Ausgabe 
21.10.1911
 
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ihm als die allerbesten die Reizker, auf die dann als zweitbeste die Champignon folgten. Er war anderer Meinung und sagte, daß er die Pfifferlinge allen anderen Pilzen vorzöge. So ist der Geschmack der Menschen, auch wo es sich um Pilze dreht, verschieden.

Was die Früchte der Gartenobstbäume betrifft, so ist es dies­mal einneidischer" Herbst, wie an der Mosel gesagt wird. Tas heißt, er selbst ist nicht neidisch, aber er erregt Neid, indem er dem einen viel zuleilt, dein anderen wenig, diesen: Auserlesenes und jenen: Mangelhaftes. Unsäglich viel Obst ist lange schon vor der Reife von bei: Zweigen gefallen, an günstigen Standorten aber und auf gutem Boden haben die Obstbäume und Bäumchen nicht nur reich getragen, sondern zum Teil auch Früchte von vorzüglicher Art geliefert. Alles hatte in diesem Jahre stark angesetzt, was aber in solchem Falle sihließlich daraus wird, das hängt' ja auch bei den Menschen von vielerlei Umständen ab.

Eins kann man sagen: daß der Herbst- und Wintertisch der Vogel, die hier bei uns bleiben oder als Strichvögel zu uns kommen, nicht schlecht bestellt ist. Bäume und Sträucher, die ihnen Beeren liefern, haben für reichlichen Vorrat gesorgt, und es ist übergenug davon da, wenn auch an manchen jüngeren Vogelbeerbäumen sämtliche Veerenbüschel verdorrt und vertrocknet sind. Manche Gartenzierpflanze ist durch die Sominerdürre vernichtet worden/ aber eines der gemeinsten Unkräuter, der Vogelknöterich (Polygonum ayiculare) hat sich tapfer gehalten. Unter den vielen Namen, die diese Pflanze hat, ist auch ein altniederdeutscher, der Lüningstunge, d. :. Sperlingszunge, lautet. Die jetzt reis gewordenen Früchtchen dieser Pflanze, die der Gärtner nicht gern sieht, sind ein bei den Sperlingen sehr beliebtes Futter. Sperlinge sind ja bescheiden.

Erlenkätzchen, die jetzt erst reifen, werden im Winter von Zeisigen sehr gesucht, und finb_ in Menge vorhanden, ebenso Birkensamen, der, so klein er auch ist, doch von manchem Vogel gern aufgepickt wird. Von den jüngeren Eichen, die hier in den Wäldchen stehen, fallen reichlich Eicheln herunter, mit ihnen zugleich auch die aus den erweiterten Blütenkelchen entstandenen harten kleinen Behälter, in denen die Eicheln gesessen haben. Wie reizende Schüsselchen sind sre anzusehen, und mir ist gesagt worden, daß Elfen sie sammeln, um darin Tautropfen oder Mohnsamen aufzuheben.

, Recht gut haben auch die Roßkastanien getragen, deren Früchte ern gutes Viehfutter abgeben, außerden: als Kinderspielzeug beliebt sind. Hier ist mir kürzlich auch zu Ohren gekommen, daß sechs Roßkastanien, in der Rocktasche getragen, vor Rheuma und Gicht schützen. Ich bedarf ihrer deshalb nicht, weil ich unberufen! zu solchen Krankheiten nicht neige. Wer aber das nicht von sich sagen kann, der versucht es vielleicht mit den Roßkastanien einmal. Kann man sie sich nicht selbst vom Boden aufsuchen, so bekommt man sie doch überall wohl bei kleinen Sammlern zum Preise von zehn Pfennigen für sechs Stück. Auch in diesen: Herbst ist nicht mehr dafür zu bezahlen, obwohl alles sonst teurer geworden ist.

Warnemünde. Iohannes Trojan.

Vermischtes.

* Liszt auf der Probe. Von der bezaubernden Liebens­würdigkeit Liszts schwärmen alle, die dem großen Tonhcros nahe sein durften. Diese Liebenswürdigkeit zeigte er auch, was be­sonders hervorgehoben werden darf, meist auf der Probe, denn da pflegt oft der gemütlichste Dirigent ungemütlich zu werden. Indessen war dies zuweilen auch bei Franz Liszt der Fall. Ein Weimarer namens Karl Kuhn berichtet in einem BüchleinAus dem alten Weimar" (Wiesbaden 1905), daß er, der oft einer Probe unter Liszt beiwohnen durfte, ihn nur zweimal dabe: in Leidenschaft gesehen habe: Zuerst war es, als die übrigens sehr tüchtige Harfenspielerin Frau Dr. Pohl dreimal denselben Akkord falsch griff. Nach dem dritten. Male sprang Liszt aufklopfend und aufstampfend vom Podium ins Orchester, schob Frau Pohl fast unsanft vom Stuhle und. zeigte ihr selbst die rechten Griffe. Ermge Zeit später übte er mit einem großen, durch viele Dilet­tanten verstärkten Chore seine Heilige Elisabeth, und als die er­müdeten Damen etwas heiser und kratzig sangen, klopfte er auf und rief rot vor Aierger:Meine Damen, singen Sie wie die Schwäne und nicht wie die Gänse!" Das erregte heftigen Ver­druß, aber Liszt wurde alsbald seines Unmuts Herr, und seine Liebenswürdigkeit hatte die Damen schnell besänftigt. In der­selben Probe war auch der Männerchor schlaff geworden. Wir sangen den Jägerchor reicht matt und kleinlaut, aber wie ein Wunder wirkte Liszts Ruf:Meine Herren, keine Kaninchen: Hochwüd, Hirsch, Hirsch!" Wir wiederholten den Gesang, und M Bravo des Meisters war unser Lohn. Unglaubliches leistete Liszt bei solchen Klavierproben. Er stand am Flügel, und während die Rechte den Täktstock schwang, half die Linke oft dem Klavier- spreler aus. Wo es nötig war, sang er auch dazwischen, und Unwiderstehlich fühlte sich jeder von dem einzigen Manne hin­gerissen.

* Unbekannte Marterln. Obschon zahlreiche der soge­nanntenMarterl-Sammlungen" sich einer gewissen Vollständigkeit rühmen, tauchen im südlichen Bayern und in den österreichischen Alpenlandern doch von Zeit zu Zeit wieder volkstümliche Grab- lchrüten auf, die auf einsamem Waldsteig oder aus ganz vergesse- Nem Kirchhof aufgesunden werden. Drei derartige Marterln, die tn einem kleinen Gehölz der Festung Oberhaus bei Passau aus ein-

I"chenHolztaseln zu lesen sind, gibt der GrazerHeimgarten" wie- der: DasD e n k m a l l der ehrengeachteten Anna Mar. Pirkinger, Ausnahmshauslerin von Bloßersberg, gestorben am 26. XII 1887 in eint Alter v. 98 Jahren", trägt folgende Inschrift:

R. I. P.

Soll ich zittern vor dem Grabe Ich ein abgelebtes Weib Die mit seinem Knollenstabe Kaum noch stützen kann den Leib Haare wie der'Schnee so weiß In den Adern kalt Ivie Eis.

AnMichl Wurmter Loambauersohi: von Zenting geb. d. 5. Juni 1833" sollen die Verse erinnern:

Der Schlag hat ihn gerührt

Als er eilte Kuh zum Markt hat geführt den 3. Mai 1864

Vor ihm starb fein Vater

Er war Loambauer und Bader Er hat vielen Adern ausgelassen Gort wird ihn nicht verlassen.

Zur Erinnerung

an das traurige Siksall durch dessen Schullt ist, daß die Anna Marta Heigl Wirtstochter v. Stötzering, welche den 10. Oktober 1789 der hölzerne Thürstock erschlage«: hat in seinem Alter von 17 Jahren geboren den 8. Juli 1772:"

Liebe Eliern meinet nicht Das Sterben ist schöne Pflicht Sie ist nicht so gestorben Der Thürstock hat sie verdorben Im Alter von 17 Jahren Gott soll sie bewahren.

* Gestammel. Ausstellung Bonner Künstler, Verein Ber­liner Volksschullehrerimiei:, zweifelhafte Kunstgenüsse Londoner Theater, Reklame Berliner Hotelbesitzer, Modelle und Kostüme Wiener Menschen und Gegenden, Musenalmanach Marburger Studenten, die griechischen Studenten Schweizer Hochschulen, Her­stellungsart Kreuzuacher Mutterlauge, die großen Neubauten Ber­liner Museen solches Gestammel liest man immer wieder und immer häufiger. Die Leute lassen sich durch das -er der Endung (Berliner, Schweizer usw.) zu der Annahme verleiten, dies fei d>e Endung des Wesfalles in der Mehrzahl berlinisch e r, schweizerisch e r usw. So meint man, hier brauche der Genitiv heutzutage nicht mehr ausgedrückt zti werden, glaubt, sich dasvon" sparen zu können, und schreibt doch sonst so mai:ches Ueberflüssige, läßt etwas in die Erscheinung treten statt erscheinen, zum Abdruck gelangen statt abdrucken, zur Aburteilimg kommen statt aburteilen, zur Auszähliing bringen statt aiiszählen usw., usw. Man sei also nicht am falschen Orte sparsau:, sondern schreibe: Ausstellung von Bonner Künstlern oder Ausstellung der Bonner Künstler, Her­stellungsort der Kreliznacher Mutterlauge, Modelle von Wiener Menschen und Gegenden usw.

* Widerspruch. Patient (der immer selbst gernmit- doktort"):'s ist gastrisches Fieber, Herr Doktor; ich lasse mir's nicht nehmen." Arzt:Ja, wenn Sie sich's nicht nehmen lassen wollen, brauchten Sie nicht erst nach mir M schicken!" ______________

Schachaufgabe.

Auflösung des Zitatenrätsels in voriger Nummer r Mir gäv' es keine größre Pein, Wär' ich im Paradies allein.

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Weiß.

Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Auflösung in nächster Nummer.

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Schwarz, d e

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lang«, Gießem