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Wieder schüttelte Thea ernsthaft beit Kopf. „Es wirb tzar nicht wahr sein," meinte Alfred.
„Welcher Nichtsnutz hüt ihr beim überhaupt die Perlen gegeben?" fragte die Mutter, ititb ihr Wachtlnicisterblick flog forschend umher.
„Sie wollte gern spielen," erklärte Traute, „da gab ich ihr die Schachtel mit Perlen. Aber vielleicht hab ich mich geirrt. Vielleicht hat sic gar keine verschluckt. Mir schien es bloß so."
Die Mutter schalt sehr. Perlen seien kein Spielzeug für Kinder. Aber Traute werde wohl nie klug werden. Immer Dummheiten int Kopf und keine tleberlegung. Dann fuhr sie Helene au: warum Helene schon wieder heule?
Helene hielt beide Hände an ihren braunen Zopf. Der Rolf habe sie auf den Hinterkopf geschlagen, und die Traute auch; alles schlage sic immer aus den Hinterkopf. Sie habe fortwährend Kopfschmerzen.
Jetzt bekam Rolf seinen Anschnauzer. Er verteidigte sich nicht einmal, runzelte die Stirn und verschränkte die Arme. Er sah wie ein gekränkter Held aus. Dann kriegte auch Traute noch ihr Teil, und endgültig sogar Helene.
„Papperlappapp mit deinen ewigen Kopbschmerzen," schimpfte die Mutter. „Hab dich man nicht! Man muß sich auch eilt bißchen zusammen nehmen können. Wenn deine Freundinnen dich abholen, tut dir merkwürdigerweise nie etwas n eh. Nun vorwärts, Hände gewaschen, es geht gleich zu Tisch! Vater ist schon da. Thechen, mein Herz, hast du keine Perle verschluckt? Du wirst dir's wohl bloß eingebildet haben, Traute. Aber besser ist besser. Helene, hol mal das Rizinusöl aus der Schlafstube — es steht in dem Schränkchen mit den Mediizin- slaschen. Bring es in b.ie Küche. Und! nun laß das .Geheule!"
Sie marschierte davon, Thea auf dem Arm, und- unter ihr krachten die Dielen. Paula folgte ihr in wiegendem Gange Und mit schelmischem Gesicht: die kleine Range machte der Mutter nach. Auch Alfred empfahl sich pfeifend.
Nur Rolf blieb noch zurück. „Lene ist sehr schlecht," sagte er zu Traute, „sie petzt nicht nur, sie lügt auch. Was soll man bloß dazu sagen!"
„Maul halten," entgegnete Traute. „Und bei Gelegenheit auskneifen."
Rolf verstand nicht. „Auskü eisen?" wiederholte er.
Traute lachte. Sie war wieder ganz« vergnügt. „Na ja, dU Hammelchen! Ich kneife mal aus. Futschikato per- dutto. Oder glaubst du, ich werde mich for ever in dieser Jammerbude festbinden lassen?"
Sie ordnete ihr schönes blondes Haar vor dem Spiegel. Rolf sah ihr zu und sagte nichts. Ein Ausdruck von Ueber- legung lag aus seinem altklugen Gesicht
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Nun saß mau bei Tisch. Das kleine einseiistrige Zimmer war lvie vollgepfropft. Die Familie füllte es vollständig. Emma, das Mädchen für alles, bediente.
Während des Essens wurde fast gar nicht gesprochen. Alle speisten mit recht gutem Appetit. Emma mußte die Schüssel noch einmal mit Brühkartoffeln füllen lassen.
Als Köhler fertig gespeist hatte, zog er seine Brieftasche hervor, entnahm ihr den Bries des Herrn Brigham und legte ihn neben seine Frau.
„Lies mal, Mutter," sagte er schmunzelnd.
Auguste wischte sich die Finger an der Serviette ab nnb entfaltete das Papier.
„Ist das der — der von da Unten, mit dem ihr immer so gute Geschäfte macht?" fragte sie.
„Ja — der in Guatemala."
Nun lächelte sie. „Na aber, Traute," sagte sie, „sieh mal an! Am Ende kriegst du doch noch ’n Millionär. Das ist ein verdrehter Kerl, Franz, nicht wahr? Soll man beim bad rauf überhaupt antworten?"
„Mas ist los?" fragte Traute.
„Antworten izrnß man schon," entgegnete Köhler. „Ich korrespondiere ja immerfort mit dem Mann. Aber natürlich fasse ich seine Anfrage nur als Scherz auf."
„Was ist beim los?" fragte Traute noch einmal.
„Laß dir's _ von Vatern erzählen," antwortete die Mutter. Dann schob sie ihren Stuhl nach rückwärts und staud aus. „Mahlzeit," sagte sie.
Traute schob ihren Arm unter beit Köhlers. „Also Väterchen, nun schieß los," bat sie. „Ich soll einen Millionär kriegen? Her damit! Ich nehme ihn ungesehen. Wo wohnt er?"
„Ein bißchen weit ab. Steck mir mal meine Pfeise an!"
Traute nahm tapfer die Spitze zwischen die Zähne, obwohl ihr der Geschmack abscheulich war, brannte einen Fidibus nn und hielt ihn über den Tabak. Der Rauch züngelte zwischen ihrem weißen Gebiß und den roten Lippen hervor. Sie hustete.
„Uh, Vater," rief sic, „eine Zigarette laß ich mir schon gefallen, aber deine Pfeife — o je! Nun erzähle mir mal von in einem Millionär!"
Sie setzte sich zu bcu Füßen des Vaters auf das Sofa und kuschelte sich da zusammen. Köhler gab ihr den Brief des Herrn Brigham und passte seine Pfeise. Streifig quoll der graue Tabaksqualm durch die kleine Stube.
Traute las : „Quetzaltena — na — uaugo — o Allmacht, was ist das für ein Name! Ta stockt schon meine gcogra? phische Kenntnis. Gut, daß Guatemala dahinter steht H ich verbinde damit Erinnerungen, die zwischen Mexiko und dem Panamakanal auf und nieder schwanken" . . . Jetzt las sie stumm weiter und wurde sehr rot. Die Röte glitt sanft über ihr ganzes Gesicht bis zu den lichten Haarwurzeln über der Stirn. Ihre feinen Nasenflügel zitterten; Hut beit hübschen Mund ging ein Lächeln des Triumphs. Ihre Eitelkeit freute sich.
„Hujeh!" rief sie und streckke Arme und Beine in die Luft, „ein-Heiratsantrag! Auf mein Bild hin — und noch dazu eilt recht schlechtes Bild! Ich habe eine dicke Nase auf der Photographie und kleine Schtveiusaugen. Ich .werde ihm das Brustbild vom vorigen Jahre schicken, da mache ich mich besser und entflamme fein mittelamerikanisches! Herz noch mehr. Vater, das ist zum Schießen! Wann soll beim nun unsre Hochzeit sein?"
Der Pater lachte gemütlich Und meinte: „Du brauchst bloß Ja zu sagen. Aber du wirst dir's wohl noch ein bißchen überlegen."
„Ra — weißt du — die Gelegenheit ist günstig. Eine Farm hat er auch —■ wahrscheinlich doch vor den Torrn von Quetz — Quetz — den Namen meiner neuen Heimat behalte ich nie! Wo liegt denn Pies 'Quetz? Am Meere oder mitten int Lande? Ich muß nachher wahrhaftig mali zu Friedrich gehen, der hat den neuen Brockhaus bei."-
„Es liegt schon int Gebirge," sagte der Vater.
„Desto besser. Ta wird das Klima vorzüglich feilt. Und was baut Mister Brigham aus seiner Farm?"
„Hauptsächlich Kaffee. Aber auch sonst noch allerlei. Es ist Ein intelligenter Mensch. Man hat jetzt in Zentralamerika eine neue Kautschukpflanze entdeckt, und da ist er sehr hinterher. Kautschuk wird nämlich viel verbraucht, und die Produktion reicht kaum aus."
Traute neigte sinnend den Kopf. „Kautschuk," wieder- holte sie, „aha — Gummischuhe! Soll mir recht fein.; Und ist der Mister Brigham wirklich so reich?"
„"Er hat einen kolossalen Umsatz, Traute. Alle Landcs'- 'prodükte, besonders Kaffee, dann Haute, und Felle, Zucker, inländische Holzarten und Früchte. Die Bananen bei Witt- stock sind auch von ihm; er beherrscht den ganzen Baiianeu- markt."
„Es ist alles mögliche. Bananen esse ich zwar nicht gern, sie schmecken mir zu sehr nach Pomade —, aber das! schadet nix. Das Geschäft ist die Hauptsache." . . . Sie lachte wieder lustig auf. . . . „O jerum, jerum, jerum, ich werde überseeisch! Hält mir beit Mann fest, Väterchen. Was willst du ihm antworten?"-
„Ja, was soll ich beim antworten, Traute?"-
„Ich werde ihm selber schreiben,"
„I, das geht doch nicht gut!"
„Warum denn nicht? Ich schreibe ganz kaufmännisch/ bestätige dankend beit Empfang seiner' werten Werbung nnb bitte ihn um gefällige Ansichtssendung. Dann -nutz er sich persönlich herbemühen."
(Fortsetzung folgt.)


