Ausgabe 
22.4.1911
 
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Samstag den 22. April £x,

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hkrzeloide.

Noman von Georg Freiherrn von Ompted'a.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Ich war in seltsamer Stimmung. Ich schwankte: wollte ich Einsamkeit, wollte ich Gesellschaft? Ich fühlte mich in einer Periode meines Lebens, wo Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden. W gibt solche Zeiten in jedem Dasein. Ein Wendepunkt. Und unwillkürlich hat man auch das Gefühl davon. Man ist unsicher, man weiß, nicht, wohin sich wenden.

Ich hatte das Bewußtsein: findest du jetzt nicht bald die Frau, die es ans sich nehmen will, dein Leben zu teilen, so verpassest du den Aioment, so wird es niemals werden. Dazu kam die Unsicherheit der Zukunft. Ich war entschlossen, wenn sich mir etwas in den Weg stellen würde, sofort den Abschied zu nehmen. Ich hielt mich für keinen Feldherrn. Die Kriegsakademie hatte ich nicht besucht, nicht einmal Adjutant war ich gewesen. So sprach ich mir keine große militärische Zukunft zu.

Kurz, ich wußte nicht, wo aus noch ein. So vermied ich es, im Hotel Bekanntschaften anzuknüpfen, und ging da­durch ganz aut, daß im Speisesaal an einzelnen Tischen gegessen tottroe. Ich kam also mit niemand in Berührung. Jene traurigen Stimmungen des Alleinseins, wie einst im Cafe Luitpold, hätten mich vielleicht überkommen, wäre mein Kellner nicht gewesen. Ein gemütlicher Leipziger, mit dem ich erst französisch gesprochen, der aber schon bei der zweiten Mahlzeit gesagt hatte:

Herr Rittmeester, ich bin nämlich aus Leidig!

Dieser Leipziger Kellner, der in London, Paris, Brüssel, sogar in Konstantinopel und Kairo gewesen war, faßte bald zu mir eine zärtliche Neigung. Er berichtete mir alles, was im Hotel vorging. Zur Dejeuner- wie zur Dinerzeit kamen die Gäste nie zugleich, obwohl geläutet wurde. Wenn ich erschien, saß regelmäßig dieser oder jener schon da. Andere traten mit mir ein, und einzelne pflegten so spät zu kommen, daß sich die meisten Tische schon geleert hatten, wenn sie sich setzten. Und jeder und jede hatte seine Eigen­art. Alle aber erklärte mir mein Leipziger. Er wußte Namen, Stand, Ort, Verkehr, Vermögensverhältnisse, alles^ alles. Es mochte nicht immer stimmen, aber ich fühlte mich dadurch nicht allein.

Mir war es bald, als kennte ich diese Leute ganz genau, als äße, schwatzte ich mit ihnen, und mir schien dieser Verkehr nur durch die Augen ungebundener, jeden­falls aber bequemer und vorteilhafter als ein:Darf ich mich bekannt machen....."

Ich wußte: Misses Cooper aus St. Louis trinkt heute schon wieder mal die dritte Flasche Rheinwein, und Signor Oncrrtt, der gegen seine Familie tat, als wäre er gestern

abend schon um neun zu Bett gegangen, ist erst mit den« letzten Zuge aus Monte Carlo zurückgekommen. Ich erfuhr, Doktor Ziffer aus Wien hätte heute morgen ein Börsen- telegramm für einunddreißig Francs achtzig nach Wien ge­schickt und der Esquire Robinson aus Leeds abermccks ein­tausend acht hunderts Pfund Sterling für sich an den Hotelier schicken lassen.

Da gab es einen Wirklichen Geheimen Rat Braumüller mit zehnköpfiger Familie aus Dresden der auf denk Weißen Hirsch eine Villa besaß, die er jedoch nicht bewohnen konnte, da er den ganzen Sommer int Engadin lebte, und ein Stadthaus in Dresden hatte, wo er sich aber nicht aufhielt, weil er seit Jahren den Winter im Grand Hotel Pernese verbrachte.

Ich erfuhr, daß drüben am Fenster die drei Damen, die vor Verlegenheit immer lächelten, wenn sie den schweren Gang von der Türe bis zu ihrem Tische antraten, drei Schwestern von Ronking aus Westfalen waren. Die beiden anderen am Tisch neben ihnen, die bei schlechtem Wetter eine Art Jagüjoppe trugen, grünen Steirerhut, und nach dem Frühstück sich Zigaretten anzündeten, die Stiftsdame Gräfin Chadenski aus Graz und die Baronin Kofler von Simmbach aus Klagenfurt waren.

Mein Leipziger flüsterte mir zu, sie wären beide Stern­kreuzordensdamen, und ich machte ein dementsprechend ehr­fürchtiges Gesicht, das jedoch sofort sich aufheiterte als meine Nachbarn zur Rechten eintraten. Das heißt ,,ein­traten", woraus man auf eine Gemeinsamkeit schließen könnte, ist offenbar nicht das rechte Wort. Zuerst erschien die Erzieherin, machte jedoch sofort wieder kehrt, als sie entdeckte, daß noch kein MitgliÄ» der Familie anwesend war. Endlich kam die zehnjährige Tochter, ein schwarzes, kokettes Ding, das die Haare lang und offen trug, am Scheitel Mit einer kleinen Seidenschleife gebunden, täglich von an­derer Farbe. Das Mädchen tänzelte, summte eine Melodie, lief um den Tisch, rückte an den Bestecken, besah jedes Brot und blieb erst an seinem Stichle stehen als der Vater ein trat.

Mit ihm wartete sie geduldig, bis die anderen kamen. Es war reizend, den Keinen, schwarzbärtigen Monsieur Chappuis zu sehen, tote er mit der Tochter sprach. Er strich ihr Haar, zupfte die Schleife zurecht und wandte kein Auge von dem Mnde, das er ganz verliebt betrachtete, bis endlich die .Erzieherin etächien, der er eine förmliche Verbeugung machte. Dann 'dauerte es noch eine Weile. Ein halbwüchsiger Sohn kam, ein häßlicher Bengel mit schlechten Manieren, dafür aber tote ein Affe gekleidet.

Nun wartete die ganze Familie, hinter den Stühlen stehend. Man wagte offenbar nicht, sich zu setzen. ES dauerte lange. Endlich öffnete der Kellner die Tür, und eine so elegant, so teuer, aber auch so schik geKeidete Dams trat ein, daß man wohl begriff, wie sie mehr Zeit gebraucht sich herzurichten als die übrigen. i

Madame Chappuis war sehr hübsch, graziös wie bie