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echte Pariserin, schwarz mit gelblichem Teint, bei dein durch Puder der unverkennbare Versuch gemacht worden, ihn zur milchigen Hautfarbe der Blonden zu zwingen. Sie trug blitzende Ringe an allen Fingern bis auf die Daumen, Sie setzte sich so, daß sie das Licht im Rücken, den Spiegel über den: Karnin aber in bequemer Sehiveite hatte. Erst, als sie saß, nahm die Familie Platz.
Und ich !var ganz allein an meinem Tisch, erlebte täglich das gleiche Schauspiel, kannte keinen Menschen und kannte doch eigentlich all die Menschlein ganz genau. Ich fühlte mich sehr tvohl im Grand Hotel Pernese. Ich ivar unserem Reservemann für die Empfehlung dankbar. Aber tote so die Zeit verstrich, begann in mir dennoch, das Bedürfnis nach Aussprache sich zu regen, nur schienen es nicht die rechten Leute zu sein, denen ich mich hätte nähern mögen.
Das dauerte zwei Wochen. Ich hatte mir Bücher kommen lassen und saß täglich auf einer bestimmten Bank am Kap, gerade an der Spitze der Landzunge, wo die Brandung am schönsten war und von den Hotelgästen niemand hinzukommen pflegte, weil ich in meiner Niedertracht den Zugang abgeschnitten hatte.
Mit vieler Mihe hatte man nämlich ein paar riesige Steine aitS ihrer Lage am schroffen Felshang derart verschoben, daß sie als bequeme Brücke bieten, um die Spitze Der Landzunge trockenen Fußes zu erreichen. Mit noch viel größerer Mühe arbeitete ich in stillen Stunden daran, die Blöcke hinunter zu stürzen. Nachdem mir das gelungen, konnte man zu meiner Bank nur noch durch eine Kletterei am Felsen gelangen, der kaum einer der übrigen Hotelgäste gewachsen war. Sie kostete mich zwar ein Vermögen an Stiefelsohlen, aber ich hatte dafür ein Heiligtum gewonnen, dem keiner nahte.
Dort erhob ich mich stundenlang an der Aussicht über das Meer, dort schlief ich nachmittags, langausgestreckt aus der Bank im Sonnenschein. In der Ferne zogen die Segler und die Dampfschiffe am Horizont vorüber, nach Genua oder nach Marseille, vielleicht nach Korsika, das mir tote eine Art Atlantis erschien, gleich den seligen Inseln, von denen einst die Griechen träumten. Es war eine köstliche Zeit des Nichtstuns. Und Abwechselung gab es auch. Stellten sich einmal Regentage ein, die natürlich nicht fehlten, so ging ich nach Pernese hinüber, um dort das bescheidene Badeleben zu betrachten, oder ich nahm mit meiner Reisetasche bewaffnet, die das Nachtzeug enthielt und einen Abendanzug, den nächsten Zug und fuhr nach einer der Hauptstationen dieses gesegneten Küstenstrichs.
Manchmal ging es nach Nizza, meist nach Monte Carlo. Nicht um zu spielen — über diese Dummheit war ich längst hinaus — sondern um die Spieler mit ihrem Anhang zu betrachten und mich zu freuen, daß mein Geld in der Tasche blieb.
Wie ich so einen Ausflug machte und auf der Terrasse vor dem Kasino auf und ab schritt, sah ich eine Dame auf mich zukommen, mit zwei jungen Mädchen. Sie fiel mir Nicht auf, denn sie hatte nichts an sich, das die Blicke auf sich zog. Die Entfernung war noch ziemlich groß, doch mich Überkam, als ich ihren Schatten gegen oen Himmel sich abheben sah, jenes Gefühl, das man manchmal empfindet, ohne sich Rechenschaft zu geben, woher es kommt: die kennst du. Je mehr wir uns näherten, desto gewisser empfand ich es. Bald wußte ich es — Herzeloide.
Wir blieben unwillkürlich voreinander stehen. So viele, viele Iahte hatte ich sie nicht gesehen! Nie, nie mehr an sie gedacht, und dennoch kam es ganz von selbst, daß ich den Hut vom Kopfe nahm und sagte:
— Guten Tag, Herzeloide.
Sie war verändert. Natürlich. Beide waren wir nicht jünger geworden, aber wenn ich mir von dem Mädchen schon ein Bild hätte machen sollen, so würde ich gesagt haben: sie muß älter sein. Aelter, denn sie sah im Grunde nicht älter aus, als damals, da wir zum letzten Male einander begegnet waren. Bei einer Schönheit pflegt man das Altern viel schärfer zu bemerken. Die Jahre scheinen ihre Runzeln mit grausiger Unerbittlichkeit zu graben. Ein Gesicht, das nur angenehm ist- sonst nichts sagen will, kann «her den Gang der Zeit vertragen. Man könnte sagen: „An ihm ist nrchts zu verderben!"
Und .gewiß, eines war nicht zu verdtzrb'en, einem konnten Kahre und Zeit nichts anhaben: dem Ausdruck der Weich- Mlt, der Milde, der Mte auf diesem Menschenantlitz
und vor allem in diesen Astigen — denn sie waren wirklich blau.
Wir wunderten ntt§ offenbar beide, einander hier zu begegnen. Wir ließen lange Hand in Hand im Staunen ruhen, und ich sagte einmal über das andere:
r— Sie hier? Sie hier? Sie hier?
Herzeloide aber antwortete:
Nein, wie ich mich freue!
Dann fragte ich nach ihrer Mutter. Sie lebte nicht mehr. Jetzt erst entdeckte ich, daß die wiedergefundene Herzeloide ein dunkles Kleid trug, und nun erkundigte ich mich nach den näheren Umständen. Ich erfuhr, daß Frau von Leriftows Augen immer schlechter geworden waren, was, wie die Aerzte gemeint, mit einer Erkrankung des Sehnervs zusammenhing. Das Sonderbare hatte darin bestanden, daß die Sehkraft wechselte. Einmal ging es leidlich, einmal ganz schlecht. Immer aber war die Seele Herr geblieben über den Körper. Nie ein Unwillen, eine Ungeduld. So hatte sie denn auch darauf gehalten, daß Herzeloide, ohne auf sie Rücksicht zu nehmen, mit den beiden Töchtern ihrer Schwester, täglich ausging. Und als die alt« Dame so allein geblieben, war sie gefallen, im Zimmer, in ihren gewohnten Räumen, im Hotel in Florenz, wo Leriftows den letzteü Winter verbracht.
Wie das geschehen, und was sich Frau von Leristow dabei getan, hatte keiner herausbekommen. Aber von diesem Tage ab traten öfters Ohnmächten ein, genau wie nach jenem Stnrz, Bei dem sie auf Stunden das Bewußtsein verloren hatte, so daß die Tochter sie bei der Heimkehr am Boden liegend fand.
Und eines Morgens, als Herzeloide nach ihrer Mutter sehen wollte, weil sie länger geschmfen als gewöhnlich — lag sie entseelt im Bett.
Nun bin ich allein mit meinen Kusinen! — schloß Herzeloide und blickte rechts und links auf die beiden Mädchen, die während der ganzen Erzählung regungslos, artig stumm neben ihr stehen geblieben waren. Erft jetzt fiel mir ein, daß ich noch keine Notiz von ihnen genommen hatte. Die beiden, hochaufgeschossen, mit halblangen Kleidern, jvaren in jenem Alter, wo man nicht recht weiß, soll man sich vorstellen lassen oder einfach guten Tag sagen.
Doch ihre mütterliche Kusine beseitigte sofort diese Zweifel, indem sie zu den beiden sagte:
— Ihr habt ihm ja noch nicht die Hand gegeben!
Ms sie es taten, meinte sie, zu mir gewendet:
— Das sind meine Töchter. Agathe. Helene. Ja, ja, wie die Zeit vergeht. Wer das geahnt hätte, als wir uns das letzte Mal sahen! ... Es ist lauge her, lange her . . . Wirklich, denken Sie mal, wie lange wir uns nicht in diesem Dasein begegnet sind.
— Lange schon, aber Sie sind schuld, cherzeloide.
— Ich schulo?
Ihr Ausdruck war fast ängstlich dabei, und ich erklärter i— Gewiß, haben Sie je ein Lebenszeichen gegeben? Schnell kam es zurück:
f— Und Sie?
H Ich konnte doch nicht!
i— Warum nicht?
l— Ich kann doch einem jungen Mädchen nicht schreiben! Ich ... ich tbtn . . .
t— Was meinen Sie?
Ich meine, ich bin doch kein junges Mädchen mehr!
Was sollte ich darauf erwidern? Ich fragte also, nur:
i— Aber den Verlust Ihrer Mütter hätten Sie mir doch mitteilen können. Sie wissen, daß ich Anteil genommen hätte. Oder denken Sie das nicht?
Herzeloide nickte. Ich fragte weiter, ob sie denn sonst Seine Anzeigen verschickt hätte. Sie sagte Ja", dann schlug ie die Augen zu Boden. Ich begriff nicht, was das behütete, und ich bekam auch keine Erklärung. Wir wurden unterbrochen. Die Erzieherin war gekommen und nahm die beiden Mädchen zu einem RundMug um das Kksino mit, während wir beide uns auf eine Bank setzten. Stumist blieben wir dort eine Weile, denn Herzeloide besaß ja nicht die Eigenschaft, Unterhaltung stm jeden Preis machen zu wollen. So hatte ich Gelegenheit, sie zu betrachten. WiA- ltch, sie sah nicht älter auS, aber in einem Punkte schien sie verändert: sie gab wohl mehr auf ihren Anzug Vielleicht


