Ausgabe 
22.5.1911
 
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Die 3. Güttin des' Dichters Gottfried' August'rg ök--

Glise Hahn, gestaltete ben Lebensabend des Dichters durch ihre Vergnügungssucht, Eitelkeit und Untreue außerordentlich unglück- M), so daß sich Bürger bald von ihr scheiden ließ.

3) Vom 1.-4. Oktober 1529.

f) 363 Meter Über dem Meeresspiegel. Es gibt natürlich Unzählig viele gtabte in Europa', die weit' höher liegen, «ls.

Amöneburg.,

die Zuhörer jedes Wort zu Papier bringen können, Int' Umgänge W er human und liebenswürdig. Die Achtung der Mitbürger und Zuhörer für diesen Mann grenzt an Verehrung. Auch, A r n o l d i, den großen Orientalisten, lernte ich kennen. Er wies mir das arabische Wörterbuch von Golius, mit vielen Exzerpten und Nach­trägen ans arabischen Schriftstellern versehen, so daß eine neue Herausgabe des Golius von seiner Meisterhand eine große,, Be­reicherung der orientalischen Literatur wäre. Herr Arnolds führte mich in die Versammlung bei brat Buchhändler Krieger, wo mehrere Professoren und Offizianten alle acht Tage zusammen- kommen; hier sprach ich Tennemann, der durch seine Ge­schichte der Philosophie berühmt ist, M unke und andere Gelehrte. In dem Hause des Professors Crede, der zugleich Direktor des Pädagogiums ist, genoß ich eine ausgezeichnete Freundschajt und Pflege, weil ich mich einige Tage nicht wohl befand. 8lm ersten Christseiertage predigte ich zu Kirchhain, am zweiten tn Marburg Bi den Prof, Crenzer, der sich um einen kranken preußischen fstzier sehr verdient Machte. Auch Herrn Superintendenten D. Jnsti besuchte ich. Er ist ein großer Freund der hessischen Landesgeschichte und hat das Leben der Elisabeth und ihrer Tochter sehr lehrreich beschrieben. Durch die Güte des Herrn Prof. Zimmermann wurde mir verstattet, die Bibliothek LU sehen,, welche nicht groß, aber auserlesen ist. _

Da die bekannte Elisa Bürger* 2) hier ein DeklaMatormM gab, so wohnte ich eines Abends der Versammlung bei.. Sie sprach nur da gut, wo sie sich selbst vergaß und'von'ihrer Ziererei Uachließ. Das Gedicht Lenore gelang ihr besonders gut. Ste wußte so geschickt vom Stuhle zu fallen, daß sie nicht nur fernen Schaden nahm, sondern noch eine vorteilhafte Stellung gewann. Schade nur, daß keiner der amvesenden Herren hinzusprang (was sie wohl beabsichtigt haben mochte), ihr aufzuhelfen, sondern ein Paar alte Matronen ihr diesen Dienst leisteten. Sie versprach pantomimische DarstellnnSM ä la Mad. Schütz für den andern Tag M geben und erbat Ach (welche Zartheit!) einen zahlreicheren Besuch,

Uebrigens ist Marburg durch das Gespräch zwischen Luther Und Zwingli berühmt, im Jahr 1528 (!),3 *) und durch den früher» Ketzer-Jnquisit Konrad von Marburg, der eine Stunde von hrer erschlagen wurde. Eine Straße Marburgs heißt noch die Ketzer­straße und ein Waffer der Ketzerbach. Die umliegenden Berge kragen viele Ruinen von alten Schlössern, die zum Teil Raub­schlösser gewesen fein mögen. Sehr prachtvoll auf dem abge­stumpften Kegel eines Basaltberges erhebt sich die Stadt A m öne- bürg; gewiß eine der höchsten Städte Europas.^,) Die katho­lischen Einwohner haben die Beschwerde, fast immer in den Wolken zu schweben; der Ort gehörte ehemals nach Mainz/ itzt aber nach Kassel.

Am 6. JaNUiar war ich in Gieße«? welches nur drei Meilen von Marburg entfernt ist. Der Weg tot den Ufern der Lahn ist sehr abwechselnd und unterhaltend. Die Stadt liegt, in einer stachen Ebene, enthält 1011000 Einwohner und einige schöne Wohnhäuser. Rings UM die Stadt, wo die Festungswälle ab­getragen sind, ziehen sich anmutige! Spaziergänge und pracht­volle Hauser; im Innern der Stadt ist aber alles altmodisch, 'schief und krumM gebaut, gleichend einem alten Bilde mit goldener Einfassung. Die Universität ist in vielen Stücken Antipode von ?Marburg. Dort war der Patriotismus Feuer und Flamme, hier errscht Lauigkeit und Kälte, wie denn überhaupt Hessen-Darmstadt! . durch Anhänglichkeit an Frankreich sich ausgezeichnet hat. Ein Professor, namens Crome, Hat sogar eine Schmähschrift auf die Verbündeten geschrieben, dagegen ist der patriotische Aufruf Wachters aus Marburg wie eine Prophetenstimme voll Geist Und Leben. Dort begnügen sich die akademischen Lehrer mit dem bescheidenen Titel Prosessor, hier aber prangen sie als Geheime Räte, Ritter und Kommandeurs bet Ritterorden. Abenbs war ich auf einem SyMpo'sio, wo die Professoren zu geistigen Gesprächen und zum Wein sich täglich versammelten. Die Geheimen Räte Schmidt, Grolmann, die Professoren Diefenbach, Künöl, Pfannkuche, Buchhändler Heyer, Pfarrer Wolf !ti. a. lernte ich hier kennen. Besonders freuete es mich sehr, einen Freund und wackeren Verteidiger unsers ehrwürdigen Kant hier anzutreffen, den Prof. Snell. Nach einer philosophischen Unterhaltung hatte ich schon lange getrachtet, 'und ich genoß sie diesen Abend auf eine stärkende Weise in der Gesellschaft dieses schätzbaren Philosophen.

'Am folgenden Morgen fuhr ich nach Wetzlar,- wo das Reichs-KaMmergericht seinen Sitz hatte, als das heilige römische Reich noch auf Füßen ftmib. Seit Aufhebung dieses Schöppenstuhls sind gegen 800 Offizianten von hier fortgozogen, wodurch die Stadt viel verloren hat. Man sieht die ehemalige Wohlhabenheit tot der Pracht der Häuser. Alles hat hier ein vornehmes Gesicht. Das Ktraßentzflaster ist sogar von Marmorsteinen. Bei der

hiesigen Simultankirche ist eine einzige Erscheinung, daß Ser katholische Dechant den lutherischen Pfarrer zu wählen und zu introduzieren hat. Die protestantischen Prediger sind zugleich Lehrer am Ghmnasio, um welches der Konsistorialrat und Pfarrer Follenius hieselbst große Verdienst hat. Der Fürst Primas, zu dessen Gebiet dis Stadt Wetzlar gehörte, hat die Schulen neu organisieren lassen, aber nach frcutzösischem Zuschnitt. Der Religionsunterricht ist bei den Gymttasien gar nicht berücksickstigt, sondern dagegen eine Moralstunde festgesetzt. Welche nachteiligen Folgen diese Verbannung der Religion aus den Schulen äußert, kann folgendes Beispiel beweisen. Der Sohn des Pfarrers Tex - to r5) aus Romrod, ein zwölfjähriger Knabe, kam von dem! Frankfurter GyMnasio nach Hause. Der Vater wollte natürlich wissen, was sein Sohn gelernt hätte und befragte ihn auch Unter attbernt' über das Christentum. Hier wußte der sich weise dünkende Gymnasiast zu erzählen, daß Christus nicht wirklich gestorben, sondern nur jn Ohnmacht gefallen fei, daß die Auf­erstehung Erdichtung wäre u. bergt. Mit Erstaunen hörte der Vater diese Weisheit seines Sohnes an und fragte, wer ihn so etwas, gelehrt habe.Unser Lehrer Röntgen", erwiderte er, hat uns das erzählt." Das heißt doch frühe den Samen! des Zweifels in junge Seelen streuen und alle Stützen der Religion fürs ganze Leben untergraben! Sonst hatte der junge Textor auch noch verzieren und Komödienrollen auswendig lerne« müssen."

Die Weiterreise unsres Feldpredigers ging über Braunfels, Weilburg, Limburg, Dietz, Montabaur nach Koblenz. Unter vielen Beschwerden gelang es seinem Truppenteil über den Rhein zul kommen. Am 31. März 1814 zog er mit den siegreichen Truppen in Paris ein, das er am 19, Mai verließ, um vor seiner Reise in die Heimat zuvor poch Englands Hauptstadt einen Besuch abzustatten,

6) Friedl. Ludw. Textor war von 17921793 Präzeptor in Le ehe im, von 17931795 Feldprediger, dann Privatlehrerz 1798 'M f, Pfarrer in Romrod.

Heber basMailehen",Hirchweih-lHirmes-)" und ähnliche Gebräuche in Gberheffen, insbesondere im

Vogelsberge.

Von einem geschätzten Kenner der oberhessischen Volksbräuche wird Uins geschrieben:

DieGießener Familienblätter" brachten zu Anfang dieses Monats eine Keine Mitteilung über das sog.Mailehen", vielfach auch derMädchenverstrich" genannt, wie er noch bei Homberg ausgeübt wird. Dieses Homberg ist aber nickst dasH essen-Darmstädtische Homberg a. d. Ohm", sondern das ehemaligK u r H e s s i s ch e Homberg a. d. Es z e" tot der Bahnlinie TreysaLeinefelde gelegen, seit 1866 preu­ßische Homberg.

In unserem Hessen-Darmstädtischen Oberhessen, insbesondere! iirt Vogelsbergs, in der Grafschaft Schlitz und im sog. Junksv- lande, d. h. der Freiherruschaft Riedesel, zeigt sich aber auch noch das.Mailehen" oder derMädchenverstrich". Mein Ge­dächtnis reicht bis in das Jahr 1864, also 47 Jahre zurück, in eine Zeit, wo der Vogelsberg noch von keiner Kultur beleckt, von keiner Damvspfeise durchheult, von keiner Dreschntaschine burchKappert und dnrchzischt wurde und der Dreibätzner noch für ein großes Geldstück galt.

Die alten Sitten, Gebräuche, Gewohnheiten und. Trachten wurden streng beibehalten. Ueber diese Dinge möchte ich Jhiten einiges zur Verfügung stellen, damit sie nicht ganz von Autos, Luftballons, Kinematographen, Photographen, Telegraphen und anderengraphen" verwischt und verschluckt werden.

Zuerst das sog.Mailehen oder der Mädchenver­strich". Er findet am 1. Mai, mitunter auch am ersten Sonn­tage im Mai, statt. Die Nacht vorher heißt dieWalpurgis-" oberWalpertsnacht", da tanzen bic Hexen auf den Kreuzwegen, Der Hausvater macht drei Kreuze auf die Stalltüren, die Mutter macht drei Kreuze auf den angestellten Brot- oder Kuchenteig, Gott walt's!" sagt die Mutter, wenn sie das Kind dem Lager enthebt. Aehnliche Gebräuche lassen sich noch viele aufführen. Einem nenverlobten Paare wirft man massenhaft Scherben und Töpfe vor die Haustüre: Scherben bedeuten Glück!*) Der Ros­marinzweig fehlt weder int Hochzeits- noch im Trauerzuge. Unsere Gebirgsbewohner denken und fühlen heute noch symbolisch, be­sonders beimMailehen oder Mädchenverstrich".Wer bietet auf die Liesmagret Haustein?" ruft der erste und angesehenste Kirmesbursche, der von den Kameraden gewählt wurde, der die Verhandlungen leitet, bient noch fünf bis sechs Gehilfen, auch burch Wahl erkoren, beigesellt sind, bereit Anordnungen wider­spruchslos Folge geleistet werden muß. Nun werden Gebote

Die Israeliten beobachten diesen Gebrauch seit Jahrhunderi- ten. Bei Verlobungen wird ein Topf oder ein Glas zerbrochen; die Scherben gelten als Verlobungsanzeige. Wer einer befreun­deten Familie eine Scherbe bringt, erhält ein Geldgeschenk, folg­lich bringt die Scherbe deut Ueberbringer Glück, Es. liegt aber' noch e.in tieferer Sinn darin.