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sie nur erblickte, daß der Zweck, der mich nach der Bibliothek führte, erreicht fei.
Als ich eintrat, erhob sich Graf Fosco in Höflichei Verwirrung und band seine Kravatte um.
Sie sind wohl noch ein wenig spazieren gegangen? sagte er. Dars ich fragen, nach welcher Richtung hin?
Nach dem See zu — bis zum Bootshause.
Aha — bis zum Boothause? Es sind Ihnen doch keine Abenteuer weiter zugestoßen? Keine ferneren Entdeckungen, wie Ihre Entdeckung des blessierten Hundes?
Er heftete seine unergründlichen grauen Augen mit jenem kalten, klaren, unwiderstehlichen Glanze auf mich, der mich stets zwingt, ihn anzusehen und- mir d-abei ein beängstigendes Gefühl verursacht. Es beschleicht mich bei solchen Gelegenheiten ein unaussprechlicher Verdacht, daß sein Geist in dem meinigen späht, und auch diesmal beschlich mich derselbe.
Nein, sagte ich kurz, weder Abenteuer noch Ent- deckungen.
Eine Stunde später, als Lauras Kammerjungfer im Zimmer war, sagte ich beiläufig etwas von der Schwüle des Abends, in der Absicht, von ihr zu erfahren, wie und wo die Dienerschaft den Abend zugebracht hatte.
Ich stellte fest, daß niemand von der Dienerschaft die nächste Umgebung des Hauses verlassen hatte.
Die Gestalt, die wir am See gesehen, war weder die des Grasen, noch der Gräfin, noch irgend jemandes von der Dienerschaft. Wer kann es gewesen sein?
Den 4. Juli. — Der Schmerz der Selbstvorwürfe, den ich gestern abend nach dem erlitt, was Laura mir im Boothause erzählt hatte, kehrte mir in der Einsamkeit der Nacht mit doppelter Gewalt zurück und verhinderte mich viele Stunden lang am Schlafen.
Die Mutmaßungen, in denen wir uns diesen Morgen über die Gestalt am See und die Schritte in den Baumanlagen ergangen haben, sind alle in einem unbedeutenden Unfälle mltergegangen, der Laura großes Bedauern verursacht. Sie hat die kleine Brosche verloren, die ich ihr am Tage vor ihrer Vermählung als Andenken schenkte. Da sie sie trug, als wir gestern abend ausgingen, so können wir nur annehmen, daß sie entweder im Boothause oder auf unserem eiligen Heimwege aus ihrem Kleide gefallen ist. Die Diener sind bereits dort gewesen, um nachzusuchen, jedoch ohne Erfolg zurückgekehrt. Und jetzt ist Laura selbst gegangen, um sie zu suchen. Ob sie die Brosche übrigens nun findet oder nicht, so wird der Verlust uns doch eine Entschuldigung für ihre Wwesenheit vom Hause bieten, falls Sir Percival zurückkehren sollte, ehe der Brief von Mr. Gilmores Kompagnon in meine Hände gegeben sein wird.
Bier Uhr. — Ich kehre mit Gefühlen zu diesen Blättern zurück, die es mir unmöglich ist zu beschreiben. Die drei Stunden, die seit den letzten Zeilen vergangen sind, haben den ganzen Gang der Ereignisse in Blackwater Park in eine neue Richtung geleitet. Ob zum Guten oder zum Schlimmen, kann ich weder, noch wage ich es zu bestimmen.
Ich ging, wie ich mir vorgenommen hatte, aus, um dem Böten, der mir den Bries aus London bringen sollte, zu begegnen. Auf der Treppe sah ich niemanden. Im Flur angelangt, hörte ich den Grafen seine Vögel exerzieren. Als ich über den Hof ging, sah ich dort die Gräfin ihre Lieblingsrunde um den Fischteich herum machen. Ich hemmte sofort meine Schritte, um den Schein zu meiden, als ob ich in Eile sei, und ging vorsichtshalber sogar so weit, sie zu fragen, ob sie vor dem Gabelfrühstück noch auszugehen gedenke. Sie lächelte mir auf das freundlichste zu, sagte, sie ziehe es vor, in der Nähe des Hauses zu bleiben, nickte mir zu und ging wieder ins Haus zurück.
In weniger als einer Viertelstunde war ich bei der Torhüterwohnung an gelangt.
Der Weg jenseits derselben machte eine plötzliche Biegung nach links, ging dann auf ungefähr hundert Meter geradeaus und bog dann wieder rechts in die Hauptstraße ein.
Zwischen diesen beiden Biegungen, die mich auf der einen Seite der Beobachtung von der Torhntevwohnung und auf der anderen vom Wege nach der Station aus entzogen, ging ich wartend auf und ab. Auf beiden Seiten des Weges waren hohe Hecken, und während zwanzig Minuten nach meiner Uhr sah und hörte ich nichts. Nach
Ablauf derselben schlug das Geräusch von herannahenden Rädern an mein Ohr, und als ich der zweiten Biegung des Weges zuschritt, kam mir eine Droschke von der Eisenbahnstation entgegen. Ich machte dem Kutscher ein Zeichen, zu halten. Als er mir gehorchte, steckte ein anständig anstehender Mann den Kops znm Fenster hinaus, um zu sehen, was es gebe. Es war der erwartete Bote, der mir den Brief einhändigte.
Ich öffnete ihn augenblicklich und las folgende Zeileri. Ich schreibe ihn hier ab (indem ich die Adresse an mich nnd die Unterschrift des Schreibers weglasse), da ich es für das beste halte, der Vorsicht halber das Original zn vernichten.
„Verehrtes Fräulein !
Ihr Brief, den ich diesen Morgen erhalten, hat mir große Besorgnis verursacht. Ich will ihn so kurz und so deutlich beantworten, wie mir dies möglich ist.
Meine sorgfältige Erwägung der mir von Ihnen gemachten Mitteilung und meine Kenntnis der Lage von Lady Glyde, wie sie aus dem Kontrakte hervorgeht, lassen mich zu meinem Bedauern zu dem Schlüsse kommen/ daß man eine Anleihe auf das bei Sir Percival gemachte Depositum (oder mit andern Worten, ans die zwanzigtausend Pfund, die einen Teil von Sabty Glydes Vermögen ansmachen) aufzunehmen beabsichtigt, und daß man sie an der Sache beteiligen will, um sich ihrer Zustimmung in einem abscheulichen Wortbruche zu versichern und zn dem Zwecke sich ihre Unterschrift zu verschaffen sncht, falls sie sich später darüber beschweren sollte. Nach irgendeiner anderen Voranssetzung ist es unmöglich, sich zu erklären, wie man in der Lage, in der sie sich befindet, überhaupt ihrer Uuterschrift bedürfen kann.
Falls Lady Glyde ein solches Dokument, wie ich die in Frage stehende Schrift zu fein vermuten muß, unterzeichnete, würden ihre Kuratoren dadurch ermächtigt sein, Sir Percival ans ihren zwanzigtansend Pfund Summen vorzufchießen. Würde die Anleihe nicht znrückgezahlt, und falls Lady Glyde Kinder hätte, so würde das -Vermögen derselben nm die so vorgeschobene Summe, ob groß oder klein, vermindert fein. Um mich noch deutlicher auszudrücken, mag die Verhandlung, wenn Lady Glyde nicht Beweise vom Gegenteile hat, ein Betrug gegen ihre nngebornen Kinder sein.
Unter diesen ernsten Umständen möchte ich empfehlen, daß Lady Glyde ihren Wunsch, das Dokument erst mir, als dem Geschäftsführer ihrer Familie (in Mr. Gilmores Abwesenheit) vorzulegen, als Grund ihrer Weigerung es zu unterschreiben angäbe. Es können gegen ein solches Verfahren keine vernünftigen Einwendungen gemacht werden, denn falls die Verhandlung eine ehrew haste ist, so wird natürlich meiner Zustimmung nichts entgegenstehen. i
Mit der aufrichtigen Versicherung meiner Bereitwilligkeit, Ihnen auch ferner mit Rat nnd Tat zn bienen, habe ich die Ehre, verehrtes Fräulein —
Ich las diesen freundlichen und verständigen Brief voll Dankbarkeit dnrch. Er lieferte Laura einen Grund, sich der Unterschrift zu widersetzen, gegen den nichts einzuwenden war, und dem wir beide vollkommen zu verstehen imstande waren. Der Bote wartete, während ich las, um sobald ich zu Ende gelesen, meine Befehle entgegenzunehmen.
Wollen Sie nur gütigst sagen, daß ich den Bries verstehe und herzlich dafür danke? sagte ich zu ihm. Weiter ist für den Augenblick nichts zu bestellen.
Gerade in dem Augenblicke, in dem ich diese Worte sagte und den Bries offen in der Hand hielt, kam Graf Fosco nm die Ecke der Straße und stand vor mir, als ob er aus der Erde emporgeschossen wäre.
(Fortsetzung folgt.)
Gabelsberger.
. Episode aus seinem Leben von Alfred Bock.
Es war am 28. Juni des Jahres 1834. lieber der bayerischen Hauptstadt brütete die Glut des Frühsommertags._ Der weite/ mit glänzendem Kies bestreute Platz vor dem Ständehaus lag verödet. Ein paar Fiaker hatten sich in ben dürftigen Schatten der Lindenbäume geflüchtet, die vor zehn oder zwanzig Jahren hier gepflanzt worden waren. Die Kutscher schliefen, und die Gäule ließen die Köpfe hängen. Vor deut Portal des. Stände-


