Ausgabe 
21.10.1911
 
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Hauses hielt eine Stafette aus Starnberg. Der Hausinspektor nahm die Meldung entgegen. Seine Durchlaucht der Fürst zu Wallerstein-Oettingen sei einer Indigestion halber verhindert, der letzten Sitzung der Abgeordneten beizuwohnen. Der Reiter war eben fortgcsprengt, als den Inspektor ein Mann begrüßte, dem man vierzig, auch ein paar Jahre mehr geben konnte. Mus dem glattrasierten Gesicht sprang eine starke Nase vor, die blaugrauen Augen waren von buschigen Brauen überwölbt, das Linienwerk auf der ein wenig vortretenden Stirn verriet den Grübler und Denker. Es war der Sekretär und Geheim-Kanzlist Franz Xaver Gabelsberger.

"Sind die Herren Landboten beisammen?" hob er, den Hut lüftend,, an.

Was da ist, sitzt unb' schwitzt im Konferenzsaal," antwortete der Inspektor.Viele von den Herren sind schon abgereist. Und haben wohl daran getan. Bei der bestialischen Hitze verbrennt das Gehern. Unter uns: Manch einer hat nicht mehr davon wre ein Sperling. Und muß sein Quentlein hüten. Da kommt der Herr Präsident!"

. Heber den Platz schritt ein schlanker, übergroßer Herr mit «nem feingeschnittenen Diplomatengesicht. Als er sich dem Portal näherte, verbeugte sich Gabelsberger gegen ihn.

Ah, Herr Gabelsberger! Ich habe Ihr Werk erhalten. Monumental! Ich gratuliere! Wir haben heut nicht viel Ein-

L- ®$ntten »ns bald mit Ihnen beschäftigen. Ich hoffe, daß dre Kammer zu einem für Sie günstigen Votum gelangt."

^ch hoffe es auch, Exzellenz," sagte Gabelsberger leise.

. Der Präsident stieg die Treppe hinan. Gabelsberger trat rn die Stube des Hausinspektors. Dort wollte er warten, bis droben im Sitzungssaal die Entscheidung gefallen war. Für ihn stand viel auf dem Spiel. Ein paar tausend Gulden hatte er an me Drucklegung seiner Redezeichenkunst gewandt. Er hatte seine Ersparnisse geopfert, hatte sich obendrein noch in Schulden ge­stürzt. Die Münchner Buchhändler hatten ihm, der sein Werk notgedrungen selbst verlegte, allesamt den Krieg erklärt. So mußte er daran denken, den Absatz in die rechten Wege zu leiten, sorge über Sorge! Wenn die Kammer ihm die erbetene Unter­stützung versagte, war er gezwungen, die Langmut seiner Gläubiger anzurufen., Wie verdrießlich, wie traurig! Und dies Mißgeschick, daß der Fürst-Minister, der ihm versprochen hatte, für ihn ein« zutreten, gerade heute unpäßlich war. Grausam hart faßte ihn das Leben an. Eine Enttäuschung, eine Kränkung folgte der andern. Ihm dünkte, er wandelte in trostloser Nacht, umdrängt von den Geistern der Finsternis. Und doch, er durfte das Banner nicht sinken lassen. Ueber den schwankenden Gang der Dinge mußte sich die Seele frei erheben. Sein Leben war eine Gabe, mehr noch: ein Auftrag im geheiligten Namen der Pflicht!

Ruhelos wanderte Gabelsberger auf und ab. Seine Gedanken flogen zurück, weit zurück. Draußen vor dem Jsartor hatte seines Vaters Häuschen gestanden. Freudlos war ihm die Jugend ber» gangen. Früh verwaist, hatte er in der Fremde ein Asyl gesucht Gute Menschen nahmen sich seiner an. In rastloser Mrbeit strebte er empor. Sich fördern, sich bilden war der Rhythmus seines Lebens gewesen. Je tiefer er in die Schachte des Wissens drang, desto heißer glühte die Sehnsucht in ihm, dem akademischen Studium srch zu weihen. Aber die bittere Not pochte an seine Tür. In schwerer Tagesfron mußte er seinen Lebensunterhalt gewinnen. Endlich ward ihm ein bescheidenes Amt beschert. Er konnte seinen Hausstand gründen. Jahre geruhigen Glücks flössen hin. Da nahm eine tückische Krankheit ihm den einzigen Sohn. Was gab ihm die Kraft, das Schicksal zu zwingen? Einzig seine Kunst! Ewig würde er die Stunde preisen, da sein Genius zu ihm trat Und sprach:Odin wars, der die Runen schuf. Götterwerk und Götterstärke! Dir, dem Menschen, ists gegeben, aus der Schrift Gebilde zu formen, wunderseltsam und vielverschlungen, kurz und klar in sinniger Deutung, daß sie den Tribunen folgen und dem Feuerstrom der Worte. Wisse, daß du ein Künstler bist!" Gottlob, daß sein Genius ihm den Weihegruß bot! Nicht am Handwerks­mäßigen sollte er haften. Künstler sollte er sein, sollte zu den Begnadeten zählen, die in der Welt das Schöne erlauschen und Licht in die Tiefe der Herzen senden. Siebzehn lange Jahre hatte er geschafft und gerungen. Unendlichen Fleiß krönte der Sieg. Vollendet war sein großes Werk. Die Jünger mehrten sich nah und fern. Aber hier in seinem Vaterland war es ein kleines Häuflein nur, das ihn verstand und gelten ließ. Geistesarmut, Verblendung, stumpfe Gleichgültigkeit, Eifersucht und Neid stellten

ihm feindlich entgegen. Ach, er wollte nicht schelten und schmälen. Vielleicht, daß sie doch heut ein Einsehen hatten, ihm die helfende Hand zu bieten.

Indes er seinen Gedanken nachhing, ging im Konferenzsaal sein eben erschienenes Lebenswerk von Hand zu Hand.

Ich kann mir nicht helfen," sagte der Mbg. Perucrsdörfer mit seiner schnarrenden Stimme,mir wird nicht wohl bei dem krausen Geschmier. Schauen Sie sich die Tafeln doch an. Man meint, der Teufel hat alle Schriften zusammengekocht, hat den Höllenkessel abgeschäumt und hat die Stenographie draus gemacht. Jawohl, meine Herren, der Teufel hat mehr denn zwölf Apostel. Und der Gabelsberger gehört auch dazu!"

Der Sekretär Gabelsberger, sagt man, ist ein frommer Mann," nahm der Abg. Loibl aus dem bayerischen Wald das Wort.Aber, die in der Kirche die größten Kreuze machen.

sind nicht immer die frömmsten. Ich gebe dem Kollegen Peruers- dorfer recht, das System gefällt mir nicht. Ich habe mir benf Mchwindschrecher Johannes Muller., Der bat seine Sache immer treff.ich gemacht. Was er im Ständehaus niederschrieb, gab Sekretariat Stoff genug, ein Protokoll zu verfassen. Konzis natürlich,, tote recht und billig. Und wohl redigiert, meine Herren wohl redigiert! Himmi sakra! Muß denn jedes Wort auf die Gassen, das m der Kammer gefallen ist?"

Lieber Loibl," lachte der Abg. Huber,warum wollen Sie denn Ihren Wählern das Gaudium nicht gönnen, Ihre Redeblülest i? zu lesen? Und wenn Sie, wie zuweilen geschieht/ fürchterlich Fiasko machen, Ihren Ruhmeskranz kanus nicht zer­reißen!"

Ter dicke Loibl ging wütend auf den Spötter los. Der Präsi­dent von Schrenk trat vermittelnd dazwischen.

Ruhe, meine Herren, Ruhe! Wir sind zwar nicht im Sitzungssaal, ich meine aber, wir haben auch hier die Würde des Parlaments zu wahren. Ich habe es mir angelegen sein lassen, das Werk des Sekretärs Gabelsberger zu studieren. Sie wissen mast, was wir an ihm haben. Er ist ein Mann, auf den Bayern! stolz sein kann. Die Zukunft wird ihn als einen großen Erfinder feiern. _ Dabei ist er die Bescheidenheit selbst. Gut und Blut hat er an sein Werk gesetzt. Es ist unsere Pflicht Und Schuldigkeit/ daß wir ihm ein paar tausend Gulden Gratifikation gewähren."

Ich habe mir auch die Zeit genommen, dem Gabelsberger! seine Kurzschrift durchzusehen," griff der Baron von Hintermaher in die Debatte ein.Unter den Beispielen, die er anführt, finbe ich einige, die gefährlich, ja geradezu verbrecherisch sind. Mau lese ad exemplum pagina 322:Eine Regierung, heißts da> die dem Despotismus huldigt, kami sich in Europa, wo die Zivfli- sation ihre Heimat begründet hat, nicht mehr halten." Das geht auf das Regime Seiner Majestät. Formidabel! Daß man nicht mit Kartätschen schießen kann!"

Tie Worte sind, dessen entsinne ich mich genau, bei der! Türkendebatte in der Kammer gefallen," sagte der Abg. Dr. Behr/ und zielen gewiß nicht auf unsere Regierung ab. Es war Gabels­bergers gutes Recht, davon Gebrauch zu machen. Seine Beispiele sind zusamt der Kammer entnommen. Keinem zulieb und keinem zuleide. Riechen Sie wieder Demagogen, Herr von Hintermayer? Der Gabelsberger ist nichts weniger als das. Wenn ich den! Mann recht taxiere, ist ihm die Politik zum Ekel. Wer wills ihm verdenken?"

Ich glaube, daß der Sekretär Gabelsberger Anerkenntnis verdient," sprach der Abg. Wasserburg.Ich will aber nicht verschweigen, was mir zu Ohren gekommen ist. Gabelsbergest war zu den Assisen nach Landau berufen. Er hat die Verhand­lungen ausgenommen. Hernach haben seine eigenen Schüler seist Stenogramm nicht lesen können. Die Schüler sollen des Lehrers beste Hauspropheteu sein!"

Es gibt allerhand Schüler, gute Und schlechte," tiahrn Dr. Behr für Gabelsberger Partei.Wer weiß, was das für Stroh­köpfe waren, die hier als Zeugen gegen den Meister auftretest sollen? Damit beweisen Sie gar nichts."

Es wird die Herren interessieren," spielte der Baron vost Hintermaher seinen Haupttrumpf aus.Ich habe es aus der besten Quelle. Seine Majestät der König hat es abgelehnt, das Werk des Sekretärs und Geheim-Kanzlisten Gabelsberger ent­gegenzunehmen."

Das kann hier nicht in die Wagschale fallen," rief der Abg. Eisenmann.Dem König wird leider viel zugetragen., Da darf m-an sich gar nicht wundern, daß ein Intrigant und! Ohrenbläser den Gabelsberger bei ihm angeschwärzt hat. Wir, meine Herren, sind die Vertreter des bayerischen Volks. Ich habe das Vertrauen zum Parlament, daß es den Gabelsbergerf nicht im Stich lassen wird."

Tie Meinungen flogen wie Pfeile hin und her. Da rief die Glocke die Landboten zur Sitzung. Der Konferenzsaal begannt, sich langsam zu leeren.> ;

(Schluß folgt.)

herbst.

Der Herbst, das kann man sagen, ist eifrig bemüht gewesen das Schlimme, das der Sommer cmgerichtet hat, wieder gut zu machen. Soweit es möglich ist, muß hinzugesetzt werden. Er hat den ersehnten Regen gebracht, der sich von günstiger Wirkung er- wies. Er machte bie Bestellung von Ackerland mit Wintersaat möglich, indem er den durch die Sounenglut steinhart gewordenen Lehmboden erweichte. Aus Grasplätzen und Wiesen, die braun- gedörrt waren, schimmert es jetzt grün wieder auf. Blätter, die melk niederhingen, haben sich erhoben. Die zweite Rosenblüle hatte viellack; sehr spärlich angeiangen, jetzt aber sieht sie schon anders aus, und an den Sträuchern hat sieh eine solche Fülle von Knospen entwickelt, daß, wenn wir mildes Wetter behalte», ein außerordent­lich reicher Spätrosenflor zu erwarten ist.

Endlich sind die so lange schmerzlich vermißten Pilze erschienen. Vor einigen Tagen sand ich aus dein breiten Wiesenland hier mit Freude die ersten Champignons. Dabei stieß ich aus die Gememde- kuhherde und begegnete dem alten Hirten, der, von seinem Hunde begleitet, in der einen Hand sein Bänkchen tragend, des Weges Iain. Mit dem hatte ich eine Unterhaltung über Pilze. Ich rühmte