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Btokte: Möblitzrtts gitttttter zu tfcrmWt In ehttt kleinen! Stabt scheint man eben nicht möbliert zu wohnen.
Ich schlenderte noch durch einige Gassen, mich Wm Mit dem Gedanken vertraut machend, im Gasthof wohnen zu müssen. Da stand ich plötzlich vor dem Brunnen. Er zierte das Ende einer schmalen Lindenallee, die den Namen ,,Peter-Apron-Platz Whrte.
„Hier möchte ich wohnen, angesichts dieses plätschernden Brun- . Pens, angesichts dieser lieblichen Mädchenfigur," die ich rm stillen Sofort „Brunnengrete" taufte.
Ein Briefträger ging vorüber, „He, Freund, — ist Ihnen bekannt, ob man hier in der Nähe ein oder zwei hübsche Zimmer, Möbliert, mieten kann?"
„Nee, Herr! So was gibts bei uns nicht, höchstens, wenn Sie wollten mal bei unserm Postadjunkten fragen, ob der will Ihnen seine Zimmer ablassen. Der wohnt gleich hier, sehen Sie, dies« drei Fenster!"
„Ja, Freund, wo soll dann der Postadjunkt wohnen?"
„Der verreist heute nachmittag auf drei Wochen zu einer Ml itäri scheu Hebung."
„So — hmm. Und die Möbel?"
„Die gehören auch ihm. Gehen Sie itut mal rauf, das ist «kN lieber Herr."
Ich verhehlte mir nicht, daß eine gute Portion Dreistigkeit dazu gehörte, einen wildfremden Menschen zu ersuchen, mir auf Vier Wochen aus reiner Freundlichkeit seine Zimmer zu über- laffen. Aber die Hoffnung, an diesem ruhigen Platz und angesichts des romantischen Brunnens wohnen zu können, überwog alle Bedenken. „Mehr als rauswerfen kann er dich nicht",- sagte ich Mr und betrat das Haus.
9hm wohnte ich schon drei Tage am Peter-Apian-Platz. Mn steter Schauer hielt mich in den niedrigen, uralten Räumen umfangen.
Im Wohnzimmer warm die Fenster konisch ausgeschnitten. An dm Quadern warm eichene Klappenschemel angebracht, und te lehnte stundenlang in dieser Fenftemische und schaute in die Feme, aus der das alte Schloß Mildenstein grüßend herüberwinkte, oder ich erfreute mich an der lieblichen Brunnengrete.
Je öfter ich das Mädchen anschaute, desto mehr gewann es tot Leben und Natürlichkeit, und in meiner regen Phantasie unterhielt ich mich viel mit der reizenden Figur.
Brunnengretchm schim übrigens außer mir noch einen anderen Verehrer zu haben. In den Anlagen am Bmnuen standen zwei Bänke. Auf einer derselben hatte ich schon des öfteren einen alten Herrn bemerkt, der unverwandt zu dem! Schöpfmädchen hinauf- Waute.
Jetzt saß er wieder auf seinem Platz. Ich war gerade daran, nrir den Alten genauer zu betrachten, als meine Wirtin ins Zimmer trat.
„Herr Doktor, zwei Briefe."
„Sie sollm mich ja nicht Doktor nennen, Frau Neubert, G lebe hier ganz inkognito."
„Herr Gdttel, ja, ich vergesse es allemal wieder, Herr Doktor."
Die biedere Kleinstädterin machte mich lachen. „Na, dann ßagen Sie mir wenigstens, wer der alte Herr ist, der da unten am Brunnen sitzt?"
Ohne einen Blick durchs Fenster zu werfen, sagte fier „Der? Mch, das ist der Bmnnmfex!"
' „Wer ist das?"
„Weiß ichs?! Der Kerl sitzt schon seit Jahr und Tag vor dem Brunnen. Sollte sich schämen, der alte Knacker, treibt beit reinsten Götzendienst. Er ist ganz verschossen in das Frauenzimmer."
Flammend vor Zorn fuhr die gute Frau aus dem Zimmer'. Ich vermutete in dem „Brunnensex" ein Original und beschloß Mch ihm zu nähern.
Am Nachmfttage trat ich an den Brunnen. Der alte Herr saß an seinem Platz, und nachdem ich mir das Denkmal von allen Seiten betrachtet hatte, setzte ich mich neben seinen Verehrer.
„Mit Verlaub?!"
Er nickte, rückte jedoch bis an das äußerste Ende der Bank. Nun blickten wir beide zu der Bruunengrete empor.
Ein hübsches Monument", sagte ich nach geraumer Weile. Er nickte wieder und erhob sich unwillig. Mir fdjiien, als ob er sich mit dem Handrücken über die Augen wischte. Ohne Mr einen Gruß zu gönnen, schritt er langsam, müde durch bie Anlagen.
„Ein wunderlicher Heiliger", dachte ich.
Am nächsten und übernächsten Tage erging es mir nicht besser. Beim geringsten Versuche, ein Gespräch anzuknüpfen, verließ der Alte seinen Platz.
Am dritten Tage zog ich Mein Skizzenbuch und begann, ttot Brunnen zu zeichnen. Anfangs nahm der Brunnenfex gar keine Notiz davon, aber nach und nach rückte er näher, warf wohl auch einen Blick auf meinen Block und verglich das Original Mt der Zeichnung.
Ich schwieg. Nach halbstündiger Arbeit klappte ich das Zeichen- buch M und. wollte gehen.
-Mein Herr!" rief mich mein Nachbar an. In feiner StimMk lag Müde und Aengstlichkeit.
„Mein Herr, wollen Sie mir das Blatt schenken?"
„Wenn Sie Interesse daran haben — gern. Ich ntiafij mir morgen ein anderes."
Ich riß die Skizze aus dem Buche und reichte fit ihm hkst, Er Kaufte kaum, aber seine Augen glänzten feucht. Am nächsten Tage skizzierte ich den Brunnen von neuem, und als ich, gehen wollte, erbat er sich wieder das Blatt. Ich mußte lächeln unh gab. es ihm.
„Sind Sie Maler?" fragte er.
„Nein, Schriftsteller."
„Warum setzen Sie sich darin schien Dag vor meinen Brunnen?"
Das „meinen Brunnen" sagte er so selbstverständlich, daß K einen Augenblick annahm, er sei der Schöpfer.
„Nun?" drängte er.
„Mir gefällt das Monument außerordentlich, besonders Wie Mädchenfigur."
Er nickte und sah vor sich hin: „Ja, ja, die Grete!"
Wie merkwürdig, der Alte nannte das Schöpfmädchen auch Grtte!
Ich sagte: „Das Matchen haucht sä viel Anmut unij Unschuld!"
„Ha, Unschuld!!" sagte er halb zornig, halb voll Unmut und ließ mich stehen.
Ich ging ihm nach. „Darf ich ein Stück mit Ihnen gehen?" „Ich kann Sie nicht hindern."
Schweigend gingen wir nach dem Städtchen bis zum Schlöffe Mildenstein, lieber dem Burghöfe lag heftige ©title. Vor deut Eingänge der alten Schloßkapelle standen zwei runde Sitzstein«, und hier ließen wir Uns nieder. Der Alte war so in Gedanken versunken, daß er von meiner Gegenwart überhaupt keine Notitz nahm. Der heisere Schrei der Dohlen, die vom Burgsried ist ihrem ruhigen Fluge nach der mächtigen, mit Efeu bis in di« höchsten Zweige umrankten Linde schwebten, war der einzig« Laut in dieser Still«.
Der Brunnensex blickte mit starren Augen nach der Sonnenuhr. Leise flüsternd Hub er an: „Du gehst rastlos deinen Weg, Sonne und Schatten, und mich läßt du zurück mit meinem Kummer, nun schon seit 26 Jahren. Damals war ich Musiker an der Dresdner Hofoper. Mein Haar war schon grau, da kam btt kleine Minden ans Theater. Sie tanzte gut. Gott, die Glieder! So fein wie Sonnenstrahlen, und sie war anständig, Einst kam sie bis an die Rampe. Mir wurde der Arm schwer, meine Bogenstriche wurden zittrig und der Dirigent hat mich garstig angehaucht. Aber was halss?! Ich hatte eben die Minden lieb und ein Jahr später war sie meine Frau. Auf die Brettel! kam sie nicht wieder. Zwei Jahre später trugen wir sie hinaus. Für solche Wesen ist eben der Alltag nichts. Sein Berühr^ tötet sie."
Er schwieg wohl zehn Minuten lang und ich Mete mich, ihn zu stören.
„Künstlerblut und Künstlerblut zusammengeschweißt taucht nichts, das gibt Teufelsbrut! In der Wiege lag das Wurm, Augen, wie Veilchen, Gliederchen, wie Spinngewebe. Ich dacht«, das Mädel wirds nicht lange machen! Ha, und wie sie wuchs und wie ich sie gehegt habe! Und wie sie 15 Jahre alt war, wollte sie ans Ballet. Nee, Grete, daraus wird nichts, sagt« ich ihr. und dabei blieb es. Hätte ich sie doch zum Ballet gelassen! Künstlerblut läßt sich nicht unterdrücken und wenn es nicht ernste, echte Künstlerarbeit leisten kann, schlägt es fehl,- Komme ich so eines Tages nach der Frühprobe nach Hausey ist von der ganzen Grete nichts mehr da als ein Zettel: Lieber Vater, — lebe wohl. Bin mit Rudi Berger nach dem Süden abgereift. — Ich hab ihn so lieb. — Grete." Berger war ein junger Maler, der in meinem Hause verkehrte. Das war bet Anfang! Und das Ende?! Sie ist ein Modellmädel geworden. Heiliger Himmel! Meine Tochter ein Modellmädel! Das ist sie."
Er nahm meine Zeichenblätter aus der Tasche und betrachtete sein Kind. Mich erschütterte der Anblick des alten Vaters. Mit gebrochener Stimme fuhr er fort: „Seit sieben Jahren suche ich sie. In Berlin, in München, in Düsseldorf, in Dresden und In Paris, überall bin ich gewesen, aber die Grete habe ich nirgends gefunden. Sie hat mich vergessen in ihrem wüsten Leben — oder sie schäint sich. Lieber Gott, gib wenigstens^ daß sie sich schämt! — Vor zwei Jahren kam ich durch Zufall hierher, nun habe ich sie wenigstens in Erz. Sie ist ja tot für mich, aber ich rann mein Kind nicht hassen. Hier wartS ich bis an mein Ende. Wenn sie mal herkommt, ihr ehernes Bild zu schauen, kann sie mir die Augen zndrücken!"
Gestern wollte ich abreifen. Weil ich aber dem „Brunnenfex" morgen das letzte Geleit geben will, muß mich das Uralt« Haus am Peter Apicm-Platz noch zwei Tage beherbergen. Die Fenster nach dem Heimatsbrunnen (jabe ick), mir allerdings von meiner Wirtin verhängen lassen, denn die Brunnengrete mag ich nicht mehr anschauen. Und warum??
Noch drei Wochen hatte ich mit dem alten Kammermusiker die heilige Ruhe des SchtohhofeS von Mildenstein genossen. Nur während seiner Andachtsstundeu vor dem Brunnenmonument ließ ich ihn. allein.,


