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Anfang war sie ihnen aus Fern Wege gegangen, aus I keinem persönlichen Grunde, sondern deshalb, weil es ihr I hart war, in geschäftliche Beziehungen zu Menschen zu treten, die auf gleicher gesellschaftlicher Stufe mit rhr standen. „
Sie fühlte sich oft gedemütigt, sie hätte hebet m einem Dachkümmerchen gesessen und gestickt. Tag und Nacht, und obtvohl sie sah, daß viele Damen hier im Ort das Gleiche tun mußten wie sie, war es ihr hart, und so oft es anging, zog sie sich in ihr Alkovenstübchen zurück und träumte vor sich hin.
Die Tage kamen und gingen, und Frau von Hilbach hatte es'aufgegeben, weiter nach den dreitausend Mark zu suchen. Das hatte sie schon ein paarmal im Leben so getan: sie hatte das Unglück in der Ecke stehen sehen und hatte gewußt: Mit Aufbietung all deiner Kräfte kannst du es von dir fernhalten. Eine Zeitlang hatte sie auch ge- käinpft, aber dann waren ihr die Arme schlaff geworden. Eine große Gleichgültigkeit und Müdigkeit hüllte sie wie in tiefe Träume em, und sie lächelte wehmütig ihrem Unglück entgegen und beugte sich vor ihm.
Sie dachte nicht mehr weiter wie bis zum ersten Juli. Wohl strich sie morgens beim Erwachen die Zahlen auf dem Bogen über ihrem Bett aus, aber sie zählte nur noch die Tage, die bis zum ersten Juli fehlten, und sie empfand oft eine Art kindlicher Neu gier, was wohl kommen würde, wenn sie trotzig bliebe und nichts gegen ihr Unglück tat.
Oft, wenn der kleine Erwin sie so lange gequält hätte, bis sie ihm nachgegeben und mit ihm unter die Linde in den Garten gegangen war, fühlte sie, daß die beiden Damen, die bei ihr wohnten, sie beobachteten, und sie errötete unter ihren Blicken. Sie empfand etwas wie Ehrfurcht, fast Angst vor ihnen, und sie wußte nicht, in welche Kategorie von Frauen sie sie einreihen sollte. Sie hatten etwas so Unpersönliches an sich, waren nicht alt und nicht jung, nicht schön und auch nicht unschön; ihre Art war nicht eigentlich freundlich und doch auch nicht unverbindlich, und Frau von Hilbach forschte vergebens in ihren Erinnerungen, ob ihr solche Menschen schon begegnet waren.
Nein, damals, als sie ganz jung gewesen, hatte sie ihre Freundinnen gehabt, die alle so erzogen waren wie sie: bis zum siebzehnten Jahre Schule, dann ein Jahr Pension, dann Gesellschaften und Tanz und als Schluß Verlobung.
Sie dachte dann an die Regimentsdamen, mit denen sie während ihrer Ehe verkehrt. Die hatten den Kopf voll von Haushaltungssorgen gehabt, sprachen über Dienstboten und Babys und klatschten ein bißchen. Und dann? O, dann hatte sie die Witwen aus ihrem Haus zum Verkehr gehabt, lauter Frauen, die das Leben hinter sich hätten und von der Erinnerung zehrten und sie nicht verstehen konnten.
Die beiden Damen riefen den kleinen Erwin zu sich, und ließen fragen, ob seine Mutter sich nicht zu ihnen in dis Laube setzen wollte.
Frau von Hilbach erschrak, wie als Schulmädchen, wenn sie während der Unterrichtsstunde geträumt hatte und von einer strengen Lehrerin plötzlich aufgerufen wurde. Sie ging langsam zu den Damen und nahm bei ihnen Platz, und sie brauchte nicht viel zu reden, denn das taten die Damen, und was sie redeten, erfüllte Frau von Hilbach mit Staunen, aber es war ihr, als fröstelte sie, obschon der Abend warm und freundliche war.
„Ja, sie ist entschieden bildungsfähig!" hörte sie plötzlich eine der Damen sagen, denn sie hatte ihnen nicht folgen können. An einem Punkt der Unterhaltung hatten ihre Gedanken plötzlich Halt machen müssen und waren wie entsetzt stehen geblieben.
Zum ersten Mal in ihrem Leben hörte sie Frauen geistreich reden; nein, nicht zum ersten Mal! In Vorträgen hatte sie Aehnlützes gehört, aber dann hatte so eine Frau, die selbständig fein wollte und für die Unabhängigkeit ihrer Mitschwestern plaidierte, auf einem Podium gestanden, und es war eine Kluft gewesen zwischen ihr und ihren Zuhörern. Man hörte so etwas nnb vergaß es wieder, es war wie ein Theaterstück oder ein Buch, das man las. —
Nun aber saßen da zwei Frauen in ihrer Laube und sprachen von Individualität, vom Ausleben, von Gleichberechtigung, von all den Dingen, die Frau von Hilbachs Mann einfach als verrückt bezeichnet hätte.
Sie sprachen Worte ans, beten Sinn Frau von Hilbach nicht verstand, und alles, was sie sagten, klang so selbsh- verständlich, wurde so ernst und bestimmt ausgesprochen^ daß man gefangen wurde.
Wie der Ton aus einer andern Welt schlug es an Frau von Hilbachs Ohr. Mess beiden, die da vor ihr saßen- tonnten nichts von Liebe und Sehnsucht, die sahen nicht im Mann ein höheres, stärkeres Wesen, zu dem man auf* blickt, von dem man sich beschützen und leiten lassen will; die "wollten ihn herunterzerren von seiner eingebildeten Höhe, wollten neben, nicht unter ihm stehen und hießen eine Ehe nur dann gut, wenn sie aus Vernunft geschlossen wurde, wenn beide Teile als gute Freunde mit gleichen Rechten durchs Leben gehen wollten.
„Ja, sie ist entschieden bildungsfähig," sagte noch einmal die eine zur andern über Frau von Hilbach hinweg und sie sahen etwas mitleidig auf sie herab. „Sie müßtest vor allem aus Ihrer primitiven Umgebung heraus! Wip werden Ihnen Broschüren geben, werden Sre aufklären; man hat Ihnen zu lange die Augen verbunden. Sie sind Frau im schlechten Sinne, Sie haben feine eigene Anschauung. Ziehen Sie nach Berlin! Wir werden Sie in unsere Kreise einführen, wir werden eine Individualität aus Ihnen machen!" —
Frau von Hilbach antwortete nichts. Sie fühlte mitj daß da tief in ihr etwas vibrierte; sie wußte auch, daß in ihrem Kopf etwas zu leben begann,/was ihr Pein verursachen mußte.
Das waren wieder die Gedanken, die ohne ihren Willen in ihr arbeiteten, die aufgescheucbten Vögel, die den Schlaf von ihrem Lager bannten, ihr Die Nächte zu einet Hollei machten.
Der arme, müde Kopf konnte ja bald nicht mehr denken; für Tage gab er sich jetzt der stillen Gleichgültigkeit hin- aber wenn er erwachte, wär er so voll von Schmerz, Unruhe und Angst, er konnte doch nicht noch über fernliegeude Dinge nachdenken.
Und doch, er, mußte! Die eine Dame hatte das Wort, „Weibchen" inbezug auf die Stellung der Frau zum Mann gebraucht, und das hatte sie so mitleidig gesagt und umi ihren Mund war ein so sarkastisches Lächeln gegangen, daß Frau von Hilbach darüber erschrak.
Was für ein armseliges, kleines, unwissendes Ding war sie in den Augen dieser beiden Frauen! Verzagt, müd> gleichgültig! Ein „Weibchen", das sich anlehnen will, Frau im schlechten Sinn! Sie lebte nicht, sie vegetierte, und! diese Da lebten sich aus und erwähnten stolz, daß sie räch richtslos seien, —
(Fortsetzung folgt.)
Die Vmimengrete.
Von Max Karl Böttcher- Chemnitz.
Von niedrigem' Strauchtverk umgeben und beschattet von großmächtigen Linden, steht in der kleinen Stadt L. der Heimats'- b turnten. ,
Im Hintergründe überragt eine Säule, auf deren Sockel zwei Tauben kosen, das Monument. — Inmitten des riesigen, aus mächtigen Steinen gefügten Brunnenbassins erheben sich, unregelmäßig geschichtet, eckige Felsen, und auf dem obersten liegt in Form eines ausgehöhlten Baumstammes, aus rotschimmerndemj Porphyr gehauen, der eigentliche Brunneit. — An ihm lehnt irt träumerischer Stellung ein junges Mädchen. — Das Röckchen geschürzt, während die Rechte in schöner Wölbung einen kleinen Wassereimer hält — so schaut sie mit verlorenen Blicken in die plätschernden Fluten.
Ein liebliches Bild.
Die kurzeir puffigen Aermel und das geschnürte Mieder passen Vortrefflich zu den beiden langen Zöpfen.
Der ganze Brunnen atmet Frische und Anmut.
Heimatsbrunnen — so nennen die Einwohner das Denkmal ein Denkmal der Dankbarkeit, gestiftet von vielen in der kleinen Stadt L, geborenen und jetzt in der Fremde weilenden Männern.:
An einem schönen MaieNtage stieg ich die kastaniengesäumten Wege vom Bahnhofe zu L. nach der Stadt empor. Die Rotdornhecken prangten in ihrem ersten Grün, das ferne Rauschen des. Talflusses vermischte sich mit dem Raunen der Baumwipfel, und zwischendurch schmetterte ein bunter Fink.
„Meine Begrüßung," dachte ich. „Hier kannst du gesunden- !— hier — in dieser Ruhe, — in diesem Grün."
Ich überschritt beit sehr gelegenen Markt und suchte Dabei emsig nach einer mir zusagenden Wohnung. Wer nirgends erspähte ich eines der deyk Großstädter so gewöhnten ustd hekanntM


