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Walfischhetze.
Von A. C. Sörens cif,
Unbeachtet von der Kulturwelt vollzieht sich im fernen Norden in den Eismeeren der gewaltige Kampf des Beherrschers der Erde, des Menschen, gegen die letzten Ablommcn der Urzeitriesen: der Vernichtungslampf gegen den größten Vertreter der lebenden Fauna, gegen den Wal, Auch hier hat die moderne Technik dein Jäger neue Zerstörungswaffen gcschentt, die Harpune hat ihre ursprüngliche Bedeutung verloren, der moderne Schütze steht an der zielsicheren Kanone !nnd Granaten wühlen in den Körpern der mächtigen Mecr- -riesen. Der Däne I. C. Sörensen, der lange Zeit int fernen Norden das Leben an Bord eines Walfischjägers geteilt hat/ gibt in einem Bliche „Der Hai" (Verlag von Erich Reiß) eine ergreifende Schilderung dieses Kampfes der Kultur gegen den Wal, ans der wir eine besonders packende. Episode heute Unseren. Lesern vorlcgcn. Die Schriftltg,
Eine Stunde später bekämen sie einen Wal in Sicht, einen viesengroßen Finnenwal voir gegen 80 Fuß. Er lag fast still draußen und schwamm hin und her, dann ging er weiter, aber Unendlich langsam und gemächlich.
Sie kämen hurtig an ihn heran, er schien das Book nicht zu beachten oder zu scheu, schwamm Nur immer da unten herum u.nd blies in seiner majestätischen Art/
Tenn,cr sah geradezu majestätisch aus, wie er sich da erging sind seine mächtigen Strahlen in die Höhe blies, als stväre ihm alles gleichgültig. Er bewegte sich draußen int Meere, wie ein Bauer, der sein Feld bestellt, Ivie ein König, der sein Reich verwaltet. Er war so überaus imponierend zähe und langsam in seinen Bewegungen. Nichts kümmerte ihn, und ex hatte Niemals und mit niemand Streit gehabt. _ ,
„Tas ist ein schlimmer Bursche", sagte der schütze, indem er zur Kanone ging. „Dem muß man's gut nt~ die Mitte geben." Tas Boot schießt vorwärts, auf den Koloß zu. Ter Schütze hat Trosse und Harpune nachgesehen, jetzt steht er draußen neben der Kanone mit der kurzen Pfeife im Munde. Das Tier erscheint immer größer, immer imponierender, je näher sie ihm $a)iten.
„Langsam", kommandiert der Schütze.
„Langsam", gibt der Rudergänger die Ordre in die Maschine weiter. •
„Langsam", ertönt es dort unten, Und das Boot verlangsamt seine Fahrt. ■ .
„Ganz langsam", lautet die neue Ordre, Und das Boot verminderte seine Geschwindigkeit noch mehr.
Der Schütze mißt den Abstand vonr Wal. Ter hat eben geblasen und liegt draußen wie ein schwerer sinkender Schimmer.
„So leise wie möglich", sagt der Schütze, Und die Ordre, geht von der Brücke aus weiter,
„Leise wie möglich".
„Wie möglich", antwortet der Maschinist dort tottat.
Der Walfisch ist gesunken. An der Stelle, wo er sank, sah es ans, als ob. die Meeresfläche ein großes, faseriges Loch bekommen hätte. Schnellt läuft das Wasser zusammen und füllt das Loch aus. ' .
„Stopp", sagt der .Schütze, — „stopp , lagt der Ruder- gättgcr.
„Stopp", antwortet der Maschinist.
Jeder Laut im Boot stockt, und langsam und unhörbar gleitet es vorwärts zu dem großen, ölartigen Fleck, her die Stelle an-, gibt, wo der Walfisch gesunken ist. .
Der Schütze revidiert noch einmal die Kanone und folgt Mit feinem Blick der Trosse über das Teck und das Spill. Dann klopft er die Pfeife neben der Kanone aus, stopft sie und zündet sie an.
Es verstreicht eine Viertelstunde. Das Bove gleitet totenstill vorwärts und bewegt sich immer schwächer.
Der Wal kann zn jeder Zeit und an jeder Stelle äustauchen. Plötzlich kommt Leben in den Mann oben in der Tonne, Er fitzt'so hoch, daß er tief ins Wasser hinabsehen kann.
„Er kommt, er kommt," heult er und fuchtelt m,it den Armen über dem Tonnenrande.
„Wo, 'wo", ruft der Schütze, während er blitzschnell die Kanone losschraubt und gleichzeitig zur Tonne einporblickt. Tie Schraube sitzt tief unten, die Tonne hoch oben. Tie, Stellung des Schützen sieht fast gefahrdrohend aus. Dann ist die Kanone locker.
„Ta, da", brüllt der Mann oben in der Tonne und. fuchtelt weiter nach der rechten Seite zum Wasser hinab.
Der Schütze starrt auf die Wasserfläche, sieht aber, nichts, — Ja, da ist er. Wie eine große fette Riesenseifenblase steigt das Tier durch das Wasser empor, langsam und regelmäßig, als würde es von einem Stempel schräg cmporgehoben, vorwärts und aufwärts.
„Go on", flüsterte der Schütze, Seine Stimme ist heiser vor Gemütsbewegung. >
Das Boot jagt vorwärts, kann aber nicht mitkommen. Der Walfisch geht immer schräger vorwärts, je höher er hinauf- koMmt. Nun ist er an der Oberfläche des Wassers, .Sein Kopf
taucht vorn wie ein großer flacher Schimmer auf und schlenderk die Wassersäule in die Höste, daß es klingt, als würde aus einem lecken Kessel plötzlich der Dampf herausgeschleudert, dann sinkt der Kopf und die Rückenflosse steigt in die Höhe, gleitet vorwärts und sinkt zuletzt ebenfalls.
Ter Schütze weilst nicht, auf welchem Bein er stehen soll. Er baumelt mit der Kanone, als wäre es ein Wetterhahn. Das Boot geht immer schneller. Es hat jetzt alle Karten in den Hand, da cs so nahe war, als der Walfisch zuM ersten Male ailftauchte. Aber trotzdem gelingt cs ihm nicht, sich neben ihm zu halten, als er zum zweiten Male austauchte.
Ter Schütze flucht und sieht aus, als wäre er unartig gewesen. Der Walfisch sinkt.
Tas Boot hat nun seine volle Geschwindigkeit wieder erlangt, es stürzt über die Meeresfläche, als hätte es Flügel. Jetzt; passiert cs die Stelle, wo der Walfisch sank und fährt weiter.. Taucht der Walfisch zum dritten Male auf, so ist er des Todes., Ta kommt er, gerade vor dem Steven. Jetzt bricht er durch die Meeresfläche und bläst, daß es wie Regen auf den Schützeili Und die Kanone hinabrieselt.
Der Schütze winkt. Das 'Boot macht eine Biegung und schwenkt zur Seite. Der Kopf des Wales taucht unter, und sein Rücken steigt in die Höhe, keine zehn Faden seitwärts vor dem Steven.
Der Rücken des Schützen zückt krampfhaft. , Er krümmt sich ein paarmal zusammen und dehnt sich wieder wie ein Tintenfisch auf dem Sprung. Tann wird er plötzlich starr und steht fest wie ein in den Steven gehämmerter Pflock. Ein Krachen. Einest Augenblick sieht man die herausgeschleuderte Leine hängen Ivie eine singende Spirale. Dann treibt er eine weiße Rauchwolke über dem Steven wie ein giftiger Atemhauch und verbirgt al lost,
Tie Trosse fällt draußen platschend hinab. Der Wast gleitet weiter und sinkt ruhig und sicher, wie er stieg. Das Meer ist wieder leer. Die Maschine stoppt. Das Boot gleitet ruhig über die Wasserfläche, wie eine Giftschlange, die gebissen hat und das Resultat abwartet. Tann ertönt ein Krachen dort unten, wo das Tier sank, ein dumpfer, splitternder Knall, wie von einer Unterseeischen Explosion. Die Granate explodiert. ,
Einen Augenblick ist es stille, totenstill auf dem Bord nnq draußen auf dem Meere. Plötzlich ertönt ein Kreischen. Ein schneidendes, schmetterndes Kreischen. Es kommt nicht draußen vom Meere her, es kommt aus dem Boote selbst und ist ein ganz neuer Laut. Er kommt draußen vom Steven, fährt über das Deck, über das Spill und poltert in den Lastraum hinunter, wo dies Seine aufgestapelt liegt. Die Leine ist lebendig, oder richtiger', sie ist unsichtbar geworden, so schnell wird Faden auf Faden der dicken fünfzolligen Trosse aus deut Schiff heraus und über den Steven gerissen, in einem einzigen blitzschnellen Ruck. Einens Augenblick stockt das Kreischen. Tie Trosse liegt wieder über deins Deck, als hätte sie sich nicht gerührt. Dann- wird sie wieder ist einem rasenden Kreischen gespannt, wird zu einer Saite, dies mit- unendlicher Geschwindigkeit schwingt. Der Walfisch ist fest-, geschossen und sinkt zum Meeresgründe hinab, mit kolossaler Geschwindigkeit, als wäre er ein Senkblei.
Ja, so ist cs int ersten Augenblick. Aber der struck deri Wassermasse ein paar hundert Faden draußen im Meere ist lolvssaü, Die Zwischenräume werden immer größer. Immer langjamep wird das Zerren. Man kann jetzt beinahe die Trosse mit deck Augen verfolgen, wenn sie ausläuft. Es klingt nicht mehr, mA ob ein Tier in Todesangst schreit. Die einzelnen Laute ftnW voneinander zu unterscheiden, das Aufklatschen der Lerne auf Teck und ihr Reiben an den eisernen Walzen des Spills.
An die zwanzig Minuten sind jetzt vergangen, fett der schuß siel, und von der dreihundert Faden langen Trosse sind nur ast die zwanzig übrig. Dann taucht der Walfisch weit vorn äUI, eine mächtige Blutwolke in dis Höhe blasend.
„Er hat ein Granatstück in die Lunge bekommen," erklärt der Schütze, der jetzt achter kommt. — „Also ganz in die Hölle kaust er uns jedenfalls nicht schleppen."
Ter Schütze stand oben auf der Brücke und untersuchte die Situation durch das Fernglas. Ter Walfisch ging draußen in der Oberfläche des Wassers vorwärts, so wett dte Seine reichte und blies. Er hatte bei der Fahrt in die Tiefe den Atem verloren und schwamm nun und sammelte Kräfte und blies Blnttvolte auf Blutwolke über das Meer empor. Er bewegte sich im Wasiex vorwärts, wie jeder andere Wal, vielleicht ein wenig schwerfälliger.-
Der Schütze Hatte einige Ordres heruntergerufen, und die Maschine war für das Nachspiel in Stand gesetzt worden, staun hatte der Wal die Seine straff gezerrt und begann zn ziehen..
Das Boot bekam einen Ruck, und die Seine wurde über Teck gespannt. Der Steven beugte sich zum Wasser .hinab, als ob das Schiff sieh vor seinem Gegner draußen verneigte. Dann begann die Jagd über das Meer. Einen Augenblick dauerte es, ehe das Boot richtig in Gang kam. Dann schoß es vorwärts^ als würde es von einem Schleppboot geschleppt.
Der Schütze ries eine Ordre in den M äschincnraumst hin ab. Und das Boot begann langsam rückwärts zu gehen. Die Stempel begannen zu arbeiten. Die Schraube platschte herum. F as Boot setzte sich mit dem Achterende tiefer ins Wasser und erhob


