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leichter Dunst lag darübergebreitet gleich einem Schleier, als dürfe es sich bem Auge nicht ganz enthüllen in all seiner Schönheit. Es redete zu mir tiefe eindringliche Sprache. Es schien zu sagen: „Seht ihr, ihr Menschlein, o bin ich seit Millionen Jashren, und Taufende von Ge- chlechtern wurden.geboren auf mir und mußten wieder terben. Habe ich mich verändert? Habe ich mich bewegt? Müßt ihr nicht Kimmen und gehen, wie Herbst- und Wintersterben jedes Jahr? Ist es nicht immer noch Frühling geworden? Hat der Lenz nicht doch endlich gesiegt über den Tod der Natur? Blickt mich nur an mit den erstorbenen Zweigen, dem Grau der Wiesen, dem fahlen Lärchenwald, dem kahlen Busch am Bergeshang. Das alles wiro wieder grünen, das alles erwacht aus dem Tod. Wartet nur, geduldet euch, iiber ein kleines lacht die Au, grünen die Blätter, duften die Blüten, sprießt es und wachst es überall. Dann seid ihr nolh hier uno freuet euch des neuen Lebens, öder ihr liegt drunten, tief drunten in mir und seid glücklich im Frieden meines Schoßes, glücklicher vielleicht als heute, da ihr wandelt auf meinem Angesicht."
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Es ging besser! Mit der erwachenden Natur schienen sich auch in der wmiden Brust neue Ktäfte zu zeigen. Ein glückliches Jahr begünstigte uns. Keinen Tag gab es Regen, und nur selten einmal erhob der Sturm sein drohend pausbäckiges Gesicht und blies aus dem offenen Passeier mit Vollen Wangen. Da konnte denn Maria immer draußen liegen auf der Veranda, täglich ausfahven. Und wie es gut ging, immer besser wie mir schien, zog auch die Hoffnung in meine Seele. Sie streifte mich nur im Anfang. Ein Hauch war es, wie eine linde Luft, ein lebenweckender Atem. Aber allmählich gewann sie an Stärke: ich begann zu Aauben an die Genesung.
Nun ging ich ganz anders einher. Ich hob den Kopf. Meine Augen leuchteten, ich redete mit Bekannten, länger, eindringlicher, wenn ich sie unterwegs traf. Bisher war ich den Menschen aus dem Wege gegangen. Ich wollte die ewigen Anreden vermeiden, die doch so gut gemeint waren: „Wie geht es Ihrer Frau Gemahlin?" In der erregten Stimmung, in die mich Sorge und Aufregung versetzten, sah ich Neugierde in den Fragen, aber Teilnahme nicht. Jetzt jedoch ward es mir fast zum Bedürfnis, zu den Leuten zu gehen, um ihnen nach den ersten Begrüßungsworten zu sagen: „Es geht meiner Frau wieder ganz gut." Und dem nächsten: „Wenn wir abreisen, wird sie gesund sein." Ja, mich faßte ein solcher Taumel von Wonne, daß ich dem dritten bereit war mitzuteilen: „Wir reifen bald wieder ab. Sie ist ganz gesund!"
Gesund! Gesund! O Gott, wenn wir das Wort erst sagen konnten! Bei dem Gedanken überkam es mich wie ein Rausch von Glückseligkeit. Und ich lief jetzt oft, wenn Maria nachmittags ruhen sollte, fort, in die Umgebung Merans hinaus. Der Arzt hatte gesagt, sie sollte viel allein sein, womöglich schlafen, nicht sprechen jedenfalls. Auch Maria redete mir zu. Ich wehrte mich zuerst dagegen, denn ich mochte sie nicht allein lassen. Maria aber bat mich förmlich fortzugehen. Ich müsse Bewegung haben. Sie würde ruhiger sein, wenn ich ihr den Gefallen täte, und sie möchte gern, daß ich neue Eindrücke gewönne, um ihr zu erzählen, wo ich gewesen, wie es dort war.
Da durchstreifte ich denn die Nähe und Weite, stieg zu den Schlössern hinauf, zur Fragsburg, zu Katzenstein, Schenna, Auer, Lebenberg, Tirol, Dürnstein und wie sie heißen, jene Zeugen der mittelalterlich großen Zeit des Landes. Dann fuhr ich mit der Bahn zu den nächsten Haltestellen und bald kannte ich jeden Weg im Landl. Immer aber ging ich allein, denn Menschen paßten nicht in meine Stimmung. Ich mußte allein sein, nm an die denken zu können, die mein ganzes Sinnen umfaßte und Sehnen, zu der meine Gedanken zurückkehrten, sobald sie nur eine Minute ohne sie geweilt — zu Maria.
An sie dachte ich bei allem, was ich sah. Was würde Ich wohl dazu meinen, sie mit ihrem Interesse für alles, nnt chrem offenen Sinn, den klaren Augen, die alles tausendmal mehr sahen, denn meine. Ich überlegte, wie ich ihr bjA^und jenes schildern sollte, die Aussicht, die alten Schlosser, den Weg. Und so stieg ich herum Und ging dahin, fast wie im Traume.
®a6ei ward es Frühling im Burggrafenamt, viel zeitiger n»s daheun rm fernen Deutschland. Frühling zuerst kN liefen Tal an den geschütztesten Stellen^ in den Ms-
anlagen, wo die Passer täglich stärker rauschte vom schmek- zenden Schnee, droben in den Tälern, ans denen sie ihr Wasser zog. Frühling in den Gärten und Anlagen. Es war, als sängen mehr Vögel, als bekäme alles einen frischeren, freudigeren Hauch. Grün färbten sich die Sträucher. Knospen entsprangen in dicken Knoten an den Kastanien, taten sich auf wie Hände, die ihre Finger nach allen Seiten strecken, und ließen endlich die Blätter herans- schießen mit solcher Gelva.lt, daß man jeden Morgen zu sehen meinte, wie sie über Nacht größer geworden.
Die frühen Pflanzen hatten begonnen, die späten folgten, bald stand alles wie auf einen Zauberspruch im grünen Kleide da, und nur die Platanen zögerten noch. Auch, die Weingärten zeigten Helle Triebe, daß das ganze Holz sich mit frischem Grün zu überranken begann.
Wie es nun unten im Tal anfing zu grünen, zu düsten und zu blühen, kroch der Lenz auch langsam die Perge hinan. In den höheren Lagen färbten und füllten sich die Wipfel der Edelkastanien, der Nußbäume, das Buschwerk, das die scheinbar unbekleideten Felsen hinankletterte, begann grün zu werden, so daß die Platten und Schroffen des Mittelgebirges ausschauten, von der Ferne gesehen, als überzögen sie sich mit einem raschwachsenden, dichtwuchernden Moosteppich. Nun setzten auch die kahlen Besen der Lärchen ein fast schrilles Grün an, befiederten und bewimpelten sich. Unten begann es, immer höher stieg es hinauf. Fast täglich konnte man die Fortschritte sehen. Dafür fraß die Sonne an den Schneeflecken, als wäre die steigende Pflanzendecke ein Feuer, das die Berge hinanleckte. Bald leuchtete an den Platten, aus den Graten das Gestein, und nur in den Rinnen und Rissen, der^ Kaminen, Schluchten, Verwerfungen, Einschnitten blieb etwas Weißes liegen.
Dag um Tag nahmen Mast und Dauer der Sonne zu. Tag um Dag stieg die Wärme. Tag um Tag fangen die Vögel Heller und fröhlicher, ward das Blätterlleid dichter, die Farben junger, frischer, Heller. Ueberall zwischen den grünen Pflanzungen, in den dunkeln, verschwiegenen Gärten, auf den lichten, fröhlichen Wiesen zeichneten sich die leuchtenden Kugeln, Pyramiden, Farbenfleae der blühenden Obstbäume ab, duftig» schneeweiß von fern, rosa, wenn man näher trat der Pracht. Und unter den blühenden Achsel- und Birnenbäumen stand hie und da, dem nor» dischen Auge ungewohnt, ein Mandelbaum in seiner rosigen Blütenfülle.
(Fortsetzung folgt.)
Erlebnisse und Eindrücke eines preußischen predigers. der in den Jahren M3 und in Gberhessen und den Nachbargebieten im Guartier lag.
Von K. Dotter-Alsfeld.
(Schluß.)
Aw 14ken Dezember brachen wir von Altenburg aus und gingen nach K i r ch h a i n bei M a r b u r g. Es war mir angenehm, dichm schönen Mnsensitz Deutschlands näher kennen zu lernen. Die Professoren Marburgs nahmen mich mit ausgezeichneter Gesällig- keit ans. Lehrer und Lernende sind von einem patriotischen Enthusiasmus beseelt, welcher sie unter der vorigen Regierung') oft in Gefahr brachte. Itzt eilt alles, was von Studenten hier ist, selbst von den Schulen zu den Waffen. Die Stadt zählt 6—7000 Einwohner; sie liegt in einem halben Kranze an einem steilen Berge, aus dessen Gipfel das Schwß oder die alte Residenz der Landgrafen majestätisch pranget. Die Natur hat die um» liegenden Bergs mit unendlicher Anmut geschmückt, ein weites Tal eröffnet sich nach Süden und Norden, durch welches die Lahn sich malerisch schlängelt. Die ElisabetWrche mit den Gräbern fürstlicher Personen ist ein prachtvolles Werk der gotischen Baukunst. .Den silbernen Sarg der heiligen Elisabeth hat der König Hieronimus nach Kassel transportieren lassen, uw sich der Edelsteine zu bemächtigen, mit welchen er ausgeziert Ivar. Das Volk ist über diesen Kirchenraub bis zur Wut aufgebracht. Die Kirche ist ein Simultaneum von protestantische und katholischem Gottesdienst. Der durch seine Bibelübersetzung bekannte Professor Pati E ß predigt darin. Er hat sehr großen Zulauf von beiden Konfessionen; obgleich fein Vortrag -etwas gedehnt uno breit iff- fo hört man ihn doch gern, wegen des freien, lebendigen, wld .herzlichen Ausdrucks, den er ganz in feiner Gewalt hat. Bei Herrn Professor M ü n s ch e r hospitierte ich eine Stande in der Dogmengeschichte. Sein Anstand hat etwas Gezwungenes, aber kein BortrM ist so präzise, bündig und gedankenreich, daß jede Periode gedrucw werden kann. Ein langsamer und feierlicher Ausdruck macht, daß
J) Königreich Westfalen unter MrömÄ von 1801—1813»


