gesiegt, die kleine unermüdliche Eisenschraube hat gesiegt, langsam schraubt sich das Boot zurück, den Walfisch rückwärts an der Leine nachziehend wie einen erschöpften Hund., Halb-Kraft," kommandiert der Schütze. Der bebende Stahl- schlag der Maschine verlangsamt sich, wird ruhig, überlegen^ Hier gibt es ja nichts zu jagen, nur noch' ein wenig gewartet, dann geht alles von selbst. Der Wirbel der Schraube wird lang­samer, nicht weil sie inüde ist, sondern weil sie gesiegt hat!,

Vermachtes.

"Das Trinken in e r h i tz t e m Z u st a n d e. Im letzten Dezennium haben die Todessälle an Hitzschlag besonders beim Militär bedeutend abgenommen. Dies ist hauptsächlich dem Um* stanve zu verdanken, daß nicht mehr wie früher den Soldaten auf dem Marsche das Trinken verboten ist, sondern sogar oft beim Passieren von Ortschaften die Einwohner ersucht iverden, Trink­gefäße mit frischem Wasser vor die Türen zu stellen. Es ist and) ganz natürlich, daß die durch den Schweiß verlorene Flüssigkeit immer wieder ersetzt werden muß, wozu ja auch das sich einstellende Gefühl brennenden Durstes auffordert. Leider gibt es aber noch immer ßeute, welche glauben, daß man vom Trinken in erhitztem Zustande Lungenentzündung bekommt. Bei der einfachsten Ueber- legung müßte man sich aber doch sagen, daß das Getränk mit der Lunge gar nicht in Berührung kommt, sondern direkt in den Maden geht. Wenn in solchen Fällen wirklich einmal Lungen­entzündung entsteht, so wurde diese schon vorher Hervorgernfen durch übermäßige Anstrengung beim Bergsteigen, Klettern, Marschieren in brennendem Sonnenschein. Dr. Niemeyer sagt hierüber:Wenn ein von der Meute halb tot gehetztes Wild an eines Bächleins Rande niederstürzt und sich ein letztes Mal die vertrockneten Lippen netzt, so wird doch niemand behaupten wollen, daß der Trunk es ihm angetan habe." Hat man denn jemals schon erlebt, daß der Trunk bei Erhitzung den Tieren, z. B. dem Hunde schadet? Instinktiv vergißt man auch dieses Vorckrteil bei Anwandlung von Schwächezuständen und Ohnmächten in der Hitze, wo mit Recht als bestes Mittel frisches Wasser zum Bespritzen und Trinken verabreicht wird. Man trinke also nach kurzer Abkühlung des Pulses mit Quell- oder Bachwaffer ruhig frisches Wasser in kleinen Schlucken, 'marschiere dann aber rüstig iveiter oder mache sich sonst noch eine Weile Bewegung. Auch öfteres Waschen des Gesichtes und der Hände mit irischem Wasser kühlt aus großen Märschen herrlich ab und erfrischt die Lebensgeister bedeutend. Nur hüte man sich, unreines Bachwaffer zu trinkeu, da dadurch leicht der Typhus entstehen kann. Neben frischem Quellwasser löschen am besten den Durst kalter Kaffee und Limonade. Auch kalter Tee ist zu empfehlen.

* Selbsterkenntnis. Der Chef machte sein Testament.

7,. . . . jeder Angestellte, der zehn Jahre in meinen Diensten ist, soll 10000 Mark erhalten."Wird das nicht Ihre Kinder zu sehr benachteiligen?" warnte der Notar. Der Chef lächelte grimmig:Schreiben Sie's ruhig hin, bei mir hat's noch keiner länger als zehn Monate ausgehalten."

Erganrungsrätsel.

M.. e.n.. ..r..n .t.h. e. .

D.., w.. e. b.. o. l. n, . e. b. r . u. l Auflösung in nächster Nummer»

Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr Treff, p = Pique, c Coeur, car Carreau trB Treff-Bube, pA = Pique-, cD Coeur-Dame u. s. f,

Im Skat lagen b8 und cD. Vorhand erhielt aK, aD, a9, a8, a7, b9, b7, c9, c7, d7 eilt unverlierbares Null ouvert, Hinter­hand den Rest.

Herr Lehmann hatte in seiner Freude über die schöne Karte Grand ouvert angesagt, ein Spiel, das er seit mehr als zehn Jaüren nicht wieder gesehen hatte. Es begann und endete aber mit fachen­dem Stiche:

V. aK M. aA H. dU und war somit verloren.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scben Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße»