Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.^
Die Kosy blickte ihm nach und trocknete ihre Tränen, bann sah sie zunr Himmel und war erstaunt, daß der noch blau und hell und lustig war, wo er das noch mit angesehen hatte.
„Und um so einen hab ich mich mit meiner Frau gezankt und hab unserm armen Doktor womöglich Unrecht getan!" Sie schüttelte den Kopf wieder und wieder.
„Einer, der ein Gesicht hat wie ein pflaumweiches Ei und kriegt auf einmal Prinzipien, wenn er dreitausend Mark herausrücken soll, unr einer hilflosen Frau das Messer von der Kehle zu ziehen! Pfui über so einen, so einer sollt sich schämen, daß er unter Gottes herrlicher Frühlingssonne wandelt. Wiederkommen! Bescheid sagen!! Ha ha! "
Herr Schmitz kam nicht wieder zum Brunnen und gab der guten Kosh keinen Bescheid, aber am nächsten Morgen, als Frau von Hilbach nach einer schlaflosen Nacht müde in ihrem Mittelzimmer saß, brachte ihr der kleine Erwin einen Brief, den sie ein paarmal erstaunt in der Hand umdrehte, bevor sie ihn öffnete. Dieser Brief war »,Schmitz" unterzeichnet, und es dauerte eine Weile, bis Frau, von Hitbach begriff.
„Schmitz? Ach, Schmitz, der dicke, behäbige Mann, o," Ihr Gesicht wurde traurig. Der, der ihr ihre Kosy genommen hatte. Zwei engbeschriebene Seiten schickte er ihr, trotzdem sie ihn nach der ersten Begegnung nur noch zweimal flüchtig gesprochen hatte.
Sie las und ließ die Hand, die den Brief hielt, sinken; sie versuchte zu lächeln; aber es zuckte nur schmerzlich um ihren Mund.
„Wenn Sie bis zum 1. Juli keine andere Hilfe haben und gestatten einem Mann, der es ehrlich meint, sich Ihnen zu nähern, will ich Ihnen die dreitausend Mark beschaffen." Und dann eine genaue Schilderung seiner Verhältnisse, und eine Ermahnung, nicht voreilig „nein" zu sagen.
„Ich warte bis zum ersten Juli," wiederholte er noch Zweimal „das Geld liegt jeden Augenblick bereit, eine Zeile von Ihnen, uitb ich bringe es persönlich!"
„Weinst du schon wieder?" fragte Erwin, der immer ängstlich war, wenn seine Mutter einen Brief bekam.
Nein, sie weinte nicht, sie hatte keine Tränen mehr; sie strich dem Kind über die Locken uttb ging in die Küche. Die Kosy hatte ihr ein Mädchen beschafft, ein junges Ding aus dem Ort, das den Vormittag und ein paar Stunden ttm Abend kam; es lachte und trällerte den ganzen Tag, und wenn es allein in der Küche war, sang es frohe oder wehmütige Lieder, wie es ihm gerade so kam.
Es war so ein recht leichtherziges, flinkes Ding, betrt der Mund den ganzen Tag nicht still stand, eines von denen, wie es viele im Ort gab, schlau, gewandt uns unterwürfig gegen die Fremden, die es zu bedienen hatte> denn die Fremden, die ins Had kamen, waren ihnen höhe« Wesen und mußten mit mehr Hochachtung behandelt toerocn wie die eigene Herrschaft. Das war so üblich im Ork und vererbte sich von Generation zu Generation, denn sie lebten ja alle von ihren Sommergästen, und viele von den Berliner Herrschaften nahmen sich ihre Dienstboten aus dem Thüringer Oertchen mit, weil sie glaubten, mit ihnen besser zu fahren als mit den raffinierten Großstadtmädchen, und es gehörte zum Ehrgeiz der kleinen Thüringer Fräuleins, einmal einen Winter in Berlin verlebt zu haben.
Im Frühjahr, wenn das Leben zu Hause dann wieder anging, sagte man Berlin ade und bekam zum nächsten Herbst eine neue Stelle. Darum war die kleine Liese, dis der Frau von Hilbach den Sommer über zur Hand gehen sollte, auch sehr entzückt, daß die Herrschaft, die in den nächsten Wochen schon den großer Flügel von der Hänfi lein bezog, aus Berlin war.
„Da haben Sie aber Glück, gnädige Frau," sagte sie zu Frau von Hilbach, ,/bie großen Wohnungen gehen gewöhnlich doch erst in der Hochsaison fort."
Fr-arc von Hilbach .lächelte; ihr tat es w-cht, daß sie ein junges, frohes Geschöpf um sich hatte. Sie sprach nicht viel mit dem Mädchen, sie hörte auf ihr Geschwätz wie auf ein angenehmes Geräusch.
Die Kosy hatte die Berliner .Herrschaft ins Haus gebracht. In fast majestätischer Haltung war sie durch Vie Zimmer geschritten, hatte den schönen Blick gepriesen und den Preis bestimmt, und bei dieser Gelegenheit die ersten förmlichen Worte mit Frau von Hilbach gewechselt. Und als Frau von Hilbach ihr ein Wort de-s Dankes sagte und sie bat, das Zehnncarkstück, das sie als Anzahlung erhalten, als Belohnung anzunehmen, zuckte es um de« Kosy Mund; sie legte die zehn Mark auf den Tisch, wandt« sich ab und ging schnell zur Tür hinaus. —
— Ja, Frau von Hilbach hatte Glück in diesem Som- mer! Das sagten ihre Nachbarn und sahen neidisch aufs Witwenhaus, und das sagte vor allem die Pastorin, die bis jetzt vergeblich darauf gewartet hatte, ihr Korridorfenster vor Mietslustigen öffnen zu können und den schönen Blick zu preisen.
Sie hatte der kleinen Liese von unten ein Trinkgeld gegeben und sie gebeten, ihr Kurfremde zuzuführen, wenn angefragt würde, aber bisher war niemand gekommen. Sie hatte auch versucht, sich mit den beiden Damen, die in der Stube der Frau Natusius wohnten und ost im Garten saßen, zu befreunden, aber die hatten die Keine, freundliche Pastorin nur kühl und erstaunt angesehen. .
In diesen beiden Damen lernte Frau von Hilbach eine ganz neue Spezies Menschen kennen, und je öfter sie mit ihnen sprach, umsomehr fühlte sie sich beunruhigt. Int


