Ausgabe 
22.5.1911
 
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M Nr. 80

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Herxeloide.

Lloylan von Georg Freiherrn von Ompteda, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Maria ging eS gut, wenigstens im Vergleich zur ersten Zeit. Ich gewann auch wieder Mut und empfing nun immer den Arzt, an dessen Zügen meine Augen hingen, jedesmal wenn er sich vom Stuhle neben meiner Fran erhob. Es war stets das gleiche verbindliche, freundliche Gesicht, kein Ernst huschte darüber hin, aber auch nichts Besonderes, das gewesen wäre wie ein:Nun sind wir über den Berg!" Die Luft, die Windstille, die Sonne, die Ruhe, die Wärme, alles half, Marias Kräfte zu heben, ihr Vertrauen zu geben und Mut. Es war aber auch ein Fahr wie selten im Süden, wie fast nie in dieser Mittels zone, wo die Berge noch zum Norden gehören und nur der Sonnenball über den Himmel zieht wie im Lande der Palmen. Maria konnte fast den ganzen Tag im Freien zubringen. Früh schon, wenn ich erntrat, waren die Läden geöffnet. Am Fenster saß die Kranke, gepflegt, gewaschen, frisch wie der junge Morgen, das glänzende Haar zierlich ?geordnet, denn darauf hielt sie. Nie durfte ein Löckchen lattern, nicht eine Strähne verschoben sein. Maria streckte mir die Hand entgegen. Sie fragte, sie und nicht ich zuerst:

Hast du gut geschlafen?

Sie erkundigte sich'und nicht ich, wie die Nacht ge­wesen wäre, ob ich aufgewacht sei? Fch wußte weshalb. Weil sie wach geblieben war, weil sie gehustet hatte, weil sie unruhig gelegen und nun in ihrer selbstverleugnenden Liebe nur an das eine dachte, ob es mich etwa gestört hätte, ob i ch aufgewacht wäre, ich auch nur eine unruhige Minute gehabt um sie.

Dann las ich ihr die Zeitungen vor, bis sie das zweite Frühstück bekam und wir uns zurechtmachten, auszufahren. Dann ging es wieder hinaus auf die stillen, sonnigen Ober- maiser Wege an den Willen vorbei, die im Dunkel der immergrünen Gewächse, der Nadelhölzer, lagen, als wäre es nicht eigentlich noch Winter. An den Schlössern vor­über, noch ragend aus jener Minnefängerzeit, da hier das Adelsparadies gewesen, aus jenem Mittelalter, wo ein reiches, tapferes, lustiges, aber auch leichtsinniges Volk trotz des Reichtums des Bodens, trotz der Gunst des Himmels allmählich verschleuderte und vertat, was die Väter ge­sammelt hatten. Rundum lagen die ewigen Berge, die schon damals auf däs Tal mit dem Treiben seiner Mensch­lein herabgeschaut, steinern, eisumgürtet, unbeweglich, un­berührt wie heute. Die Berge, die manchen Windstoß krachen, der dahergefahren kam über die Oetztaler Ferner, die Stubaier Gletscher, die Berge, die sich über dem wein­gesegneten Tal« erhoben bis. zu zehntausend Fuß.,

Da grüßte über dem Naiftale der Jffinger herein, schneebestäubt, und neben ihm das Hochland von Haflrng. Von droben blinkte, in einer Senkung, eben von den Sonnen­strahlen scharf beleuchtet, das Wahrzeichen der Gegend herab, Sankt Katharina in der Scharte, mit dem Turm, der sich so scharf abhob gegen den wolkenlosen, blauen Süd!- landshimmel. Auf der anderen Seite des Jffinger aber öffnete sich ein breiter Einschnitt hinter ihm ein schnee- glänzender Abschluß: Andreas Hofers Heimatstal, das Passeier. Und nun hob sich wieder die Dalumrandung. Neben dem Küchelberg, an dem einst vor nun bald hundert Fahren die treuen Tiroler gegen die Franzosen den ver­zweifelten Freiheitskampf gekämpft hatten, auf dessen linker Höhe mit seiner gelben Mauer das Schloß Tirol niedersah ins Land, schoß die Muthfpitze empor. Lang zog sich der Rücken hin, immer steigend, eine Wesenwand, die ihren letzten, steilen Aufschwung in der stolzen Pyramide des Tschigat fand. Das Zieltal sah man tief eingeschnitten, und den Eingang ins lange Bintschgau ahnte man durch einen schräg einfallenden Sonnenkegelstrahl, der den Mar- linger Berg von der Gfallwand und Kirchbachspitze trennte.

Dort hinein ging es zum Ortler, zum höchsten Berge der Ostalpen, dem dadurch ein Nimbus um das Gipfel- Haupt gewunden war wie eine Königskrone. Wenn das Auge aber weiter lief rundum/ fiel es auf die doppel­gipfelige Laugenspitze, die Grenzwarte des Deutschtums, denn hinter ihr lag das verwelschte Nonstal. Und immer weiter zog sich die Kette der Berge, mit dem Gantkofel jäh endend, der, ein Wesenabsturz, wie eine Nase, ein gewaltiges Profil, am Ende des Etschtales in die Tiefe absetzte.

Von dort sieht man Bozen! sagte ich zu Maria. Bei dem WorteBozen" blickte sie mich an. Ich las aus ihren Augen etwas, als kennte ich genau ihre Gedanken, und ich fragte sie, indem mir wie ein Blitz jener Tag im Greif" durch die Sinne schoß:

An was denkst du, Maria?

An den Abend, als wir den Rosengarten leuchten sahen.

Ich drückte ihre Hand, und einen Augenblick bedrängte mich der Vergleich mit jenen gesunden Tagen ersten Glückes und heute. Ich mochte eine Bewegung gemacht haben, oder las mein Weib wirklich alles in meinen Zügen? Sie sagte nur mit süßer Bitte im Ton:

> Nicht traurig sein! Es wird alles wieder gut! Sieh nur, sieh, muß man hier nicht gesund werden?

Sie deutete in die Runde mit einer Bewegung ihrer schmalen, kleinen Hand, als meinte sie:Das alles gehört uns, denn es erquickt unsere feligen Augen. Wir sind reich, unendlich reich alles umfaßt unser Blick, und. alles ist unser ureigenstes Eigentum."

Und es dehnte sich rund Um uns, das herrliche, lachende Burggrafenamt. In der Tiefe streckte sich das obst- Uny weingesegnte KtWand. im Mnnengeflimmer hin, Mu