Ausgabe 
22.4.1911
 
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ka!g es am ständigen Winteranfenth'alt der letzten Jähre in europäischen Fremdenmittslpunkten.

Ich bat sie, mir ein wenig! zu erzählen, wo und wie sie lebten. In Mentone, sagte sie. Sie war mit den Kusinen Nur einmal genau wie ich nach Monte Carlo hinüber- gefahreri. Nachmittags und mit dem nächsten Zug würden sie zurückkehren. Dieses !Spieleruest wäre für die beiden Kleinen nichts. Sie fuhr fort, als ich lächelte:

Ja, für Sie ist es etwas ganz anderes, aber ich bin doch ftir die Mädchen verantwortlich. Sie haben keine Gltern, keine näheren Verwandten, außer ihrem Vormund, der aber nur die Geldgeschäfte besorgt nur mich! Ich habe meiner Mutter vor ihrem Tode versprochen, damals, als sie fühlte, daß. keine Lebenskraft mehr in ihr war, von der Seite der Mädchen nicht zu wanken und nicht zu weichen. Ich sollte an ihnen Mutterstelle vertreten^ und! ich bin ihnen eine Mutter geworden.

(Sortierung folgt.)

Mode und Schick.

Von Mascha von Kr etschman-EckMckütt.-

Wenn das Kind ein neues Spielzeug hat, so genügt ihnt das Bewußtsein des Besitzes nicht. Es muß damit prunken, .es schleppt seinen neuen .Schatz mit sich herum an passenden und unpassenden Orten, damit möglichst viele ihn sehen und neiden. So gehts vielfach mit der Individualität, dem Hätschel­kinde des modernen Menschen. Kaum ein Menschenalter ist es her, daß auch die deutsche Frau streitbar wurde und es satt bekam, zwar andauernd himmlische Rosen ins irdische Leben zu flechten, int übrigen jedoch vom Hinterstübchen aus ins brausende Leben zu gucken. Die spät Erwachte verfuhr radikaler noch als ihre Schwestern, die von jeher weniger besungen, aber besser be­handelt wurden als wir deutschen Aschenbrödel. Rechts nno links prasselten alte Vorurteile und das, was im Eifer des Gesees dafür angesehen nntrbe, über Bord. Das Recht auf JNdivi- dualitüt wurde mit vielem Getöse proklamiert. Der schlimmste Krieg wurde der Mode erklärt, die man als arge Gleichmacherin und Vcrderberin persönlicher Eigenart brandmarkte. Ihr Sünden­register wurde als schier endlos besirnden. Keilt gutes Wort wurde an der lustigen, schönen, echt weiblich auch ein wenig herrischen Dame gelassen. Der Etgenfrau das Eigenkleid! Mit Hilfe des Prinzips, des verstandesmäßigen Räsonnements, wollte man dem leichten Wesen zu Leibe gehen, es ersticken unter der Wucht ethisch­ästhetischer Gesetzmäßigkeit. Dieeigene Note" studieren, erkennen, und dann ans dieser Erkenntnis und der Forderung des je­weiligen Berufs heraus das Kleid komponieren. Diese individuelle Uniform, geringfügig abgewandelt nach den Bedürfnissen der wechselnde!: Jahrcszeitei: und- des Alters!, sollte jeder Frau das verschwenderische Nachdenken und Geldausgebeir über und für Modelaunen" ersparen. Aber der erlvartete Sieg dieser klugen, superklugen Spekulation blieb aus. Der Kampf nm die indi­viduelle Frauenkleidung er begann ungefähr Mitte der neun­ziger Jahre ist noch nicht beendet. Aber er ist sehr viel zahmer geworden, man :st geneigter zu Konzessionen, beim die Zahl der Anhängerinnen der modebefreitenTracht" schmilzt zusammen Und die Streitlust selbst der Junggebliebenen flackert wie er­löschender Brande

Denn nicht zufällig entstand die Herrschaft der Mode zugleich Mit der Kultitr. Nicht zufällig ist sie von jeher so eng mit den menschlichen Daseinsäuberungen verknüpft, daß sie das Tempo ihres Wechsels dem jeweilige:: Lebenstempo anpaßt: Fran Mode unterwirft sich nie den Gesetzen spekulierenden Verstandes; sie braucht es nicht; denn sie hat ihre Macht in bei: tiefsten, eigene Slen, oft unbewußten und undefinierbaren Eigenschaften und Jw tinkten des Menschen, unter denen das Bedürfnis nach Wandel und Wechsel an: deutlichsten im Bewußtsein lebt. Daraus ergibt sich als eine weitere Konsequenz, daß auch in Geschmacksdingen! die Mode ihre eigenen Gesetze hat, die sich nicht ohne weiteres! mit allen Gesetze:: der Aesthetik identifizieren lassen.

Da ergeht sie sich oft genug in grotesken Dingen, die reizvoll wirken, obgleich sie allen Forderungen von schönem Linienfluß und Harmonie Hohnsprechen.Nicht schön, aber schick", eilte De­finition, die eigentlich keine ist, da über die Elemente des Schicks bisher keine Spekulation Aufschluß geben konnte. Diesen Schick, diese eigenen Gesetze der Modeästhetik lasse:: die prinzipienfesten Erfinderinnen der deutschen Frauentracht außer acht. Bekannte Maler und Kunstgewerbler zeichnet: schöne Ornamente auf ein schönes, weißes Blatt Papier, und mischen graziöse Farben auf der Palette. Der Fluß der Linien ist ästhetisch korrekt, jede unlogische Zerteilung des Körpers ist sorglich vermieden, nichts hemmt die Bewegungsfreiheit. Aber es fehlt halt der Schick, es fehlt dies Undefinierbare, Lockende, Schillernde, den Weibes­reiz steigernde, das doch nun einmal ein wesentliches Moment der FrauenKeidung sein soll. Gar so gut bürgerlich, so beängstigend Wchtig und vorzüglich nimmt sich die Fran im Reformkleid aus.

(Der BegriffDamd" ist verpönt!) Gefährlicher aber als das brave Reformkleid ist seine jüngere und bedeutend verbreitetere Abart, das, was ich mit dem WorteEigengewand" bezeichnen will. Es ist besonders beliebt bei den surchtloSmodernen" Frauen, von jeglichem Bann befreit und ganz stolz auf ihre In­dividualität, die sie mit heißem Bemühen züchteten und nun pflegen und hätscheln und ängstlich vor jedem Altprall grober Realitäten zu hüten suchen. Es ist erstaunlich, was das llnglücks- gewand alles symbolisieren soll!Seht ihr Leute, wie ntoberu, seelisch differenziert unb originell meine Trägerin ist," schreit es; und diese Trägerin ist beglückt, wem: Hinz und Kunz auf­merksam werden.

r .^^Gleichermaßen werden körperliche Vorzüge unb' Eigenarten ftthfiert, wobei kühnlich bte Grenzlinie zur Maskerade überschritten werd, und es einem passiert, in der Elekttischen sich gegenüber etuer Prarafaelitischen Muse zu befinden, und auf bem Markt einer smmg-nnnnigen Maid ans den Tagen der Romantik zu begegnen. Und manchmal leistet sich die gar nicht gütige Mutter Natur dm Spaß, eine Diserepairz zwischen Physis unb Psyche zu schaffen, und .eine :n weite, schleppende Gewänber gehüllte Frau auf tufenj, glattem Scheitel perlenumschlmigenes Golbband öffnet Ul gemütlich-burschikosem Sächseln! Wer seine

Anschauungen in Lebenskämpfen gehärtet bat, der wird sie nicht, in stets fruchtlosen Diskussionei: einem zufälligen Gegner preis- 9eben. Ebensowenig wird ihm daran liegen, zwischen Braten und F:sch, dem Tischnachbar sein Inneres zu enthüllen, was leider :n unserer geschwätzigen und wehleidigen Zeit Mode geworben ist- Es ist ihm darum zu tun, sein Aickerssein vor der Neugier der Leute zu bergen. _ Die strikte Befolgung der Gesetze der sozialen Konvemenz sowohl wie die bis zu einem gewissen Grade nivellieren­den Formen der Mode werden ihm willkommene Bollwerke für feine wahre Natur gegen die kalt-neugierige Außenwelt fein. . Ohne Zweifel, jede Frau, sei sie schön ober häßlich, hat ihre eigne Note, über die sie sich klar werden und die sie in ihrer Torlette diskret Betonen soll. Sie kann dies ohne sich in eine individuelle Uniform zu stecken, denn die Mode hat doch ettvas von rhren streitbaren Feindinnen gelernt. Sie :ft beweglicher, reicher geworden als früher. Sie bringt allen etwas, indem sie vieles bringt. Zudem heißt es weibliche Schönheit verleumden, wem: man behauptet, jede Frau könne nur eine bestimmte Form tragen. Unsere Kostümfeste zeigen uns, daß dieselbe Frau, die unb früher als Rokoko-Marquise entzückte, im Gewand des erfteit Kaiserreichs bildschön aussehen kann. Trotz, ober gerade wegen der Vielseitigkeit der heutigen Mode ist es keineswegs leicht, die Eigenart seiner Persönlichkeit mit ihr in harmonischen Ein­klang zu bringen. Ueberlegung gehört dazu, kultivierter Geschmack, unbeugsam strenge Selbsterkenntnis unb last not least Selbstbeherrschung. Bewußt zu verzichten auf etwas, was einem gar verlockend in die Augen sticht, ist eine schwierige Aufgabe, die gerade an uns deutsche Frauen oft heran tritt, und der wir leider recht häufig nicht gerecht werden. Denn tocim auch, wie gesagt, die Mode tolerant ist heutzutage, so tritt ihr Bruder, der Schick, umso tyrannischer auf. Umschick" zu fein, mutz man den Humpelrock ober neuerdings Hosenrock tragen, muß sich einen Turban wie eine Badekappe aufstülpen, muß gym­nastische Hebungen machen zur Erlangung desPoiretganges", muß Hungerkuren erleiden, um sich auf hundert Pfund zu ..er­leichtern", und ähnliche strapaziöse Dinge mehr, die unserer deutschen Eigenart (die nicht häßlicher und unberechtigter ist als die anderer Völker), schnurstraks zuwider laufen, während sie im Land ihrer Geburt immerhin diskutabel erscheinen. Die deutstche Frau mit ihrem kräftigeren Knochenbau, ihren ruhigeren, festeren Gesichtszügen und ihrer blühenderen Farbe braucht auch in ihrer Kleidung eine ruhige, große Linie, ohne grotesk-pikante Ber- biegungen, ohne starke Farbkontraste unb allzu schwunghaft aus­ladende Formen. Sie findet (ober fände) für diese ihre nationale Eigenart (die Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel) in der Mode des Tages den entsprechende:: Ausdruck, wenn sie sich ent­schließt (ober entschlösse) auf den erwähnten letztenSchick" zu verzichten. Erstaunlich zu sehen ist es für jeden, der nach mehr­jährigen: Aufenthalt in Ländern, in denen die Frau weniger durch ihre Rechte als durch ihr Dasein in Schönheit und Eleganz! eine Herrscherrolle spielt, nach Berlin zurückkehrt, wie sehr der Schick Gemeingut geworden ist, der früher bei uns das Monopol der entnationalisierten upper ten thousand war. Mer gerade die Angehörigen der Mittelklassen, deren Devise frühereinfach aber geschmacklos" Ivar, gehen in ihrer Angst, es der Pariserin etwa nicht gleich zu tun, manchmal zu weit. Sie beachten off zu wenig die Grenzen der persönlichen und nationalen Eigenart, ja, die Grenze zwischen Dame und .HalbwelÜerin. MA Recht macht die Pariserin der Berlinern: den Borwurf, in ihrer Toilette oft zu laut und zu unruhig zu fein, die Ueb«ntreö?uiigen her Mode noch zu übertreiben. Was der Kokette recht M, ist der D«me noch lange nicht billig. Dieser Satz ist keinrswess so üb'erwmKen, wie es viele schönheitsbegeisterte Damen LetzlmMn, die Km Toilettengrenzen (die doch auf tiefen psychologischen KlasseumMr- schieden beruhen) anerkenne:: wollen. Der ldtterschied zimMm Berlin und bei: großen Provinzstadt«: ist fast fogrvß wie der zwischen Paris und Frankreichs übrigen OrtzM. Meist ist dieser