Ausgabe 
22.2.1911
 
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Mittwoch den 22. Februar

Nr. 30

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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau.

Dorlsetzung.) (Nachdruck verboten.!

Ein Brief, ach, ein Brief! Bon wem? ihr kleiner Georg aus Amerika schrieb, ob er vielleicht zurückkam zu seiner alten Mutter, ihr die Last abuahm, sie tröstete??

Sie riß das Kuvert auf inib las, und las wieder und wieder, und ihre Augen wurden groß und starr.

Das schrieb die da unten ihr, die, die so gut zu ihr gewesen war, die ihr versprochen hatte, zu keinem Menschen von ihrem Geheimnis zu reden! Die schrieb ihr jetzt, daß der Lärm wieder unerträglich sei und daß sie nun keinen andern Ausweg mehr sehe, als den, sich an die Bürger­meisterei zu wenden, denn ihr Versprechen, im Border- zimmcr zu schlafen, habe die Frau Lengerich ja nicht gehalten.

Lärm?" sagte Frau Lengerich nach einer langen Weile, in der sie still, wie gelähmt" dagesessen hatte. Sie schlich auf Zehenspitzen zu ihrem Alkoven und duckte sich in den Sessel.

Ich mache doch keinen Lärm, ich sitze doch hier!" sagte sie,sie muß sich irren, das bin ich nicht, ich sitze doch hier!" Und sie las wieder und wieder.Verklagen" heißt das doch, wenn sie sich an die Bürgermeisterei wenden wollte. Ihren Georg hatte man auch verklagt, und wenn sie verklagt wurde, dann tarnen sie und suchten sie-- und----

Da wußte die arme Frau Lengerich nicht, was sie tat. Sie wußte nicht, daß sie mit ihren müden, schweren Füßen durch ihre Zimmer raste, nach einem Versteck suchte, daß sie schrie und betete, stöhnte und fluchte, Stühle beiseite schob, an den Türen rüttelte und taute Vaterunser betete.

Nein, das wußte sie nicht, sie wußte nur, daß sie nach­sehen wollte, ob ihr Fläschchen noch auf dem Schrank

Es stand noch da, und sie drückte den Totenkopf an ihre Lippen und stellte es wieder hin und duckte sich in den Sessel und grübelte, und fürchtete sich und lauschte.

Es kam nichts mehr heute, nichts mehr von außen, aber in ihr raste etwas, das ließ ihr keine Ruhe auf dem Sessel.

Auf Zehenspitzen schlich sie ins Flurzimmer, legte ihr Ohr ans Schlüsselloch und lauschte, lauschte! Nichts! Sie hörte nichts und ging wieder zum Sessel.

Aber die hatte doch geschrieben, die von unten, sie >volle sie verklagen, es mußte also doch etwas kommen, bald- bald vielleicht, wenn sie schlief vielleicht, mitten in der Nacht Nein, sie konnte nicht sitzen, ihr armer, zerfetzter, toller Geist riß sie auf.

Georg, Georg!" jammerte sie,mein lieber, anker Georg, mir ist so bang!" Heute sehnte sie sich nach Licht, aber den ganzen Tag über war kaum halbe Dämmerung

gewesen, nun war es stockdunkel, und Frau Lengerich hatte keine Streichhölzer, und sie wollte doch sehen, ob ihr Fläsch­chen noch da stand, ihr liebes, kleines Fläschchen.

Im Dunkeln tappte sie sich ins Vorderzimmer, stieg auf den Stuhl, der dicht am Schrank stand, hielt das Fläschchen in der Hand und stieg hinab, aber der Stuhl! fiel um, weil sie mit ihren geschwollenen Füßen ihn um­gestoßen hatte, und das Geräusch, das er verursachte, machte der armen Frau Lengerich das Herz stillstehen in Angst und Schrecken.

Nun hatte sie wieder Lärm gemacht, nun hatte hie unten doch recht, nun würde sie wohl gleich gehen und klagen, gleich! In einer Viertelstunde konnte alles geschehen sein, und dann kamen sie, die schrecklichen Männer, mit den Ketten, und suchten sie Und zerrten sie aus dem Sessel.

Nein, nein, nein!" schrie sie auf und schlich in den Alkoven und zog die Füße im Sessel hoch und bedeckte sich mit Kleidern und Kissen, und dann küßte sie das Fläschchen und löste den Pfropfen und hielt es unter die Nase, schau­derte und lauschte--

Draußen gingen jetzt doch Schritte, ganz sicher, sie hatte es gehört, man sprach auch, man lachte, man---5

O Gott, Gott, Gott!

Nein, nein, nein, ich bin nicht da! Nein, nein, nein!" schrie Frau Lengerich,ich habe keinen Lärm gemacht! Sie irrt sich! Nein--" Aber sie sah durch die Nacht

jemand auf sich zukommen, sie sah, daß man nach ihr griff, sie hörte Ketten, sie wollte schreien und konnte nicht, da nahm sie ihr Fläschchen, ihr liebes, kleines Fläschchen, und setzte es an die zitternden Lippen und trank es aus.---

Ich weiß mal gar nicht," sagte die Berta, die der Frau Lengerich die Aufwartung machte, am nächsten Tag zu der Kosy,die Lengerichen macht doch partout uicht auf, und sie kennt doch mein Zeichen: dreimal klopfen und: es ist niemand da! rufen!"

Die Kosy schüttelte den Kopf, schenkte ihr einen Apfel, ging mit ihr hinauf und klopfte an die Tür:

Frau Lengerich, Frau Lengerich, es ist niemand da!" schrie Berta schon zum sechsten Mal, aber es blieb alles still.

Was soll mau da nur machen?" fragte sie ratlos. Sie kann doch nicht verhungern, und Feuer hat sie auch keius!"

Die Kosy überlegte, schüttelte wieder den Kopf und ent­schied dann: . c ,

Kommen Sie in einer Stunde mal imeder, Bertal Ist sie daun nicht wach, müssen wir aufbrechen lassen, das Recht haben wir."

Nach einer Stunde kam Berta wieder und klopfte unoi schrie, aber niemand öffnete. Da sagte die Kosy ernst:

Dann möcht ich schwören, Berta, daß da was nutzt stimmt!" Sie schickte das Mädchen zum Schlosser Leutert und pochte und rüttelte an der Tür.

Nee, das ist kein Spaß mehr!" redete sie erregt den Schlosser an.Was man da mt vielleicht in den nächsten