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Weib, das getont so trocken ist wie ihr Vater, der alte Bankier, das genau so trocken ist rote die endlosen Zahlenreihen in dem Jmmermannschen Bankhaus, welches sie als Prokuristin verwaltet." — Er war sehr wütend. — Warum sollte er, ausgerechnet ■er, Fritz Schmieder, der Naturschwärmer, der Musik und Kunsd- -cnthnsiast, der geheime Poet, ein Opfer der Prädestination werden, — denn was war diese schon vor zwanzig Jahren üou dem alten Schmieder und dito Jmmermann projektierte Verlobung anders, als ein Opfer seiner Ideale!! — Zum Kuckuck! Aber wozu denn Nur?! — Galt sein Vater nicht schon als der reichste Mann der Stadt, wozu da noch diese Btillionenelsbet aus Magdeburg, die er noch nie-gesehen, noch nicht einmal ein Bild von ihr, — die sich aber seiner Phantasie mit wunderbarer Deutlichkeit vorstellte: lang unb dürr, — selbstverständlich graue, stechende Augen und statt schelmischer Grübchen Hohle Wangen und eine tiefe Spalte in der stets Exempel bewegetiden, Zinsen verrechnenden Stirn.
Er hätte fast heulen mögen, vorhin, als ihm der Vater zum zehnten, — ach was, zum hundertsten Male die Tugenden von Fräulein Prokurist auszählte: „Eine Geschäftsfrau, Fritz, ich sage dir, die hebt unser Geschäft zur Weltfirma, — sie kann jeden Kurszettel auswendig, berechnet verblüffend Zölle, sie schreibt und spricht perfekt englisch, französisch und spanisch, — ist vollständig firm in beiden Buchführungen, in Stenographie und zwei Systemen Schreibmaschine, — ich sage dir —"
„Vater, hör auf" — hatte er gefleht, und da war das Unwetter hereurgebrochen, das Unwetter, welches ihm verkündete, daß er sich schämen sollte, als Sohii der altrenommierten Welt- sirma Schmieder und Sohn nicht mit vollen Händen nach dieser einzig dastehenden Partie zu greifen.
Nun ja, er schämte sich ja schon, — aber was nützt das alles?! Der Alte hatte die Verhandlungen abgebrochen und kategorisch erklärt: „Heute über vierzehn Tagen, also am Pfiugstsoniiabend, findet deine Verlobung mit Elsbet statt, die Zeit bis dahin steht dir zur freien Verfügung."
So stmid nun der glückliche Bräutigam, die Hände lies in den Taschen vergraben, die Lippen eingekniffen, in feinem Zimmer Und begann Pläne zu wälzen, Ivie er, den väterlichen Vorschlägen Ungeachtet, diese 14 Tage noch einmal seinen Idealen widmen könnte, seinen Idealen Natur, Kunst, Musik und Poeterei, um diese dann für eine Million in bar an eine waschechte Tochter Merkurs zu verkaufen.
Doch Fritz Schmieder war ein Mann von Fassung und zugleich -ein wenig Fatalist.
Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu änberit ist, — das war seine Devise, und da ihm kaufmännische Talente vollständig abgingen (©ein Chef und Vater versicherte ihm das im Bureau täglich), blieb ihm ja billigerweise auch nichts weiter übrig, als sich eine Stütze der Firma anzuschaffen, mit deren Hilfe er den Ruf der Firma Schmieder und Sohn erhalten konnte, um so seinps Vaters Ideal zu verwirklichen. Wie verschieden doch oft Ideale sind?!
Er blätterte im Kitrsbuch und summte vor sich hin. — Plötzlich hielt er inne. — Was war das? — Hatte er nicht soeben gelammt?! — Das kam ihm selbst unerhört vor. — Sollte er leichtsinnig fein?! — Jetzt, zwei Wochen vor der Katastrophe stellt er sich hin und summt?!! — Doch nein, leichtsinnig war er nicht, — gewiß nicht, und das Summen war nichts weiter als eine Auslösung der aufgestapelten Freude, die sich bei jedem Kursbuchdurchblätternden Menschen geltend macht, der auf Urlaubsreisen geht oder zum Begräbnis einer Erbtante fährt. — Trotzdem beherrschte er sich und suchte ohne Summen im Kursbuche weiter.
Wenn er morgen früh 4,15 Uhr fortfuhr, konnte er 7,20 Uhr im Harz sein, denn daß er seinen letzten Urlaub, den er im Vollbesitz seiner Ideale verleben durfte, im Harz verbringen würde, stand über allem Zweifel. — Sein Vater war mit diesen Reisedispositionen einverstanden, und nun hatte er noch den ganzen Nachmittag Zeit, zu packen und zu rüsten,
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Es war am nächsten Morgen.
Der alte Vater Brocken zog sich eben langsam und gemütlich Sie graue Nebelkappe vom Kopf, -als ein Wanderer an seinem Fuße Rast machte. — Tief sog er die würzige, echt harzige Luft ein, die ihn so poetisch stimmte und allen Harms vergessen machte. — Nun hatte er seine Urlaichszeit begonnen. — Nur vierzehn Tage, dann lag er in Fesseln. — Fritz Schmieder schauderte es, — und der ganze Groll, der sich in den letzten zwölf Stunden wieder in ihm gegen das Zahlenmedium, wie er seine Braut in spee nannte, ans gestapelt hatte, mußte sich Lust schaffen. — jawohl, sonst mußte er ersticken. — und so rief er laut und scharf das Wort, in dem nach seinen Begriffen ein Wesen femininis gcncris die meiste Schmach angetan werden kann, — das Wort: »Mannweib!!" —
„Danke, Monsieur, — ein schmeichelhafter Morgengruß!" ertönte da auf einmal ein glockenhelles Stimmchen hinter ihm.
Umblicken, — Staunen, — Blaßwerden, — Rotwerden, — wieder Maßwerken — das waren die Hauptmomcnte in diesem Augenblicke des Fritz Schmiederschen Lebenslaufes. — Doch Fritz Schmied« war nicht nur ein Mann von Fassung, sondern er ivar mich ein Schwerenöter. — Mit einer verblüffenden Ent
schlußfähigkeit, die gegebenenfalls das alte Kaufmannsherz von Papa Schmieder mit eitel Freude «füllt hätte, formte Schmieder junior folgende Eloge: „Hat Vater Brocken zur Begrüßung des armseligen Fremdlings sein schönstes Elfchen ausgesucht? — Nun gut, ich weiß ihm Dank!"
Das Elfchen lachte und zeigte dabei nicht nur zwei reizende Grübchen, sondern eine ganze Menge geradezu lächerlich kleiner, schneeweißer Zähnchen.
Plötzlich wurde ihr Gesicht aber tiefernst, Grübchen und Zähnchen verschwanden. — „Ihre Begrüßung zeigte aber nichts' von Dank!" — Schwerenöter Schmieder nahm eine lächelnde Miene an: „Glauben Sie mir, Elfchen, — der harte Ausdruck Mannweib galt nicht Ihnen."
„So, — na ich will Ihnen mal glauben. — Und wohin ditz Fahrt?"
„Ins Reich der Elsen, schöne Maid. — Also bin ich antj Ende der Fahrt!" — Jetzt war das Mädchen am Staunen. —। Eine solche Art von Schmeichelei hatte sie noch nicht vernommen»! — Und vor Staunen hielt sie inne zu baumeln, — ganz gewiß, sie hörte auf, mit den Beinen zu baumeln, denn das hatte sie getan von Anbeginn des Gespräches,
Verlegenheitspause.
„Was machen Sie eigentlich da oben?" fragte nun Fritz geistreich unb zeigte babci auf die Wagendeichsel, die das Mädchen zu seinem Sitze erkoren hatte.
„Ich baumle, wie Sie sehen," lautete die nicht minder geistreiche Antwort, und sofort begann sie wieder lustig die Beine zu schwingen, so daß von Augenblick zu Augenblick zwei entzückend! kleine, in roten Atlasschuhen steckende Füßchen fürwitzig hervor- lugten. Plötzlich neigte sie ihren Kops zur Seite blinzelte den Wanderer schelmisch an unb sagte so recht aus vollem Herzen: „Ach, ich baumle so entsetzlich gern!!" „Ach was?!" bemerkte
einzumieten.
(Schluß folgt'.)
Fritz.
„Ja, wissen Sie, dann komme ich mir vor wie ein Vögelein, dann fühle ich mich so frei, so «haben", jetzt schlug sie noch mit beii Armen wie ein Vogel mit den Flügeln, „und bann) könnte ich träumen, immer träumen!!"
Fritz sah schwärmerisch entzückt das Mädchen an, — fo —- ja, so hatte er sich das Wesen gedacht, das ihn begeistern konnte, unb er schickte sich soeben an, dies der Elfe mit etlichen pafsendenl Worten zu unterbreiten, als sie plötzlich von der Deichsel sprang, daß die Röckchen nur so flogen, und ihn inständig bat, sich doch auch einmal auf das schwankende Wagenteil zu erheben, nut zu baumeln. ,
So sehr sich der zweite Chef der Firma Schmieder und Sohn auch sträubte, — es half nichts, er mußte baumeln, — und wie nun der große Mensch so dasaß und baumelte und sich bemühte, die Balancd zu behalten, hüpfte und tanzte der kleine Kobold vor der Deichsel und klatschte vor Freuden immer fort mit feinen kleinen Patschhändchen. — Da — mit einem Male wurde sie cmft und rief: „Sie Weibmann!" — Und im Nu huschte sie davon. Verstört kletterte der so Beschimpfte von feinem schwankenden! Sitz und ging quer über die Straße in das Hotel, nm sich hier
Die Wahrheit über Erckmann-Lhatriatt.
Unter den zahlreichen zusarnmenarbeitenben Schriststeller- pareu, die die Weltliteratur kennt, hat man als Vorbild der „siamesischen Zwillinge der Dichtung" neben den Brüdern Conconrt am häufigsten Erckmann-Chatricin angeführt, die beiden elsässischen Schriftsteller, deren meisterhafte Schilderungen d« deutsch-fran-- zösischen Grenzlande, deren realistische Kriegsromane eine glückliche Bereinigung von deutschem Gemüt und gallischer Lebendigkeit des Sehens barfteilen. Julian Schmibt, der in seiner schönen Abhanblung über Erckmann-Chatrian biese französisch geschriebenen, aber germanisch empfundenen Bücher neben die Werke Fritz Reuters stellte und dem Publikum empfahl, wußte nicht, „was es Ufit ihrer gemeinschaftlichen Dichtung für eine Be- wandnis hat." Auch weiterhin war nichts üb« die gemeinsame Arbeit der beiden bekannt geworden, und man mochte wohl annehmen, daß sie etwa so gearbeitet haben, wie es von den Concourts überliefert ist, nämlich daß jeder von beiden ein bestimmtes, vorher durchgesprochenes Kapitel selbständig auSarbcitete und dann eine Verschmelzung dies« beiden Niederschriften vorgenommen wurde. Dem ist aber nicht so. Wie Emile HinzeliN in einem „Die Wahrheit üb« Erckmann-Chatrian" betitelten Aussatz der Revue ausführt, haben wir in dem Schaffen Erckmann- Chatrians gar nicht das Wunder einer gemeinschastftchen dichterischen Arbeit vor uns, wie es etwa die Brüder Concourt oder dto Brüder Rosny darstellen, sondern der eigentliche Verfasser all dieser innigen und schlichten Darstellungen des Lebens ist allem Erckmann. Hinzelin hatte Gelegenheit, mit Emile Erckmann, dem „Poeten von Psalzburg", d« 1898 gestorben, ist, zu verkehren, und hat so einen tiefen Einblick in seine Arbeitsweise und die Art seines Schassens gewonnen, lieber die Entstehung seiner Roman« unter denen das von Mascagni vertonte elsässische Idyll ,,Freund Fritz" und die prächtige Trilogie der Napoleonzeit „die Geschichte eines Ausgehobenen von 1813", die „Belagerung von Pfalzburg und „Waterloo" die bekanntesten sind, erzählte Erckmann selbst:


