Ausgabe 
22.5.1911
 
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eingelegt: ein, zwei, b'ret, fünf, zehn, zwanzig, hnnderk, zwei-- hundert usw. Gulden. Die Walpnrgisgnlben galten nur einen Groschen ober einen Kreuzer; so ist es noch heute: für die gebotene Mark wird ein Nickel 10 Pfennig gezahlt, mehr v-nf ein Mädchen geboten wird, desto größer ist die Ehre für >dieses. Das Mädchen, die sog. Maibrant, ist aber trotzdem noch nicht verpflichtet, die Wahl anzunehmen, es kann ablehnen. Erst dann ist die Maibrantfchaft fest und giftig, wenn die Ersteigerte dem Steigerer den sog. Lehn- ober Liehstrauß an dem Spute ober an der Mütze befestigt hat. Diese Sitte reicht weit in die Lahr- Hunderte zurück: man findet sie bei der alten Ritterschaft häufig?)

Das Mailehenpaar hält von jetzt an fest zusammen: aus dem Lehnpaar wird in den meisten Fällen ein Ehepaar. Bei Tanzgelegenheiten tanzt das Paar von Anfang bis zum letzten Geigenstrich ausschließlich miteinander. Nur mit Erlaubnis des Tänzers gewährt die Lichbrant einem Dritten einen Tanz.

Nun noch einiges über das herrlichste Freudenfest im ganzen Jahre: die Kirmes. Manche Ortschaften haben nicht alle Jahre, sondern nur alle zwei, drei oder fünf Jahre dieses höchste bürgerliche Freudenfest. Das fleißige, rührige Dörfchen Bisses im Horlos ftale hat sogar nur alle sieben Jahre Kirmes, ivo- 6ei der Regenhimmel sehr häufig so häßlich drein schaut, daß das seltene Fest stark verwässert wird. Von weither wandern die jungen Leute die auswärts dienen, zum heimatlichen Freuden­feste: zehn, zwölf, fünfzehn Stunden legten die Wegfertigen gern zurück, nm bei der herrlichen Kirmes mittanzen M können. Heute geht es schneller und billiger.

Am ersten Kinnessonntag, gleich nach dem Morgengottes­dienst und dem darauffolgenden Mittagessen, findet der große Umzug durch das Dorf nach der Linde statt, an die der Kirmes- kranz, von den Danzmädchen reich mit Bändern verziert, ans- gehangen wird. Jetzt hat die Kirmes ihren Anfang genommen! -Der von den Kirmesb urschen beim Mailehen erwählte erste Fest- vrdner erklärt die Kirmes für eröffnet. Die von den Kirmes!- burschen beim Mailehen gestrichenen, d. h. ersteigerten Kirmesse- mädchen, tanzen miteinander den ersten Reigen zu Ehren der Alten. Vivat hoch! erschallt es von allen Seiten, ein Tusch der Musik fällt ein. Der zweite Reigen geschieht zu Ehren der Kirche Und Schule; der dritte und letzte: Zur Ehr und Freud' der jungen Lent'. Nachdem dieser dritte Reigen getanzt ist, verkündigt der erste Festordner:

Und so tu' ich zum Beschluß

Noch den alten Kirmessprnchr In aller Zucht und Ehren, Soll es heute Kirmes sein. Das darf uns Niemand wehrest« Weils hergeht recht und fein. Seit mehr als hundert Jährest, War es hier so gewest. Und wollens so bewahren« Das ist das Allerbest.

Vivat hoch! Die Kirmes soll leben lind alle! KirMessekeuk da­neben." Tusch der Musik und allgemeiner Jubel folgt darauf, die.Musikanten spielen denLauterbacher", wer Tanzbeine hat schwingt sie, es greift eine Wonne, eine Fröhlichkeit Platz, die selbst den alten Griesgram erfaßt.

Sobald die Musik schweigt, wird ein Volkslied angestimmt, stuf das dann wieder ein Tanz folgt: entweder wird gesungen vder getanzt. Wieder tritt eine Pause ein, da stimmt plötzlich der Stiuimführer einen Choral an:Wer nur den lieben Gott läßt walten", ober:Befiehl du deine Wege", ober:Jesus meine Zuversicht," Die Musik fällt ein, wer Stimme und Atem hat, singt mit. Mächtig schallen die Töne weit hinaus. Das ist keine Blasphemie, sondern heiliger Ernst. Wie gewaltig ein Choral wirkt, haben wir in mancher Nacht anno 1870 vor Metz empfunden.

Langsam zieht der Kirmesse-Montag heran! der Kehraus wird getanzt, b. h. alle Tänze: Walzer, Schottisch, Galopp, Hopser unb Schleifer werden hinter einander her aber nur ganz kurz gespielt. Dann singen die Burschen: Geht Ham ihr Maad! geht Ham ihr Maad! der Fuchs der geht ins Kraut. Fluchtartig verlassen die Mädchen den Tanzboden. Die, die es nicht täte, würde als minderwertige Dirne angesehen werden.

Am.äloeiten Kirmessetag ziehen die Musikanten, von jungen Leuten begleitet, durch das Dorf und bringen Ständchen. Dem Pfarrer und Lehrer blasen sie ernste Sachen; dem Förster blasen sieIm Wald und auf der Haide"; dem Bürgermeister blasen sie eins von seinen Leibstücken. So geht es durch das Dorf, wobei die Musikanten nicht blos Geld, sondern auch Kuchen, Würste, E____

2) In England hat Man eine ähnliche Sitte am Valentins tage '(1'4. Februar) an dem der Mistelzweig eine Rolle spielt. Der lüfte Herodot schreibt etwas Aehnliches von den Venetern. Das durch die Versteigerung erzielte Geld wurde aber bei den Venetern wicht verjubelt, sondern zur Ausstattung der nicht schönen Mäd­chen verwandt, wodurch diese auch ans ihre Rechnung kamen, Gewiß eine nachahmenswerte Sitte.

Schinken u. dgl. M. einheimsen. Grade Mer diese Mitbringsel! freuen sich die Frauen und Kinder der Musikanten recht sehr, Am dritten Kirmessetag werden allerhand Spässe, mitunter recht derbe, aufgeführt: die Kirmes wird begraben und die Leut­chen waschen ihre Geldbeutel, weil sie leer geworden sind-, -r. ,

vermischte».

Ein kurzer Rausch. In einer Erörterung der jüngsten Ereignisse in der Champagne erzählt das Pariser Journal ein lustiges Geschichtchen, das vor etwa 70 Jahren dem König Louis Philipp und dem Gründer eines der be­kanntesten Champagnerhäuser begegnete. Der König hatte eine Reise in das Land unternommen und war der Einladung des M. Most zu einem Frühstück gefolgt. Der ausgezeichnete Weinhändler, der sehr schwerhörig geworden war, gab sich die größte Mühe, das Haus würdig zu vertreten und bat natürlich, als das Frühstück zu Ende ging, der König möchte doch noch einen letzten Becher des edlen Trankes nehmen. Ich danke ihnen sehr", erwiderte Ludwig Philipp,Ihr Wein ist gewiß gut, aber ich fürchte, ich könnte mich betrinkens. Da bemerkte ein Tischgenosse, der sich die gute Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte dem König eine Schmeichelei zu sagen; Sire, hier kann es nur einen Rausch geben, den, in den uns alle Ihre erhabene Gegenwart versetzt hat". Der halbtaube Gastgeber hatte jedoch nur die Worte des Königs und nicht die Zwischenbemerkung des andern Tischgenossen gehört, und er fügte nun seinerseits hinzu:O, Sire, seien Sie sicher, daß das ein Rausch ist, der nur ein Viertelstündchen dauern wird".

Lk. Die Jungfrau von Orleans als Retterin der Winzer. Die heutigen Winzer in der Champagne müssen mit Neid aus ihre glücklicheren Ahnen blicken, da sie sich selbst mit ihren eigenen Händen gegen die Tücke der Welt wehren müssen, während jenen, als die 9iot am größlen, die Jungfrau von Orleans am nächsten war. Nach der Eroberung von Troyes, Chälons und den übrigen Städten der Champagne durch die Franzosen über­fluteten deren Heere die Straßen, die Häuser, die Wälle und die Umgegend der Städte. Aber während die Fürsten und Führer der als Befreier jubelnd aufgenommenen Truppen sich an dem süßen Saft der Trauben des Landes erguickten, nahm die Soldateska aus das Wachstum des neuen Weins keine Rücksicht. Besonders die Kavallerie zerstörte aus ihren Ritten durch das Land weithin die Weinstöcke, so daß die Winzer anfingen, ihre Befreier zu ver­wünschen. Aber Johanna d'Arc hatte offenbar ein Einsehen und hals dem jammernden Volke. Als zum Ausbruch geblasen worden war und das französische Heer abzog, da sahen die staunenden Winzer mit einem Male ein wunderbares Schauspiel. Die niedergetretenen, abgerissenen und zerbrochenen Weinstöcke richteten sich nach und nach von selbst wieder aus. Der Duft eines neuen Blühens verbreitete sich über das Land und die Weinstöcke überzogen sich mit frischem Grün. Ja, die neue Blute trieb unendlich viel mehr Früchte, als die erste, zerstörte Bluie hatte erwarten lassen. Der Jubel der Bevölkerung begleitete die hinwegreitende Jungfrau. So erzählt die Legende, die übrigens nur in einer deutschen Fassung, nämlich in dem Werke des Mainzer Geschichtsschreibers Eberhard Windecke über die Zeil des Kaisers Sigismund uns überliefert ist.

Skat-Ausgabe.

Während des ganzen Abends wird Herr Lehmann vom Pech verfolgt.Jetzt endlich einmal ein paar vernünftige Karten, mit denen man seinen Gegnern ordentlich heimleuchten kann!" rief er aus, als er in Hinterhand Folgendes erhielt:

Aber mit des Geschickes Mächten könnte auch Herr Lehmann nichts ausrichten: Er verlor das Spiel (selbstverständlich ohne einen Fehler zu begehen). Hierauf sagt er die letzten Runden an, be­zahlte seine Zeche und ging alsdann heim. Was war es für etn Spiel und wie mußte gespielt werden? Vorhand hat in ihren Karten 29 Augen weniger als Mittelhand.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Gleichklangrätsels"in voriger Nummert

Karten.

Redaktion: I, V.: E. He ß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universttäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.