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SKnut eit erleben muß, da mag einem Gott beisteben!" nb ihre Hand zitterte, und Berta fing an zn weinen, und wie der Schlosser die Tür aufgestvßen hatte, wolltis niemand hineingehen.
Die Pastorin Ivar auch aus ihrer Wohnung gekommen und stand entsetzt im Flur und hörte mit offenem Mund und starren Augen, daß man die Tür erbrochen hatte, weil Frau Lengerich nicht aufmachte.
Sie standen alle mit bleichen Gesichtern am Eingang zum Vorderzimmer, aus dem eine dumpfe, moderartige Lust quoll.
„Frau Lengerich!" rief die Kosh mit beklommener Stimme, schlich sich leise bis zum Alkovenzimmer und sah sich um. — „Hier ist sie and) nicht! Da muß sie im Alkoven sein oder im Hinterzimmer."
„Im Alkoven, im Alkoven, da sitzt sie immer!" jammerte Berta und hielt sich an der Pastorin sest, und die Pastorin hielt fick) am Schlosser fest. Die Kosy zog die Vorhänge vom Alkoven zurück und steckte den Kopf hinein, machte ein paar Schritte ins Innere, schrie laut auf und siel weinend der Pastorin, die ihr am nächsten stand, in die Arme.
„Huh!" schrie Berta und raste heraus, und der Schlosser ging jetzt in den Alkoven, brannte ein Streichholz an und beleuchtete den Sessel. Da lag einer auf der Erde, mit entsetzlich zusammengekrampftem Körper, und der Kopf stak in den Polstern des Sessels, und das Gesicht war grünlich weiß.
„Die kommt nicht wieder zu sich!" sagte der Schlosser und ging heraus. Die Pastorin weinte laut und klammerte sich an der Kosy Hals, und die Kosy zeterte nach einem Arzt.
Da hatte die Gräfin einen vernünftigen Einfall. „Der Badegast, der Badegast!" wimmerte sie, und die Kosy schleuderte das zitternde Weibchen dem Schlosser in die ferne, raste die Treppen herunter, alarmierte den Doktor, rannte von da zu Frau von Hilbach, ilopste bei der Specht und der Häuflein an, rief es auch noch über die Straße nach dem Nachbarhaus zu und stand dann wieder am Eingang zum Alkoven und wagte nicht hineinzugehen.
Die Tränen flössen ihr aus den Augen, und ihre Hände hatten sich gefaltet.
„Himmlischer Vater/ betete sie, „du wirst wissen, was du tust, aber daß es gerade in unferm Hause passieren mußte, das ist hart!" —
Als der Doktor ins Zimmer trat, jammerte die Kosy:
„Hier, hier, Herr Doktor," und führte ihn in den Alkoven; in demselben Augenblick kam mit entsetztem Gesicht, im hellen Morgenkleid, mit herabhängendem Haar Frau von Hilbach ins Zimmer, ließ si chnicht zurückhasten und folgte dem Doktor in den Alkoven, kniete neben der Leiche, fühlte den Kopf und die Hände der armen Frau Lengerich Und fing an herzzerbrechend zu weinen.
„Tot?" fragte sie, und in ihren Augen lag eine Angst, die dem Doktor in die Seele schnitt. Er machte eine bejahende Bewegung, rief den Schlosser herbei und lagerte mit seiner Hilfe die Leiche auf das Bett. Dabei fiel ihm das Fläschchen mit dem Toten'kopf in die Hände. Er sah es einen Augenblick an, blickte dann auf die tote Frau, fühlte ihren Puls, und ließ ihre eiskalten Hände wieder los.
„Sie müssen Anzeige erstatten!" befahl er der Kosy, und die schrie wieder laut auf.
„Tot? Wirklich tot, Herr Doktor? Haben Sie sich nicht geirrt? Tot, tot ist sie!" schrie sie der Specht und der Häuflein entgegen, die gekommen waren. „Tot, Frau Natnfius, kommen Sie nur herein! Ick) muß zur Bürgermeisterei, ich muß Anzeige erstatten!"
„Stehen Sie doch auf!" sagte der Doktor zu Frau von Hilbach, die weinend im Alkoven kniete, und er zog sie in die Höhe. Ihr Gesicht war totenbleich, und sie schwankte. Der Doktor führte sie zum Soja int Vorderzimmer, sah erstaunt auf gll die entsetzten Frauen, die sich da angesammelt hatten und bat eine um ein Glas Wasser.
Die Hänflein sah etwas Weißes auf der Erde neben dem Schrank liegen, das war der Brief, ihr Brief. In der allgemeinen Verwirrung hatte ihn niemand bemerkt, fühlte eine Erleichterung.
feie bückte sich, steckte ihn in die Falten ihres Kleides und
Auf dem Flur hatte sich eine große Schar von Menschen versammelt. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde
in der Nachbarschaft verbreitet: J'm Saalehaus sei eine tot int Sessel gesunden! Huh! — Aber sehen mußte man sy was! Das war schlimm für Frau von Hilbach, die würde die Wohnung nun sobald nicht loswerden.
An diesem Tag kamen so viel Menschen ins Witweu- hans, wie sonst kaum zur Zeit der Hochsaison. Es wurde viel geredet und debattiert, die Hausbesitzerin mußte Rede und Antwort stehen und war doch so krank und zerschlagen und entsetzt und litt doch so furchtbar, daß eins in ihrem Hause gestorben war, der sie nicht beigestanden hatte, an deren Kummer sie keinen Teil genommen hatte. —
Es war so ein recht sonniger Tezembertag, mit lichtblauem Himmel, aber das Witwenhaus war grauer und! öder wie sonst. Es war, als habe es ein Gesicht bekommen und als sei dieses Gesicht ernst, traurig, undurchdriug- lich. Die Treppenstufen knarrten nicht so traut und lustig wie sonst, und alles Behagen, alle Wärme war aus Zimmern und Flur, aus allen Ecken und Winkeln geflohen. Ein Hauch von Kälte, Tod und Verwesung strömte durch bie niederen Räume, und am Abend, als die Leiche längst in die Kapelle des Friedhofs gebracht worden war, standen viel furchtsame Weibchen vor Frau von Hilbachs Tür und begehrten Einlaß.
Die Specht und die Häuflein hatten sich nicht gesprochen, nur scheu angesehen hatten sie sich, aber die Specht hatte doch gemerkt, daß die Hänflein den Brief genommen hatte. Das war auch ihr eine Beruhigung.
Die Häuflein war nach Naumburg gefahren und kehrte nicht zurück, und die Specht hielt es tticht allein in ihrer Wohnung aus.
„Nee, nee, meine Damen, das geht nicht, alle können Sie bei uns nicht übernachten!" sägte die Kosy und trocknete sich mit ihrer Schürze die verquollenen Augen, die immer wieder überströmten. „Gegen die Pastorin haben wir so ’ne Art Verpflichtung, die liegt in Erwin seinem Bett, das haben wir in die Vorderstube gerückt, der Erwin liegt beim Doktor im Alkoven, und meine Frau braucht selchst ihr Bett, die ist krank!"
„Dann kommen Sie zu uns!" sagte Frau Natusius zur Specht, die vor Augst zitterte, und die Specht drückte ihr dankbar die Hände, weinte und ging mit.
Frau von Hilbach lag im Fieber. Das Entsetzen des Morgens, der Anblick der Leiche, das viele Reden und Jam- merit der Frauen und grenzenlose Mitleid mit der armen alten Frau Lengerich hatten sie niedergeworfen.
Nun fühlte sie, daß der Doktor ihre fieberheißen Häitde in den seinen hielt, daß er neben ihr saß und sie ansah, und es kam chr vor, als stehe sie in dichtem Nebel und sähe doch ein Licht, ein wunderbares Licht, aber je länger sie ging, desto weiter entfernte sich das Licht und blieb doch immer da. —
„Schmerzen?" fragte der Doktor, als er sah, daß ihr Mund zuckte.
Sie sah ihn mit einem verzweiflungsvollen Blick an.
„Mir ist so weh!" flüsterte sie, und der Doktor strich ihr über die Stirn und sagte:
„Weibelchen,* armes, kleines Weibelchen!" (Fortsetzung folgt.)
Sein Ideal.
Von Max Karl Böttcher -Chemnitz,
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„Halt, — noch eins, mein Sohn!" —
Fritz Schmieder, der schon aufgeatmet, daß diese hochnoipcin- ließe Unterredung mit seinem Vater zu Ende war, kehrte seufzend zurück.
Der alte Schmieder drehte sich in seinem Schreibtifchsessek halb nach ihm um, einen Schimmer von väterlicher Milde auf seinem trockenen Kausmannsgesichte, — dann begann er: „Mir wäre lidb, wenn du die vierzehn Tage, die ich dich bis zu deinep Verlobung mit Elsbet beurlaube, einmal benutztest, um dich auszutoben — aber richtig — verstanden?! Nicht verträumen sollst du die Zeit, nicht verschwärnten, sondern verleben, — und bannt Fröhliche Verlobung!!"
„Will sehen, Vater!", antwortete Fritz kleinlaut unb verließ bann rasch das Privatkontor seines Vaters, des alten Kommerzienrates.
In seinem Zimmer ging er in großen Schritten erregt aus Und ab, — sein Aerger schaffte sich in heftigen Worten Lust. — „Ha, fröhliche Verlobung I — Hat sich was, mit der — mit! Elsbet Jmmermann fröhliche Verlobung feiern, mit diesem Mann«


